Wie die Epstein-Files uns lähmen sollen: Experten wittern «Psychokrieg»
Als das US-Justizministerium Anfang 2026 Millionen Dokumente aus dem Umfeld von Jeffrey Epstein veröffentlichte, wurde das zunächst als historischer Schritt in Sachen Transparenz gefeiert. Doch das Gegenteil ist der Fall, wie wir inzwischen wissen.
Formell wurde ein Versprechen aus dem Präsidentschaftswahlkampf eingelöst, mit dem US-Präsident Donald Trump Wählerinnen und Wähler für sich gewann. Doch in den sogenannten Epstein-Files fehlt jegliche Struktur und Einordnung – und das steht entgegen echter Aufklärung. Stattdessen stapeln sich auf der Website des US-Justizministeriums (DOJ) PDF-Dateien mit kryptischen Namen wie «EFTA01957432.pdf».
Wer verstehen will, was sich dahinter verbirgt, muss jede einzelne Datei manuell durchsuchen. Gleichzeitig wurden hochgeladene Dokumente vereinzelt kommentarlos gelöscht und später wieder eingestellt, etwa ein Foto mit Donald Trump. Andere wurden merkwürdig geschwärzt, darunter Gesichter auf unbedenklichen Bildern.
Die Folge: viel Interpretationsspielraum und Verwirrung. Der Eindruck entsteht, dass diese Verwirrung gewollt sein könnte und Expertinnen und Experten untermauern das.
«Reptile Theory»: Im Strafrecht löst sie Verwirrung aus und ist verboten
Die kalifornische Juristin und Prozessanwältin Daphne Delvaux, Gründerin der Kanzlei Delvaux Law, erkennt in dieser Art der Veröffentlichung eine bekannte psychologische Strategie aus dem Gerichtssaal: die «Reptile Theory». In einem viralen Thread auf Threads erklärt sie:
Diese Taktik sei im US-Strafrecht eigentlich verboten. Aus gutem Grund. Das Ziel dahinter: durch psychologische Überforderung Kontrolle zu erlangen, statt mit Fakten zu überzeugen.
Delvaux erklärt, dass Gerichte bei belastendem Material wie Gewalt gegen Kinder mit grösster Vorsicht vorgehen: «Die Richterinnen und Richter steuern, wie und wann etwas gezeigt wird. Es gibt Expertinnen und Experten, die kontextualisieren. Es gibt ein System, das in der Lage ist, diesen Inhalt zu halten.»
Im Fall der Epstein-Files aber sei das Gegenteil passiert:
Trump und Epstein: Wie Chaos systematisch wirkt
Laut Delvaux lassen sich zwei Reaktionen auf dieses Vorgehen beobachten. Beide sind im Sinne denjenigen, die Aufklärung verhindern wollen. Die Erste: «Du tauchst komplett ab, suchst fieberhaft nach der Wahrheit, verlierst dich in Details, bis dich das Thema auffrisst.» Die Zweite: «Du steigst komplett aus, weil es zu viel, zu komplex, zu überwältigend ist.»
In beiden Fällen hätten die Strateginnen und Strategen ihr Ziel erreicht:
Auch Michael Butter, Amerikanist und Verschwörungsforschungsexperte, erkennt in der Veröffentlichungsmethode eine gezielte Taktik. In einem Interview mit der «Zeit» sagt er:
Normalerweise würden Behörden zumindest eine Art Dossier oder Leitfaden mitliefern. Dieser fehlt hier.
Gleichzeitig betont er: «Ich glaube, dass der aktive Täterkreis rund um Epstein relativ klein gewesen sein muss, sonst wäre schon früher etwas durchgesickert.»
Steve Bannon, Desinformation und die Methode der Überflutung
Die Flut aus fragmentierten Informationen folgt einem Muster, das der rechte US-Strategieberater Steve Bannon einmal auf den Punkt brachte:
Bannon, früher Chefstratege von Donald Trump und Mitbegründer der ultrarechten Plattform «Breitbart News», beschrieb damit offen eine politische Taktik: Medien und Öffentlichkeit mit so viel Inhalt zu überladen, dass jede sinnvolle Debatte im Chaos versinkt.
