Seien es Sandwiches, Äpfel oder Joghurts: In Schweizer Abfallkübeln landen täglich Esswaren, die entweder noch geniessbar wären oder die ihre Haltbarkeit überschritten haben. Die Lebensmittelverschwendung ist gross. Laut dem Verein Foodwaste.ch geht ein Drittel aller Lebensmittel über die ganze Lebensmittelkette verloren, also von der Landwirtschaft über die Verarbeitung, über den Handel bis hin zum privaten Kühlschrank zu Hause.
Die dänische Firma Too Good To Go, die erst 2015 gegründet wurde, hat dem Food Waste den Kampf angesagt. Das Konzept: Auf einer App sehen Konsumentinnen und Konsumenten, welche Geschäfte in ihrer Nähe Resten mit hohen Rabatten verkaufen. Diese, gewöhnlich in einer Tasche verpackt, können sie zu einer bestimmten Uhrzeit - meistens kurz vor Ladenschluss - abholen, sofern sie die Ware vorher auf der App bezahlt haben. Allerdings bleibt der Inhalt der Tasche eine Überraschung.
Die 42-jährige Mette Lykke leitet seit 2018 das Unternehmen, das in 17 Ländern in Europa sowie in den USA präsent ist, 95 Millionen registrierte Mitglieder und 160'000 teilnehmende Partnerfirmen zählt. Im exklusiven Interview spricht Lykke über ihre Strategie.
Welche Resten haben Sie zuletzt gekauft?
Mette Lykke: Letzte Woche habe ich eine Tüte voller Backwaren einer lokalen Bio-Bäckerei hier in Kopenhagen gekauft. Auch beim Supermarkt kaufe ich oft mit unserer App ein, da gibt es dann einen Sack voller Früchte und Gemüse.
Und haben Sie alle Backwaren gegessen oder landete manches am Schluss dennoch im Abfall?
Ich habe alles gegessen. Und wenn ich mal nicht alles aufessen mag, kann man Backwaren ja ganz einfach im Gefrierer lagern.
Das mag mit Backwaren möglich sein. Aber Ihre Kundschaft weiss nun mal nicht, was jeweils in der Packung drin ist. Das ist ein Nachteil des Konzepts von «Too Good To Go».
Food Waste lässt sich nun mal nicht genau vorhersagen. Als Geschäftsinhaber wissen Sie nicht, was um sechs Uhr abends übrig bleibt, ob es ein Lachssandwich oder eine Portion Pasta sein wird. Deshalb braucht er eine gewisse Flexibilität beim Zusammenstellen der Packungen.
So bleibt aber die Frage: Verschiebt sich der Food Waste nicht bloss um eine Stufe weiter mit Ihrer App?
Diese Frage haben wir uns natürlich auch schon gestellt und haben deshalb eine Universität beauftragt, dies zu analysieren. Die Studie kam zum Schluss, dass weniger als 10 Prozent der Too-Good-To-Go-Paketinhalte weggeworfen werden.
Ihrer Kundschaft dürfte es aber kaum nur um nachhaltige Ziele gehen, sondern schlicht darum, ein Schnäppchen zu machen.
Es ist bestimmt ein Mix. Für viele Leute ist die Nachhaltigkeit die Motivation. Denn es macht keinen Sinn, frisches Essen wegzuwerfen. Und klar, ein guter Deal schmeckt natürlich gut. Das haben wir zuletzt insbesondere mit der hohen Inflation gesehen.
Das heisst, Sie profitieren von der Inflation?
Die Nachfrage für unsere Packungen ist auf jeden Fall gestiegen mit der Inflation. Denn im Schnitt sind die Inhalte in unseren Taschen rund 70 Prozent günstiger als im Originalverkauf.
Inwiefern unterscheidet sich die Schweiz von anderen Märkten, in denen Sie präsent sind?
Was auffällt, sind natürlich die hohen Preise. Essen ist ziemlich teuer in der Schweiz, teurer als in unseren anderen Märkten. Beim Konsumentenverhalten sehen wir allerdings keine grossen Unterschiede.
Wie viel zwacken Sie ab bei einem Verkaufspreis von beispielsweise 10 Franken?
Das verraten wir nicht. Aber wir verdienen nur etwas, wenn die Packungen auch wirklich verkauft werden.
