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Nuttli 2002 im Bahn-Training in Genf. Heute lebt er zurückgezogen und mag nicht mehr über sich und die Vergangenheit reden.
Nuttli 2002 im Bahn-Training in Genf. Heute lebt er zurückgezogen und mag nicht mehr über sich und die Vergangenheit reden.
Bild: KEYSTONE

Jean Nuttli strampelt um sein Leben, bis er tot ist

Jean Nuttli wog einmal 125 Kilogramm, dann trainierte er jeden Tag sechs Stunden auf dem Heimtrainer. Ein Jahr später war er Radprofi. Heute ist Nuttli 46-jährig und trainiert noch immer wie damals. Weil er nicht mehr aufhören darf.
19.05.2020, 10:2320.05.2020, 10:31
Simon Häring / CH Media

Das Leben hat Jean Nuttli nicht mehr viel zu bieten. Er zählt Kalorien und macht Sport. Bis zu sechs Stunden trainiert er täglich auf einer Rolle, die auch ein Sinnbild ist: Jean Nuttli kommt nicht vom Fleck. Es ist ein Treten an Ort.

Man sieht es ihm nicht an, aber der hagere Mann, das Gesicht kantig, 65 Kilogramm leicht, gilt als krankhaft übergewichtig. Zu diesem Schluss kommt der Stoffwechselexperte Fritz Horber 2006 in einem Film des «Schweizer Fernsehens», der Nuttlis Leidensweg dokumentiert.

Er zeigt auch, wie Nuttli damals in seinem Kinderzimmer in Kriens trainiert: 500 Liegestützen, 2000 Rumpfbeugen, und das noch vor dem Morgenessen. Wobei: Schon damals isst Nuttli kaum mehr. Seit über zwei Jahrzehnten ist er auf Diät, er isst keine Kohlenhydrate, keine Teigwaren, kein Brot, keine Kartoffeln, auch Zucker nimmt er keinen zu sich.

Knallharte Diät und nur noch 500 Kalorien pro Tag

Jean Nuttli, geboren am 2. Januar 1974, ist ein hyperaktives Kind, hat ADHS. Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Das Lernen fällt ihm schwer, er besucht eine Sonderschule. Fährt als Junior für den Veloclub Rothenburg, hört mit 19 Jahren auf. Er wird Lehrling bei Ford Willy, Autolackierer, quält sich durch die Berufsschule, und wird immer dicker, in manchen Wochen nimmt er vier Kilogramm zu. Am Ende erträgt er den eigenen Anblick nicht mehr.

Nach der Lehre arbeitet er im Betrieb des Vaters, Autospritzwerk Nuttli AG in Kriens. Die Mutter, die sein Leiden sieht, schenkt ihm ein Rad aus Karbon, 14'000 Franken teuer, die Gabel verbiegt sich, als Jean Nuttli in Pfaffnau, Kanton Luzern, ein Abendrennen bestreitet, die Zuschauer lachen ihn aus, als er vom Fahrrad steigt und es bergauf schiebt.

Mittendrin: Nuttli (Zweiter von links) mit Laurent Dufaux (links), dem Schweizer Meister Alexandre Moos und Ex-Weltmeister Oscar Camenzind.
Mittendrin: Nuttli (Zweiter von links) mit Laurent Dufaux (links), dem Schweizer Meister Alexandre Moos und Ex-Weltmeister Oscar Camenzind.
Bild: KEYSTONE

Am 1. August 1996 wiegt Jean Nuttli satte 125 Kilogramm. An diesem Tag beschliesst er, sein Leben zu ändern. In einem Zimmer unter dem Dach stellt er sein altes Rennrad auf Rollen, auf einen so genannten Ergometer, und beginnt zu strampeln. Eine Stunde am Tag. Dann zwei. Dann drei. Dann vier. Dann fünf.

Den starren Blick auf die Anzeige am Lenker gerichtet, Puls, Geschwindigkeit, Widerstand, stundenlang, acht Stunden lang, er schaut nicht aus dem Fenster, nicht an die Wand, an der die Bilder von Chris Boardman und Miguel Indurain hängen, er strampelt, tritt und schwitzt, bis das Rad rostet, der Lenker bricht, die Rolle verbraucht ist. Und er verschreibt sich eine Diät. Nimmt pro Tag 500 Kalorien zu sich. Jean Nuttli wird zu einer Art Pionier des Heimtrainings. An Weihnachten hat er es geschafft. 56 Kilos sind weg.

