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Epstein-Files: Die chaotische Veröffentlichung soll uns lähmen

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Diese prominenten Namen tauchen in den Epstein-Files auf

Donald Trump: Der US-Präsident pflegte jahrelang eine enge soziale und berufliche Beziehung zu Epstein.

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Wie die Epstein-Files uns lähmen sollen: Experten wittern «Psychokrieg»

Die Veröffentlichung der Epstein-Files sollte eine Geste der Transparenz sein, ist aber in Wahrheit ein medienpsychologisches Desaster. Die Methode dahinter ist nicht nur verstörend, sondern womöglich gezielt destruktiv.
11.02.2026, 21:1211.02.2026, 21:12
Anna Von Stefenelli / watson.de

Als das US-Justizministerium Anfang 2026 Millionen Dokumente aus dem Umfeld von Jeffrey Epstein veröffentlichte, wurde das zunächst als historischer Schritt in Sachen Transparenz gefeiert. Doch das Gegenteil ist der Fall, wie wir inzwischen wissen.

Eine Kunstinstallation vor dem Kapitol zeigt Donald Trump und Jeffrey Epstein Hand in Hand.
Eine Kunstinstallation vor dem Kapitol zeigt Donald Trump und Jeffrey Epstein Hand in Hand.bild: FR159526 AP / Jose Luis Magana

Formell wurde ein Versprechen aus dem Präsidentschaftswahlkampf eingelöst, mit dem US-Präsident Donald Trump Wählerinnen und Wähler für sich gewann. Doch in den sogenannten Epstein-Files fehlt jegliche Struktur und Einordnung – und das steht entgegen echter Aufklärung. Stattdessen stapeln sich auf der Website des US-Justizministeriums (DOJ) PDF-Dateien mit kryptischen Namen wie «EFTA01957432.pdf».

Wer verstehen will, was sich dahinter verbirgt, muss jede einzelne Datei manuell durchsuchen. Gleichzeitig wurden hochgeladene Dokumente vereinzelt kommentarlos gelöscht und später wieder eingestellt, etwa ein Foto mit Donald Trump. Andere wurden merkwürdig geschwärzt, darunter Gesichter auf unbedenklichen Bildern.

Die Folge: viel Interpretationsspielraum und Verwirrung. Der Eindruck entsteht, dass diese Verwirrung gewollt sein könnte und Expertinnen und Experten untermauern das.

«Reptile Theory»: Im Strafrecht löst sie Verwirrung aus und ist verboten

Die kalifornische Juristin und Prozessanwältin Daphne Delvaux, Gründerin der Kanzlei Delvaux Law, erkennt in dieser Art der Veröffentlichung eine bekannte psychologische Strategie aus dem Gerichtssaal: die «Reptile Theory». In einem viralen Thread auf Threads erklärt sie:

«Wenn das Gehirn mit Horror überflutet wird, wird dein System vom primitiven Teil des Gehirns gekapert.»

Diese Taktik sei im US-Strafrecht eigentlich verboten. Aus gutem Grund. Das Ziel dahinter: durch psychologische Überforderung Kontrolle zu erlangen, statt mit Fakten zu überzeugen.

Eines von vielen Dokumenten in den Epstein-Akten.
Eines von vielen Dokumenten in den Epstein-Akten.bild: AP / Jon Elswick

Delvaux erklärt, dass Gerichte bei belastendem Material wie Gewalt gegen Kinder mit grösster Vorsicht vorgehen: «Die Richterinnen und Richter steuern, wie und wann etwas gezeigt wird. Es gibt Expertinnen und Experten, die kontextualisieren. Es gibt ein System, das in der Lage ist, diesen Inhalt zu halten.»

Im Fall der Epstein-Files aber sei das Gegenteil passiert:

«Nur einen Daten-Tsunami, der das Nervensystem aushebelt.»

Trump und Epstein: Wie Chaos systematisch wirkt

Laut Delvaux lassen sich zwei Reaktionen auf dieses Vorgehen beobachten. Beide sind im Sinne denjenigen, die Aufklärung verhindern wollen. Die Erste: «Du tauchst komplett ab, suchst fieberhaft nach der Wahrheit, verlierst dich in Details, bis dich das Thema auffrisst.» Die Zweite: «Du steigst komplett aus, weil es zu viel, zu komplex, zu überwältigend ist.»

