Wirtschaft
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radar-reuters  Am Samstag sprangen, tanzten und posierten im Zentrum Berlins eine grausige Anzahl von Zombies.
Und was sie vereinte, war kein Blutdurst, sondern ihre gemeinsame Teilnahme an dem sogenannten alljährlichen

Die wahre Gefahr droht nicht von einer eingebildeten Zombie-Wirtschaft. Bild: kaltura

Analyse

Wer hat Angst vor einer Zombie-Wirtschaft?

Dank dem raschen und entschlossenen Eingreifen des Staates hat die Coronakrise bisher zu keinen Kollaps der Wirtschaft geführt. Doch nun warnen Bedenkenträger vor einer eingebildeten Gefahr, einer angeblichen «Zombie-Wirtschaft».



«Liquidiere die Arbeit, die Aktien, die Farmen und die Immobilien. Säubere das System vom Verfall. Hohe Lebenskosten und luxuriöser Lebenswandel werden verschwinden (…) und Unternehmer das System neu aufbauen.» Diesen Rat hat der amerikanische Finanzminister Andrew Mellon seinem Präsidenten Herbert Hoover erteilt, als sich abzeichnete, dass der Börsencrash von 1929 begann, die reale Wirtschaft zu schwächen.

Hoover ist dem Rat von Mellon gefolgt – und hat die Vereinigten Staaten in die schlimmste Wirtschaftskrise gestürzt, die Grosse Depression.

Mellons Geist lebt weiter. Auch heute warnen wieder namhafte Ökonomen vor einer «Zombie-Ökonomie» und empfehlen eine leicht verwässerte Version der Mellonschen Rezepte: Keine staatlichen Hilfen für Unternehmen und schon gar keine grosszügigen Subventionen für Arbeitslose. Das fördere nur Faulheit und Müssiggang.

FILE - This Feb. 10, 1929, file photo, shows Andrew W. Mellon, secretary of the United States Treasury in Washington, D.C. The Mellons' family homestead in Northern Ireland is a centerpiece of the Ulster American Folk Park in Omagh. The park tells the stories of migrants who left the area for a better life in the New World. Andrew Mellon's father Thomas was a little boy when the family emigrated in 1818. Thomas Mellon went on to found a bank and the Mellons eventually became one of America's wealthiest families. (AP Photo, File)

Hat die USA in die Grosse Depression geführt: Andrew Mellon. Bild: AP/AP

Die Warner vor der Zombie-Wirtschaft stützen sich gerne auf den Begriff «kreative Zerstörung». Geprägt hat ihn der Ökonom Joseph Schumpeter und gemeint ist damit, dass Unternehmen, die nicht mehr im freien Markt bestehen, keine Daseinsberechtigung mehr haben.

In normalen Zeiten hat die «kreative Zerstörung» ihre Berechtigung. Neue Technologien führen dazu, dass selbst einst mächtige Unternehmen obsolet werden. Ein Ereignis wie die Coronakrise ist jedoch nicht damit vergleichbar. Es trifft schockartig die gesamte Volkswirtschaft.

Um einen Kollaps des gesamten Systems wie in der Dreissigerjahren zu verhindern, muss der Staat daher rasch und grosszügig eingreifen. Das anerkennt auch Thomas Fuster, Wirtschaftsredaktor bei der NZZ. Trotzdem warnte er kürzlich unter dem Titel «Achtung vor der Zombie-Ökonomie» vor zu grosszügigen Subventionen:

«Es wird jedoch immer deutlicher, dass uns das Virus noch länger als zunächst erwartet begleiten dürfte. Entsprechend gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich einige der ‹Überbrückungen› mit der Zeit verstetigen könnten, es also zu einem dauerhaften Subventionsschub kommt.»

Mit anderen Worten: Fuster befürchtet, dass die Zombie-Wirtschaft zur Vorstufe einer Entwicklung wird, die NZZ-Chefredaktor Eric Gujer schon vor Monaten als «Seuchen-Sozialismus» bezeichnet hat.

epa08612028 Hisashi Taniguchi, Chief Executive Officer of Japan's robotic technology company ZMP Inc., sits on autonomous driving electric wheelchair RakuRo, which was developed by ZMP, at the company's exhibition in Tokyo, Japan, 18 August 2020. RakuRo is a single-seater self-driving personal mobility device.  EPA/KIMIMASA MAYAMA

Selbstfahrendes Rollstuhl in Tokio: Die Japaner sind Techno-Freaks. Bild: keystone

Als warnendes Beispiel einer Zombie-Wirtschaft wird regelmässig Japan genannt. Auch Fuster malt das Gespenst einer Wirtschaft an die Wand, in der wegen grosszügigen staatlichen Subventionen Innovationskraft und Produktivität zu lahmen beginnen. «Eine solche Entwicklung ist in Japan ansatzweise erkennbar», schreibt er. Leider unterlässt er es, Fakten für diese Behauptung anzuführen.

