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Bild: SRF
«Tatort» Bremen

Draussen in Vegesack

Etwas absurd: Der Bremer «Tatort: Alle meine Jungs» wäre gern eine männertough-mafiöse Geschichte, erzählt aber ein sozialistisches Märchen in der Müllbranche, das er selbst wiederum nur schlecht macht.
18.05.2014, 21:4719.05.2014, 14:19
matthias dell

«So oder so ist das Leben», singt Hildegard Knef am Ende des «Tatort: Alle meine Jungs». Eine schöne Interpretation eines Liedes, das für eine gewisse Zufriedenheit mit dem Gange der menschlichen Dinge im Ganzen wirbt. Wie es diesen Song ans Ende des Bremer «Tatort» verschlagen hat (Musik: Jakob Grunert), ist derweil rätselhaft. 

Die einfachste Erklärung: Dieser «Tatort» empfindet sich als «so oder so». Wobei damit nicht der Glaube an das Walten einer übergeordneten Macht wie Schicksal oder Politik gemeint wäre, sondern die Ratlosigkeit der Macher (RB-Redaktion: Annette Strelow) darüber, wovon die krude Geschichte von «Alle meine Jungs» nun handelt (Buch: Boris Dennulat, Mathias Tuchmann, Erol Yesilkaya). 

Für die geneigten Sonntagabendkrimigucker mag das ganze Bild womöglich irrelevant sein, solange es Figuren, Tote und Ermittlung gibt, die so angeordnet sind, dass man bei Pinkel- oder Raucherpausen nicht das Gefühl hat, wichtige Informationen zu verpassen. Aber ein wenig kann man doch verwundert sein ob der Story – schon weil es nach den Regeln der Vernunft einfacher wäre, eine plausible Geschichte zu erzählen, als sich etwas auszudenken, was hinten und vorne nicht zusammenpasst. 

«Alle meine Jungs» will von krummen Geschäften und dicken Freundschaften, von Korruption und Mackertum handeln. Der Bösewicht «Papa» – mit Roeland Wiesnekker wenig überraschend besetzt, aber das ist fast ein Pluspunkt – pflegt ein paar Marotten, wie man sie aus Filmen mit richtigen Bösewichtern kennt: Er residiert nicht im Büro, sondern in einem dubiosen (chinesischen) Restaurant, und er pflegt auf eine Art zu speisen, die unbedingt als «genüsslich» beschrieben werden will. 

Dass es sich dabei um eine Standardmahlzeit handelt, die in Assiette und Plastiktüte aufs Polizeirevier geschleppt wird, bezeichnet schon die Differenz zu Anthony Hopkins' Hannibal Lecter oder Christoph Waltz' Hans Landa: Wo der Bösewicht als teuflischer Gourmet charakterisiert werden soll, serviert dieser «Tatort» die glutamatgepamperte Nr. 37 mit Reis. Wie immer, wenn das grosse, weite Kino als Westentaschenversion im deutschen Fernsehen vorkommt, fragt man sich, ob keinem auffällt (Regie: Florian Baxmeyer), dass es vielleicht nicht so armselig wäre, nach einem eigenen Ausdruck zu suchen.

Die «Papa»-Figur soll ein Mafioso sein. Ist aber ein Sozialarbeiter, der an der Resozialisierung von entlassenen Häftlingen arbeitet, die er in dem Abfallunternehmen seines Studienfreundes Abel (Patrick von Blume) unterbringt. Die Arbeiter verdienen dort ordentlich und bilden zudem eine Form von Gemeinschaft aus (sie wohnen alle in einer Nachbarschaft, helfen sich gegenseitig), die zur verbreiteten Vorstellung einer atomisierten Gesellschaft nicht passen will. Und wenn Sie jetzt fragen, was daran ein Problem ist – der «Tatort» weiss es auch nicht. Würde sich «Papa» nicht wie ein Bösewicht aufführen, «Alle meine Jungs» könnte das schönste Sozialismusmärchen sein, das am Sonntagabend um 20.15 Uhr in der ARD seit 1990 gezeigt worden ist. 

