Rekordfieber mit Folgen: An den Börsen häufen sich dubiose Deals
«Wir befinden uns in der grössten Aktienblase aller Zeiten.» Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo ein Videointerview mit dem Börsenveteranen Jeremy Grantham aufpoppt, in dem dieser so trocken und witzlos wie eine Steuererklärung seine düstere Analyse zum aktuellen Zustand der Finanzmärkte von sich gibt. Der 87-jährige Brite ist ein «Permabär», wie er sich in seiner im Januar erschienenen Autobiografie* selbst bezeichnet.
Im Unterschied zum Permafrost tauen Permabären auf, wenn sich die Temperaturen an den Aktienmärkten abkühlen, und sie erstarren, wenn das Thermometer über einen bestimmten Punkt hinaus gestiegen ist. Doch Jeremy Grantham tritt medial eigentlich immer als Alarmist in Erscheinung. Warnen ist Teil seines Geschäftsmodells. Der Mann ist ein Value Investor. Als Investmentchef der 1977 von ihm selbst mitgegründeten Fondsgesellschaft GMO mit Sitz im amerikanischen Boston sucht Grantham fortwährend nach Aktien, deren innerer Wert höher ist als der Börsenkurs. Damit ist Grantham zwar reich und berühmt geworden. Aber Nachahmen lohnt sich erfahrungsgemäss selten.
Lernen kann man dennoch einiges von Altmeistern wie ihm. Grantham sagte in einem der vielen Interviews, ein Indikator für eine Börsenblase sei, wenn die Kurse von Old-Economy-Aktien wie Coca-Cola plötzlich wieder schneller stiegen als die Überfliegeraktien der neuen Digitalwirtschaft. Das wäre ein Zeichen, dass die Investoren auf dem Börsenparkett nicht mehr tanzen, weil es ihnen zum Feiern zumute sei, sondern nur, weil die Musik halt weiterspielt.
Die Bemerkung war natürlich nicht aus der Luft gegriffen: Seit sechs Monaten liegen die Coca-Cola-Aktien mit einem Kursanstieg von 15 Prozent deutlich vor Nvidia (1 Prozent), Apple (5 Prozent), Meta, vormals Facebook, (-2 Prozent) oder Amazon (12 Prozent) und anderen Superaktien, die seit Jahren den Takt der Weltbörsen bestimmen. Grantham sagt, das Problem seien nicht die Geschäftsmodelle der Digitalfirmen, sondern das viele Geld, das dort investiert worden sei.
Damals, in der viktorianischen Zeit, als in England der grosse Eisenbahnboom losbrach, seien zwischen den beiden Industriestädten Manchester und Leeds nicht weniger als sechs verschiedene Linien geplant worden, zitiert Grantham im Gespräch mit der britischen Zeitung «Telegraph» aus der Geschichte. «Nötig gewesen wäre nur eine Linie. Auch zwei wären noch kein Desaster gewesen. Aber wenn es mehr werden, verlieren alle Investoren ihr Geld, auch jene, die zuerst investierten. Und sie haben es verloren.»
Harmloser Grizzly
Vielleicht ist die Sache mit den Coca-Cola-Aktien bloss Zufall. Allerdings kann man im derzeitigen Börsengeschehen auch andere sonderbare Trades beobachten, die einen überaus spekulativen, wenn nicht gar manipulativen Charakter aufweisen, der wie die Faust aufs Auge zu Granthams Blasen-Theorie passt. Ein Beispiel war vor Wochenfrist ein scharfer Angriff der amerikanischen Analyse-Firma Grizzly Research auf die Zuger Investmentgesellschaft und Vermögensverwalterin Partners Group, deren Aktien im Swiss-Market-Index der wertvollsten Unternehmen an der Schweizer Börse enthalten sind.
Grizzly behauptet, Partners Group operiere mit schwerwiegenden Fehlbewertungen ihrer Investments in den für Privatanleger offenen Evergreen-Funds, was eine ernsthafte Bedrohung für das Geschäftsmodell der Firma und ihre langfristige finanzielle Gesundheit darstelle. Partners Group wehrte sich postwendend: Die Behauptungen seien leichtfertig, diffamierend und in hohem Mass irreführend.
So hart zur Sache geht es immer, wenn ein professioneller Leerverkäufer wie Grizzly ein Unternehmen ins Visier nimmt. Leerverkäufer verdienen Geld, wenn die Kurse der von ihnen ausgewählten Aktien sinken. Sie haben deshalb ein intrinsisches Interesse an schlechten Nachrichten. Hochkonjunktur haben Leerverkäufer typischerweise in Zeiten überhitzter Börsen. Dann, wenn es wenig braucht, um Anleger nervös zu machen. Partners Group ist ein gefundenes Fressen: Die Firma ist mit ihren Private-Credit-Engagements in einer Art Schatten-Kreditmarkt ausserhalb des Bankensystems in einem gerade ziemlich heissgelaufenen Business zusätzlich exponiert.
Das sind Ingredienzen, die Leerverkäufer anziehen. Offenbar war sich Grizzly seiner Sache aber allzu sicher. Die Analyse, die man von solchen Adressen als besonders akribisch und akkurat erwarten würde, sei «stark konstruiert» und in Teilen «offensichtlich falsch und irreführend», zitierte «Finanz und Wirtschaft» zwei Aktienanalysten. Der erhoffte Kurseinbruch blieb aus. Offenbar versuchte Grizzly also bloss kurzfristig Wind zu machen, um rasch einen Trade ins Trockene zu bringen.
Torschlusspanik
Reichlich oberflächlich und etwas manipulativ erscheint auch das Kalkül, mit dem der Videospiele-Händler Gamestop die 56-Milliarden-Dollar schwere Übernahme von eBay finanzieren will. Fünf Jahre nach dem Fast-Konkurs hat Gamestop zwar immer noch kein Geschäftsmodell, das ausreichend Einnahmen für derartige Übernahmen generieren würde. Dafür hat das Unternehmen dank seiner treuen Anlegerschaft, von denen sich viele als Börsenpiraten sehen, ein paar Milliarden Dollar Bares und vor allem sehr hoch bewertete Aktien, die dringend in ein tragfähiges Geschäftsmodell überführt werden müssen. Man braucht kein Permabär zu sein, um zu sehen, dass an der Börse allenthalben Torschlusspanik ausgebrochen ist.
*«The Making of a Permabear: The Perils of Long-Term Investing in a Short-Term World», Jeremy Grantham und Edward Chancellor, Grove.

