Wirtschaft
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Planet Fitness dancers perform on treadmills outside the New York Stock Exchange after the company's IPO, Thursday, Aug. 6, 2015. U.S. stocks edged modestly lower in early trading as investors look over the latest deal and earnings news. Sliding oil prices pulled stocks in energy companies lower. (AP Photo/Richard Drew)

Fitness-Tänzer in der New Yorker Börse. Auf Börsenhändler wartet ein stürmischer Herbst. Bild: Richard Drew/AP/KEYSTONE

Das grosse Zittern beginnt: Die Bond-Party ist vorbei

Die Anzeichen verdichten sich, dass die US-Notenbank schon im September ihre Leitzinsen erhöhen wird. Das wird zu Beben auf den Finanzmärkten führen – auch in der Schweiz.



Notenbanker sind Spielverderber. «Mein Job ist es, die Punch-Bowle wegzuräumen, wenn die Party so richtig in Schwung kommt», erklärte einst William Martin, ein ehemaliger Präsident der US-Notenbank, der Fed. Die aktuelle Fed-Präsidentin Janet Yellen befindet sich in der gleichen Situation. Sie wird die Leitzinsen bald erhöhen müssen, wahrscheinlich schon im September. 

«Zinserhöhungen sind wie Küchenschaben. Man sieht niemals nur eine.»

Ralph Segall, Geldmanager

Diese Zinserhöhung wird zwar seit langem erwartet, aber sie löst trotzdem noch immer Angst und Schrecken an den Finanzmärkten aus. «Alle haben die Hosen voll, wenn sie daran denken, was eine Zinserhöhung auslösen kann», bekennt beispielsweise Michael Materasso, Geldmanager beim Investmentfonds Franklin Templeton in der «Financial Times». 

Staaten und Unternehmen müssen sich daran gewöhnen, wieder höhere Zinsen zu bezahlen

Woher die Angst? Eine Zinswende ist auch ein Signal, dass die grösste Bond-Party aller Zeiten zu Ende geht. Mit anderen Worten: Staaten und Unternehmen müssen sich wieder daran gewöhnen, höhere Zinsen für ihre Obligationen zu bezahlen. Heute können selbst die am wenigsten vertrauenswürdigen Schuldner für lächerlich tiefe Zinssätze Geld aufnehmen. 

Federal Reserve Chair Janet Yellen testifies on Capitol Hill in Washington, Wednesday, July 15, 2015, before the House Financial Services Committee hearing on monetary policy and the state of the economy. Yellen told the committee that if the central bank waits until 2016 to begin raising rates, it could mean that subsequent hikes might occur more rapidly. (AP Photo/Manuel Balce Ceneta)

Räumt sie die Punch-Bowle weg? Fed-Präsidentin Janet Yellen. Bild: Manuel Balce Ceneta/AP/KEYSTONE

Sie haben dies auch fleissig getan. Seit 2008 haben Staaten und Unternehmen Anleihen in der Höhe von rund 6000 Milliarden Dollar getätigt, jährlich, wohlverstanden. Wenn die nach wie vor mit Abstand wichtigste Zentralbank der Welt, die Fed, eine Zinswende einleitet, werden die Folgen auf der ganzen Welt zu spüren sein. 

«Alle haben die Hosen voll, wenn sie daran denken, was eine Zinserhöhung auslösen kann.»

Michael Materasso, Geldmanager

Das Problem dabei ist: Man weiss, dass es Folgen haben wird, aber nicht genau, welche und wo. «Zinserhöhungen sind wie Küchenschaben», warnt der Geldmanager Ralph Segall. «Man sieht niemals nur eine.»

Zurück zur Normalität

Warum geht die Fed überhaupt das Risiko ein, mit einer Zinserhöhung die Märkte aus dem Gleichgewicht zu bringen? Derzeit herrschen auf den Finanzmärkten aussergewöhnliche Zustände. Die Zinsen liegen nahe beim Nullpunkt, teilweise – wie etwa in der Schweiz – sogar im negativen Bereich. Der Grund dafür: Mit billigem Geld haben die Zentralbanken die Wirtschaft nach der Krise von 2008 wieder angekurbelt. 

