Vor dem Cupfinal: Ein Besuch beim selbstbewussten Stade Lausanne-Ouchy
Das Dilemma von Stade Lausanne-Ouchy zeigt sich kurz nach unserer Ankunft in der Stadt. Der Wegweiser «Ouchy» am Kreisel zeigt nach unten in Richtung See, doch unser Bus nimmt die Abzweigung hinauf zum «Stade Olympique de la Pontaise». Dort oben trainieren und spielen die Fussballer des Challenge-League-Klubs, dort unten sind seine Wurzeln.
Der Kleinklub aus Ouchy war 1897 als FC La Villa Ouchy eines der Gründungsmitglieder des Schweizerischen Fussballverbands. Doch seine Erfolge der vergangenen Jahre führten dazu, dass er seine Heimat im Quartier am See 2021 verlassen musste. Unten an der hübschen Promenade, im «Stade Pierre-de-Coubertin», lässt sich vorerst kein Profifussball spielen.
Am Sonntag spielt das keine Rolle. Dann ist ohnehin das Wankdorf der Ort der Begierde für Stade Lausanne-Ouchy. Cupfinal! Der grösste Erfolg der Vereinsgeschichte, nach dem Super-League-Abenteuer vor zwei Jahren.
«Mache dich bereit, zu leiden!»
Für Stade Lausanne-Ouchy - oder «SLO», was aus dem Mund der welschen Klubmitglieder wie ein Kosewort tönt - ist die alte und altehrwürdige Pontaise definitiv eine Nummer zu gross. Das zeigt sich an den Spielen, an denen oft nur gerade 700 Personen anwesend sind. Das zeigt sich aber auch an den «Katakomben». Und dieser Begriff wirkt hier für einmal richtig: Wie in einem alten Kellergewölbe hat sich der Klub hier vorübergehend eingenistet und es sich ein bisschen gemütlich gemacht: Rot-weisse Wände in den zu langen Korridoren, Leitsprüche («Prepare-toi à souffrir») beim Spielereingang und Lausanne-Löwen überall. Und freundliche Menschen, die begeistert sind, dass plötzlich auch Medien aus der Deutschschweiz hier Interviews führen wollen und sich Mühe geben, sie zu verstehen.
Wobei er persönlich das mit den Interviews ja schon kenne, sagt Trainer Dalibor Stevanovic mit einem Lächeln. Der Slowene war Mittelfeldspieler in der Nationalmannschaft, war Teil des Kaders an der WM 2010. Er spielte für etliche Teams, in Slowenien, Polen, Spanien, Russland, Israel, der Schweiz. Mit Slask Breslau gewann er Titel, auch den Cup (!) und landete irgendwann in der Westschweiz.
Servette, Nyon, dank Kontakten zum Ouchy-Sportchef Yagan Hiraç wurde er vor sechs Jahren Assistenztrainer, vor zwei Jahren Haupttrainer. «Ich wollte nie Trainer werden, ich dachte: Da hast du 30 Spieler, und alle weinen wegen irgendetwas anderem herum. Doch nach zwei Monaten im Amt war ich im Fieber. Wenn du mal drin bist, ist es schwierig, aufzuhören.»
«Auf dem Weg zu mehr Beachtung»
Mittlerweile ist er als Cheftrainer hoch angesehen, lässt einen Fussball spielen, den Statistiker in Sachen Pressingwerten als einen der besten Europas bezeichnen. «SLO ist auf dem Weg, mehr Beachtung zu bekommen», sagt er. Was mit dem Cupfinal zu tun habe, aber auch damit, dass die Mannschaft nun seit Jahren im Schweizer Spitzenfussball mittut. Und «das Paradies am See» werde man unter Umständen irgendwann zurückgewinnen.
