Schweiz
Analyse

Mehrwertsteuer-Erhöhung für Armee und AHV: Jemand muss bezahlen

Bundesrat Martin Pfister, hinter, lacht neben Benedikt Roos, Korpskommandant und Chef der Armee (CdA), rechts, kurz vor einer Medienkonferenz ueber die Staerkung der Sicherheit und Verteidigung der Sc ...
Martin Pfister und Armeechef Benedikt Roos (r.) freuten sich über den Mehrwertsteuer-Entscheid, doch das Volk spielt nicht mit.Bild: keystone
Analyse

Unbeliebte Mehrwertsteuer – doch jemand muss zahlen

Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für die 13. AHV-Rente und die Armee wird in einer Umfrage deutlich abgelehnt. Diese Haltung ist ebenso verständlich wie kurzsichtig.
11.02.2026, 21:0411.02.2026, 21:11

Martin Pfister bezeichnete sich vor zwei Wochen vor den Medien als «glücklichen Verteidigungsminister». Das war verständlich, denn dem Zuger Mitte-Bundesrat gelang, woran seine glücklose Vorgängerin Viola Amherd gescheitert war: Er überzeugte den Gesamtbundesrat davon, die Aufrüstung der Armee mit Mehreinnahmen zu finanzieren.

Eine «befristete» Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,8 Prozent soll 31 Milliarden Franken einbringen. Aus dem gleichen Topf soll auch die 13. AHV-Rente finanziert werden, die im Dezember erstmals ausbezahlt wird. SP-Sozialministerin Elisabeth Baume-Schneider schlägt eine Erhöhung um 0,7 Prozent vor. Die Vorlage ist derzeit im Parlament hängig.

Une illustration pour la hausse des primes d'assurance-maladie, montre le communique de la Confederation qui annonce une augmentation des primes pour l'annee 2025 le jeudi 26 septembre 2024  ...
Mit steigenden Mieten und Krankenkassenprämien schwindet die Zustimmung zu höheren Steuern.Bild: keystone

Die Mehrwertsteuer als finanzpolitisches «Allheilmittel»? Lange hat es funktioniert, besonders bei den Sozialwerken. Nun aber scheint der Wind gedreht zu haben. Darauf deutet eine am Dienstag veröffentlichte repräsentative Umfrage des Instituts Sotomo im Auftrag des «Blick» hin. Demnach hat es eine höhere Mehrwertsteuer sehr schwer.

Das Portemonnaie entscheidet

Satte 76 Prozent sind tendenziell gegen eine Anhebung für die Armee. Und selbst die geradezu sakrosankte AHV ist unter Druck: 66 Prozent wollen die Zusatzrente nicht via Mehrwertsteuer finanzieren. «Es hat sich etwas verändert», sagte Sotomo-Chef Michael Hermann dem «Blick». Den Hauptgrund verortet der Politgeograf im Portemonnaie.

Höhere Mieten oder steigende Krankenkassenprämien sorgten für eine Abwehrhaltung. Je tiefer das Einkommen, umso kritischer sind die Befragten gegenüber einer Mehrwertsteuer-Erhöhung eingestellt, besagt die Umfrage. Das trifft nicht zuletzt auf den unteren Mittelstand zu, der vielfach keine Prämienverbilligungen erhält.

Das Leben wird auch in der ohnehin teuren Schweiz immer teurer. Der Widerwille gegen eine höhere Konsumsteuer ist deshalb zu einem gewissen Grad verständlich, doch er ist auch kurzsichtig. Denn irgendwoher muss das Geld kommen. Und die Erschliessung alternativer Finanzierungsquellen ist wieder einmal einfacher gesagt als getan.

AHV

Ja Parole der Gewerkschaft stehen an einer Wand im Vorfeld des Abstimmungsergebnisses zur 13. AHV Rente Initiative, am Sonntag, 3. Maerz 2024, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider).
Vor zwei Jahren sagte das Stimmvolk Ja zur 13. AHV-Rente, doch mit der Finanzierung tut es sich schwer.Bild: keystone

Bei der Altersvorsorge geht es, wie erwähnt, um die Finanzierung der 13. Rente. Diese hat das Stimmvolk vor zwei Jahren deutlich angenommen. Die Weigerung, dafür das nötige Geld zu bewilligen, hat deshalb einen Beigeschmack von Zechprellerei. Man bestellt zum Menü ein üppiges Dessert und ist nicht bereit, dafür zu bezahlen.