In den USA hat sich die Wirtschaft inzwischen so weit erholt, dass sich die Politik des billigen Geldes nicht mehr rechtfertigen lässt. Auch im Juli wurden wieder 215'000 neue Jobs geschaffen, die Arbeitslosigkeit liegt wieder auf dem Niveau von vor der Krise. Dazu kommt, dass billiges Öl die Wirtschaft weiter antreibt.

People seek employment at a job fair for the homeless at the Los Angeles Mission in the Skid Row area of Los Angeles, California June 4, 2015. REUTERS/David McNew

Job-Messe in den USA. Der amerikanische Arbeitsmarkt hat sich erholt. Bild: DAVID MCNEW/REUTERS

Stets hat die Fed betont, dass billiges Geld nur eine temporäre Massnahme sei, die wieder aufgehoben werde, wenn die Wirtschaft wieder Tritt gefasst habe. Das ist jetzt der Fall. Seit Monaten bereitet die Fed-Präsidentin Yellen die Märkte auf eine Zinserhöhung und damit auf normale Zustände vor. Experten gehen davon aus, dass dies bereits im September der Fall sein wird. 

Versicherer müssen auf 400 Milliarden Dollar verzichten

Für eine Zinserhöhung gibt es gute Gründe. Billiges Geld verleitet zu Blasenbildung an den Aktien- und Immobilienmärkten. Obwohl derzeit kein Grund zur Angst besteht, erhöht billiges Geld auch die Inflationsgefahr.

Schliesslich bringt billiges Geld die institutionellen Anleger in grosse Nöte. Wie sollen beispielsweise Pensionskassen bei Null-Zinsen eine vernünftige Rendite erwirtschaften? Die Swiss Re hat ausgerechnet, dass allein die Versicherer wegen der tiefen Zinsen Erträge in der Höhe von rund 400 Milliarden Dollar verloren haben. 

Pensionskassen in der Zwickmühle

Gerade die institutionellen Anleger kommen in die Zwickmühle: Einerseits brauchen sie dringend eine Zinswende, um wieder ordentliche Renditen auf ihren Anlagen zu erhalten. Gleichzeitig müssen sie auf ihrem bestehenden Portfolio grosse Verluste verbuchen, weil ihre Obligationen an Wert verlieren werden. Die Art und Weise, wie die institutionellen Anleger dieses Dilemma meistern, wird einen bedeutenden Einfluss auf die Märkte haben. Panikverkäufe könnten verheerende Folgen haben.

Unklar sind auch die Auswirkungen auf die Aktienmärkte. Höhere Zinsen bedeutenden auch sinkende Aktienkurse. Derzeit sind die Aktien historisch gesehen teuer, manche sprechen gar von Blasen. Es besteht daher die Gefahr, dass eine Zinserhöhung zu einem Aktiencrash führen wird. 

Was geschieht mit China und Brasilien?

Die grösste Gefahr droht jedoch von den Schwellenländern. Das billige Geld hat dazu geführt, dass auf der Suche nach höheren Renditen viel Geld in diese Länder geflossen ist. Die Zinswende hat zur Folge, dass dieses Geld nun wieder zurückkommt und damit für Chaos auf den Märkten sorgt.

An investor reads the newspaper near a board displaying stock market movements at a brokerage in Beijing Tuesday, July 14, 2015. The Shanghai Composite Index still is down more than 20 percent from its June 12 peak. State-owned brokerages and government pension funds have pledged to buy stocks, and executives and big shareholders are barred from selling. (AP Photo/Ng Han Guan)

Die Farbe rot dominiert die chinesischen Aktienmärkte.  Bild: Ng Han Guan/AP/KEYSTONE

Vor allem China und Brasilien stehen derzeit im Fokus des Interesses der Anleger. Chinas Wirtschaft befindet sich derzeit in einem grossen Umbau mit ungewissem Ausgang. Anstatt mit einem zweistelligen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts muss sich die Regierung mit Aktienblasen und Geisterstädten herumplagen. Ob sie diese Aufgabe auch meistern wird, ist bei den Experten umstritten. 