Kampf für Epo und Gedanken an Suizid

Nuttli erhält beim Radteam Phonak einen Vertrag. Wird 2000 bei den Schweizer Meisterschaften im Zeitfahren Dritter. Wird als Amateur unter Profis bei den Weltmeisterschaften in Plouay Elfter, obwohl er kurz vor dem Ziel dem Motorrad hinterherfährt, die Strecke verlässt und dabei 30 Sekunden verliert.

Nuttli ist eine Sensation in einem Sport, der zu dieser Zeit positive Geschichten braucht. Doch das Märchen endet in einem Albtraum. Mehrfach versucht Nuttli, den Stundenweltrekord zu brechen. Nach einem missglückten Versuch ruft er seine Mutter vom Flughafen Lyon aus an, er schreit und weint und zittert, sagt, er mache sich kalt. Zurück bei den Eltern in Kriens liest er im «Blick»: «Nuttli hat ausgeträumt – spritzt er wieder Autos?» Er liest: «Sein Paradies bleibt der Keller, wo er kraftvoll wie ein Ackergaul den Hometrainer malträtieren kann.»

Nuttli (im Phonak-Dress) bei Paris–Nizza.
Nuttli (im Phonak-Dress) bei Paris–Nizza.
Bild: AP

Doch die Wahrheit ist eine andere: Jean Nuttli, dieser kraftvolle Athlet, ist krank. Diät und Training haben seinen Körper ausgezehrt. Kohlenhydrate werden von seinem Körper direkt in Fett umgewandelt. Die Folge: Isst er wie seine Kollegen, bringt er am Tag darauf 3 Kilogramm mehr auf die Waage. Die Leber ist geschädigt, der Hämatokritwert, der Anteil roter Blutkörperchen, liegt bei bei 35, normal wären 47. Nuttli sagte damals: «Ich habe das Potenzial, um Weltmeister zu werden. Ich kann es aber nicht ausnützen. Ich habe ein Auto mit 600 PS, bei einer Geschwindigkeit von 200 riegelt es aber automatisch ab.»

Der einzige Ausweg wäre die Einnahme von Epo, doch dieses steht auf der Dopingliste. Sein Kampf für ein Rezept bleibt aussichtslos. Nuttli isoliert sich, wird zum Aussenseiter, erhält eine Beiständin, sucht Hilfe bei Ärzten, fährt für kleinere Teams. Alles vergeblich. Er wird auch psychisch krank. Er denkt an Suizid. Denn wer keine Kohlenhydrate zu sich nimmt, dem fehlt es an Serotonin.

Ein Leben in der Abgeschiedenheit

2008 beendete Jean Nuttli seine Karriere. Er ist längst in Vergessenheit geraten. Und doch führt er noch immer ein Leben wie ein Spitzensportler, ohne ein Spitzensportler zu sein. Strampelt täglich mehrere Stunden auf dem Ergometer. Jeden Morgen macht er 1000 Liegestütze und 2500 Rumpfbeugen. Hält strenge Diät. Das sagte Nuttli 2009, als er letztmals über sich und sein Leben redete, damals, als er den Journalisten Daniel Leu empfing. Seither überlässt er das Reden seinem einstigen Manager, Jean-Jacques Loup.

Die Lunge hat ein Volumen von 9 Litern, drei Mal mehr als normal, der Herzmuskel ist vier Mal so gross wie normal. Sein Körper ist übertrainiert. Und deshalb darf er nicht aufhören zu trainieren. «Das brächte mich um», sagte Nuttli, und: «Ich will nie mehr dick sein. Lieber sterbe ich.» Er ist gefangen in einem Teufelskreis.

Seinen inneren Frieden hat Jean Nuttli im Weiler Obermad bei Gadmen im Berner Oberland gefunden, im letzten Dorf vor dem Sustenpass im Haslital. Er lebt von einer Invalidenrente, dazu kommt ein kleiner Betrag aus einer Lebensversicherung. Er ernährt sich von einem eiweisshaltigen Spezialpulver, Thon und Gemüse.

Nuttli besitzt kein Auto, keinen Computer, Ferien braucht er nicht. Im Sommer hackt er Holz, im Winter schaufelt er Schnee und besteigt Berggipfel. Es ist ein Leben in Armut, doch es macht Nuttli glücklich. Sein Kampf gegen die Kilos geht weiter, «bis ich tot vom Hometrainer falle», zitiert ihn die «L’Equipe». Jean Nuttli hatte oft Pech im Spiel des Lebens. Doch glaubt man der französischen Sportzeitung, hat der tragische Pionier immerhin sein Glück in der Liebe gefunden.

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