Wirtschaft
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steuer-optimierer

Schneider-Ammann und der Shareholder Value

Bild: KEYSTONE

Die Aufregung um den Steueroptimierer in der Person von Bundesrat Schneider-Ammann zeigt: Reines Gewinndenken ist nicht nur moralisch verpönt, sondern schadet dem Geschäft.



Milton Friedman war nicht nur einer der bedeutendsten Ökonomen des letzten Jahrhunderts, er ist auch der geistige Übervater des Neoliberalismus. Sein wohl berühmtestes Zitat lautet: «Ein Unternehmen hat bloss eine einzige soziale Verantwortung – den Profit zu steigern.»

Diese reinste Form des Prinzip des Shareholder Values – das Gebot, alle Unternehmenstätigkeiten in den Dienst der Gewinnmaximierung für den Aktionär zu stellen – ist bis heute aktuell. 

So kommentiert der Zürcher Finanzprofessor Martin Janssen die Steueroptimierungsstrategie des ehemaligen Unternehmers und heutigen Bundesrates Johann Schneider-Ammann in der «SonntagsZeitung» wie folgt: «Steuern müssen auf der Basis der geltenden Gesetze optimiert, das heisst möglichst vermieden werden. Jedes andere Verhalten gefährdet das Überleben einer Unternehmung. Gelingt das einem Unternehmer, erhöht er die Überlebenswahrscheinlichkeit seines Unternehmens. Dafür sollte man ihn loben und nicht tadeln.» 

16583 - Dr. Milton Friedman of the University of Chicago, who won the 1976 Nobel Prize for economics, is a recognized leader of the conservative Chicago School of Economics, shown Nov. 29, 1976. He is associated with laissez-faire, or hands-off policy toward business and trade. (AP Photo/Eddie Adams)

Bild: AP NY

«Ein Unternehmen hat bloss eine einzige soziale Verantwortung – den Profit zu steigern.»

Milton Friedman, Ökonom (1912-2006)

Eine andere Ära

Schöner hätte es Milton Friedman nicht formulieren können. Dumm bloss, er lebte in einer ganz anderen Ära. Sein Neoliberalismus entstand in der Nachkriegszeit.

Damals herrschten auch in den kapitalistischen Ländern für heutige Verhältnisse geradezu kommunistische Verhältnisse. In den USA beispielsweise betrug der Grenzsteuersatz für sehr hohe Einkommen bis zu 90 Prozent. 

Steueroptimierer Mitt Romney

Heute sind es 25 Prozent, und wenn man es geschickt anstellt, wie Mitt Romney, der ehemalige Präsidentschaftskandidat der Republikaner, kann man ihn auch auf 15 Prozent drücken.

Ebenfalls unbekannt waren damals die vielen Steuerschlupflöcher, die es heute internationalen Konzernen ermöglichen, mehr oder weniger freiwillig Steuern zu bezahlen. 

Die Angst vor dem neuen Geldadel

Heute herrschen die 99:1-Verhältnisse. Einerseits wächst die Zahl der Superreichen. Gleichzeitig stagnieren, ja fallen, die Einkommen des Mittelstandes. Das vergiftet das soziale Klima, die Angst vor einem neuen Geldadel geht um.

Die Wirtschaftskrise hat zudem zu einer massiven Neuverschuldung der meisten Staaten geführt. Sozialleistungen werden gekürzt, Steuern und Abgaben erhöht. In diesem Klima stossen Steuer-Optimierer auf schwindendes Verständnis, selbst wenn sie legal handeln, wie es Schneider-Amman anscheinend getan hat. 

Neue Zustände bei der Transparenz

Gleichzeitig werden im Zeitalter von Big Data ganz neue Zustände in Sachen Transparenz geschaffen. Nicht nur Steuerhinterzieher, sondern auch Steuer-Optimierer werden geoutet und gnadenlos an den Pranger gestellt. Alice Schwarzer lässt grüssen.

Unter diesen Umständen ist es nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich fragwürdig geworden, eine Steueroptimierung um jeden Preis zu verfolgen. Man mag dafür von emeritierten Finanzprofessoren gelobt werden, in der Gesellschaft kommt es hingegen weniger gut an. 

