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«Was in China und den USA abgeht, macht mir Angst»

CSEM Alexandre Pauchard with chairman Claude Nicollier
CSEM-Chef Alexandre Pauchard (l.) mit seinem Verwaltungsratspräsidenten Claude Nicollier. Bild: CSEM
Interview

«Was in China und den USA abgeht, macht mir Angst»

Mit Riesenschritten schreitet die Digitalisierung voran. Das KMU-Land Schweiz muss befürchten, abgehängt zu werden. Das will das CSEM, ein Kompetenz-Zentrum für Industrie und Innovation, verhindern. CEO Alexandre Pauchard erklärt, wie.
01.10.2022, 17:1501.10.2022, 17:42

Die USA und China geben Unsummen aus für die Forschung und Entwicklung von Halbleitern und künstlicher Intelligenz. In der Schweiz hingegen gehen die Ausgaben der Industrie für Forschung und Entwicklung sogar zurück. Was läuft hier falsch?
Alexandre Pauchard: Selbst in Europa wird sehr viel Geld in digitale Technologien gesteckt. Gleichzeitig wird es für die Schweiz als Nicht-EU-Land immer schwieriger, bei diesen Forschungen mitzumachen. Bei «Digital Europe» beispielsweise, einem Programm, das für uns sehr wichtig wäre, sind wir draussen. Wir sprechen da von einem Programm, das zwischen 2021 und 2027 7,5 Milliarden Euro zur Verfügung hat, und bei dem es um Supercomputer und künstliche Intelligenz geht.

Das sind auch für uns wichtige Themen.
Ja, und wir können nicht mitmachen.

Ist auch das CSEM davon betroffen?
Momentan noch nicht. Die Beiträge des Bundes an das CSEM sind leicht gestiegen. Wenn man jedoch sieht, welche Beträge die USA, China und Europa in die Digitalisierung investieren, dann macht einem das schon Angst. Was in China abgeht, ist gewaltig. Jährlich verlassen rund 70’000 Doktoranden im digitalen Bereich die Hochschulen. In den USA sind es nur 40’000 und davon sind bloss 15’000 Amerikaner. Der Rest kommt ebenfalls aus Asien.

CSEM Aktiia bloodpressure wearable
Dank CSEM-Technologie entwickelt: das Armband von Aktiia, das den Blutdruck misst.Bild: CSEM

Wie kann die kleine Schweiz da mithalten?
Wir können uns sicher nicht mit China oder den USA messen. Aber Europa kann das und es scheint, dass die Europäer dies auch begriffen haben.

Ist das eine Folge des Krieges in der Ukraine?
Das hat sicher dazu beigetragen. Umso wichtiger wäre es, dass die Schweiz in diesen Prozess integriert ist.

«Dank der Digitalisierung der Medizin könnte es endlich auch gelingen, die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen.»

An dieser Stelle eine kurze Verständnisfrage für uns Laien: Was genau macht das CSEM?
Wir sind ein Transmissionsriemen zwischen Wissenschaft und Industrie. Das heisst, wir helfen, neue Technologien erfolgreich in die Wirtschaft zu transferieren. Wir sind keine Akademie und auch keine Firma. Wir sind eine Not-for-Profit-Organisation mit dem Auftrag, die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz zu stärken. Deshalb haben wir in der Schweiz eine einzigartige Stellung.

Was treibt Sie dann jeden Morgen zur Arbeit an?
Wir können so vielen KMU und Start-ups, die sich keine aufwendige Forschung leisten können, technisches Know-how vermitteln.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Gerne. Das Unternehmen Ava etwa wurde 2017 und 2018 zum besten Start-up gekürt. Dank unserer Technologie hat es ein Armband für die Erkennung der fruchtbarsten Tage entwickelt. Oder Aktiia, ein Start-up, das aus dem CSEM entstanden ist, stellt ein Armband zur optischen Messung und zur präzisen Erfassung und kontinuierlichen Überwachung des Blutdrucks her.

Das CSEM wurde aus der Not respektive der Uhren-Krise der 80er-Jahre geboren. Was hat sich seither geändert?
Einer unserer Schwerpunkte ist angewandte Forschung, wo wir mithilfe des Bundes – rund 30 Millionen Franken jährlich – den KMU und den Start-ups unter die Arme greifen können. Das sind aufwendige Verfahren. So hat es beispielsweise 13 Jahre gedauert, bis die Technologie, welche der Fruchtbarkeits-App von Ava zugrunde liegt, entwickelt wurde. Da wir ursprünglich aus der Uhrenindustrie stammen, ist Präzisionsfertigung eine unserer Kernkompetenzen. So haben wir beispielsweise zusammen mit einem israelischen Start-up einen Chip entwickelt, mit dem Blinde teilweise wieder sehen können. Wir arbeiten auch an einer Atomuhr, welche enorm wichtig ist für Anwendungen in Telekommunikationsnetzen oder der autonomen Mobilität. Die Gebiete der Digitalisierung und der erneuerbaren Energien sind für uns ebenfalls bedeutende Bereiche.

