Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Cross country skier Johann Muehlegg takes cover from photographers as he arrives for a television interview in Salt Lake City February 24, 2002. The IOC announced that Muehlegg had been found guilty of doping and would be barred from the Winter Olympics.
(KEYSTONE/EPA PHOTO/DPA/Stephan Jansen)

Johann Mühlegg versucht, sich nach dem Auffliegen des Doping-Missbrauchs vor Fotografen zu verstecken. Bild: EPA DPA

Unvergessen

26.02.2002: Hexerei, von der Putzfrau geweihtes Wasser und Doping – Johann Mühlegg läuft, bis er auffliegt

26. Februar 2002: Auch die B-Probe überführt Langläufer Johan Mühlegg als Doper. Er stampft an den Olympischen Spielen in Salt Lake City alle in den Boden, wird dreifacher Olympiasieger – und lebt heute nach dem tiefen Fall als Immobilienhändler in Brasilien.



Er ist der «Allgäu-Torero», gefeiert für seine Goldmedaillen. «Der verlorene Sohn», titelt der «Spiegel», denn Johan Mühlegg gewinnt nicht für Deutschland. In Salt Lake City tritt der Langläufer 2002 nach einem heftigen Krach mit Trainern und Funktionären für Spanien an. «Weil Deutschland diesen komplizierten Mann nicht ertragen konnte», ärgert sich die Zeitschrift.

Einige Tage später dürften die Deutschen froh darüber sein, dass Mühlegg nicht mehr ihr Problem ist. Denn was viele vermuten, wird nach Auswertung einer Probe einwandfrei belegt: Der 31-Jährige ist gedopt. Mühlegg fliegt noch während der Olympischen Spiele auf, der grösste Dopingskandal seit Ben Johnson 1988 ist perfekt.

Spain's Johann Muehlegg competes in the men's 30Km freestyle cross-country race Saturday, Feb. 9, 2002, at Soldier Hollow in Midway, Utah. (AP Photo/Luca Bruno)

Auf und davon: Mühlegg unterwegs zu seinem ersten Gold der Spiele. Bild: AP

Trainer verhext Mühleggs Getränke

Es ist der Tiefpunkt einer einzigartigen Karriere. Johan Mühlegg gilt schon früh als grosses Talent, wird zwei Mal Junioren-Weltmeister. Doch ebenfalls schon früh verursacht er mächtig Ärger im Deutschen Skiverband (DSV).

Für den nicht erfolgten Durchbruch bei den Erwachsenen macht Mühlegg Hexerei verantwortlich. Bundestrainer Georg Zipfel bespreche die Elektrolyte-Getränke, «so dass mir übel davon wird, ich mich übergeben muss und am nächsten Tag todmüde bin», klagt Mühlegg 1994. Er wittert eine Verschwörung, denn «den anderen schadet es nicht».

Spain's Johann Muehlegg celebrates with the flag after winning the gold medal in the men's cross-country pursuit at the Winter Olympics Thursday, Feb. 14, 2002, at Soldier Hollow in Midway, Utah. (AP Photo/Luca Bruno)

Ein Bild, das Sport-Deutschland weh tut: Mühlegg mit der spanischen Flagge. «Ich bin ein Latino», pflegt der Bayer zu sagen. Bild: AP

Siege dank Weihwasser der Putzfrau

Mühlegg sucht Zuflucht bei einer portugiesischen Putzfrau. Justina Agostinho, eine angebliche Wunderheilerin, weiht Mühlegg Trinkwasser. Weil er weiter gegen Trainer Zipfel schiesst, wirft ihn der DSV aus dem Kader. Zuhause setzt Mühlegg Frau und Kind vor die Tür, wegen «Spitzelkontakten» zum DSV. Im Weltcup versucht er sich derweil als Einzelkämpfer.

Nachdem er zwischenzeitlich begnadigt wird und wieder im Team dabei sein darf, kommt es 1998 zum endgültigen Zerwürfnis mit dem DSV. Mühlegg tritt fortan für Spanien an und gewinnt in der Saison 1999/2000 den Gesamtweltcup. Wunderheilerin Agostinho ist weiter an seiner Seite, auch als der «Loipen-Torero» an der WM 2001 Gold und Silber gewinnt.

abspielen

Die dramatische Entscheidung um Silber 2002 im Skiathlon – die nach Mühleggs Disqualifikation zur Entscheidung um Gold wurde. Video: Youtube/Gunde Wassberg

Mühlegg stampft alle in Grund und Boden

In Salt Lake City tritt Mühlegg als Favorit an. Er weiss, dass ihm die schweren Strecken entgegen kommen. Wie kaum ein anderer Langläufer kann sich Mühlegg quälen, wenn eigentlich schon längst keine Kraft mehr vorhanden ist. Er gewinnt Gold über 30 Kilometer, wird auch Olympiasieger im Skiathlon und er triumphiert über 50 Kilometer. Mit einem Laufstil, der typisch spanisch an einen wilden Stier erinnert. Oder, um es mit Anita Weyermanns Worten zu sagen: «Gring ache u seckle!»

