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Waffenlaeufer rennen ueber einen Feldweg kurz vor dem Ziel in Frauenfeld waehrend des letzten Waffenlaufes der Saison am Sonntag, 19. November 2006. Im Hintergrund der Saentis. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Die Kühe sind wohl mehr am Grün interessiert als an den Läufern oder dem Säntis im Hintergrund. Bild: KEYSTONE

Unvergessen

Mit dem letzten Rennen der Waffenlauf-Meisterschaft geht eine Ära zu Ende

19. November 2006: Nur ganz wenige Sportarten haben eine so alte Geschichte wie der Waffenlauf – er stand schon bei den Olympischen Spielen der Antike auf dem Programm. Sehr viel später wurde der Speer mit einem Sturmgewehr getauscht und für die Helden gab es keinen olympischen, dafür aber Fernseh-Ruhm.



Albrecht Moser! Wenn es einen einzigen Schweizer Sportler gibt, der in meiner frühen Kindheit der grösste Star von allen ist, grösser noch als Pirmin Zurbriggen, dann wohl er. Sonntag für Sonntag wird im Fernsehen von seinen Siegen berichtet – und das sind eine ganze Menge. Moser ist zu seinen besten Zeiten der Roger Federer des Waffenlaufs: Acht Mal in Folge wird der bärtige Mitrailleur, ein Schulhaus-Abwart aus dem Berner Seeland, zwischen 1978 und 1985 Schweizer Meister.

Der Abwart Albrecht Moser beim ersten Waffenlauf der diesjaehrigen Saison, dem Toggenburger, in Lichtenstein (SG) am 6. Maerz 1983. Moser gewinnt den Saisonstart. (KEYSTONE/STR) === ===

Albrecht Moser auf dem Weg zum Sieg beim Saisonauftakt 1983 in Liechtensteig. Bild: KEYSTONE

Aushängeschild Moser ist für manchen traditionsbewussten Beobachter ein rotes Tuch. Denn zum Militär hat der Olympia-Teilnehmer von 1972 über 10'000 Meter keine enge Bindung. «Die sportliche Herausforderung reizte mich, nicht der mili­tärische Hintergrund», sagt Moser 2017 zur «Berner Zeitung». Mit dem Karabiner, der mit der Packung mitgeführt werden musste, habe er nie geschossen.

Beim Waffenlauf wird in einem Tarnanzug der Armee gelaufen und es muss ein Kampfrucksack samt Gewehr mitgetragen werden. 6,2 Kilogramm beträgt heute das Mindestgewicht, das den Läufern auf die Schultern drückt. Wenigstens darf seit 1991 in Turnschuhen gelaufen werden. Während des Ersten Weltkriegs wird der erste «Schweizerische Armee-Gepäckmarsch» organisiert – vom FC Zürich. Nach und nach werden überall im Land Veranstaltungen aus der Taufe gehoben, besonders in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg boomt die Sportart.

Marschgepaeck mit Gewehren der Teilnehmer des Frauenfelder Waffenlaufs am 19. November 2006 sind vor der Ausruestungskontrolle bei der Kaserne Frauenfeld-Stadt deponiert. Der Waffenlauf ist eine Schweizer Laufsportvariante bei der die Teilnehmer einen Tarnanzug sowie einen Rucksack inklusive Ordonnanzgewehr tragen. Der erste Waffenlauf fand 1916 in Zuerich statt. 1934 wurde der erste Frauenfelder Militaerwettmarsch ueber eine Distanz eines Marathons ausgetragen. Er gilt als Koenigslauf der Waffenlaeufe. 2006 wurde die 1967 ins Leben gerufene Waffenlauf-Meisterschaft zum letzten Mal ausgetragen. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Field packs with rifles of the runners of the

Ordnung muss sein. Bild: KEYSTONE

Tausende Teilnehmer am Start

Doch es dauert bis 1967, ehe eine nationale Meisterschafts-Serie gegründet wird. Füsilier Werner Fischer aus Oberehrendingen AG wird erster Meister, er entscheidet gleich alle neun Läufe für sich. Tausende Läufer nehmen in den folgenden Jahren an den Rennen teil, in den Medien wird ausgiebig über sie berichtet. Mit dem Toggenburger in Liechtensteig beginnt die Saison im März, sie endet im November mit dem Frauenfelder.

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Der Waffenlauf in den 1970er-Jahren. Video: YouTube/SRF Archiv

Seine Hausse in den 1980er-Jahren verdankt der Sport auch Martin Furgler: Der Bruder von Bundesrat Kurt Furgler ist Sportchef des Schweizer Fernsehens und selber ein hoher Offizier. Dank der regelmässigen Berichte wird eine erste Talfahrt der Teilnahmerzahlen gestoppt – die aufkommende Hippie-Bewegung hatte für eine Delle gesorgt.

