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Der Schweizer Radrennfahrer Jean Nuttli aus Kriens, LU, posiert am Mittwoch, 2. Oktober 2002 in Genf nach seinem Training auf der Bahn. Nuttli, 28, der 1996 in fuenf Monaten von 125 auf 70 Kilogramm abspeckte, hat seither seine Karriere als Radprofi verfolgt und will als Mitglied des franzoesischen Teams Oktos am 15. November 2002 in Bordeaux den Stundenweltrekord brechen.
(KEYSTONE/Martial Trezzini)

Nuttli 2002 im Bahn-Training in Genf. Heute lebt er zurückgezogen und mag nicht mehr über sich und die Vergangenheit reden. Bild: KEYSTONE

Jean Nuttli strampelt um sein Leben, bis er tot ist

Jean Nuttli wog einmal 125 Kilogramm, dann trainierte er jeden Tag sechs Stunden auf dem Heimtrainer. Ein Jahr später war er Radprofi. Heute ist Nuttli 46-jährig und trainiert noch immer wie damals. Weil er nicht mehr aufhören darf.

Simon Häring / CH Media



Das Leben hat Jean Nuttli nicht mehr viel zu bieten. Er zählt Kalorien und macht Sport. Bis zu sechs Stunden trainiert er täglich auf einer Rolle, die auch ein Sinnbild ist: Jean Nuttli kommt nicht vom Fleck. Es ist ein Treten an Ort.

Man sieht es ihm nicht an, aber der hagere Mann, das Gesicht kantig, 65 Kilogramm leicht, gilt als krankhaft übergewichtig. Zu diesem Schluss kommt der Stoffwechselexperte Fritz Horber 2006 in einem Film des «Schweizer Fernsehens», der Nuttlis Leidensweg dokumentiert.

«Der Diät-Weltmeister» – Porträt über Jean Nuttli. Video: SRF

Er zeigt auch, wie Nuttli damals in seinem Kinderzimmer in Kriens trainiert: 500 Liegestützen, 2000 Rumpfbeugen, und das noch vor dem Morgenessen. Wobei: Schon damals isst Nuttli kaum mehr. Seit über zwei Jahrzehnten ist er auf Diät, er isst keine Kohlenhydrate, keine Teigwaren, kein Brot, keine Kartoffeln, auch Zucker nimmt er keinen zu sich.

Knallharte Diät und nur noch 500 Kalorien pro Tag

Jean Nuttli, geboren am 2. Januar 1974, ist ein hyperaktives Kind, hat ADHS. Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Das Lernen fällt ihm schwer, er besucht eine Sonderschule. Fährt als Junior für den Veloclub Rothenburg, hört mit 19 Jahren auf. Er wird Lehrling bei Ford Willy, Autolackierer, quält sich durch die Berufsschule, und wird immer dicker, in manchen Wochen nimmt er vier Kilogramm zu. Am Ende erträgt er den eigenen Anblick nicht mehr.

Nach der Lehre arbeitet er im Betrieb des Vaters, Autospritzwerk Nuttli AG in Kriens. Die Mutter, die sein Leiden sieht, schenkt ihm ein Rad aus Karbon, 14'000 Franken teuer, die Gabel verbiegt sich, als Jean Nuttli in Pfaffnau, Kanton Luzern, ein Abendrennen bestreitet, die Zuschauer lachen ihn aus, als er vom Fahrrad steigt und es bergauf schiebt.

Les cyclistes suisses Laurent Dufaux, Jean Nuttli, Alexandre Moos et Oscar Camenzind, de gauche a droite, posent lors de la course en hommage a Oscar Plattner, organisee dans le cadre des 3 jours de Geneve, ce samedi 7 decembre 2002, sur la piste du Vel d'Hiv a la Queue d'Arve a Geneve. (KEYSTONE/Sandro Campardo)

Mittendrin: Nuttli (Zweiter von links) mit Laurent Dufaux (links), dem Schweizer Meister Alexandre Moos und Ex-Weltmeister Oscar Camenzind. Bild: KEYSTONE

Am 1. August 1996 wiegt Jean Nuttli satte 125 Kilogramm. An diesem Tag beschliesst er, sein Leben zu ändern. In einem Zimmer unter dem Dach stellt er sein altes Rennrad auf Rollen, auf einen so genannten Ergometer, und beginnt zu strampeln. Eine Stunde am Tag. Dann zwei. Dann drei. Dann vier. Dann fünf.

