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Moderator Günzler (rechts) beisst bei Boxer Grupe auf Granit. Bild: ZDF

Unvergessen

Boxer Norbert Grupe gibt ein «Interview», bei dem er einfach schweigt

21. Juni 1969: Schwergewichtsboxer Norbert Grupe ist zu Gast im ZDF-Sportstudio. Er ist nicht nur hässig, weil er seinen Kampf tags zuvor verloren hat – sondern auch, weil ihn der Moderator ein Jahr vorher schlecht aussehen liess. Nun schlägt Grupe zurück.



Darauf ist «Sportstudio»-Moderator Rainer Günzler wohl nicht vorbereitet. Als er den Boxer Norbert Grupe bei sich hat, verläuft das Interview mehr als einseitig. Der 29-Jährige hat offensichtlich null Bock, dem Fragesteller zu antworten. Er sitzt bloss in seinem Fauteuil und grinst – aber bedankt sich am Ende des «Gesprächs» höflich und nennt es «sehr aufschlussreich».

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Das «Interview» im ZDF-Sportstudio. Video: YouTube/Smoke 88

Ein Jahr zuvor war der Boxer schon einmal zu Gast in der ZDF-Sendung gewesen. Dort schilderte er den letzten Kampf aus seiner Sicht, während Moderator Günzler Szenen zeigte, in denen Grupe diverse Schläge kassierte. Das machte den Boxer so sauer, dass er sich vornahm, dem Moderator bei nächster Gelegenheit eins auszuwischen. Immerhin entschied er sich, einfach zu schweigen und setzte nicht die erste Idee um, Günzler eine zu pfeffern …

Wort für Wort

Günzler: Wie fühlen Sie sich nach den fünf Niederschlägen von gestern Abend?
Grupe: Die waren gestern Abend, ne?

Ja, gestern Abend, ne.
Schweigen.

Wie geht's Ihnen dann? Gut?
Heute geht's mir gut.

Geht's wieder gut. Äh, Sie haben sich bei irgendeinem Niederschlag den Knöchel verletzt. Sind Sie umgekippt?
Schweigen.

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Grupe wartet auf die nächste Frage, deren Antwort er schon kennt. Bild: ZDF

Er ist umgekippt, ich weiss es, er hat es mir vorhin erzählt. Sagen Sie mir, ähm, hatten sie schon vor dem Kampf den Eindruck, dass Sie hier einem stärkeren Gegner gegenüberstehen? Kann man das als Mut bezeichnen, dass Sie gegen Oscar Bonavena gekämpft haben oder war das die Vorstufe für das, was man über Sie las, dass Sie jetzt die Handschuhe an den Nagel hängen wollen?
Schweigen.

Ich fand Sie in der zweiten Runde besser, muss ich Ihnen sagen, als jetzt im Augenblick. Ich fand Sie echt besser, denn da taten Sie was und jetzt schweigen Sie. Warum schweigen Sie?
Schweigen.

Na Ihr Lächeln ist ja auch ganz hübsch. Also machen wir eine andere Frage, wenn Sie auf die nicht antworten wollen. War vielleicht der Gewichtsunterschied zu gross? 18 Pfund.
Schweigen.

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Äusserst souverän: Moderator Günzler behielt die Nerven. Bild: ZDF

Auch nicht. Der Gewichtsunterschied war also auch nicht so gross. Dann gestatten Sie mir vielleicht noch eine weitere Frage, ich hoffe auf eine Antwort: Was machen Sie demnächst? Boxen Sie weiter? Gehen Sie nach Amerika? Werden Sie wieder Schauspieler? Oder wie sieht's aus?
Schweigen.

Auch nicht. Ich bedanke mich für dieses Gespräch, es war reizend.
Ich mich auch, es war sehr aufschlussreich und es freut mich, dass Sie nach wie vor dem Boxsport mit freundlichen Augen und Worten gegenüberstehen. Recht schönen Dank, Herr Günzler.

Bitteschön, deswegen haben wir ja, Herr Grupe, heute Abend auch einen grossen Teil unserer Sendezeit dem Boxsport gewidmet, das war der Grund.

