Der Grasshopper Club Zürich steckt vor dem 202. Aufeinandertreffen mit dem FC Zürich in einer veritablen Derby-Krise. Seit Oktober 2003 warten die Hoppers auf einen Erfolg gegen den Stadtrivalen. Von den letzten sieben Duellen gingen drei an den FCZ, vier Mal wurde unentschieden gespielt.
Auch dieses Mal sind die Aussichten für GC nicht allzu rosig. Trainer Hanspeter Latour beklagt eine lange Verletztenliste. Die Grasshoppers müssen unter anderem auf Stammspieler wie Gerardo Seoane, Michel Renggli und Eduardo verzichten. Der FCZ mit Trainer Lucien Favre liegt in der Tabelle drei Punkte vorne und ist für das Derby im Hardturm leichter Favorit.
Die erste Halbzeit entwickelt sich zum richtigen Derby-K(r)ampf. Wenig Spielfluss, kaum Torchancen, viele Fouls. Obschon FCZ-Leistungsträger Franco Di Jorio, César und Steve von Bergen deutlich unter ihren Möglichkeiten spielen, sind die Gäste die spielbestimmende Mannschaft. Tore fallen bis zum Pausentee aber keine.
Nach der Pause hat sich der Knoten beim FC Zürich gelöst. Auf einmal kommen die Jungs von Lucien Favre zu einer Torchance nach der anderen. In der 64. Minute kommt es für die Gäste gar noch besser. Nach einem unnötigen Foul an Florian Stahel kassiert Ricardo Cabanas seine zweite gelbe Karte und muss frühzeitig unter die Dusche.
Nun steht das GC-Tor unter Dauerbeschuss. Keita, Dzemaili, Raffael – sie alle versuchen Coltorti zu bezwingen. Doch der GC-Keeper hält überragend und kann seinen Kasten mit teils mirakulösen Paraden dicht halten.
Langsam aber sicher verliert Coach Favre die Geduld und wechselt einen weiteren Offensivmann ein. Für den defensiven César kommt Alexandre Alphonse ins Spiel. Irgendwann muss der Ball doch einfach rein. Doch der Wechsel hat Konsequenzen.
In der 89. Minute sucht FCZ-Goalie Leoni auf der linken Seite eine Anspielstation. Weil seit Cesars Auswechslung auf dieser Seite jedoch eine Lücke klafft, muss der Torhüter eine andere Lösung suchen.
Das 21-jährige Torhüter-Talent will den Ball im Spiel halten und entscheidet sich für ein Dribbling – eine fatale Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte. Zunächst geht noch alles gut. Mit einer feinen Finte lässt er den heranstürmenden Rogerio ins Leere laufen. Spätestens jetzt müsste er den Ball aber ins Seitenaus oder nach vorne schlagen.
Doch zum Entsetzen seiner Mitspieler rennt Leoni wie vom Affen gebissen immer weiter in Richtung Mittellinie. Das ganze Stadion hält den Atem an, alle Augen sind auf den Torhüter gerichtet.
Dann folgt dieser eine kapitale Fehlpass. Dieser Fehlpass, an den er sich noch sein Leben lang erinnern wird. Komplett ohne Orientierung spielt er den Ball mit dem linken Fuss genau in die Füsse von Veroljub Salatic.
Dieser sagt Dankeschön und schiebt die Kugel weiter zu Antonio Dos Santos, der aus 40 Metern per Lob ins verwaiste Tor das spielentscheidende 1:0 erzielt. Das altehrwürdige Hardturm Stadion bebt, die Hausherren gewinnen seit langem wieder einmal ein Derby. Für den FCZ hingegen ist die Niederlage ein absoluter Super-Gau. Schlimmer geht's nicht.
FCZ-Präsident Sven Hotz ist nach der überraschenden Pleite bitter enttäuscht und kann kaum glauben, was soeben geschehen ist. Der Schuldenbock ist schnell gefunden: «Da spielt der FCZ nach dem Platzverweis von Cabanas eine halbe Stunde lang in Überzahl und hat beste Torchancen und verliert wegen eines Goalie-Lapsus doch noch», regt sich Hotz auf. Ungläubig fügt er hinzu:
Ein vorbeischlurfender FCZ-Fan fordert harte Strafmassnahmen für den Torhüter:
Aber nicht nur die Fans hacken auf dem Unglücksraben herum. Für den «Blick» ist der missglückte Ausflug des Torhüters ebenfalls gefundenes Fressen. So wird Johnny Leoni kurzerhand in «Johnny Floponi» umbenannt. Dem FCZ bleibt nur der Frust.
Ganz anders sieht es natürlich bei den Grasshoppers aus. Torschütze Dos Santos meint zu seinem Treffer: «Ich fühlte, dass Leoni nach dem Dribbling gegen Rogerio in Schwierigkeiten geriet. Als der Ball dann plötzlich vor meinen Füssen lag, war ich mir sicher, dass ich das Tor nicht verfehlen würde.»
Die Hoppers geniessen den Sieg in vollen Zügen. Abgesehen vom Treffer konnten sie während 90 Minuten nur eine einzige Chance kreieren. Aber das ist nach dem Spiel absolut egal.
Auch unverdiente Siege schmecken süss, gegen den Stadtrivalen sowieso. Die Schadenfreude über den missglückten Ausflug des FCZ-Keepers ist so gross, dass sie auch in den Folgejahren nicht abflaut. Dem Leoni-Dribbling wird sogar ein Fan-Lied gewidmet.
Würde Johnny Leoni, der seine Karriere 2018 beendete, heute noch immer in der Super League spielen, wäre eins sicher: Die GC-Fans würden den Torhüter noch heute mit einem «Johnny Leoni dribble für eus, Johnny Leoni dribble für eus» empfangen.