Alternativen zur Mehrwertsteuer sind schwierig, das hat selbst das Parlament im Grundsatz erkannt. Höhere Lohnabzüge sind ebenfalls unpopulär, und eine Senkung der AHV-Renten ist undenkbar. Es bleibt ein höheres Rentenalter, wie es der «Tages-Anzeiger» in einem Beitrag mit polemischer Schlagseite («Die Alten bringen den Staat in Schieflage») fordert.

Im zugehörigen Kommentar nimmt der Autor die Linke in die Pflicht. Sie solle «einsehen», dass das Rentenalter rauf müsse. Seine Argumente sind nicht falsch, doch er blendet den springenden Punkt aus: Jede Erhöhung kommt praktisch zwingend vors Stimmvolk. Dieses hat ebenfalls 2024 eine Volksinitiative für ein höheres Rentenalter klar abgelehnt.

In Umfragen zeigt sich ein differenzierteres Bild. Die Bevölkerung ist nicht grundsätzlich dagegen, länger zu arbeiten. Doch es gibt zwei hohe psychologische Hürden. Zum einen ist es der simple Wunsch, möglichst früh in Pension zu gehen und den «Lebensabend» zu geniessen. Fast noch wichtiger aber ist die Angst vor Arbeitslosigkeit im Alter.

Solange in den Medien Menschen über 55 porträtiert werden, die fit und motiviert sind und trotzdem keinen neuen Job finden (zuletzt im Kontext des IT-Fiaskos bei der Arbeitslosenversicherung), wirkt ein höheres Rentenalter abschreckend. Ändern wird sich dies erst, wenn die Firmen ihre Vorurteile gegenüber älteren Arbeitnehmenden ablegen.

Der einzige gangbare Weg ist deshalb der Vorschlag von Bundesrätin Baume-Schneider, die Menschen mit Anreizen zu längerem Arbeiten zu motivieren. Das sehen selbst die Wirtschaftsverbände ein. Und eine höhere Mehrwertsteuer dürfte am Ende trotzdem beim Stimmvolk durchkommen, denn die 13. AHV-Rente bezahlt sich nicht von selbst.

Armee

Die AHV geniesst grösste Beliebtheit. Das lässt sich von der Armee kaum behaupten. Dies zeigt die «Blick»-Umfrage bei alternativen Finanzierungsformen. 42 Prozent sind für Einsparungen in anderen Aufgabenbereichen (womit sich das Parlament sehr schwertut). Doch 28 Prozent finden, das Armeebudget solle gar nicht erhöht werden.

Der «Ukraine-Schock» scheint vier Jahre nach dem russischen Überfall zu schwinden. Warum auch nicht? Die Schweiz ist von Freunden umringt, die ihrerseits aufrüsten, und die Russen stecken im Krieg fest. Offenbar ignorieren viele dabei Putins «Kälteterror» gegen die ukrainische Zivilbevölkerung. Genau dies ist auch aus Schweizer Sicht das Problem.

epa10368251 People shelter in a subway station during a air raid alert in downtown Kyiv (Kiev), Ukraine, 16 December 2022. A wave of Russian missile attacks on 16 December targeted the Ukrainian capit ...
Wladimir Putin lässt die Menschen in der Ukraine frieren. Auch der Schweizer Luftraum ist praktisch ungeschützt.Bild: keystone

Unser Luftraum ist nicht löchrig wie der sprichwörtliche Emmentaler, er ist ein einziges Loch. Die Luftverteidigung hat für Verteidigungsminister Pfister deshalb höchste Priorität, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Er will Systeme zur Drohnen- und Flugabwehr kaufen und dafür schon im Voraus viel Geld hinblättern. Denn die Auftragsbücher der Rüstungsindustrie sind randvoll.

