Grosser Flugbenzin-Schock bleibt aus – doch jetzt droht den Airlines etwas anderes
Die Strasse von Hormus ist nach wie vor blockiert – das hat einen globalen Ölschock angestossen. Sicher ist bloss, dass dieser Schock jetzt die Weltwirtschaft durchläuft. Schwer vorhersehbar ist jedoch auch für Experten, wie die Wirtschaft genau reagiert, welche Teile standhalten und welche in die Brüche gehen.
Besonders grosse Sorgen bereitete lange Zeit die Versorgung mit Flugbenzin. Der Preis dafür schoss global weit höher als jener für Rohöl. Zwischenzeitlich erreichte er einen Höchststand von 230 Dollar pro Fass – und übertraf damit sogar den Rekord von 2022, als Europa in eine Energiekrise gestürzt wurde durch Russlands Präsident Wladimir Putin. Die Sorgen schienen sich zu bestätigen, als die Lufthansa bekanntgeben musste, sie werde bis zum Oktober rund 20'000 Flüge streichen.
Das war im April. Ungefähr vier Wochen später sieht die Lage jedoch schon viel besser aus. Das hat vor allem einen Grund: Der Markt spielt. Die hohen Preise haben eine Gegenreaktion angestossen: Die Öl-Raffinerien weltweit haben ihre Produktion von Flugbenzin stark erhöht.
Der Preis für Flugbenzin liegt deshalb heute wieder deutlich tiefer: nicht mehr auf 230 Dollar pro Fass, sondern aktuell bei etwa 160 Dollar. Das ist zwar noch immer vergleichsweise hoch. Es ist jedoch kein schrilles Warnsignal mehr dafür, dass der Welt bald das Flugbenzin ausgeht. Ein Sommerferien-Grounding des europäischen Luftverkehrs ist anscheinend nicht mehr zu befürchten.
Eine der grössten asiatischen Airlines, die Cathay Pacific, konnte bereits ihre Treibstoffzuschläge wieder senken. Und die Flugindustrie selbst klingt wieder zuversichtlicher. Der CEO von IAG, Eigentümer von British Airways, sagte beispielsweise:
Insgesamt könnte man die Lage für Europa so zusammenfassen, wie es Javier Blas tut, Energieexperte der Nachrichtenagentur «Bloomberg». Natürlich könne der Krieg im Iran wieder eskalieren, das schlimmste Szenario sich einstellen. Aber wenn nicht, dann spiele der Markt gut genug, um die meisten Flugzeuge in der Luft zu halten.
Nicht das Flugbenzin könnte knapp werden, sondern das Geld
Zuversichtlich gibt sich auch der Chef der Billig-Airline Ryanair. Im Interview mit «Bloomberg» reagierte der 65-jährige Michael O‘Leary mit einem Lachen auf die Frage, ob er eine Krise wie die heutige schon einmal erlebt habe:
O’Leary hat auch eine klare Antwort auf die Frage, wann Europa das Flugbenzin ausgehen werde. «Das wird nicht passieren.» Das sei zwar im April eine grosse Sorge gewesen, aber inzwischen nicht mehr. Er habe letzte Woche alle seine Lieferanten in Paris getroffen.
Damit kann man die Flugbenzin-Versorgung anscheinend streichen von der Liste der möglichen Bruchstellen im globalen Energiesystem. Dass es schnell auf die Gefahren-Liste kam und schnell wieder verschwindet, liegt an seinen besonderen Eigenschaften.
Die Lagerung von Flugbenzin ist technisch aufwendiger und damit teurer als die Lagerung von Autobenzin. Es wird deshalb möglichst direkt an die Flughäfen transportiert und in die Maschinen gefüllt. Wenn in der Welt etwas schiefläuft, läuft in diesem System deshalb meist noch mehr schief.
Zugleich können Ausfälle beim Flugbenzin leichter ersetzt werden. Das liegt daran, dass Flugbenzin einen deutlich kleineren Anteil von der globalen Ölnachfrage ausmacht, als es Benzin oder Diesel tun. Fast vier Mal weniger. Es reicht deshalb, wenn die Öl-Raffinerien bloss etwas weniger Benzin produzieren und dafür etwas mehr Flugbenzin – schon ist der Markt wieder ausgeglichen. Bei den hohen Preisen für Flugbenzin produzierten die Raffinerien liebend gern und rasend schnell mehr davon.
All das heisst allerdings noch lange nicht, dass diesen Sommer alle Fluggäste ohne jegliche Turbulenzen ihre Ferienorte erreichen werden. Das Flugbenzin sollte den Airlines nicht ausgehen. Was hingegen einigen kleineren Airlines diesen Sommer ausgehen könnte, ist das Geld.
Solche scheiternden Airlines sind eine Sorge für Experte Blas, für Ryanair-Chef O'Leary eine Gelegenheit, zu makabren Sprachbildern zu greifen.
Blas schreibt, er könne sich vorstellen, dass einige Reiseveranstalter mit eigener Airline scheitern könnten. Nämlich dann, wenn sie sich zu den aktuell hohen Flugbenzin-Preisen eindecken müssen, aber ihre Reisen schon davor zu tiefen Preisen verkauft haben. Solche Konkurse hätten dann Folgen für die Kunden: Ihre Flüge würden abgesagt.
Die Lunte brennt – und keiner tritt drauf
O'Leary sagt sogar:
Ihnen werde zum Verhängnis, dass sie sich nicht gegen steigende Ölpreise abgesichert haben und bis über beide Ohren verschuldet sind. Übernehmen würde er solche scheiternden Airlines nicht. «Es gibt nichts, was man in Europa kaufen will. Es ist alles Mist.»
So sieht es für den Sommer aus. Für den Herbst gilt, was nun schon seit beinahe drei Monaten gilt: Alles hängt davon ab, wann die Strasse von Hormus wieder frei ist. Wenn sie im Herbst noch immer zu ist, wird Europa laut O'Leary zwar noch genug Flugbenzin zur Verfügung haben. Aber es werde so lange so teuer gewesen sein, dass viele Airlines unter der Last einbrechen werden. «In ganz Europa werden Airlines pleitegehen.»
Angesichts solcher üblen Folgen wundern sich viele Öl-Analysten ohnehin, wie entspannt die westliche Welt auf den Iran-Krieg blickt. So wirkt es etwa für den altgedienten US-Analysten Paul Sankey, «als würde eine lange Lunte zu einer Bombe abbrennen – und niemand tritt auf sie.» (aargauerzeitung.ch)

