Ukraine
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Rebellengruppe hält Übermacht stand

Kampf um Donezk: Raketenwerfer zwischen Sonnenblumen 

Menschen in Makejewka flüchten vor mörderischen Strassenkämpfen in ihre Keller.  Bild: EPA/EPA

Die Schlacht um Donezk wird immer erbitterter geführt. Die Separatisten sprechen vom «totalen Krieg», Kiew von der bevorstehenden Wende. Allein, in welche Richtung? 

Christian Neef, Donezk / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Es sind die Bilder, die ihre eigene Wirkung entfalten. Nicht nur im Nordirak, auch hier in Donezk. Seit knapp drei Tagen gibt es in der einstigen Millionenstadt kein Wasser mehr, aber auf dem zentralen Lenin-Platz sprudelt auf wundersame Weise noch die grosse Fontäne. Die Menschen eilen dorthin. Sie steigen ins Bassin, füllen ihre mitgebrachten Eimer und tragen das wertvolle Wasser dann vorsichtig nach Hause. 

Währenddessen stehen anderswo lange Menschenschlangen am Strassenrand. Sie haben leere Gefässe in der Hand und warten auf Wasserwagen, die die Stiftung des Donezker Milliardärs Rinat Achmetow versprochen hat. Es sind Bilder, wie wir sie aus Berlin im Mai 1945 kennen. Nur die Kulisse ist eine andere: Die Häuser in Donezk sind bislang noch einigermassen heil. 

Zum Autor 

Christian Neef, 62, schreibt seit 23 Jahren beim SPIEGEL über die Entwicklungen in Russland, der Ukraine und den anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Er war 13 Jahre lang Korrespondent in Moskau, wo er auch jetzt wieder lebt. 

«Diese Banditen haben Donezk in ein Ghetto verwandelt»

Noch. Denn während die Donezker auf Wasser warten, schiessen Rebellen am Dienstagnachmittag nur ein paar Häuserviertel weiter Raketen aus der Stadt heraus, es knallt ohrenbetäubend. Ob die Geschosse wirklich bei den Ukrainern niedergehen oder nicht doch in den Aussenvierteln der eigenen Stadt – wer weiss das? Kurz darauf werden Einschläge in der Bahnhofsgegend gemeldet. «Diese Banditen haben Donezk in ein Ghetto verwandelt», schreibt jemand auf der Donezker Webseite «62.ua». 

Der Krieg ist hier ganz konkret, aber manchmal wirkt er auch surreal. Zum Beispiel, wenn man aus der Stadt hinausfährt. Ich habe noch nie so viele Felder mit blühenden Sonnenblumen gesehen wie rund um Donezk, die Ukrainer brauchen sie fürs Öl. Und auch das Getreide steht gut – obwohl es längst abgeerntet sein müsste. 

Aber die Bauern können nicht auf ihre Felder, denn mitten in den Sonnenblumen, mitten im Weizen stehen jetzt die schweren Waffen der Kriegsparteien: Raketenwerfer, Artillerie, Mörser. Die Ernte im Osten der Ukraine ist unwiederbringlich verloren. Ein Glück für das Land, dass der Osten nur einen geringen Teil zum Gesamtergebnis beiträgt, insgesamt wird es wie 2013 wieder eine Rekordernte geben: Die Ukraine war im letzten Handelsjahr hinter den USA der weltweit grösste Getreideexporteur, sie ist kein unbedeutendes Land, das sollten wir nicht vergessen. 

Verwirrende Meldungen: Rücken Ukrainer oder Separatisten vor? 

Aber das alles zählt jetzt in Donezk nicht, denn die Kämpfe zwischen den Rebellen und der ukrainischen Armee sind in den letzten beiden Tagen unglaublich heftig und blutig geworden. Die Behörden teilen am Mittwoch mit, dass bei Gefechten in der Region in den letzten 24 Stunden mindestens 34 Zivilisten getötet worden sein sollen. Marinka im Westen, Jassinowataja im Norden, Ilowajsk und Makejewka im Osten – all diese Städte vor Donezk waren von Kiew bereits als eingenommen gemeldet worden. Nun sind sie wieder in der Hand der Rebellen oder zumindest weiter umkämpft. 

TOPSHOTS
A Ukrainian army tank sits in position in a sunflowers field near the village of Maryinka, a suburb of Donetsk in eastern Ukraine, on August 5, 2014. Terrified residents on August 5 fled the besieged rebel bastion of Donetsk in eastern Ukraine along a perilous humanitarian corridor, as government forces pushed their offensive to the outskirts of the city.   AFP PHOTO / ANDREY KRASNOSCHEKOV

Ukrainischer Panzer inmitten eines Sonnenflumenfeldes bei Makejewka. Bild: AFP

Ich wollte versuchen, nach Ilowajsk durchzukommen. Dort stand das ukrainische Freiwilligen-Bataillon «Donbass» mit seinem berühmtem Kommandeur Semjon Sementschenko, einem ehemaligen Leutnant der Kriegsflotte. Aber in Ilowajsk ist seit Dienstag der Teufel los. Sementschenko wurde durch Splitter schwer verwundet und mit dem Hubschrauber ins 250 Kilometer entfernte Dnepropetrowsk ausgeflogen. 