Handlungsbedarf gibt es auch in anderen Bereichen. Das zeigte sich am Dienstag, als die Armee alle Schützenpanzer M113 wegen technischer Mängel stilllegte. Sie stammen teilweise aus den 1960er-Jahren. Polemisch könnte man behaupten, dass die seit dem Ende des Kalten Kriegs zusammengesparte Schweizer Armee teilweise nur noch Schrottwert hat.

Ein verführerischer Ausweg wäre, wenn sich die Schweiz hinter der NATO «verstecken» würde. Deren Mitglieder rüsten unter grossen finanziellen Opfern auf. Die Vorstellung, ausgerechnet die reiche Schweiz könne sich als Trittbrettfahrerin betätigen, ist jedoch abenteuerlich. Ihr Vorgehen bei der Verteidigung wird im Ausland durchaus kritisch verfolgt.

Es könnte sein, dass die Schweiz irgendwann eine Rechnung erhält, von der NATO oder einzelnen Ländern. Mehr Geld ist notwendig, auch wenn viele das lieber nicht wahrhaben möchten. Eine reine Finanzierung über die Mehrwertsteuer aber könnte es tatsächlich schwer haben. In der Politik kursieren deshalb verschiedene alternative Vorschläge.

Ein Dauerbrenner ist die Kürzung der Entwicklungshilfe (eine in mehrfacher Hinsicht problematische Idee). FDP-Ständerat Josef Dittli schlägt die Verwendung von Gewinnen der Nationalbank und den Verkauf von Swisscom-Aktien vor. Auch eine Lockerung der Schuldenbremse, mit der Viola Amherd auf Granit gebissen hatte, wird nicht mehr ausgeschlossen.

Der realistische Weg ist ein Mix aus Einsparungen und Mehreinnahmen, den Pfisters Parteikollege Martin Candinas gegenüber watson skizzierte. Eine Mehrheit für eine höhere Mehrwertsteuer in der zwingend notwendigen Volksabstimmung zu finden, erachtet auch der Bündner Nationalrat als schwierig. Aber klar ist auch in diesem Fall: Jemand muss zahlen.

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Leutnant Theodor Real und Adjutant Unteroffizier René Grandjean in einer Blériot XI auf der Berner Allmend im August 1914.
quelle: jacques keller, museum für kommunikation, bern, (fff_65725)
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Die beliebtesten Kommentare
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Xicotencatl Axayacatl
11.02.2026 21:29registriert August 2024
„„Jemand““ muss zahlen, ja. Wer wohl…?

Warum verschweigt dieser „Artikel“ mal wieder den Elefanten im Raum? Geld ist genug da. Besteuert den Geldadel, Gopf nomol! Es muss ja nicht gleich eine Enteignung sein, wenige Prozente auf Vermögen oder Erbschaften ab einem gewissen Betrag würde schon vieles richten. Warum kein Wort darüber? Warum muss das Fussvolk wieder die Zeche zahlen?!
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Hans G. Muster
11.02.2026 21:31registriert Januar 2024
lasst die reichen bezahlen und firmen.. besteuert finanztransaktionen, devisen… das sind wesentlich grössere hebel..
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wurzeli
11.02.2026 21:24registriert April 2020
Dass wir künftig mehr stemmen müssen, klar - Einsparungen und Mehreinnahmen, klar. Aber: Ist denn die MWSt die einzige Quelle für Mehreinnshmen oder wie wäre es denn bei Vermögenssteuern, Untermehmenssteuern zu suchen, warum sind solche Vorschläge nicht gleichberechtigt auf dem Tisch ?
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«Das Projekt Mehrwertsteuer ist schon gestorben» – Finanzierung der Armee sorgt für Ärger
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Auf dem Kassenzettel wirkt sie klein, im Bundesbudget ist sie gewaltig: die Mehrwertsteuer. Der Bund nimmt damit pro Jahr rund 25 Milliarden Franken ein, grob gerechnet sind das gut 3000 Franken pro Einwohner.
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