Unvergessen
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Action in the Scotland goalmouth

So soll sich das Ganze gemäss einem englischen Künstler in etwa abgespielt haben. Bild: EMPICS Sport

Das erste Länderspiel der Geschichte macht 1872 keine Werbung für den Fussball

30. November 1872: In Glasgow geht das erste Fussball-Länderspiel mit einheitlichen Regeln über die Bühne. Die 4000 Zuschauer sehen zwischen England und Schottland ein 0:0, obwohl 14 Stürmer auf dem Platz stehen.



«Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.» Logisch. Keiner zweifelt heute mehr an der lapidaren Fussball-Weisheit des ehemaligen deutschen Bundestrainers Sepp Herberger. Als der moderne Fussball noch in seinen Kinderschuhen steckt, ist das aber noch ganz anders. 1848 verfassen englische Studenten die ersten Regeln. Allerdings sind diese neun Jahre vor der Gründung des ersten Fussballvereins noch alles andere als einheitlich.

Wenn zwei Mannschaften in der neuen Sportart gegeneinander antreten wollen, einigen sie sich vorab brieflich über die Zahl der Spieler (etwa 20 gegen 20) und die Spieldauer (zum Beispiel zwei Stunden). Auch der Ball muss noch nicht zwingend rund sein: Man kickt mit aufgeblasenen Schafsblasen, gestopften Stoffballen, manchmal sogar mit Schweinsköpfen.

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Die schottische Mannschaft im Jahr 1872. bild: historicalkits.co.uk

Erst nach der Gründung der englischen Football Association (FA) werden verbindliche Regeln eingeführt: 1866 kommen Eckball, Freistoss und eine erste Form der heutigen Abseitsregel dazu; 1870 die Beschränkung auf elf Spieler pro Team; ab 1871 ist Handspiel nur noch dem Torhüter gestattet. 1872 der nächste Meilenstein: Eine einheitliche Ballgrösse wird festgelegt. Der Umfang muss ab sofort 68 bis 70 Zentimeter sein.

Mit diesen Regeln und deren Umsetzung gebührt den Engländern der Ruhm, den heutigen Fussball erfunden zu haben. Noch im selben Jahr findet das erste offizielle Fussball-Länderspiel überhaupt statt. Am 30. November 1872 stehen sich auf dem «West of Scotland Cricket Ground» bei Glasgow eine schottische und eine englische Auswahl gegenüber.

Alle 11 Schotten vom Queen's Park FC

Es ist ein nebliger, aber trockener Novembertag. Durch den Regen in der vergangenen Nacht ist das Spielfeld jedoch etwas aufgeweicht. Trotzdem kommen 4000 Zuschauer, darunter zahlreiche Damen, zum Kampf der Erzrivalen. Fünfmal waren sich Schottland und England in den zwei Jahren zuvor schon gegenübergestanden (allerdings noch ohne «Association Rules»). Dreimal gewann England, zwei Duelle endeten unentschieden.

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Ein Eintritt kostete einen Shilling, den Zwölftel eines Pfundes.

Doch jetzt wittern die Schotten ihre Chance. Captain und Torhüter Robert Gardner bietet die Spieler auf, doch viele Alternativen hat er nicht. Während in England schon über 100 Vereine mit einheitlichen Regeln kicken, sind es in Schottland erst rund zehn. Deshalb entscheidet sich Gardner, alle elf Spieler aus seinem Klub Queen's Park FC zu nominieren. Die englische Elf wird dagegen aus neun verschiedenen Vereinen zusammengewürfelt.

Mit 20 Minuten Verspätung – wegen Nebel und dem grossen Zuschaueraufmarsch – beginnt die Partie um 14.20 Uhr. England ganz in Weiss, die Schotten in dunkelblauen Trikots und weissen Hosen. Die Engländer, angeführt von Captain Cuthbert Ottaway, haben zwar die besseren Einzelspieler in ihren Reihen. Doch weil die Schotten ein eingespieltes Team sind, erwischen sie den besseren Start.

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Die Aufstellungen der beiden Teams. Links England, rechts Schottland.

Die sechs nominellen Stürmer bringen die englische Abwehr immer wieder in grosse Nöte. Der erste Treffer scheint nur eine Frage der Zeit, doch Keeper Robert Barker hält sein Tor, das aus zwei Latten und einem quer gespannten Band besteht, sauber.

Gemeinsames Abendessen nach dem 0:0

Nach der Pause kommen die dribbelstarken Engländer besser ins Spiel, doch auch sie vergeben beste Chancen. Auch die Schotten bleiben gefährlich. Als ein Gewaltsschuss von Robert Leckie das Torband zum Flattern bringt, jubeln die mehrheitlich schottischen Zuschauer schon. Doch der Ball fliegt etwa einen Inch über das Tor.

Auch in der Folge gibt es Chancen hüben wie drüben. Doch nach 90 Minuten endet die Partie mit einem enttäuschenden 0:0. Damals noch üblich: Die Zuschauer verabschieden das englische Team herzlich. Danach treffen sich die Spieler beider Mannschaften im Carrick's Royal Hotel zum Abendessen.

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Den West of Scotland Cricket Ground in Glasgow gibt es heute noch. bild: wikipedia

In den folgenden Jahren werden die Regeln konkretisiert und erweitert. Die beiden Erzrivalen treffen regelmässig aufeinander. Am 8. März 1873 fahren die Engländer im ersten Heimspiel den ersten Sieg ein. 4:2 besiegen sie die Schotten, dann folgt allerdings die grosse Krise. Fünfmal in Serie bleibt England sieglos. Erst am 5. April 1879 können sie den Fluch brechen.

Zwei Wochen später wird mit dem FC St.Gallen der erste Schweizer Fussballklub gegründet. Bis zum ersten Länderspiel der Schweizer Nati vergehen aber noch 26 Jahre. Am 12. Februar 1905 ist es soweit: 0:1 verlieren die Schweizer in Paris gegen die Franzosen.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Bruno Wüthrich 30.11.2018 10:40
    Highlight Highlight Interssante Story von Herrn Reich. Aber sind Sie sicher, dass dieses Spiel keine Werbung für den Fussball machte?

    Dies mag aus heutiger Sicht durchaus stimmen. Aber damals waren die Zeiten anders. Man stelle sich vor: die meisten Zuschauer konnten sich damals noch auf den Fussball konzentrieren, da wohl nur die wenigsten von ihnen ständig die sozialen Medien bedienen mussten. Die Alternativen in Sachen Unterhaltung waren wohl auch etwas bescheidener als heute.

    Also - ich bin mir wirklich nicht sicher, ob Sie mit «keine Werbung» tatsächlich recht haben.
  • Olmabrotwurst 30.11.2018 08:56
    Highlight Highlight Gewusst: Das Fussball in Deutschland verboten war? Das Kaiserreich akzeptierte den Sport nicht. Erst ein Englisch lehrer aus England konnte mit viel Aufwand den Fussball gegenüber dem Volk und dem Kaiser etablieren.
  • Max Dick 30.11.2018 08:29
    Highlight Highlight Glück für die Engländer, dass es damals kein Elfmeterschiessen gab.
  • Henri Lapin 30.11.2018 08:28
    Highlight Highlight Ein Schilling = 1/20 eines Pfunds
  • miggtre 30.11.2018 06:07
    Highlight Highlight Friedliche Fans, Gegner die zusammen nach dem Spiel essen gehen und offensichtlich ein ausgeglichenes Spiel... was soll daran keine Werbung für den Fussball sein?

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