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Skicross-Athlet Ryan Regez spricht über seine mentale Gesundheit

Ryan Regez of Switzerland poses for a portrait during a press conference of the Swiss ski cross team at the 2026 Olympic Winter Games in Livigno, Italy, on Tuesday, February 17, 2026. (KEYSTONE/Michae ...
Ryan Regez steht dazu, dass er sich wegen seiner mentalen Gesundheit in Therapie begab.Bild: keystone

Olympiasieger Ryan Regez: «Ich befand mich in einer kapitalen Identitätskrise»

Skicross-Athlet Ryan Regez erzählt, weshalb ihm auch ein Sportpsychiater durch die schwerste Phase seiner Karriere half.
16.05.2026, 13:1816.05.2026, 13:18
Rainer Sommerhalder
Rainer Sommerhalder

Die Arbeit mit einem Mentaltrainer gehört im Spitzensport zum guten Ton. Die Hilfe eines Sportpsychiaters hingegen gilt nach wie vor als Tabu. Schliesslich muss man als Athlet gross, stark und selbstbewusst wirken. Eine Therapie auf der Couch stört dieses Bild.

Ryan Regez ist gross, stark und selbstbewusst. Der 1,92 m lange Olympiasieger von 2022 und zweimalige Weltmeister im Skicross ist ein extrovertierter Sportler und ein offener Mensch. Und der 33-Jährige zeigt sich wieder einmal als Trendsetter. Nicht zwingend durch seinen Podiumsauftritt bei der internationalen Konferenz der Sportpsychiatrie. Mehr dadurch, was er dort sagt.

epa12670941 Ryan Regez of Switzerland in action during the men's qualification run of the FIS Ski Cross World Cup event in Veysonnaz, Switzerland, 22 January 2026. EPA/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Ryan Regez beim Weltcuprennen in Veysonnaz.Bild: keystone

Wieso redet Ryan Regez vor gut 100 anwesenden Psychiatern und Psychotherapeuten? Er sagt, die Sportpsychiatrie sei aus seiner Sicht ein enorm wichtiges Thema, das bei Athletinnen und Athleten noch viel zu wenig angekommen sei. «Ich habe verschiedenste Arten von Therapien ausprobiert. Mir haben die Erfahrungen mit meinem Sportpsychiater enorm geholfen.»

Regez will jüngere Athleten sensibilisieren

Seit gut einem Jahr arbeitet Regez mit dem Berner Christian Imboden zusammen. Dieser ist Präsident der Vereinigung der Schweizer Sportpsychiater und selbst ein leidenschaftlicher Skifahrer. Es sei für einen Sportler gar nicht so einfach, ein solches Angebot zu finden, sagt Regez. Auch er habe lange gebraucht, bis er die für ihn passende Hilfe gefunden habe. «Vielleicht helfe ich nun mit meinem Auftritt jüngeren Athletinnen und Athleten, diesen Schritt ebenfalls zu wagen.»

Regez sagt, dass er während seiner zehn Jahre im Weltcup zwar grosse Erfolge gefeiert, aber in der risikoreichen Sportart Skicross neben vielen kleineren Blessuren eben auch drei grosse Verletzungspausen erlebt habe. «Während dieser habe ich mehr über mich als Mensch gelernt als durch die Erfolge.» Während er die erste grosse Verletzung 2009 mit dem jugendlichen Leichtsinn eines Nachwuchssportlers noch gut weggesteckt habe, hätten ihn die zwei Kreuzbandrisse von 2017 und 2022 viel mehr herausgefordert. «Die Verletzung von 2017 mit all ihren Konsequenzen war sehr schmerzvoll und der Weg zurück fühlte sich wie eine Fahrt auf der mentalen Achterbahn an.» Es sei ein langer Prozess gewesen, bis er das Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten wieder gefunden habe.

Der zweite Kreuzbandriss im Dezember 2022 in Arosa – nur zehn Monate nach seinem Olympiasieg von Peking – sei dann «die grösste Herausforderung meiner Karriere» gewesen. «Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Nach der Verletzung bin ich in ein sehr tiefes Loch gefallen.» Auch der Olympiasieg spielte mit. Vielleicht sei die Verletzung auch Folge davon gewesen, dass er zuvor sehr viele Termine und Auftritte wahrgenommen habe, «da jeder etwas von mir wollte und ich jemand bin, der enorme Mühe damit hat, Nein zu sagen».

Folgen der Verletzung belasteten Familie

Geschmerzt habe auch, dass Menschen ihm selbst nach dem Kreuzbandriss noch immer für die Goldmedaille gratulierten und betonten, was für ein unglaublicher Kerl er doch sei. «All das war ja enorm gut gemeint. Nur konnte niemand ahnen, wie es in diesem Augenblick in mir drin ausgesehen hat.» Seine persönliche Situation habe letztlich alles beeinflusst: «die Familie, die privaten Beziehungen. Ich befand mich in einer kapitalen Identitätskrise».

Die Comeback-Saison und selbst die Olympiavorbereitung für 2026 seien danach von den Folgen der Verletzung geprägt gewesen. «Ich hatte in jedem Rennen Angst, dass es wieder passiert. Mein einziges Ziel in meinen Wettkämpfen war, gesund zu bleiben. Nur bei einem einzigen Rennen – dem WM-Sieg – fuhr ich ohne diese Angst.»

Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen unterstützt Ryan Regez den beim Podium diskutierten Ansatz, rund um die Athleten ein Gesundheits-Netzwerk aufzubauen, welches neben Physiotherapeuten, Sportärzten und Mentaltrainern eben auch die Sportpsychiater mit einschliesst. Nur so könne gewährleistet werden, dass je nach Herausforderung rasch die sinnvollste Anlaufstelle für eine Therapie gewählt wird. «Der Athlet ist im Moment, wo er eine solche Hilfe benötigt, selbst derart mit seinen Emotionen beschäftigt, dass der Weg zu dieser Hilfe von aussen angestossen werden muss», findet der Olympiasieger.

Ein Mensch und nicht ein Sportstar auf der Couch

Aktuell scheitert ein solches Modell der interdisziplinären Zusammenarbeit vor allem an politischen Grabenkämpfen der einzelnen Berufsgruppen. Der Aufruf am Kongress, die Sportlerinnen und Sportler in den Mittelpunkt zu stellen, bedingt noch die eine oder andere Annäherung in diesem Gesundheits-Netzwerk.

Zurück zu Ryan Regez. Er hat den Weg zu Christian Imboden durch sein persönliches Netzwerk gefunden. Und die Entscheidung, mit einem Sportpsychiater zu arbeiten, in keiner Weise bereut. «Ich bin dadurch als Person sehr gewachsen».

Und der Berner Oberländer hat einen klaren Wunsch an die versammelten Fachärzte: «Schaut euch den Menschen an und nicht primär den Athleten. Es hat mir enorm geholfen, dass ich in dieser Therapie als ganz normaler Mensch betrachtet wurde und wir über die Bedürfnisse, über die Werte und über den Weg dieser Person gesprochen haben. Schliesslich sieht man sich im Spitzensport selbst viel zu häufig nur als Athlet und verliert den ganzheitlichen Blick. Auch wenn ich Olympiasieger bin, bin ich deswegen nicht perfekt.» (aargauerzeitung.ch)

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