Von Aktien zu Tokens: Wie unser Finanzsystem neu programmiert wird
Tokens statt Aktien? Wie sich unser Finanzsystem verändert
Stell dir vor, du verschickst eine E-Mail, aber statt dass diese sofort ankommt, wird sie ausgedruckt, in ein Couvert gesteckt und per Post verschickt. Drei Tage später kommt dann der Brief an.
Klingt absurd?
So ähnlich funktioniert unser Finanzsystem heute noch in vielen Bereichen.
Banking wirkt längst digital. Wir bezahlen mit Apps, investieren per Smartphone und eröffnen Konten online. Doch hinter der modernen Oberfläche steckt oft Infrastruktur, die technologisch aus einer anderen Zeit stammt. Viele Prozesse im Finanzsystem basieren noch auf Strukturen und Programmiersprachen wie COBOL aus den 1970er-Jahren und sind deshalb langsam, komplex und voller Zwischenstellen.
Doch genau das könnte sich grundlegend verändern.
Die nächste Welle der Finanzdigitalisierung
Die letzte Welle der Digitalisierung hat vor allem die Oberfläche unseres Finanzsystems verändert: E-Banking, Online-Broker, Neo-Banken oder Apps wie Twint machen Finanzdienstleistungen einfacher und zugänglicher.
Die Technik, dahinter, die notwendigen Kernbankensysteme blieb jedoch hinter der Entwicklung zurück. Wenn du heute eine Aktie kaufst, laufen im Hintergrund noch immer zahlreiche Prozesse ab: Broker, Clearingstellen, Verwahrer und Banken müssen Informationen austauschen und Transaktionen bestätigen. Bis ein Wertpapier wirklich übertragen ist, können auch mal Tage vergehen.
Das soll sich jetzt ändern, indem nicht nur der Zugang digitalisiert wird, sondern mit Tokenisierung die Assets selbst digital handelbar werden und Systeme entstehen, die mit viel weniger Schnittstellen den Handel ermöglichen.
Was bedeutet Tokenisierung?
Vereinfacht gesagt: Ein realer Vermögenswert wird digital auf einer Blockchain abgebildet.
Das kann eine Aktie, Immobilie, Gold, Kunst oder Luxusgüter sein.
Der Besitz wird dabei durch sogenannte Tokens dargestellt, digitale Einheiten, die programmierbar und über die Blockchain einfach und sofort handelbar sind.
Im Zusammenspiel könnten dadurch viele Finanzprozesse einfacher, schneller und effizienter werden.
Warum jetzt Bewegung ins Spiel?
Über Tokenisierung wird seit Jahren gesprochen. Doch lange blieb vieles Theorie. Jetzt kommt Schwung in die Sache. Der Markt für tokenisierte Assets wächst rasant. Schätzungen gehen aktuell von rund 30 bis 50 Milliarden US-Dollar an tokenisierten Vermögenswerten aus, die jährlichen Wachstumsraten werden auf 16 % geschätzt (Fortunebusinessinsights 2026).
Gemessen an globalen Finanzvermögen und Kapitalmärkten, die laut Daten der Weltbank, BIS und anderer Institutionen mehrere hundert Billionen US-Dollar umfassen, steckt Tokenisierung noch in einer sehr frühen Phase.
Was Vorreiter wie die Signum Bank, Aktionariat oder Splint Invest, um nur einige Beispiele zu nennen, schon länger erkannt haben, zieht jetzt auch das Interesse und Engagement grösserer institutioneller Player auf sich.
Finanzriesen wie BlackRock oder JPMorgan Chase arbeiten aktiv an tokenisierten Finanzmärkten und neuer digitaler Infrastruktur. Beispiele aus der Schweiz sind u. a. SIX Digital Exchange, BX Digital, Projekt Helvetia der SNB um nur einige zu nennen..
Der Druck auf das bestehende System steigt. Investor:innen erwarten schnellere Prozesse, globale Verfügbarkeit und niedrigere Kosten. Gleichzeitig sind die Technologie aber auch die rechtlichen Rahmenbedingungen reifer als noch vor einigen Jahren.
Tokenisierte Assets und Transaktionen führen zu:
- Nahezu-Echtzeit-Abwicklung
- Tägliche Zinsgutschriften
- Effizientere Nutzung von Kapital
- potenziell globale Handelbarkeit rund um die Uhr
Aktuell sind einer der grössten institutionellen Use Cases Staatsanleihen. So hat BlackRock mit BUIDL einen tokenisierten Geldmarktfonds lanciert, der kurzlaufende US-Staatsanleihen auf die Blockchain bringt.
Stablecoins: Die neue Geldinfrastruktur?
Einer der wichtigsten Bausteine, damit ein neues Finanzsystem entstehen kann, ist die Digitalisierung von Geld selbst. Tokenisierte Märkte benötigen Geld, das schnell, global und programmierbar funktioniert.
Hier spielen sogenannte Stablecoins, digitale Abbilder klassischer Währungen wie des US-Dollars oder des Schweizer Frankens, die zentrale Rolle.
Anders als Kryptowährungen wie Bitcoin schwanken Stablecoins idealerweise kaum im Wert, da sie an bestehende Währungen gekoppelt sind, und bilden so eine essenzielle Grundlage für das neue Finanzsystem.