CSEM Ava Fertility Tracking
Die Menstruations-App von Ava. Auch sie wurde dank CSEM-Technologie möglich.Bild: CSEM

Bleiben wir kurz bei den Wearables, den Armbändern, welche unsere Gesundheitsdaten erfassen. Als sie mit der Entwicklung dieser Geräte begannen, waren es noch weitgehend Spielereien. Heute werden diese Wearables zu einem Milliardengeschäft, in dem Apple, Samsung und andere Giganten mitmischen. Wie können Sie da noch mithalten?
Begonnen hat es mit der Messung von Vitalwerten für Astronauten und Spitzensportler. Da konnten wir Pionierarbeit leisten. Jetzt hat sich Vieles geändert. Wenn es um Millionenstückzahlen geht, dann können wir nicht mithalten. Deshalb haben wir den nächsten Schritt gemacht, wir sind in den Bereich der Medizin vorgestossen. Das ist wegen der vielen Zertifizierungen, die es da braucht, sehr viel schwieriger und in diesem Bereich sind Apple & Co. noch nicht tätig.

Auch da öffnet sich ein riesiger Markt. Im Bereich der personalisierten Medizin zeichnet sich ein Boom ab. Bald werden smarte Uhren und Armbänder unsere Schritte, unseren Kalorienverbrauch, unseren Schlaf, unseren Blutdruck etc. minutiös aufzeichnen und unser Verhalten beeinflussen.
Das ist eine unserer Stärken und deswegen haben wir soeben eine Kooperation mit dem Berner Inselspital abgeschlossen. Weil wir auf dem Gebiet der Mikrotechnologien über grosse Erfahrung verfügen, können wir nun Firmen, die im medizinischen Bereich tätig sind, helfen. Für die meisten KMU ist es nicht mehr möglich, diesen Aufwand zu betreiben.

Das CSEM ist ein multidisziplinäres Forschungszentrum für Technologie. Es ist eine öffentlich-private Partnerschaft im Dienste der Unternehmen. Es begleitet jährlich mehr als 200 Unternehmen. Seine 550 Mitarbeiter verteilen sich auf die Standorte Neuenburg (Hauptsitz), Alpnach, Muttenz, Landquart und Zürich.

Die sogenannten Wearables stossen gerade in Europa auch auf Misstrauen. Big Brother lässt grüssen. Wie halten Sie es mit der Datensicherheit?
Amerikaner und Chinesen haben kein Problem damit, ihre persönlichen Daten zur Verfügung zu stellen. In Europa ist das anders. Wir sind zurückhaltender und manchmal skeptisch. Nur muss man auch die Vorteile sehen. Dank der Digitalisierung der Medizin könnte es endlich auch gelingen, die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen.

Ein weiteres Schwerpunkt-Gebiet für das CSEM ist die Solartechnik. Sind Sie da nicht zu spät? Ist der Zug in Richtung China nicht schon abgefahren?
Das habe ich immer und immer wieder zu hören bekommen, aber das war noch vor der aktuellen Energiekrise. Betrachten wir etwa die Entwicklung der Firma Meyer Burger. Einst war sie der Musterschüler der Schweizer Solarindustrie. Dann ist sie abgestürzt und geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Jetzt befindet sich das Unternehmen wieder im Aufwind, weil es sich auf die Entwicklung hochwertiger Solarpanels konzentriert. Seit Jahren unterstützen wir Meyer Burger bei diesem Prozess. Wir konnten die Effizienz dieser Solarpanels um 20 Prozent erhöhen. Deshalb ist das Unternehmen wieder wettbewerbsfähig geworden.

csem Sustaiable Energy
Hocheffiziente Solarpanel von Meyer Burger. Auch hier hatte das CSEM die Finger im Spiel.Bild: CSEM

Krieg in der Ukraine, Klimaerwärmung, es gibt derzeit viel Grund für Pessimismus. Gleichzeitig werden gerade auf dem Gebiet der Technologie grosse Fortschritte erzielt. Ist das ein Grund für Optimismus?
Derzeit erleben wir eine Konvergenz von verschiedenen Technologien. Diese können einen positiven Beitrag leisten, z. B. zur Verringerung unserer Umweltbelastung. Aber es braucht auch ein bisschen Weisheit, um diesen technischen Fortschritt zum Nutzen aller Menschen einzusetzen.

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quelle: getty images north america / justin sullivan
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54 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Macca_the_Alpacca
01.10.2022 17:50registriert Oktober 2021
Wir bilden ja seit Jahrzehnten Chinesische Doktoranden (Chemie, Biochemie, Physik) aus und das erst noch fast gratis. Schweizer Foschungsgruppenleiter nehmen auch lieber Chinesische als Schweizer Doktoranden, denn Chinesen arbeiten wie die Verrückten 16 h pro Tag und 7 Tage die Wochen und die kann man mit dem halben Lohn eines Schweizers abspeisen. Ferner wollen die nicht an Konzerte oder Freunden Zeit verbringen, denn die bleiben oft unter sich. Evtl. müsste man diese Haltung mal gründlich überdenken.
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Chael
01.10.2022 18:26registriert September 2021
Der Titel war jetzt schon bitz Clickbait liebes Watson-Team.
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Hierundjetzt
01.10.2022 19:35registriert Mai 2015
Jetzt muss ich schon ein wenig fronten, immer diese Angstmacherei aiaia.

Soso China hat gewaltige 70'000 Doktorierende....

....bei 1'200'000'000 (!) Einwohner. Wow ich bin beeindruckt. Nicht.

Die Schweiz hat mehr Unis unter den Top 10 und mehr als Nobelpreisträger als China.

Bei 8 Mio Einwohner (= mittlere Stadt in China)

und wir senden immer noch Faxe.

Fliegt doch nicht immer auf die chinesische Staatspropaganda rein.

Nur ganz im Osten auf einem kleinen Streifen ist China Land in eeeeetwa so etwas wie Europa.

YT, FB, Insta, ist gesperrt in China woher kommen wohl die Bilder hm?
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