Was ist in Japan passiert? So wie Ende der 1920er-Jahre in den USA eine riesige Spekulationsblase platzte, zerbarst Ende der 1980-er Jahre eine noch viel grössere Aktien- und Immobilienblase. Der japanische Finanzminister hiess jedoch nicht Andrew Mellon, und er riet seinem Premierminister auch nicht, alles zu liquidieren. Im Gegenteil: Die japanische Regierung hielt ihre Banken an, in Not geratene Unternehmen über Wasser zu halten.

Die volkswirtschaftliche Begründung für dieses Vorgehens lieferte Richard Koo, der Chefökonom der Nomura-Bank. Der international renommierte Volkswirt hat schon vor Jahren in mehreren Büchern schlüssig erklärt, weshalb massive Staatshilfe keineswegs in eine Zombie-Wirtschaft münden.

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Ökonom Richard Koo erklärt den japanischen Weg. Video: YouTube/Real Vision Finance

Koo sollte Recht bekommen: Japan ist heute keineswegs ein von Sklerose geplagtes Land. Obwohl es die älteste Bevölkerung aller Nationen aufweist und obwohl diese Bevölkerung schrumpft, ist die japanische Volkswirtschaft nach wie vor die drittgrösste der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen der Erwerbstätige steigt immer noch stetig, und wer die Japaner als technologisch zurückgeblieben bezeichnet, ist noch nie in Tokio gewesen.

Was das Staatsdefizit betrifft: Mit bald 300 Prozent des Bruttoinlandprodukts ist Japan für westliche Verhältnisse astronomisch hoch verschuldet. Doch die Japaner geraten deswegen keineswegs in Panik. Sie haben auch keinen Grund dazu: Mehr als die Hälfte dieser Schulden hat inzwischen die Bank of Japan aufgekauft. Bankrott gehen daher einzig die unverdrossenen Spekulanten, die immer wieder auf eine japanische Staatspleite setzen.

Hohe Staatsschulden hat auch China. Im Westen gibt man sich daher gerne einer Illusion hin, die der «Economist» kürzlich wie folgt zusammengefasst hat:

«Ja, China hat Wachstum hervorgebracht, aber nur dank einer nicht nachhaltigen Formel von Schulden, Subventionen, Vetternwirtschaft und Diebstahl von geistigem Eigentum. Man muss China nur in die Enge drängen, dann wird die Wirtschaft ins Wanken geraten, und die Regierung wird zu Konzessionen gezwungen und ihre Wirtschaft liberalisieren.»

Diese Einschätzung ist zwar simpel und verständlich. Sie hat aber einen schweren Makel: Sie hat nichts mit der Realität zu tun. Die chinesische Wirtschaft steht derzeit sehr solide da. Nochmals der «Economist»:

«Xinomics (die chinesische Version des Staatskapitalismus, Anm. d. Verf.) hat kurzfristig sehr gut funktioniert. Der Anstieg der Schulden hat sich verlangsamt, bevor Covid-19 zugeschlagen hat, und der Zwillingsschock von Handelskrieg und Pandemie hat zu keiner Finanzkrise geführt. Die Produktivität der staatlichen Unternehmen nimmt zu, und ausländische Investoren lassen viel Geld in eine neue Generation von chinesischen Tech-Firmen fliessen.»

Natürlich besteht die Gefahr, dass die Coronahilfe von einigen schwarzen Schafen missbraucht wird. Doch wer angesichts des gewaltigen Schocks, den die Pandemie ausgelöst hat, bereits von einer «volkswirtschaftlichen Sklerose» spricht, handelt fahrlässig. In der Schweiz zeichnet sich zudem ab, dass die Staatshilfen rund die Hälfte weniger kosten werden als ursprünglich befürchtet. Gemäss Berechnungen der CS-Ökonomen werden sie sich nicht auf rund 30, sondern bloss auf rund 16 Milliarden Franken belaufen.

Die wahre Gefahr droht nicht von einer eingebildeten Zombie-Wirtschaft. Wirklich gefährlich sind die untoten Warner vor eben dieser Zombie-Wirtschaft.

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