DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Der griechische Göttervater Zeus und seine Kinder. bild: shutterstock

Drei moderne Mythen über Griechenland – und ihre tragischen Folgen für Europa

Die Griechen sind renitent, die Finanzmärkte können einen «Grexit» verkraften und der griechischen Regierung ist nicht zu trauen: Mit diesen drei Mythen wird eine drohende Katastrophe in Griechenland verharmlost.



In der Antike haben die griechischen Mythen den Menschen die Welt und den Sinn des Lebens erklärt. Die modernen Mythen über Griechenland hingegen vernebeln den Menschen die Sinne und sind zu einer Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems und die europäische Einheit geworden.

Das sind die drei modernen griechischen Mythen:

1. Die renitenten Griechen haben bis heute noch keine Sparanstrengungen gemacht

In der «Financial Times» drosch der italienische Ökonomieprofessor Francesco Giavazzi kürzlich mit dem Zweihänder auf die Griechen ein: Sie hätten sich für die Armut entschieden, würden hartnäckig jede Reform ablehnen und verdienten es deshalb, aus Euroland ausgeschlossen zu werden. Diese Argumentation ist typisch geworden für das Denken der Mehrheit in Europa.

Mit den Fakten hat dies allerdings nichts zu tun. Diese hat der irische Ökonom Karl Whelan zusammengetragen:

In der Sendung von Günther Jauch vom Sonntag war zudem zu erfahren, dass

So viel zum Thema «renitente Griechen».

2. Einen Grexit können die Finanzmärkte leicht verkraften

Die Europäische Zentralbank habe alles Nötige vorgesorgt, um ein Chaos nach einem Austritt Griechenlands aus der Einheitszone zu verhindern, wollen uns Ökonomen vom Schlage Giavazzis glauben machen. Das kann sein – oder auch nicht.

Tatsache ist, dass ein «Grexit» auch einen sofortigen Staatsbankrott Griechenlands zur Folge haben würde. Allein Frankreich und Deutschland müssten sich damit 160 Milliarden Euro ans Bein streichen. «Angela Merkel und François Hollande würden als die grössten finanziellen Verlierer in die Geschichte eingehen», stellt dazu Wolfgang Münchau in der «Financial Times» fest.

Das wäre nicht nur ein politischer, sondern auch ein wirtschaftlicher Schlag ins Gesicht, vor allem für Frankreich, das über keine Reserven mehr verfügt, um einen solchen Schlag auffangen zu können. Das gilt noch verschärft für Italien, das ähnlich viel Geld verlieren würde, und dessen staatliche Verschuldung ebenfalls längst weit jenseits von Gut und Bös liegt.

3. Die griechischen Spiel-Theoretiker spielen mit Europa Katz und Maus

Greek Finance Minister Yanis Varoufakis answers a question during a parliamentary session in Athens June 11, 2015. Greece has not agreed to meet a primary budget surplus of 1 percent for this year, Varoufakis told parliament on Thursday, amid talks between the Greek premier and European leaders over a cash-for-reforms deal in Brussels. REUTERS/Alkis Konstantinidis

Finanzminister Yanis Varoufakis während einer Debatte im Parlament. Bild: ALKIS KONSTANTINIDIS/REUTERS

Yanis Varoufakis kommt inzwischen die zweifelhafte Ehre zu, der wohl am meisten gehasste Politiker Europas zu sein. Dem griechischen Finanzminister wirft man so ziemlich alles vor, was man einem Politiker vorwerfen kann: Er sei eingebildet, unehrlich, belehrend, ein Vulgär-Marxist, naiv, etc., etc.

Über das Auftreten von Varoufakis kann man geteilter Meinung sei. Als Ökonom ist er jedoch unbestritten eine Kapazität. Sein Buch «Der globale Minotaurus» ist eine in sich stimmige Analyse der Weltwirtschaft auf hohem Niveau.

Die von den Institutionen geforderten Reformen hingegen sind teilweise widersinnig. Der angestrebte Primärüberschuss – ein positiver Saldo der Staatskasse vor den Zinszahlungen – ist absurd hoch. Das geben inzwischen selbst konservative Ökonomen zu und empfehlen deshalb einen teilweisen Schuldenverzicht oder zumindest ein Schuldenmoratorium. 

Ebenfalls idiotisch ist eine nochmalige Erhöhung der Mehrwertsteuer, die den totalen Zusammenbruch der Binnennachfrage zur Folge haben würde. Wolfgang Münchenau spricht von einem doppelten Selbstmord, sollten die Griechen diese Bedingungen annehmen: Einem wirtschaftlichen für das Land und einem politischen für die Regierung.

Fazit

Die antiken Mythen enden jeweils in einer Katastrophe. Auch die modernen haben alle Anzeichen einer Tragödie: Die Positionen sind derart festgefahren, dass es ein politisches Wunder brauchen würde, um aus dieser Nummer wieder herauszukommen.  

Trotz – oder gerade wegen der Krise: Athen ist das neue Mekka der Strassenkunst

1 / 25
Sprayen gegen die Krise: Athener malen ihren Frust an die Wand
quelle: getty images europe / milos bicanski
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Kennst du schon die watson-App?

Über 150'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wurde unter «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Work in progress

So stehen die Chancen einer Viertage-Woche in der Schweiz

Island hat die viertägige Arbeitswoche eingeführt, internationale Firmen testen sie, doch in der Schweiz bleibt sie scheinbar utopisch. Ein Wirtschaftsexperte sagt, wer den ersten Schritt machen sollte.

Vier Tage pro Woche arbeiten, Vollzeit bezahlt werden: Island führt nun die Viertage-Woche ein, nachdem ein Experiment den positiven Effekt des Modells untermauert hat. Gleiche Produktivität in kürzerer Zeit – eigentlich ein perfekter Match für die wirtschaftsorientierte Schweiz. Warum fasst das Modell hierzulande nicht Fuss?

Schweizer Arbeitgebende bieten die Viertage-Woche kaum an. Eine Ausnahme ist das Grafikunternehmen Büro a+o in Aarau. Sie hätten das Modell im Jahr 2017 eingeführt, …

Artikel lesen
Link zum Artikel