Die Hoffnung liegt auf den finanziellen Möglichkeiten des Präsidenten Vartan Sirmakes, einem armenischen Unternehmer, der in Genf lebt und «der im Geld schwimmt», wie die «NZZ» einst schrieb. Er rettete SLO einst vor dem Niedergang, war auch bei Stade Nyonnais beteiligt - und wäre dem Vernehmen nach nicht abgeneigt, am See ein tauglicheres Stadion entstehen zu lassen. Die Stadt muss aber mitspielen, da sind noch politische Schritte zu machen.
Natürlich könne man in Sachen Cupeuphorie nicht mit St.Gallen mithalten, sagt Stevanovic. «Ich erhoffe mir aber schon, dass das Waadtland oder sogar die ganze Westschweiz im Wankdorf zusammensteht.» Die Marketingabteilung habe ganze Arbeit gemacht. «Un club, une ville, un canton», heisst der Leitspruch für dieses Spiel. 4000 Tickets gingen dank eines Sponsors gratis an Jugendliche im Waadtland. Mit einem Lächeln ergänzt Stevanovic: «Ich hoffe, dass bei einem Cupsieg auch die Lausanne-Sport-Fans mit uns mitfeiern.» Zumindest auf strategischer Ebene habe man nämlich ein hervorragendes Verhältnis zum Super-League-Klub. «Wir wären der erste Waadtländer Titelgewinner seit 1999.» Damals gewann Lausanne-Sport den Cup gegen die Grasshoppers.
Dass ein Cupsieg möglich ist, ist sich der Trainer sicher: «St.Gallen ist der Favorit, ist superaggressiv und eines der besten Teams der Schweiz. Aber wir sind sehr gut vorbereitet. Wir werden bereit sein.»
So wie SLO immer bereit war in dieser Cupsaison. «In den Spielen gegen Winterthur, Luzern und GC dominierten wir.» Ärgerlich sei dafür, dass in der Meisterschaft schon früh in diesem Jahr die Luft draussen war. Was an der mentalen Frische und dem eher dünnen Kader liege - «wir liessen die ganze Kraft im Cup». Die Kraft wird sich auch am Sonntag entfalten, zum Beispiel bei Spielern wie Vasco Tritten, Keasse Bah oder Landry Nomel - der St.Galler Fan wird sie am Sonntag kennenlernen, wenn er es beim Halbfinal-Schauen nicht schon getan hat.
Patrick Sutter verlässt SLO – am liebsten mit einem Titel
Chancen auf einen Finaleinsatz erhofft sich selbstverständlich auch Patrick Sutter, der Rheinecker in Lausanner Diensten. Auch er gibt bei unserem Besuch Auskunft. Er, der Verteidiger aus dem St.Galler Nachwuchs, verlor 2022 im Cupfinal mit den Ostschweizern gegen Lugano. Und würde nur zu gerne diesmal einen Cupfinal mit einem Erfolg abschliessen.
Seit zwei Jahren weilt der 27-Jährige in Lausanne. «Eine tolle Stadt», sagt er. Mit dem Fussballspielen war es für ihn aber etwas schwierig in den vergangenen Monaten. Nach einer Meniskusverletzung, die sich lange hinzog und bei der er sich mangels adäquater Alternativen vom Rehateam des FC St.Gallen habe helfen lassen, fand er den Weg ins Team lange nicht mehr richtig.
Der Konkurrenzkampf auf der Position des Rechtsverteidigers sei so gross wie auf keiner anderen, sagt Trainer Stevanovic, der meist Issa Kaloga den Vortritt gab. Die letzten drei Partien aber war Sutter wieder im Einsatz, dreimal gewann Lausanne-Ouchy. Ein gutes Omen für den Ostschweizer?
Zumindest ist seine Vorfreude auf den Final gross. Und die Zuversicht im Team beachtlich, weil man gegen die starken Teams immer die besten Leistungen gezeigt habe, sagt Sutter. «Keiner rechnet hier damit, dass wir verlieren könnten.» Was natürlich fehle, sei die Cupeuphorie in der Bevölkerung: «Ausserhalb des Vereins merkst du nichts.»