In beiden Fällen hätten die Strateginnen und Strategen ihr Ziel erreicht:

«Entweder du wirst Teil ihrer Spiele oder du gibst auf. So oder so: Sie gewinnen.»

Auch Michael Butter, Amerikanist und Verschwörungsforschungsexperte, erkennt in der Veröffentlichungsmethode eine gezielte Taktik. In einem Interview mit der «Zeit» sagt er:

«Die wirre Veröffentlichung der Epstein-Files könnte kalkuliert sein.»

Normalerweise würden Behörden zumindest eine Art Dossier oder Leitfaden mitliefern. Dieser fehlt hier.

Gleichzeitig betont er: «Ich glaube, dass der aktive Täterkreis rund um Epstein relativ klein gewesen sein muss, sonst wäre schon früher etwas durchgesickert.»

US-Präsident Trump und der verurteilte Straftäter Epstein standen jahrelang in Kontakt.
US-Präsident Trump und der verurteilte Straftäter Epstein standen jahrelang in Kontakt.bild: imago images / zuma wire

Steve Bannon, Desinformation und die Methode der Überflutung

Die Flut aus fragmentierten Informationen folgt einem Muster, das der rechte US-Strategieberater Steve Bannon einmal auf den Punkt brachte:

«Flood the zone with shit.»

Bannon, früher Chefstratege von Donald Trump und Mitbegründer der ultrarechten Plattform «Breitbart News», beschrieb damit offen eine politische Taktik: Medien und Öffentlichkeit mit so viel Inhalt zu überladen, dass jede sinnvolle Debatte im Chaos versinkt.

Steve Bannon, ehemaliger Chefstratege des US-Präsidenten Trump.
Steve Bannon, ehemaliger Chefstratege des US-Präsidenten Trump.bild: AP / Seth Wenig

Im Fall Epstein bedeutet die Informationsflut, dass sich die Aufmerksamkeit auf Namen wie Angela Merkel richtet, die in völlig irrelevanten Kontexten in den Akten auftauchen. Bannon sagt hierzu: «Der ganze Skandal nützt Trump aktuell sogar: Es wird so viel (...) veröffentlicht, dass die Weltöffentlichkeit gar nicht weiss, ob sie sich nun über Prince Andrew, Mette-Marit oder Elon Musk empören soll. Trump gerät so aus dem Fokus.»

Epstein-Akten: Expertin spricht von psychologischer Kriegsführung

«Das Nervensystem kann Horror nur verarbeiten, wenn er sequenziert, dosiert und eingeordnet wird», schreibt Delvaux. Sie spricht in diesem Zusammenhang von «psychologischer Guerillakriegführung»: Der Körper werde mit der Gewalt konfrontiert, die nicht von den Institutionen gehalten wird. «Also beginnt dein Körper, das zu verarbeiten, was die Kinder nicht konnten und was diese Männer nie wollten.»

Die Symptome: Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Angst, körperliche Schmerzen. Viele Mütter seien besonders betroffen, so Delvaux, weil ihr Schutzinstinkt getriggert werde. «Du fühlst dich verrückt. Aber du hast eine normale biologische Reaktion auf psychologische Kriegsführung.»

Trotz der angeblich gründlichen Vorarbeit durch über 500 Mitarbeitende des US-Justizministeriums versagte das System genau dort, wo es hätte schützen müssen: bei den Opfern. In den Dokumenten finden sich unzensierte Nacktbilder von Epstein-Opfern. Auch wurden die Namen von mehreren mutmasslichen Betroffenen öffentlich gemacht.

Erst nach Hinweisen wurden manche Inhalte wieder entfernt, mit stundenlanger Verzögerung. Das Ministerium betonte, der Schutz der Opfer sei oberste Priorität gewesen. Doch der Schaden war angerichtet.

Und die Frage bleibt, warum ein derart massiver Datenwust überhaupt öffentlich gemacht wurde, während entscheidende Teile und Namen weiter unter Verschluss bleiben.