Albrecht Moser ist die grösste Figur der Szene, seine acht Titel in Folge bleiben unerreicht. Martin von Känel wird zwischen 1993 und 1996 – genau wie der EHC Kloten – vier Mal in Serie Meister, Jörg Hafner zwischen 1999 und 2003 fünf Mal hintereinander.

Der 57. Reinacher Waffenlauf vom 24. September 2000 hatte zwei Sieger: Die beiden Favoriten Martin von Kaenel, links, und sein Konkurrent Joerg Hafner liefen gemeinsam ins Ziel ein und teilten sich den Sieg bruederlich. (KEYSTONE/Guido Roeoesli)

Martin von Känel (links) und Jörg Hafner Arm in Arm: Beim Reinacher im Jahr 2000 laufen sie gemeinsam ins Ziel und sind deshalb beide Sieger. Bild: KEYSTONE

Routinier Dähler teilt sich den Frauenfelder am besten ein

Das Ansehen der Sportart ist da allerdings bereits nicht mehr so hoch wie einst. Volksläufe, bei denen es weniger ernst zu und her geht als im steifen Militärsport, laufen den Waffenläufen zunehmend den Rang ab. Mehrere Traditionsveranstaltungen verschwinden nach der Jahrtausendwende und so wird am 19. November 2006 die bis heute letzte Schweizer Meisterschaft abgeschlossen.

Beim über die Marathondistanz gelaufenen Frauenfelder, dem «König der Waffenläufe», triumphiert der 42-jährige Appenzell-Innerrhoder Bruno Dähler. Es ist ein Sieg, den bei Rennhälfte kaum mehr jemand erwartet hat: Dähler liegt in Wil fast fünf Minuten hinter der Spitze. Doch nach und nach überholt Dähler seine Kontrahenten, bis er ganz vorne ist. «Ich weiss, dass beim Frauenfelder auf der zweiten Hälfte noch viel passieren kann», sagt der Routinier im Ziel.

Bruno Daehler fuehrt am Frauenfelder Waffenlauf am 19. November 2006 die Gruppe vor Ruedi Walker und Felix Schenk an. Daehler gewinnt den Lauf. Der Waffenlauf ist eine Schweizer Laufsportvariante bei der die Teilnehmer einen Tarnanzug sowie einen Rucksack inklusive Ordonnanzgewehr tragen. Der erste Waffenlauf fand 1916 in Zuerich statt. 1934 wurde der erste Frauenfelder Militaerwettmarsch ueber eine Distanz eines Marathons ausgetragen. Er gilt als Koenigslauf der Waffenlaeufe. 2006 wurde die 1967 ins Leben gerufene Waffenlauf-Meisterschaft zum letzten Mal ausgetragen. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Bruno Daehler leads a group of runners with Ruedi Walker in second position and Felix Schenk in third at the

Der letzte Sieger eines Meisterschaftsrennens: Bruno Dähler (links) vor Ruedi Walker. Bild: KEYSTONE

Als letzter Schweizer Meister geht der Aadorfer Patrick Wieser ins Geschichtsbuch ein. Von den «alten» Waffenläufen hat nur der Frauenfelder überlebt, er wird seit 1934 ausgerichtet.

Waffenläufe gibt es immer noch

Es werden seit dem Ende der Meisterschaft aber auch anderswo weiterhin Läufe ausgetragen, es werden gar neue aus der Taufe gehoben. Sehr zur Freude von Bundesrätin Viola Amherd, welcher die Armee unterstellt ist. Auch ihr ist klar, dass der Waffenlauf nicht mehr die gleiche Bedeutung hat wie einst. «Umso mehr freut es mich als Vorsteherin des VBS, dass einige Unentwegte diese typische Schweizer Traditionssportart, bei der Fairness und Kameradschaft immer zentral waren, am Leben erhalten haben», schreibt Amherd aus Anlass des ersten Fürstenländers 2021.

Koni Schelbert mit Bundesrat Adolf Ogi. Vier Wochen nachdem er im Toggenburg seinen ersten Tagessieg erzielt hatte, gewann Koni Schelbert auch den 50. Neuenburger Waffenlauf, 29.Maerz 1998. Der 26jaehrige verwies auf der 21,1 Kilometer langen Strecke Fritz Haeni um 19 Sekunden und Christian Jost um 1.13 Minuten auf die Plaetze zwei und drei. (KEYSTONE/Sandro Campardo)

VBS-Vorsteher liessen sich gerne bei ihren Armeeangehörigen sehen: Hier Adolf Ogi mit Koni Schelbert, dem Sieger des Neuenburgers 1998. Bild: KEYSTONE

Doch die Popularität früherer Jahrzehnte haben diese Anlässe nicht mehr. Beim Frauenfelder 2019 klassierten sich 209 Männer und 23 Frauen in den Waffenlauf-Kategorien. Dass am Sonntagabend die halbe TV-Nation im «Sportpanorama» mit den Läufern mitfiebert, ist längst passé.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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