Shitstorms auf Twitter und Facebook

Ein Shitstorm auf Twitter und Facebook kann heute selbst ein Unternehmen wie Nestlé ins Schleudern bringen, wie das Beispiel von Kitkat/Palmöl gezeigt hat. Die Konsumenten wollen heute nicht nur hervorragende Produkte und Dienstleistungen, sie wollen ein Unternehmen auch liken können. Ein guter Ruf ist daher keine Prestigesache mehr, er beeinflusst direkt die Eigenkapitalrendite. Und Steuer-Optimierer haben derzeit nun mal keinen guten Ruf mehr. 

Greenpeace activists wearing orangutan and KitKat chocolate costumes take part in a protest outside a building that houses the local headquarters of Swiss food and beverage company Nestle in Jakarta, Indonesia, Wednesday, March 24, 2010. Greenpeace activists staged the protest criticizing Nestle for using palm oil from plantations that allegedly destroyed the habitats of endangered species such as orangutans. Earlier this month the company said it dropped an Indonesian palm oil supplier, Sinar Mas Group, following its own investigation into damage caused to rain forests and peat fields in Southeast Asia by palm oil plantations. (AP Photo/Irwin Fedriansyah)

Protestaktion gegen Nestlé in Indonesien, 2010. Bild: AP

Viele Unternehmen haben dies erkannt. Sie wollen gute Corporate Citizen sein und setzen daher auf den Stakeholder Value. (Sorry übrigens für die vielen Anglizismen, aber es gibt leider keine adäquaten deutschen Begriffe dafür.) Stakeholder Value, das bedeutet, dass ein Unternehmen nicht nur Aktionäre glücklich machen will, sondern auch Mitarbeiter, Konsumenten, Lieferanten und die Region. Man will ein guter Bürger sein, und dazu gehört nun auch Mal, dass man seine Steuern ordentlich bezahlt.

Asiaten kennen keinen Shareholder Value

Der reine Shareholder Value gerät auch international ausser Mode. In Asien ist dieses Denken völlig unbekannt. Chinesen, Japaner und Koreaner setzen auf Merkantilismus, das bedeutet, dass die Wirtschaft primär im Dienst von nationalen Interessen steht. Selbst ein börsenkotiertes Unternehmen muss das Wohl des Landes im Auge haben. 

Eine chinesische Ölgesellschaft hat so in erster Linie dafür zu sorgen, dass Chinesen Öl bekommen. Erst dann kommen die Dividenden an die Aktionäre. Auch im Westen macht sich zunehmend Frust über Globalisierung und Shareholder Value-Denken bemerkbar. Gerade in Europa wird Merkantilismus zunehmend wieder salonfähig. 

In diesem Klima ist die Lage für Bundesrat Schneider-Amman sehr ungemütlich geworden. 

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Wolfsblut_2 05.02.2014 17:22
    Highlight Highlight Mit Philipp Löpfe an Bord hat der Steakholder Value von Watson noch mehr zugenommen und ich like diesen Artikel!
    • Winschdi 05.02.2014 20:53
      Highlight Highlight Absolut! Ein Grund mehr, Watson vorne auf dem Homescreen zu haben!
  • Romeo 05.02.2014 17:07
    Highlight Highlight Schneider-Ammann ist untragbar geworden. Er ist schon lange ein rethorischer Heissluftbläser. Abtreten ohne Pensionsgelder.
    • hpm 06.02.2014 10:32
      Highlight Highlight Die Kapazität von Herr Schneider-Ammann lass ich offen. Jedoch, dass heute in der Beurteilung von einem Fall von vor 10 Jahren die Standards von heute angewendet werden finde ich daneben.

Die heimlichen Lobbyisten – wie (bis zu) 424 Ex-Parlamentarier im Bundeshaus weibeln

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Zum Beispiel Regina Ammann. Die Juristin zählt zu den erfahrensten Lobbyisten im Bundeshaus. Sie verantwortete die politische Kommunikation der Grossbank Credit Suisse, war Leiterin «Bundeshausgeschäfte» bei Economiesuisse und ist nun Public-Affairs-Chefin des Agrochemiekonzerns Syngenta.

Für ihre Arbeitgeber versucht sie jeweils Parlamentarier davon zu überzeugen, sich für oder gegen eine Sache einzusetzen. Dasselbe macht Kathrin Amacker. Sie sitzt in der Konzernleitung bei den SBB und pflegt …

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