Trump in Epstein-Files: Schützt das Justizministerium Täter?

Donald Trump ist einer von den Namen, die vielfach in den Akten auftauchen. Ausgerechnet er, der als amtierender US-Präsident auch politisch verantwortlich für ihre Veröffentlichung ist. Der Epstein Files Transparency Act, den er im November 2025 nach massivem Druck unterzeichnet hat, verpflichtet das Justizministerium zur Offenlegung.

Das Ministerium erklärte offiziell, dass in den Akten enthaltene Vorwürfe gegen Trump «unbegründet und falsch» seien. Zur Wahrheit gehört aber auch: In seiner zweiten Amtszeit hat Trump das US-Justizministerium durch die Ernennung enger Vertrauter und die direkte Einflussnahme auf Ermittlungen tiefgreifend politisiert.

Jamie Raskin, ranghöchstes Mitglied des Justizausschusses im Repräsentantenhaus, wirft dem Justizministerium jetzt Vertuschung vor. Raskin durfte jetzt laut «Guardian» als einer der ersten Abgeordneten ungeschwärzte Dokumente einsehen. Das ging unter strengsten Auflagen vonstatten: an einem geschützten Regierungscomputer, ohne Mitarbeitende.

Ranking Member of the House Select Subcommittee Rep. Jamie Raskin, D-Md., speaks during a hearing to Investigate the Remaining Questions Surrounding January 6, 2021, on Capitol Hill in Washington, Wed ...
Jamie Raskin konnte ungeschwärzte Dokumente ansehen.Bild: FR159526 AP

Was er sah, beschreibt er als «mysteriöse Schwärzungen» von Täternamen. Trumps Name, so Raskin, tauche in den ungeschwärzten Akten «auffallend oft» auf, deutlich häufiger als etwa der des britischen Premierministers Keir Starmer, der international bereits unter Druck geriet.

In einem der Dokumente fand sich laut Raskin ein Bericht über ein Gespräch zwischen Epsteins Anwälten und Trumps Juristenteam im Jahr 2009. Darin wird Trump sinngemäss so zitiert, dass Epstein zwar kein Mitglied seines Mar-a-Lago-Clubs gewesen sei, aber dort ein und aus ging. Er sei nie aufgefordert worden, zu gehen.

Diese Darstellung widerspricht Trumps späterer öffentlicher Aussage, er habe Epstein nach Vorwürfen des Fehlverhaltens ausgeschlossen. Raskin spricht angesichts der Veröffentlichung von «eklatanter Inkompetenz» – oder von «einem bewussten Versuch, Opfer einzuschüchtern».

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19 Kommentare
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Firefly
11.02.2026 21:39registriert April 2016
Also ich weiss schon lange, dass Leute wie Trump oder Putin Verbrecher höchsten Grades sind. Und wer mit offenen Augen durchs leben geht sieht das auch.

Wer das nicht wahrhaben will, ist entweder sehr naiv oder findet Verbrechen toll. Und wer noch eine Ausrede braucht dafür, der bekommt sowas.
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Tatwort
11.02.2026 21:59registriert Mai 2015
Bei grossen Fällen des Kindesmissbrauchs, zumal dann noch hochrangige Politiker und Wirtschaftsbosse involviert sind, sehen wir international immer wieder dasselbe Muster: Die Opfer werden vergessen, die Täter kommen davon.
Wer heute das Hearing mit Pam Bondi gesehen hat, kann sich nur entsetzt abwenden. Sie ist die Mensch gewordene Boshaftigkeit und passt damit exzellent in die US-Regierung.
Man kann nur hoffen, dass dereinst eine neue Regierung die Täter in diesem Justiz-Skandal zur Verantwortung ziehen werden.
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Viva Svizzera
11.02.2026 21:27registriert März 2023
Natürlich schützt das Justizministerium unter Bondi den 🍊 und die andren Täter.
Die Wahrheit wird vielleicht erst in vielen Jahren herauskommen oder gar nie. Leider glaube ich, dass Letzteres wahr werden wird.
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