Im Fall Epstein bedeutet die Informationsflut, dass sich die Aufmerksamkeit auf Namen wie Angela Merkel richtet, die in völlig irrelevanten Kontexten in den Akten auftauchen. Bannon sagt hierzu: «Der ganze Skandal nützt Trump aktuell sogar: Es wird so viel (...) veröffentlicht, dass die Weltöffentlichkeit gar nicht weiss, ob sie sich nun über Prince Andrew, Mette-Marit oder Elon Musk empören soll. Trump gerät so aus dem Fokus.»
Epstein-Akten: Expertin spricht von psychologischer Kriegsführung
«Das Nervensystem kann Horror nur verarbeiten, wenn er sequenziert, dosiert und eingeordnet wird», schreibt Delvaux. Sie spricht in diesem Zusammenhang von «psychologischer Guerillakriegführung»: Der Körper werde mit der Gewalt konfrontiert, die nicht von den Institutionen gehalten wird. «Also beginnt dein Körper, das zu verarbeiten, was die Kinder nicht konnten und was diese Männer nie wollten.»
Die Symptome: Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Angst, körperliche Schmerzen. Viele Mütter seien besonders betroffen, so Delvaux, weil ihr Schutzinstinkt getriggert werde. «Du fühlst dich verrückt. Aber du hast eine normale biologische Reaktion auf psychologische Kriegsführung.»
Trotz der angeblich gründlichen Vorarbeit durch über 500 Mitarbeitende des US-Justizministeriums versagte das System genau dort, wo es hätte schützen müssen: bei den Opfern. In den Dokumenten finden sich unzensierte Nacktbilder von Epstein-Opfern. Auch wurden die Namen von mehreren mutmasslichen Betroffenen öffentlich gemacht.
Erst nach Hinweisen wurden manche Inhalte wieder entfernt, mit stundenlanger Verzögerung. Das Ministerium betonte, der Schutz der Opfer sei oberste Priorität gewesen. Doch der Schaden war angerichtet.
Und die Frage bleibt, warum ein derart massiver Datenwust überhaupt öffentlich gemacht wurde, während entscheidende Teile und Namen weiter unter Verschluss bleiben.
Trump in Epstein-Files: Schützt das Justizministerium Täter?
Donald Trump ist einer von den Namen, die vielfach in den Akten auftauchen. Ausgerechnet er, der als amtierender US-Präsident auch politisch verantwortlich für ihre Veröffentlichung ist. Der Epstein Files Transparency Act, den er im November 2025 nach massivem Druck unterzeichnet hat, verpflichtet das Justizministerium zur Offenlegung.
Das Ministerium erklärte offiziell, dass in den Akten enthaltene Vorwürfe gegen Trump «unbegründet und falsch» seien. Zur Wahrheit gehört aber auch: In seiner zweiten Amtszeit hat Trump das US-Justizministerium durch die Ernennung enger Vertrauter und die direkte Einflussnahme auf Ermittlungen tiefgreifend politisiert.
Jamie Raskin, ranghöchstes Mitglied des Justizausschusses im Repräsentantenhaus, wirft dem Justizministerium jetzt Vertuschung vor. Raskin durfte jetzt laut «Guardian» als einer der ersten Abgeordneten ungeschwärzte Dokumente einsehen. Das ging unter strengsten Auflagen vonstatten: an einem geschützten Regierungscomputer, ohne Mitarbeitende.
Was er sah, beschreibt er als «mysteriöse Schwärzungen» von Täternamen. Trumps Name, so Raskin, tauche in den ungeschwärzten Akten «auffallend oft» auf, deutlich häufiger als etwa der des britischen Premierministers Keir Starmer, der international bereits unter Druck geriet.
In einem der Dokumente fand sich laut Raskin ein Bericht über ein Gespräch zwischen Epsteins Anwälten und Trumps Juristenteam im Jahr 2009. Darin wird Trump sinngemäss so zitiert, dass Epstein zwar kein Mitglied seines Mar-a-Lago-Clubs gewesen sei, aber dort ein und aus ging. Er sei nie aufgefordert worden, zu gehen.
Diese Darstellung widerspricht Trumps späterer öffentlicher Aussage, er habe Epstein nach Vorwürfen des Fehlverhaltens ausgeschlossen. Raskin spricht angesichts der Veröffentlichung von «eklatanter Inkompetenz» – oder von «einem bewussten Versuch, Opfer einzuschüchtern».