Den starren Blick auf die Anzeige am Lenker gerichtet, Puls, Geschwindigkeit, Widerstand, stundenlang, acht Stunden lang, er schaut nicht aus dem Fenster, nicht an die Wand, an der die Bilder von Chris Boardman und Miguel Indurain hängen, er strampelt, tritt und schwitzt, bis das Rad rostet, der Lenker bricht, die Rolle verbraucht ist. Und er verschreibt sich eine Diät. Nimmt pro Tag 500 Kalorien zu sich. Jean Nuttli wird zu einer Art Pionier des Heimtrainings. An Weihnachten hat er es geschafft. 56 Kilos sind weg.

Kampf für Epo und Gedanken an Suizid

Nuttli erhält beim Radteam Phonak einen Vertrag. Wird 2000 bei den Schweizer Meisterschaften im Zeitfahren Dritter. Wird als Amateur unter Profis bei den Weltmeisterschaften in Plouay Elfter, obwohl er kurz vor dem Ziel dem Motorrad hinterherfährt, die Strecke verlässt und dabei 30 Sekunden verliert.

Nuttli ist eine Sensation in einem Sport, der zu dieser Zeit positive Geschichten braucht. Doch das Märchen endet in einem Albtraum. Mehrfach versucht Nuttli, den Stundenweltrekord zu brechen. Nach einem missglückten Versuch ruft er seine Mutter vom Flughafen Lyon aus an, er schreit und weint und zittert, sagt, er mache sich kalt. Zurück bei den Eltern in Kriens liest er im «Blick»: «Nuttli hat ausgeträumt – spritzt er wieder Autos?» Er liest: «Sein Paradies bleibt der Keller, wo er kraftvoll wie ein Ackergaul den Hometrainer malträtieren kann.»

Switzerland's Jean Nuttli, second left (Phonak), Belgium's Nico Mattan, center, and Scotland's David Millar pedal at the start of the Paris-Nice cycling race first stage, Monday March 12, 2001 in Saint-Amand Montrond, central France. Mattan is the leader of the race. (KEYSTONE/AP PHOTO/Patrick Gardin) === ELECTRONIC IMAGE ===

Nuttli (im Phonak-Dress) bei Paris–Nizza. Bild: AP

Doch die Wahrheit ist eine andere: Jean Nuttli, dieser kraftvolle Athlet, ist krank. Diät und Training haben seinen Körper ausgezehrt. Kohlenhydrate werden von seinem Körper direkt in Fett umgewandelt. Die Folge: Isst er wie seine Kollegen, bringt er am Tag darauf 3 Kilogramm mehr auf die Waage. Die Leber ist geschädigt, der Hämatokritwert, der Anteil roter Blutkörperchen, liegt bei bei 35, normal wären 47. Nuttli sagte damals: «Ich habe das Potenzial, um Weltmeister zu werden. Ich kann es aber nicht ausnützen. Ich habe ein Auto mit 600 PS, bei einer Geschwindigkeit von 200 riegelt es aber automatisch ab.»

Der einzige Ausweg wäre die Einnahme von Epo, doch dieses steht auf der Dopingliste. Sein Kampf für ein Rezept bleibt aussichtslos. Nuttli isoliert sich, wird zum Aussenseiter, erhält eine Beiständin, sucht Hilfe bei Ärzten, fährt für kleinere Teams. Alles vergeblich. Er wird auch psychisch krank. Er denkt an Suizid. Denn wer keine Kohlenhydrate zu sich nimmt, dem fehlt es an Serotonin.

Ein Leben in der Abgeschiedenheit

2008 beendete Jean Nuttli seine Karriere. Er ist längst in Vergessenheit geraten. Und doch führt er noch immer ein Leben wie ein Spitzensportler, ohne ein Spitzensportler zu sein. Strampelt täglich mehrere Stunden auf dem Ergometer. Jeden Morgen macht er 1000 Liegestütze und 2500 Rumpfbeugen. Hält strenge Diät. Das sagte Nuttli 2009, als er letztmals über sich und sein Leben redete, damals, als er den Journalisten Daniel Leu empfing. Seither überlässt er das Reden seinem einstigen Manager, Jean-Jacques Loup.

Die Lunge hat ein Volumen von 9 Litern, drei Mal mehr als normal, der Herzmuskel ist vier Mal so gross wie normal. Sein Körper ist übertrainiert. Und deshalb darf er nicht aufhören zu trainieren. «Das brächte mich um», sagte Nuttli, und: «Ich will nie mehr dick sein. Lieber sterbe ich.» Er ist gefangen in einem Teufelskreis.