Ilowajsk ist eine Stadt mit 16.000 Einwohnern und ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Die ukrainische Armee hatte bereits am 10. August versucht, Ilowajsk zu stürmen, vergeblich. Damals fiel dort der Mann der bekannten Maidan-Aktivistin Tatjana Tschernowol, was in Kiew viel Anteilnahme auslöste. In der Nacht zu Dienstag begann nun der nächste Angriff. Noch vor seiner Verwundung meldete Sementschenko über Facebook, seine Männer hätten bis 5 Uhr früh zwei Drittel der Stadt besetzt, sie sei umzingelt. Die Separatisten behaupteten zur gleichen Zeit, sie hätten Ilowajsk weiter in ihrer Hand, der Gegner habe 80 Mann verloren, sie seien tot oder verwundet, dazu 42 Fahrzeuge oder Geschütze. 

Mörderischer Strassenkampf in Donezk

Die Ukrainer hatten grosse Kräfte gegen die Stadt geworfen: Teile der Bataillone «Dnepr», «Asow» und «Schachtjorsk» sowie Kräfte des «Rechten Sektors», dazu Soldaten der 51. Panzerbrigade. Sie griffen die selbst ernannte Volkswehr von der Seite her an, in diesem Moment drang von der entgegengesetzten Richtung her das Donbass-Bataillon in die Stadt ein. Sementschenko schaffte es noch, den Einwohnern klarzumachen, sie sollten in den Kellern bleiben, dann entbrannte ein mörderischer Strassenkampf. 

Von einem «Fleischwolf», einer «Metzelei» sprach einer der Kämpfer: Es hagelte Raketen und Granaten, Panzerschüsse, Gewehrfeuer und die Schüsse von Snipern wechselten sich ab. Noch spät am Dienstagabend zog sich das Donbass-Bataillon wieder zurück, es meldete «grosse Verluste». Auch die anderen Einheiten der Ukrainer zogen ab. Am Mittwochmorgen führte die Armee wieder Verstärkung heran – am späten Vormittag wurde erneut in der Stadt gekämpft. Ausgang: ungewiss. 

Ilowajsk ist nur ein Beispiel für das, was sich derzeit rund um Donezk abspielt. Es scheint, als häuften sich die Hiobsbotschaften für die Ukrainer: Bei Saur-Mogila, der Gegend, wo die malaysische Boeing abgestürzt ist, soll Kiews 30. motorisierte Brigade aufgerieben worden sein. Und angeblich haben die Rebellen eine Marschkolonne der 25. Luftlandebrigade beschossen – dort soll es zwölf Tote gegeben haben. 

Hier hält eine Rebellentruppe einer Übermacht stand

Andrej Purgin, der Vize-Premier der Donezker Separatistenrepublik, sprach vom «totalem Krieg«, der jetzt tobe. Die bisherigen Gesamt-Verluste in den eigenen Reihen bezifferte er mit «2000 bis 3000 Mann», die beim Gegner mit «wahrscheinlich bis zu 10.000 Mann». Diese Zahlen werden so nicht stimmen. Vielleicht auch eine andere nicht, die die Rebellen nennen: Demnach hätte die Volkswehr etwa 18.000 Mann unter Waffen. Diese würden dann etwa 52.000 Ukrainern gegenüberstehen. Aber egal, wie das wirkliche Verhältnis ist – eines ist offensichtlich: Hier hält eine Rebellentruppe einer Übermacht stand. Ohne Unterstützung von aussen würde das nie gelingen. 

Kiew ist mit seinen Prognosen deshalb auch vorsichtiger geworden: Von der bevorstehenden Einnahme der Stadt Donezk ist nicht mehr die Rede. Der Krieg soll nun, so ein Sprecher, in den «nächsten zwei Wochen» eine Wende erfahren. Aber welche? Die unübersichtliche militärische Lage dürfte einer der Gründe sein, dass sich die Ukraine wieder auf Kontakte mit Moskau und sogar auf ein Treffen Petro Poroschenkos mit dem russischen Präsidenten eingelassen hat. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 20.08.2014 22:51
    Highlight Highlight Das Problem Kiews besteht nicht in russischen Waffenlieferungen an die Separatisten, sondern darin, dass die Regierung ihre Landsleute im Osten glaubt mit Kugeln im Kopf überzeugen zu müssen. Über den Erfolg derartiger Konzepte geben einige Desaster der Vergangenheit Auskunft.
    Das braucht Kiew aber nicht zu kümmern. Brüssel möchte diesen Staat in der EU haben und ist bereit, Hunderte Mrd in dieses Fass ohne Boden zu pumpen.Beste Voraussetzungen, dass der Wunsch Kiews nach mehr Waffen auch erfüllt wird.Gemeinsame Manöver stehen ohnehin schon auf der Tagesordnung.Soviel zum Thema Deeskalation!

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