Wie viel verdient Russland am Irankrieg?
Noch Ende Februar dürften die düsteren Aussichten für die russische Wirtschaft die Ökonomen des Kremls um den Schlaf gebracht haben: Der Boom, der sich nach der Umstellung auf Kriegswirtschaft eingestellt hatte, schien sich dem Ende zuzuneigen und die finanziellen Reserven schmolzen aufgrund der seit 2023 strukturell sinkenden Weltmarktpreise für Öl und Gas wie Schnee an der Frühlingssonne. Die horrenden Kosten des Kriegs in der Ukraine rissen eine gewaltige Finanzierungslücke in den russischen Haushalt. Für das laufende Jahr rechnete Moskau mit einem Defizit von umgerechnet etwa 38 Milliarden Franken.
Russland hatte wegen seines Angriffskriegs den Westen als Abnehmer für sein Öl verloren, während Indien und China zwar teilweise als Importeure in die Bresche sprangen, aber den Ausfall nicht vollumfänglich kompensieren wollten oder konnten. Besonders China handelte zudem grosszügige Rabatte auf die russischen Energielieferungen aus. Um den Krieg weiterhin finanzieren zu können, sah sich Putin gezwungen, zu Beginn des Jahres unbeliebte Steuern für Unternehmen und die Bevölkerung zu erhöhen.
Massiver Anstieg der Öl- und Gaspreise
Mit den amerikanisch-israelischen Angriffen auf den Iran, den iranischen Gegenschlägen auf die Öl- und Gasinfrastruktur in den Golfstaaten und der iranischen Blockade der Strasse von Hormus, durch die rund ein Fünftel der globalen Öllieferungen verschifft wird, änderte sich dies. Zumindest im Hinblick auf die russische Finanzlage dürfte der Irankrieg im Kreml wenigstens kurzfristig für Erleichterung gesorgt haben: Der internationale Ölpreis der Nordseesorte Brent, der vor Kriegsausbruch bei rund 70 US-Dollar je Barrel gelegen hatte, stieg innerhalb weniger Tage um zwölf Prozent an; später erreichte er einen Höchststand von etwa 126 Dollar je Barrel und damit das höchste Niveau seit mehr als vier Jahren. Der Preisanstieg beim russischen Öl betrug beachtliche 72 Prozent. Und auch das Gas verteuerte sich in Europa und Asien spürbar, da Katar, der grösste Flüssiggas-Produzent der Welt, ausfiel.
Zusätzlich dürfte die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, die Sanktionen auf russisches Öl vorübergehend aufzuheben, für Freudensprünge im Kreml gesorgt haben. Dazu kam die temporäre Genehmigung des amerikanischen Finanzministeriums, bereits auf Tankern befindliches russisches Öl zu kaufen, was Moskau erlaubte, das Öl zu Marktpreisen zu veräussern. Und schliesslich sanken die Rabatte deutlich, die Moskau Peking auf russische Ölexporte nach China gewähren musste. All dies trieb die Einnahmen des Kremls in die Höhe – doch um wie viel genau?
Verdoppelte Exporteinnahmen
Bereits im März soll Russland nach Schätzungen der Kiewer Wirtschaftshochschule (KSE) jeden Tag bis zu 760 Millionen US-Dollar durch den Verkauf von Rohstoffen eingenommen haben, wie Business Insider Polska vermeldete. Die russischen Exporteinnahmen sollen sich demnach im März von 12 auf 24 Milliarden US-Dollar verdoppelt haben. Die KSE rechnete Ende März drei unterschiedliche Szenarien durch – je nach Dauer des Kriegs und Zustand der Lieferketten:
- Optimistisches Szenario:
Bei einer Dauer der aktiven Kriegsphase von sechs Wochen und einer Erholung der Energielieferungen innerhalb eines Monats dürfte Russland im laufenden Jahr rund 84 Milliarden US-Dollar zusätzliche Exporterlöse erzielen, aus denen 45 Milliarden Dollar Mehreinnahmen im Staatshaushalt resultieren. Dieses Szenario ist mittlerweile schon überholt. - Moderates Szenario:
Falls der Krieg und die Lieferengpässe bis Ende Mai andauern, klettern die Zusatzeinnahmen aus Exporterlösen auf 161 Milliarden Dollar und die Haushaltsmehreinnahmen auf 97 Milliarden Dollar. - Pessimistisches Szenario:
Sollte der Krieg sechs Monate lang anhalten und sollten die Lieferketten sich nur langsam erholen, könnte der Zuwachs bei den Exporterlösen auf 252 Milliarden Dollar ansteigen und die Haushaltsmehreinnahmen auf 151 Milliarden Dollar. Dies würde Moskau einen Haushaltsüberschuss bescheren und auf Jahre hinaus hohe Militärausgaben erlauben.
Geldsegen im April
Für den April – den ersten Monat, in dem sich die Preissteigerungen an den Weltmärkten infolge des Irankriegs voll bemerkbar machten – liegen nun die Angaben des russischen Finanzministeriums vor. Demnach stiegen die Steuereinnahmen auf die Rohstoffförderung von 443 Milliarden Rubel (rund 4,6 Milliarden Franken) im März auf 917 Milliarden Rubel (rund 9,6 Milliarden Franken) im April, waren also mehr doppelt so hoch. Der Grossteil davon (umgerechnet rund 7,8 Milliarden Franken) entfiel auf Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Die Steigerung hätte noch höher ausfallen können, wenn nicht die Ukraine mehrere erfolgreiche Angriffe auf die russische Ölindustrie ausgeführt hätte.
Der Geldsegen kommt dabei jedoch nicht vollumfänglich im Haushalt an, denn die Regierung gab die Hälfte der Öleinnahmen an die russische Petrolindustrie zurück, um die Inflation bei Benzin und Diesel im Land zu bremsen. Zudem sollen die Konzerne die Mittel einsetzen, um ihre Raffinerien zu reparieren und zu modernisieren.
Der Krieg am Golf ist für Moskau freilich nicht nur positiv: Langfristige russische Projekte im Iran, etwa die Lieferung von Atomkraftwerken, dürften damit obsolet geworden sein.Auch fällt der Irtan durch den Krieg als Hub zur Umgehung von westlichen Sanktionen aus. Zudem könnte es zu einer merklichen Abkühlung der russisch-iranischen Beziehungen kommen, da Moskau seinem Verbündeten im Krieg bisher nur wenig konkrete Hilfe geleistet hat. Und auch für die russische Wirtschaft könnte sich der Geldsegen als kurzfristiges Zwischenhoch erweisen – ihre strukturellen Probleme sind nach wie vor nicht gelöst. (dhr)
Mit Material der Nachrichtenagentur SDA.
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