Seinen inneren Frieden hat Jean Nuttli im Weiler Obermad bei Gadmen im Berner Oberland gefunden, im letzten Dorf vor dem Sustenpass im Haslital. Er lebt von einer Invalidenrente, dazu kommt ein kleiner Betrag aus einer Lebensversicherung. Er ernährt sich von einem eiweisshaltigen Spezialpulver, Thon und Gemüse.

Nuttli besitzt kein Auto, keinen Computer, Ferien braucht er nicht. Im Sommer hackt er Holz, im Winter schaufelt er Schnee und besteigt Berggipfel. Es ist ein Leben in Armut, doch es macht Nuttli glücklich. Sein Kampf gegen die Kilos geht weiter, «bis ich tot vom Hometrainer falle», zitiert ihn die «L’Equipe». Jean Nuttli hatte oft Pech im Spiel des Lebens. Doch glaubt man der französischen Sportzeitung, hat der tragische Pionier immerhin sein Glück in der Liebe gefunden.

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20Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Trasher2 20.05.2020 06:27
    Highlight Highlight Ich finde die Geschichte spannend aber auch tragisch.

    Nuttli ist eigentlich das Beispiel, dass das ewige Mantra welche Dicke immer wieder hören: „wenn du dich halt ein wenig bewegen würdest, wärst du nicht so fett“ nicht aufgeht.
    Dieses Beispiel zeigt, dass wohl viele Dicke einfach nur die Wahl haben nicht der Norm zu entsprechen.

    Entweder ist man dick, hält sich mit Bewegung fit, geniesst das Essen und das Trinken oder man betreibt Sport wie besessen, und schränkt den Genuss auf ein Minimum ein um der „Norm“ zu entsprechen.
  • Sam Regarde 19.05.2020 20:21
    Highlight Highlight Tragisch, beeindruckend, interessant und einzigartig - das Schicksal dieses Menschen rührt mich und wirft Fragen auf. Was für ein Leben...
    • Lululuichmagäpfelmehralsdu 19.05.2020 22:06
      Highlight Highlight So gehts mir auch! Würde gerbe eine Doku sehen über ihn..
  • Zeit_Genosse 19.05.2020 18:49
    Highlight Highlight Speziell, dass ihn aus diesem Hamsterrad physiologisch niemand befreien kann. Ein langsames (Jahre) Abtraining inkl. Ernährungstherapie. Ist das aus Ärztesicht nicht möglich (nebst den Kosten)?

    Psychologisch gesehen, hat er sein Glück scheinbar gefunden und so wird er das Rad weiter am Drehen halten.

    Ein einmaliger Typ mit einer Geschichte die berührt.
  • Atavar 19.05.2020 14:31
    Highlight Highlight "Es ist ein Treten an Ort."

    Spannend, deprimierend, hart und doch nicht unversöhnlich. Sehr inspirierend. Danke.
  • Linus Luchs 19.05.2020 14:07
    Highlight Highlight Eindrückliche Geschichte. Auch eine traurige. Aber etwas nervt mich. Dieser Telegramstil. Mit den abgehackten Sätzen. Ich verstehe auch längere Sätze. Sogar Nebensätze. Ist aber Geschmackssache.
  • luegeLose 19.05.2020 13:52
    Highlight Highlight macht einen sprachlos. ein tragischer Held. grossen Respekt
  • fools garden 19.05.2020 13:23
    Highlight Highlight Unglaublich und traurig zu Gleich.
    Danke für diesen Beitrag!
  • Linksanwalt 19.05.2020 11:54
    Highlight Highlight Eine wirklich krasse Geschichte. Hut ab vor diesem Mann. Wie er sein Leben bestreitet, das offenbar nur aus Hindernissen besteht, ihn aber nicht unterkriegt.
  • Ohrgasmotron 19.05.2020 11:38
    Highlight Highlight Ich war einer, der Jean ungläubig mit seinen 125kg auf dem Carbon-Traum den Berg hoch kämpfen sah! Und lächelte. Anfangs. Später hechelten wir hinterher - so etwa bei Pedro's Bauernhof-Cross, wo sich Jean mit dem Göppel durch den Schlamm fräste wo wir schlicht stecken blieben! Da war Jean schon in anderen Sphären und die Nachricht freute, dass er bei den Pro's mithielt.

