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Katharina Liensberger – warum sie selbst von Mikaela Shiffrin bewundert wird

Die 24-jährige Vorarlbergerin war zusammen mit Lara Gut-Behrami die grosse Figur der alpinen Ski-WM von Cortina. Wer ist die Frau, die selbst von Mikaela Shiffrin bewundert wird?
22.10.2021, 19:3323.11.2021, 08:16
françois schmid-bechtel / ch media

Es ist 8 Uhr 30. Im Lokal, das halb Bücherei halb Café ist, herrscht eine gemütliche Atmosphäre. Kaffeeduft hängt in der Luft. Zwei, drei Tische sind besetzt. Eine Frau drapiert drei Medaillen auf einem Holztisch. Daneben stellt sie einen Kristall-Pokal. Ich frage sie, ob sie hier arbeiten würde. Sie schüttelt den Kopf und sagt: «Früher mal.» Den Hinweis, dass sie die Mutter von Katharina Liensberger ist, findet die Frau in diesem Moment nicht so wichtig.

Saisonstart in Sölden – schöne Schweizer Erinnerungen
Am Wochenende beginnt die neue Skisaison mit dem traditionellen Weltcup-Auftakt auf dem Rettenbachgletscher in Sölden. Am Samstag bestreiten die Frauen (1. Lauf: 10 Uhr, 2. Lauf: 13.15 Uhr) und am Sonntag die Männer (10 Uhr/ 13.30 Uhr) einen Riesenslalom. Im vergangenen Winter standen mit Marco Odermatt (2.) und Gino Caviezel (3.) zwei Schweizer in Sölden auf dem Podest. Besonders Odermatt zählt erneut zu den Top-Favoriten. Bei den Frauen übernimmt diese Rolle Weltmeisterin Lara Gut-Behrami.

Die Schwärmerei von Mikaela Shiffrin

Dabei ist ihre Tochter nicht irgendwer. Zusammen mit Lara Gut-Behrami ist sie die grosse Figur der letzten Ski-WM. Gold im Slalom, Gold im Parallel-Riesen, Bronze im Riesenslalom. Dazu kommt später die Kristallkugel für den Sieg im Slalom-Weltcup. Und das mit erst 23. Nicht wenige sehen in Katharina Liensberger die grosse Dominatorin der nächsten Jahre – zumindest in den technischen Disziplinen. Selbst die zwei Jahre ältere Mikaela Shiffrin schwärmt: «Sie hat eine aussergewöhnliche Konstanz und ihr höchstes Level ist das höchste von allen.»

Göfis. Ein 3000-Einwohner-Dorf unmittelbar neben Feldkirch. Etwa acht Kilometer Luftlinie weiter westlich ist die Grenze zur Schweiz. Hier ist Liensberger aufgewachsen und hier wird sie so schnell auch nicht wegziehen. «Da ist das Gemeindehaus, wo mein Vater arbeitet. Dort drüben ist die Volksschule, die ich besucht habe. Da ist die Laienspielgruppe, wo ich Theater gespielt habe.»

Aber wer ist diese Frau, die zu den aufregendsten Skifahrerinnen der Welt zählt? Was auffällt, ist ihr Lachen, ihre fröhliche Art. Stets vermittelt sie den Eindruck, als wäre sie unendlich zufrieden mit ihrem Leben. Selbst nachdem sie wiederholt den ersten Sieg im Weltcup verpasst. Platz 3? Sie wirkt glücklich. Platz 2? Sie lacht immer noch. Und das in einem Sport, in dem nur der Sieg zählt. Erst recht, wenn man für Österreich fährt. Aber keine Polemik, keine Ausreden. Warum auch? Erstens: «Die anderen sind auch stark.» Zweitens: «Meine Leistungen waren gut.» Drittens: «Wichtiger als der erste Sieg war die Erkenntnis, dass da noch mehr geht.»