Zumal Abel und «Papa» auch noch an einem Sozialpaket für die Müllarbeiter basteln, das ebenfalls allem entgegensteht, was man in den Nachrichten heute so hört (dass es nicht für alle reicht, der Gürtel enger geschnallt werden muss). Und das Allertollste an diesem Paket, dem sogenannten «Bremer Modell» ist nun, dass die entstehenden Kosten vom Gewinn eines Geschäftspartners abgehen sollen – dem des Müllheizkraftwerkbetreibers Vossler (Bernd Stegemann). 

Hat man so was schon gesehen in dieser hartherzigen Zeit? Gut, vielleicht ist die Idee, dass man die Vorteile für die eigenen Angestellten so offen – und öffentlich – in Verhandlungen artikuliert, ein wenig naiv. Man würde doch meinen, dass man nicht mit derart offenen Karten, sondern mit krassen Druckmitteln den Vertragspartner bearbeiten würde. 

Irgendwie scheinen Vossler und Abel/«Papa» zudem auf kriminelle Weise miteinander verbandelt zu sein. Der Clou des Geschäftsmodells hat sich – uns zumindest – nur leider nicht mitgeteilt, als Symanek (der grosse Hendrik Arnst) von Müllabfuhr und Heizkraftwerk erzählt (Dabei könnte eine Beschreibung dieses Systems, in dem bestimmt Spielraum für kriminelle Energie zu finden wäre, durchaus spannend sein). 

Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) muss geahnt haben, dass Symaneks Erklärung keine Pointe hat, weshalb er, obwohl Ermittler, den vom Zeugen angedeuteten Hintergründen der Schweinerei von Anfang an desinteressiert begegnet. Das grösste Opfer – und, nebenbei, nicht zu unterschätzende Hilfe für Tante Lürsen (Sabine Postel) und Co. – bringt aber immer noch der mafiöse «Papa», der sich am Ende durch Mailversand von belastendem Material selbst ins Gefängnis einliefert. Warum? Irgendwie musste der Film ja zu einem Ende kommen. 

Der allergrösste Witz ist dann aber der: Obwohl der Film die ganze Zeit von einer Angestelltenwelt erzählt, von deren Bedingungen keiner mehr zu träumen wagt, wird ausgerechnet das doch eigentlich schätzenswerte Projekt einer Resozialisierung (Quote von 94 Prozent, wie der auskunftsfreudige «Papa»-Kollege sagt) von Tante Lürsen und Kollegen permanent schlecht gemacht. Was will man denn mehr als Ex-Häftlinge, die eine Arbeit finden, eine Gemeinschaft, den Weg zurück in die Gesellschaft – wieso muss sich darüber dauernd mokiert werden, als handele es sich um Verbrecher, die ihre Strafe noch nicht abgesessen haben? 

Die Sonntagabendkrimi-Saison 2013/14 geht allmählich zu Ende (es folgt noch eine Stuttgarter Folge am Pfingstmontag und ein Münchner Polizeiruf Anfang Juli). «Alle meine Jungs» führt vor Augen, dass es sich bei der «Tatort»-Reihe eher um einen Ligabetrieb handelt und nicht um den Pokalmodus, in dem die letzten Spiele die spannendsten sind. 

«Alle meine Jungs» ist eine Folge voller widerstrebender Motivationen. Eigentlich soll eine toughe Kinostory gebacken werden, dummerweise hat man aber die falschen Zutaten eingekauft. Ein trostloses Textaufgesage (bei dem Konflikt, den Tante Lürsen mit ihrer Tochter haben soll, schämt man sich), dessen Macher durch die nachgesungenen Pop-Songs aber unbedingt zeigen wollen, dass sie im Kino schon mal einen Film von Quentin Tarantino gesehen haben.

Wenn das Leben so oder so ist, hier ist es eindeutig: so.

Ein Dialogsatz, der originell ist: «Hammel konnte nicht die Finger vom Frischfleisch lassen, alte Ludenkrankheit.»

Noch ein Dialogsatz, der originell ist: «Immer dieses Misstrauen, alte Polizistenkrankheit.»

Ein Hinweis, der im Ukraine-Konflikt nicht fehl am Platze wäre: «Das kann man doch anders regeln.»

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