Ein heisser Herbst wartet auf die Geldmanager

Brasilien hingegen befindet sich definitiv in der Krise. Die Wirtschaft stagniert, die Aktienmärkte sind wieder auf Krisenniveau und ein Korruptionsskandal könnte den Sturz der Regierung zur Folge haben.

Wenn Schwellenländer wie China und Brasilien in Nöte kommen, hat dies Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft. Das hat die asiatische Krise Ende der Neunzigerjahre gezeigt.

Drohender Aktiencrash, überhastetes Aussteigen aus den Bondmärkten und Krise bei den Schwellenländern: Die Nervosität der Geldmanager ist mehr als verständlich. Der Herbst könnte ruppig werden.  

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Jol Bear 10.08.2015 21:53
    Highlight Highlight Der voraussichtliche Zinsanstieg ist als Anzeichen der Genesung zu bezeichnen. Die eigentliche Krankheit ist die künstliche Tiefhaltung der Zinssätze. Die zu erwartenden Kapriolen an den Märkten sind der Preis dafür, gleich den Kopfschmerzen im Anschluss an das Ende des Alkoholrausches.
  • Elio Pescatore 10.08.2015 16:11
    Highlight Highlight Ein Hinweis zur Bildunterschrift zu China:
    In China gilt die Farbe rot als Farbe des Glücks und darum sind steigende Aktienkurse rot, fallen die Kurse werden sie grün dargestellt.
    • Philipp Löpfe 10.08.2015 17:03
      Highlight Highlight Höre ich zum ersten Mal. Danke für den Hinweis
  • Kronrod 10.08.2015 15:29
    Highlight Highlight Die meisten westlichen Staaten können sich hohe reale Zinsen gar nicht leisten. Die USA haben 15'000 Milliarden Schulden. Zu 5% verzinst wären das 750 Milliarden im Jahr oder etwa 20% der Steuereinnahmen, die nur für die Zinsen draufgingen. Gut möglich, dass die Zinsen von 0% auf 2% oder 3% hochgehen. Aber viel höher sehe ich nicht - ausser zusammen mit Inflation.
  • Matthias Studer 10.08.2015 15:10
    Highlight Highlight Hätten die Märkte nach der Finanzkrise richtig reagiert, könnten sie ohne Sorgen der Zinserhöhung entgegentreten. Aber die Gier nach mehr war stärker. Realwirtschaft und Finanzwirtschaft sind nicht dasselbe. Einmal muss es richtig fest rummpeln bis der Mensch merkt, dass es so nicht weiter gehen kann. Das heisst, auch der Geldadel muss es zu spüren bekommen.
    • Ikarus 10.08.2015 16:27
      Highlight Highlight Ohne Revolution in der bevölkerung wird das aber nicht klappen. Unsere situation ist vergleichbar mit jener vor der franz rev.
      Klar gehts uns heute besser nur sind die kirchen heute staaten die im auftrag der könige handeln, und die sind die heutigen milliardäre.. Der einfache bürger wird derweil mit soviel ablenkung zugepflastert das er gar nicht merkt das er nurn sklave des systems ist. Also ich hoff weiter auf naturkatastrophen alles andere ist bei der menschlichen dummheit aussichtslos.

      Die meisten schweizer unternehmen hielten es ja auch nicht für schlau für die zeit nach dem mindestkurs zu schauen und bereicherten sich in die eigene tasche. Dabei sollte jeder unternehmer wissen das so eine aktion aus dem nichts kommen muss und man sie nicht warnen kann.
    • Crecas 10.08.2015 18:09
      Highlight Highlight @Ikarus
      Die meisten Schweizer Unternehmen haben sehr gut gearbeitet und sich nach dem Schock von 2011 extrem gut auf die neue Situation eingestellt. Darum sind die Folgen der diesjährigen Währungsentwicklung auch nicht so dramatisch wie 2011.

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