Die Zweifel an der Sauberkeit seiner Leistungen sind gross, denn Mühlegg ist den anderen meilenweit überlegen. So gewinnt er über 30 Kilometer Freistil mit mehr als zwei Minuten Vorsprung – eine Weltreise.

Die Herrlichkeit währt nicht lange. Kurz nach der dritten Goldmedaille liegt das Ergebnis einer unangemeldeten Trainingskontrolle während der Olympischen Spiele vor. Mühlegg wird des Blutdopings überführt, er hat Aranesp verwendet, eine Art Epo.

BIA07 - 20020223 - SOLDIER HOLLOW, UTAH, UNITED STATES : Johann Muehlegg of Spain drives over the finish line during the Men's 50km Classical Cross Country ski race at the XIX Winter Olympic Games in Soldier Hollow, Utah, Saturday 23 February 2002. Muehlegg finished the race first to take the gold medal, his third of the games.   EPA PHOTO   DPA/RALF HIRSCHBERGER/hr/hpl/mr

Mit letzter Kraft – und auch mit Doping im Blut: Mühlegg im Fünfziger, unterwegs zur dritten Goldmedaille. Bild: EPA DPA

«Ich warte die B-Probe ab»

Wie das Doping-Mittel in sein Blut gekommen sei, wird Mühlegg gefragt. Der Bayer hat natürlich eine Erklärung bereit: «Ich habe die letzten fünf Tage eine spezielle Diät gemacht, zwei Tage nur Proteine und drei Tage nur Kohlenhydrate. Ausserdem hatte ich letzte Nacht Durchfall und die Höhenlage spielt auch eine Rolle», so der Überflieger.

Der medizinische Direktor des IOC kann nur lachen. «Eine Diät oder Durchfall beeinflussen den Hämoglobinwert nicht», weiss Patrick Schamasch. Mühlegg wirkt vor der Kamera im ZDF-Olympiastudio nicht mehr sehr zuversichtlich. Auf die Frage, ob er gedopt habe, antwortet er vielsagend: «Prinzipiell nicht, aber ich warte die B-Probe ab.» Am 26. Februar 2002, zwei Tage nach der Schlussfeier in Salt Lake City, bestätigt diese dann den Befund ein für allemal.

abspielen

Der «Fall Mühlegg» ist natürlich ein gefundenes Fressen für Komiker wie Stefan Raab.
pro7

Die Flucht ins warme Brasilien

Johann Mühlegg kehrt nie wieder in den Weltcup zurück. Kurz bevor seine zweijährige Sperre abläuft, gibt er seinen Rücktritt vom Leistungssport bekannt. Heute läuft er noch ab und zu unter falschem Namen an Volksläufen in seiner bayrischen Heimat.

2014 stöbern schwedische Reporter Mühlegg in Brasilien auf. Er lebt in der Stadt Natal, arbeitet in der Immobilienbranche und will mit seiner Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. «Ich habe das alles hinter mir gelassen.»

abspielen

Schwedische Reporter zu Besuch bei Mühlegg in Brasilien. Die «Bild» schreibt, er wirke dabei «verwirrt wie immer». Video: Expressen

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Die Karriere von Dario Cologna

6 Grafiken zeigen, dass die Schwarzmalerei vor dem Start in die Ski-Saison übertrieben war

Link zum Artikel

Vreni Schneider sagt, warum Lara Gut ihre Nachfolgerin wird und sie sich vor einem Olympia-Rennen schon übergeben musste

Link zum Artikel

Grossmaul Schweinsteiger fordert Neureuther zum Slalom-Duell – wenn dieser beim Jonglieren überzeugt

Link zum Artikel

Wie gut kennst du dich mit Geschwistern im Ski-Weltcup aus?

Link zum Artikel

Der Ski-Weltcup beginnt – finde heraus, in welcher Disziplin du Weltklasse bist

Link zum Artikel

Lang, lang ist's her – oder etwa doch nicht? Gesucht sind die letzten Schweizer Siegerinnen und Sieger in den 5 Weltcup-Disziplinen

Link zum Artikel

Wir sind keine Ski-Nation mehr! Die Schweiz steht vor ihrem härtesten Winter

Link zum Artikel

Schweizer Frauen- und Männer-Siege an einem Tag gab's vor Gut und Janka schon über 30 Mal

Link zum Artikel

Die 11 Gefühlslagen eines Schweizer Ski-Fans, der vor dem TV mitfiebert

Link zum Artikel

Wir sind wieder jemand – die Schweizer Frauen sind auf dem Weg zurück zur Slalomgrossmacht

Link zum Artikel

Snowboard-Weltmeisterin will Abfahrts-Olympiasiegerin werden – diese 6 Frauen zeigen, dass es möglich ist