Sutter wird den Klub nach der Saison verlassen, zu vieles habe zuletzt für ihn nicht gestimmt - und er habe Lust auf ein Auslandsabenteuer. Wohin es ihn zieht, sei aber offen. Und den Cuptitel, den nähme er gerne mit. Auch wenn er, wie er zugibt, ausserhalb der eigenen Profikarriere noch immer ein bisschen FCSG-Fan sei.
Und die SLO-Fans, wo sind die? Zumindest nicht am Trainingsfeld neben dem Stadion, wo ohnehin «acces interdit au public» ist. Nebenan im Tennisklub-Café auf der Pontaise ebenfalls nicht. «Welches Spiel?», fragt die Frau hinter der Theke, angesprochen auf den Cupfinal. Und vier Pensionäre finden, Lausanne sei ohnehin keine Fussballstadt. Eishockey, oui. Lausanne-Sport, un peu. Mais Lausanne-Ouchy?
«Unser Glück ist, dass sich niemand für SLO interessiert.»
Auf der Rückfahrt in die Deutschschweiz ist aber ein Gespräch mit einem enthusiastischen SLO-Fan auf dem Programm. In Bern treffen wir Alexander Schaer, gebürtiger Rapperswiler, seit langem mit der Familie in Müntschemier im Berner Seeland wohnhaft. Er war einst Journalist, interessiert sich brennend für Sport aller Art, arbeitet heute als Jurist in der dezentralen Bundesverwaltung. Und verliebte sich in Stade Lausanne-Ouchy, zusammen mit seinem 14-jährigen Sohn.
Es gibt Auswärtsspiele, da sind die beiden die einzigen im Gastsektor. Dennoch liefern sie das ganze Programm: Trommel, Transparente. Nur selten verpassen sie ein Spiel. «Wenn Robert am nächsten Tag Schule hat, verzichten wir oft», erklärt der Vater. Ansonsten aber spiele sich das Wochenendleben oft rund um den Klub ab. Die Frau? Habe sich glücklicherweise sehr gut damit arrangiert, sagt Schaer lachend.
Einst wohnte Schaer in Payerne, wurde in dieser Zeit zum HC-Lausanne-Fan. Eher per Zufall war er dann zusammen mit seinem Sohn einmal bei einer SLO-Partie auf der Pontaise dabei. Warum es Klick machte, kann er im Nachhinein nicht so richtig schlüssig erklären. Was er aber besonders schätzt, ist die Nähe, die er und sein Sohn in einem wenig beachteten Klub zu den Spielern erhalte. «Unser Glück ist, dass sich niemand für SLO interessiert.» Nach jedem Spiel komme man ins Gespräch mit den Spielern, erfahre neues aus dem Team und knüpfe Freundschaften, die teils weiterbestünden, auch wenn die Fussballer den Klub verlassen. Sein Sohn Robert helfe inzwischen gewissen Spielern bei deren Social-Media-Auftritten.
Von breiter und grosser Fankultur könne man bei SLO natürlich nicht reden, sagt Schaer. Aber es gibt sie, die Lieder, die man zu Beginn oder während der Partien singt, wenn sich einige Fans zu den beiden gesellen. Und meistens handelten diese Lieder von Respekt gegenüber dem Gegner, teils mit ironischem Unterton. «Wir zünden für den Gegner eine Kerze an.» Also auch eine Kerze für St.Gallen? Das «Prepare-toi à souffrir» klingt in diesem Zusammenhang in den Ohren, als Botschaft an die St.Galler.
«Im Normalfall verlieren wir dieses Spiel, und dann wohl gleich mit 0:3», sagt Schaer. «Erzielen wir das 1:0, ist die Chance gross, dass das Resultat so bleibt.» Niemand wird es so genau wissen wie Alexander und Robert Schaer.