«Nein, wirklich. Etwa einen Monat vor der WM habe ich geträumt, dass ich den Slalom gewinne.»
Katharina Liensberger

Der Traum von der Machtdemonstration

Und es geht mehr. WM in Cortina. Slalom, ihre Paradedisziplin. Erstmals überhaupt liegt Liensberger nach dem ersten Lauf in Führung. Maximaler Druck. Trotzdem gelingt ihr erneut Laufbestzeit. Der Vorsprung auf die zweitplatzierte Petra Vlhova beträgt eine Sekunde. Shiffrin (3.) liegt fast zwei Sekunden zurück. Eine Machtdemonstration mit Hühnerhaut-Effekt.

Fassbar? «Ja», sagt sie. «Denn ich habe davon geträumt.» Okay, wir träumen auch schöne Dinge. «Nein, wirklich. Etwa einen Monat vor der WM habe ich geträumt, dass ich den Slalom gewinne.» Es wirkt ein wenig entrückt. Aber es passt, da sie bei anderer Gelegenheit schon sinnierte, wie ihr die Sterne und das Universum dabei geholfen hätten, eine derart herausragende Skirennfahrerin zu werden.

Sie ist kein Bulldozer auf Skiern. Auch wirkt sie weder verbissen noch borniert. Sie entspricht viel eher dem Klischee des netten Mädchens, das fleissig Blockflöte übt, immer die Hausaufgaben erledigt, die Menschen auf der Strasse grüsst und den Eltern keinen Ärger bereitet. Es passt. Aber das will nicht heissen, dass Katharina Liensberger keine Ecken und Kanten hätte. Sie hat sehr wohl ihren eigenen Willen. Diesen braucht sie. Mehr noch als ihr Gefühl für den Schnee.

Eine wie Erika Hess?

Der Fahrstil, die körperliche Konstitution, die Begeisterungsfähigkeit, die unaufgeregte Art, das ausgeglichene Wesen. Ja, irgendwie erinnert Liensberger an Erika Hess, die Grande Dame der 80er-Jahre. «Oh je, der Name sagt mir nichts.» Eine Stangenakrobatin wie sie. «Ja, Slalomfahren ist eine Kunstform. Es ist der pure Spass. Denn ich kann meine Freude und meine Leichtigkeit zum Ausdruck bringen. Und wenn es funktioniert, wie ich will, ist es ein Gefühl wie beim Fliegen.»

Zweieinhalb ist Liensberger, als sie auf Skiern steht, weil ihr das Spielen im Schnee zu langweilig wird. Als sie erstmals Torstangen sieht, will sie unbedingt mitfahren. Aber Skifahren allein reicht ihr nicht. Sie turnt, spielt Tennis, singt im Chor, spielt Theater. Irgendwann will sie Harfe spielen. Die Mutter findet, sie müsse erst Blockflöte lernen. Sie macht es ein halbes Jahr, danach kriegt sie, was sie will. Und schon bald nimmt sie mit der Harfe an einem landesweiten Musikwettbewerb teil. «Talent ist keine Glücksache», sagt sie heute. «Talent ist der starke Wille, seine wahren Fähigkeiten zu entdecken, an sie zu glauben und konsequent zu entwickeln.»

In der Schule wird sie von den anderen ausgeschlossen

Irgendwann wird aber alles zusammen zu viel. Mit 12 muss sie sich entscheiden. Sie wechselt vom Gymnasium auf die Skihauptschule und zieht von zu Hause aus. Ihr Ziel: Sie will sich bestmöglich im Skifahren entwickeln. Und wenn Katharina Liensberger etwas wirklich will, bleibt kein Platz für halbe Sachen.

«Ich habe mich auch nie als speziell ehrgeizig gesehen.»

Dem Radiosender Ö3 erzählte Liensberger, dass sie es in jener Zeit nicht leicht hatte. «Ich bin in die Skihauptschule gegangen, weil ich Skifahren wollte und meine Tage damit verbringen, darin besser zu werden. Auf einmal habe ich gemerkt, dass das von manchen nicht akzeptiert worden ist.»