Stablecoins haben gegenwärtig eine Kapitalisierung von ca. 300 Milliarden US-Dollar (Stand 2026). Bekannte Beispiele sind Tether (USDT), USD Coin (USDC) oder der von Ripple lancierte Stablecoin RLUSD. Es gibt auch Initiativen für die Schweiz, z. B. lancierten im April 2026 die ZKB, UBS, Postfinance und Raiffeisen eine gemeinsame Stablecoin Sandbox zusammen mit der Swiss Stablecoin AG von Pascale Bruderer, oder den Frankencoin (ZCHF) der Frankencoin Association.
Was könnte dies für unser Finanzleben bedeuten?
Rino Borrini, Gründer des House of Satoshi, sagt dazu:
Wird es Finanzen wie wir sie kennen in 10 Jahren noch geben?
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Für uns alle heisst das u. a.:
1. Kleinere Einstiegshürden
Durch Tokenisierung können Vermögenswerte einfacher in kleine Teile aufgeteilt werden. Statt eine ganze Immobilie kaufen zu müssen, können wir kleine Anteile erwerben. Ähnliches gilt für Kunst, Infrastruktur, teure Aktien oder Private-Equity-Anlagen. Dadurch werden weitere Märkte und Anlageklassen zugänglicher.
2. Schnellere Finanzmärkte und 24/7-Handel
Heute dauern viele Finanztransaktionen noch Tage. Tokenisierte Märkte könnten Transaktionen nahezu in Echtzeit ermöglichen. Das reduziert Komplexität und Risiken.
Während klassische Börsen Öffnungszeiten haben, können tokenisierte Assets rund um die Uhr gehandelt werden, ähnlich wie Kryptowährungen heute.
Die US-Börse Nasdaq plant gemeinsam mit Partnern wie Kraken den Handel technisierter Aktien und ETFs rund um die Uhr und will damit Blockchain-Technologie direkt in die bestehende Börseninfrastruktur integrieren. Erwartet wird die Einführung für Herbst 2026.
3. Programmierbare Finanzprodukte und KI-Finanzhelfer
Tokens können mit Regeln versehen werden. Zinszahlungen, Dividenden oder Eigentumsübertragungen können automatisiert über sogenannte Smart Contracts abgewickelt werden.
Kombiniert mit KI-Agenten, welche uns verschiedene Aufgaben wie regelmässige Zahlungen, regelmässiges Investieren oder regelbasierte Portfolio-Pflege abnehmen können, entstehen komplett neue Möglichkeiten.
Die Risiken bleiben real
Trotz aller Chancen steht die Entwicklung noch am Anfang. Es gibt weiterhin offene regulatorische Fragen: zum Beispiel, was besitzt man rechtlich tatsächlich den Token oder den zugrunde liegenden Vermögenswert? Auch Themen wie Sicherheit, Verwahrung und Liquidität bleiben zentral.
Wie kannst du heute schon von Tokenisierung profitieren?
Wir stehen immer noch erst am Anfang einer möglicherweise tiefgreifenden Veränderung.
Der globale Finanzmarkt umfasst mehrere hundert Billionen Dollar. Tokenisierte Assets machen aktuell nur einen winzigen Bruchteil davon aus. Hier könnten künftig Chancen entstehen.
Wenn du an Tokenisierung partizipieren möchtest, gibt es verschiedene Möglichkeiten:
1. In die Infrastruktur investieren
Oft profitieren bei technologischen Neuerungen nicht nur die Endprodukte, sondern vor allem die Infrastruktur dahinter.
Im Bereich Tokenisierung könnten dazu gehören:
- Börsen und Handelsplattformen
- Zahlungsnetzwerke
- Blockchain-Infrastruktur
- Verwahrungs- und Sicherheitslösungen
Investieren kannst du mit Aktien und den entsprechenden Risiken in Firmen, die sich als Vorreiter positionieren und Projekte vorantreiben.
2. Zugang zu tokenisierten Assets nutzen
Immer mehr Plattformen ermöglichen bereits Investitionen in tokenisierte Vermögenswerte.
Dazu gehören beispielsweise Immobilienanteile, tokenisiertes Gold, Kunst, Luxusgüter etc.
Plattformen wie z. B. Splint Invest, Auktionariat, Signum Bank oder tokenisierte Goldprodukte wie Tether Gold zeigen, wie sich neue Anlageformen entwickeln könnten. Wer sich interessiert, kann sich auch z. B. bei Kraken oder Coinbase umschauen.
Wichtig bleibt dabei: Nicht jedes Angebot ist automatisch seriös oder liquide. Gerade in frühen Märkten lohnt sich eine besonders sorgfältige Prüfung der Plattform und des Anbieters.
3. Mit ETFs und Fonds an Blockchain partizipieren
Wer breiter investieren möchte, findet verschiedene ETFs mit Fokus auf Blockchain-Infrastruktur und digitale Vermögenswerte, z. B. Ishares Blockchain Technology UCITS ETF (IE000RDRMSD1), Global X Blockchain ETF (IE000XAGSCY5) oder ETPs von 21shares.
Die spannende Frage ist nicht, ob Tokenisierung kommt, sondern wie lange es noch bis zur breiteren Anwendung dauert.
Nicht jedes Projekt wird zum Erfolg. Aber immer mehr spricht dafür, dass sich die Infrastruktur der Finanzwelt gerade grundlegend verändert.
Was denkt ihr? Wird Tokenisierung unsere Finanzwelt revolutionieren oder überschätzen wir den Trend aktuell noch?💰