    Mich freut, dass er die Liebe & die Berge gefunden hat!
  • whatsthemaeder 19.05.2020 11:29
    Highlight Highlight einfach nur traurig!
  • Salamikönig 19.05.2020 11:26
    Highlight Highlight Armer Typ. Tut mir leid für ihn. Hoffe aber wirklich, dass er trotzdem glücklich ist mit seiner Situation jetzt.

    Danke für den Artikel!
  • ahaok 19.05.2020 11:16
    Highlight Highlight Das Leben meinte es einfach nicht gut mit Nuttli. Ein Mann der so einen Wandel hinter sich hat, sein Leben lang diszipliniert trainierte und doch nicht dafür belohnt wird. Man erwartet eine happy end Story à la cool runnings oder Eddie the eagle, aber es will einfach nicht so recht funktionieren. Zum Glück scheint Herr Nuttli mittlerweile mit sich selbst im frieden zu leben.
    • Hangover 20.05.2020 09:49
      Highlight Highlight Ergreifende Geschichte, aber auch ergreifender Kommentar.

  • Cheesus 19.05.2020 11:11
    Highlight Highlight Eindrückliche Gesichte!

    Aber an den medizinischen Gegebenheiten müsst ihr noch etwas feilen:

    "Denn wer keine Kohlenhydrate zu sich nimmt, dem fehlt es an Serotonin." Serotonin wird im Körper aus der Aminosäure Tryptophan hergestellt - also ist die Proteinzufuhr entscheidend.

    "Die Lunge hat ein Volumen von 9 Litern, drei Mal mehr als normal." Eine normale Lunge hat ein Volumen von 5 bis 6 Liter, dreimal mehr wären etwas viel ;)
    • Fruchtzwerg 19.05.2020 17:27
      Highlight Highlight @Cheesus: Stimmt, offenbar stammen die medizinischen Einzelheiten von Nuttli selbst, der quasi in Eigen-Diagnose zu diesen Schlüssen kam.
      Die Aussage, dass er von "einem Stück Pizza und einem Bier" am nächsten Tag 5kg schwerer geworden sei ist physikalisch schlicht nicht erklärbar kann schlicht stimmen.

      Dennoch ist seine Geschichte beeindruckend und traurig zugleich.
    • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 20.05.2020 01:04
      Highlight Highlight Das Lungenvolumen ist u.a. abhängig von Körpergrösse und Alter. Mit 180cm hat ein sportlicher Mann, der NIE geraucht hat, mit 20 Jahren ein Lungenvolumen von etwa 4.5 Liter. Normalos haben bei gleicher Grösse 4 Liter oder weniger. Das Lungenvolumen nimmt jedes Jahr um 20ml ab, bei Rauchern das Doppelte. In 25 Jahren sind das bei einem gesunden Menschen etwa 1/2 Liter Lungenvolumen, das verloren geht. Er ist 46 und hat ein Volumen von 9 Litern sowie eine übergewichtige Spätjugend. Im Vergleich zum gemeinen Raucher seines Alters ist das ganz locker eine mindestens drei Mal so grosse Lunge.
  • Illuminati 19.05.2020 11:01
    Highlight Highlight Spannende aber auch krasse Geschichte!
    Schön hat er sein Glück gefunden, was wieder einmal zeigt dass zb ein Auto, allerlei Materielles und viel Geld nicht alle Glücklich macht!
  • Lars mit Mars 19.05.2020 10:54
    Highlight Highlight Krasse Geschichte. Einfach nur krass.
  • 90er 19.05.2020 10:48
    Highlight Highlight Danke für diese spannende Geschichte

«Ich ass krankhaft gesund»: Wenn der Zwang nach gesunder Ernährung krank macht

Nur ausgewählte Lebensmittel, nur bestimmte Hersteller, alles bis aufs letzte Gramm abgewogen. Aus dem Wunsch, sich gesund zu ernähren, wurde bei Nils Binnberg ein Zwang. Er litt jahrelang an Orthorexie.

Auf dem Höhepunkt seiner Suche nach dem perfekten Ernährungsstil wog Nils Binnberg bei einer Grösse von 1.85 Metern noch 68 Kilo und nahm nur noch fünf Lebensmittel zu sich: Räucherlachs, Avocado, Fleisch, Salat und ein paar Nüsse.

Über die Jahre hatte er sich immer strengere Ernährungsregeln auferlegt: alle Produkte mussten bio, gluten- und zuckerfrei sein, mussten leistungssteigernde Eigenschaften haben. Kohlenhydrate ass der damals 37-Jährige schon seit sieben Jahren nicht mehr.

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