Ein bewegtes Leben

Norbert Grupe kommt 1940 in Berlin zur Welt, mitten während des Zweiten Weltkriegs. Als der Vater in die USA zieht, reist Norbert nach. Er versucht in Los Angeles, als Schauspieler Fuss zu fassen. Als das nicht klappt, gehen Vater und Sohn zum Wrestling. Doch die beiden, welche den «hässlichen Deutschen» mit Zwirbel-Schnauz und Monokel darstellen, verdienen für ihren Geschmack zu wenig.

(GERMANY OUT) Norbert Grupe Boxer; D: traegt Cowboyhut, Handschuhe und raucht Zigarre (Photo by Metelmann/ullstein bild via Getty Images)

Geile Socke: Grupe posiert mit Handschuhen, Hut und Zigarre. Bild: ullstein bild

Also löst Norbert Grupe für fünf Dollar eine Box-Lizenz und tritt fortan als Faustkämpfer unter dem Künstlernamen «Wilhelm von Homburg» auf. Und er lernt, dass man als Boxer die Massen nicht nur mit Taten, sondern auch mit Worten begeistern kann. Grupe kopiert von Grossmaul Cassius Clay (später Muhammad Ali) und lässt seine blonde Mähne über Ohren und Nacken wuchern. «Ich trug schon eine Beatle-Frisur, als noch kein Mensch die Beatles kannte», behauptet Grupe im Spiegel.

«Alles ist vergänglich – ausser lebenslänglich.»

Norbert Grupes Lebensmotto

1964 kehrt er mit der Kampfbilanz von 18 Siegen und 3 Niederlagen in den USA nach Deutschland zurück. «Mit breitkrempigen Cowboy-Hut kletterte er aus dem Flugzeug, verlangte nach dem 17 Stunden dauernden Flug zuerst Boxhandschuhe und duzte alle Reporter», ist über seine Ankunft in Hamburg zu lesen.

Den Kampf gegen Uli Ritter dominiert er. Doch weil das Kampfgericht sein überhebliches Gehabe nicht goutiert, wertet es den Kampf unentschieden. «Gebt mir ein gerechtes Urteil!», fleht Grupe auf den Knien und mit den Händen bittend von sich gestreckt.

Bildnummer: 01073463  Datum: 05.05.1964  Copyright: imago/Sven Simon
Norbert Grupe (Deutschland, li.) fleht den Ringrichter auf Knien an ihn nicht zu disqualifizieren; Prinz von Homburg, Vneg, Vsw, quer, bitten, flehen, anflehen, knien, Schiri, Referee, Unparteiischer, Disqualifikation, Gestik Boxsport 1964, Profiboxen, Halbschwergewicht Nürnberg Unterwerfung,  Boxen Herren Einzel Deutschland Einzelbild pessimistisch Randmotiv Personen

Alles Betteln ist vergeblich: Grupe gewinnt trotzdem nicht. Bild: imago/Sven Simon

Auftritt in «Stirb Langsam»

Einen Titel kann Grupe nie gewinnen. Und auch die Schauspielkarriere verläuft eher schleppend. 1965 spielt er in einem Film mit Marlon Brando und Yul Brynner, einige Jahre später an der Seite von Mario Adorf.

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In «Die Herren mit der weissen Weste» spielt Grupe 1970 an der Seite von Mario Adorf einen Boxer. Bild: www.imago-images.de

Lange nach der Karriere hat er als «Wilhelm von Homburg» immerhin Nebenrollen in zwei Kassenknüllern: In Ghostbusters II und in Stirb Langsam. Dort ist er ein Gangster an der Seite von Bösewicht Hans Gruber.

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Wilhelm von Homburg alias Norbert Grupe alias Vigo in «Ghostbusters II». Video: YouTube/Ghostbusters.net

Auch im echten Leben rutscht Grupe in die Halbwelt ab. Der Boxsport und das Milieu stehen sich seit jeher nahe. Fünf Jahre seines Lebens verbringt er hinter Gittern, wegen Zuhälterei und Körperverletzung. Lange gilt Norbert Grupe als verschollen, bis ein Dokumentarfilmer ihn, verarmt und vereinsamt, in Los Angeles aufspürt und das Portrait «Der Boxprinz» dreht. Mit 63 Jahren stirbt Norbert Grupe 2004 in Mexiko an Krebs.

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Der Trailer zur Doku «Der Boxprinz». Video: YouTube/111geko111

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

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