Sie macht, was die Trainer von ihr verlangen und sogar noch etwas mehr. Das kommt nicht bei allen gut an. Sie ist isoliert, hat keine Freundinnen. Sie wird zur Einzelkämpferin. Verständlich, dass sie in dieser Situation die Frage plagt: Soll ich hinschmeissen oder weitermachen?

Waren Sie in den Augen der Mitschülerinnen und Mitschüler zu ehrgeizig? «Ich würde es anders beschreiben. Ich wusste einfach sehr früh, was ich will und war dementsprechend fokussiert. Ich habe mich auch nie als speziell ehrgeizig gesehen. Ich hatte und habe einfach Spass am Skifahren. Und dann spielt es keine Rolle, ob ich eine Runde mehr laufe als die anderen, wenn es mir hilft, eine bessere Skirennfahrerin zu werden.» Heute ist sie dankbar für diese Erfahrung. Froh, dass sie durchgehalten hat. Und auch stolz, dass sie sich nicht verbiegen liess. «Ich habe in dieser Zeit gelernt, meinen Willen durchzusetzen.»

Der Knatsch mit dem eigenen Verband

Jahre später. Liensberger hat im Weltcup bereits erste Spuren hinterlassen und weckt in Österreich die Sehnsucht nach dem nächsten Postergirl, gerät die Karriere ins Wanken. Auch aus lokalpatriotischen Gründen will sie 2019 die Skimarke wechseln. Weg von Rossignol, hin zur Vorarlberger Manufaktur Kästle. Sie geht davon aus, dass sie weiterhin in Lange-Skischuhen fahren darf, obwohl Lange zum Rossignol-Konzern gehört.

«Zugegeben, die Schweiz ist mir geografisch und kulturell sehr nahe, aber ein Nationenwechsel war keine Option.»
Katharina Liensberger

Rossignol, der österreichische Skiverband und dessen Skipool legen ihr Veto ein und werfen Liensberger vor, gegen ungeschriebene Gesetze verstossen zu haben. Die Krux: Der Saisonauftakt in Sölden steht bevor, das Problem ist aber nicht gelöst. Liensberger ist bei der Ouvertüre 2019 nur Zuschauerin. Und die Medien spielen verrückt. Schreiben vom drohenden Ende einer Karriere, die doch erst begonnen hat. Oder spekulieren über das Szenario eines Nationenwechsels.

Was läge da näher, als für die Schweiz zu fahren? Schliesslich ist Bern von Göfis aus näher als Wien. Und für viele Menschen aus der Hauptstadt ist hinter Innsbruck Schluss mit der Republik. «Zugegeben, die Schweiz ist mir geografisch und kulturell sehr nahe», sagt Liensberger. «Meine ersten Kinderrennen bin ich alle in der Schweiz gefahren. Die Wettkämpfe in Lenzerheide sind für mich wie Heimrennen. Im Sommer bin ich häufig im Alpstein und mein Freund studiert an der ETH in Zürich. Die Schweiz ist ein wunderbares Land. Mit ihrem hohen Lebensstandard hat sie etwas Exklusives. Aber nein, ein Nationenwechsel war für mich keine Option.»

Nach monatelangem Gezänk kommt es doch noch zu einer Einigung. Katharina Liensberger kehrt zu Rossignol zurück, ist bis heute geblieben und wird es auch die nächsten Jahre tun. «Es sind damals Fehler gemacht worden, auch meinerseits.» Etwas, das ihr auf der Piste selten passiert. Weshalb ihr in diesem Winter auch im Riesenslalom der letzte Schritt zur Seriensiegerin zugetraut wird.

Und dann? Die Annäherung an die Speed-Disziplinen, um im Gesamtweltcup bessere Chancen zu haben? «Diesen Winter werde ich noch nicht Super-G fahren. Der Gesamtweltcup ist damit zwar noch weit weg. Trotzdem ist der Gewinn der grossen Kristallkugel ein Ziel von mir.» Und wenn Katharina Liensberger etwas als Ziel definiert, ist das mehr als nur eine Kampfansage an die Konkurrenz.

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quelle: keystone / gian ehrenzeller
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