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Neuer Kampfjet: Parlament entscheidet im Überschall-Tempo

Link zum Artikel

Wo stand die erste Manor-Filiale der Schweiz? Und wo McDonald's? Die grosse Übersicht

Link zum Artikel

Thomas Cooks Pleite und die «grösste Rückführungsaktion seit dem WWII» – 6 Antworten

Link zum Artikel

«Schwarzer Tag»: Manor schliesst Standort Zürich Bahnhofstrasse Ende Januar 2020

Link zum Artikel

Schweizer verschwindet auf LSD-Trip im Disneyland – und landet hart wieder in der Realität

Link zum Artikel

Roger Köppel sprengt die Zürcher Ständerats-«Arena» – zumindest fast

Link zum Artikel

Diese 9 Food Trucks aus New York wünschen wir uns in der Schweiz (weil absolut 🤤)

Link zum Artikel

Federer/Nadal necken sich wie ein altes Ehepaar und McEnroe will «ihre Karrieren beenden»

Link zum Artikel

«Kein Brexit ohne Parlament!» John Bercow sagt Johnson in Zürich den Kampf an

Link zum Artikel

St. Galler Polizist schiesst sich aus Versehen in den Oberschenkel

Link zum Artikel

Die lange Reise der Schiedsrichter-Pfeife an die Rugby-WM nach Japan

Link zum Artikel

Eins vor Tod will ich Sex und (eventuell) eine Ohrfeige

Link zum Artikel

CVP fährt grosse Negativ-Kampagne gegen andere Parteien – die Reaktionen sind heftig

Link zum Artikel

Wo du in dieser Saison Champions League und Europa League sehen kannst

Link zum Artikel

Migros Aare baut rund 300 Arbeitsplätze ab

Link zum Artikel

Eine Untergrund-Industrie plündert Banking-Apps wie Revolut – so gehen die Betrüger vor

Link zum Artikel

YB droht Bickel mit Gericht, nachdem er als Sportchef 40 Mio. verlochte

Link zum Artikel

Warum wir bald wieder über den Schweizer Pass reden werden

Link zum Artikel

«Ich hatte Sex mit dem Ex meiner besten Freundin…»

Link zum Artikel

Die amerikanische Agentin, die Frankreichs Résistance aufbaute

Link zum Artikel

Matheproblem um die Zahl 42 geknackt

Link zum Artikel

Wie gut kennst du dich in der Schweiz aus? Diese 11 Rätsel zeigen es dir

Link zum Artikel

«In der Schweiz gibt es zu viel Old Money und zu wenig Smart Money»

Link zum Artikel

So schneiden die Politiker im Franz-Test ab – wärst du besser?

Link zum Artikel

Röstigraben im Bundeshaus: «Sobald ich auf Deutsch wechsle, sinkt der Lärm um 10 Dezibel»

Link zum Artikel

So erklärt das OK der Hockey-WM in der Schweiz die Ähnlichkeit zum Tim-Hortons-Spot

Link zum Artikel

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

Link zum Artikel

«Informiert euch!»: Greta liest den Amerikanern bei Trevor Noah die Leviten

Link zum Artikel

Keine Angst vor Freitag, dem 13.! Diese 13 Menschen haben bereits alles Pech aufgebraucht

Link zum Artikel

Der Kampf einer indonesischen Insel gegen den Plastik

Link zum Artikel

«Ich bin … wie soll ich es sagen … so ein bisschen ein Arschloch-Spieler»

Link zum Artikel

Alles, was du über die neuen iPhones und den «Netflix-Killer» von Apple wissen musst

Link zum Artikel

15 Bilder, die zeigen, wie wunderschön und gleichzeitig brutal die Natur ist

Link zum Artikel

Shaqiri? Xhaka? Von wegen! Zwei Torhüter sind die besten Schweizer bei «FIFA 20»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Mark Spitz holt sich sieben Olympia-Goldmedaillen und schwimmt in jedem Rennen Weltrekord

28. August 1972: Nachdem der Amerikaner Mark Spitz vier Jahre zuvor bei den Olympischen Spielen in Mexiko City sich und sein Umfeld enttäuscht hatte, nimmt er in München Revanche – und wie!

Mark Spitz ist das älteste von drei Kindern und kommt am 10. Februar 1950 auf die Welt. Seine Eltern, Lenore und Arnold Spitz, bringen ihm das Schwimmen bei, kaum kann er selbstständig laufen.

Als sein Sohn zwei Jahre alt ist, findet Vater Spitz, ein Geschäftsmann im Stahlbusiness, eine Stelle in Honolulu, der Hauptstadt von Hawaii. Spitz Junior schwimmt jeden Tag seine Längen am berühmten Waikiki-Strand.

«Sie hätten diesen kleinen Jungen sehen sollen, wie er im Meer herumschwamm. Er kraulte, …

Artikel lesen
Link zum Artikel