Fakt ist, dass Sie mit dem Resten-Verkauf Profit erwirtschaften möchten. Sie könnten die Resten auch einfach wohltätigen Organisationen überlassen, welche Resten an Menschen in Not verteilen würden.
Die meisten unserer Partner haben am Ende des Tages zwei bis drei Menüs übrig. Rein logistisch wäre es nicht sinnvoll, durch die ganze Schweiz zu fahren und bei 7500 Geschäften die Resten abzuholen. Deshalb ist für die meisten unserer Partner Wohltätigkeit keine Option, weil ihre Mengen zu klein sind.
Bei Supermärkten dürfte das anders sein.
Viele Supermärkte, mit denen wir zusammenarbeiten, verkaufen Produkte, die ebenfalls nicht für wohltätige Spenden geeignet sind. Sie verkaufen zum Beispiel warme Gerichte an der Theke im Offenverkauf. Beim Transport wäre es schwierig, die Lebensmittelsicherheit einzuhalten.
Was ist denn Ihr Beitrag zur Lösung des Food-Waste-Problems konkret?
Jede Sekunde landen 80'000 Kilo an einwandfreien Lebensmitteln im Abfall. Wir retten 4 Kilo pro Sekunde. 4 von 80'000 Kilo! Viel Essen wird also nach wie vor verschwendet. Unser Lebensmittelsystem ist äusserst ineffizient. Deshalb braucht es weitere Lösungen, nicht nur die unsere.
Supermärkte und Nahrungsmittelhersteller zeigen gerne schnell auf die Konsumentinnen und Konsumenten, wenn es um Food Waste geht. Wo liegt aus Ihrer Sicht die Verantwortung der Industrie?
Alle müssen sich verbessern, von den Herstellern über die Detailhändler bis hin zu den Gastronomen. Das Ziel der Vereinten Nationen sieht eine Halbierung von Food Waste bis 2030 vor. Viele Firmen haben dieses Ziel übernommen. Die Prognose des erwarteten Verkaufs bleibt die grosse Herausforderung. Künstliche Intelligenz kann hier bestimmt helfen, aber sie wird einer lokalen Schweizer Bäckerei nie sagen können, wie viel sie an einem regnerischen Dienstag verkaufen wird.
Wo wird Ihre App denn am häufigsten genutzt, bei Supermärkten, Restaurants oder kleinen Geschäften?
Es teilt sich ziemlich genau mit je einem Drittel auf.
Und welches sind die beliebtesten Reste-Verkäufer in der Schweiz?
Besonders beliebte Päckli sind die Lebensmittel-Säcke von Supermärkten, insbesondere Feinkost von Manor und Globus, aber auch solche von Bäckereien und Sushi. Zu unseren Partnern in der Schweiz gehören bekannte Ketten wie Starbucks, Pret A Manger, Coop, Migros, Alnatura, und seit kurzem Denner, aber auch Hotels wie Marriott und Restaurants wie Hitl und Tibits.
Und wie viele Mitglieder haben Sie in den letzten zwei Jahren in der Schweiz gewonnen?
Wir haben in der Schweiz 2 Millionen Nutzerinnen und Nutzer der App. Vor zwei Jahren waren es noch 1,5 Millionen. Die Zahl der Partner ist von 6200 auf 7500 gestiegen. Das sind ziemlich gute Werte im Vergleich zur Gesamtbevölkerungszahl. Aber wir möchten natürlich noch mehr.
Wo sehen Sie in der Schweiz denn noch Wachstumspotenzial?
Vor einigen Monaten haben wir eine neue Plattform lanciert, speziell für Händler, damit sie noch besser überprüfen können, welche Frischeprodukte bald ablaufen. Das möchten wir auch in der Schweiz anbieten. Mit KI wird ihnen auch der optimale Rabatt empfohlen.
Und sehen Sie international noch Wachstumschancen?
In Frankreich, Grossbritannien und Deutschland sind zurzeit unsere wichtigsten Märkte. In Zukunft dürften es, allein der Grösse wegen, die USA werden.
Dort gibt es aber nicht so viele Bäckereien wie in Europa …
… nein, dafür viele Donut-Shops! (Lacht.) Zudem werden wir noch dieses Jahr in Australien starten.
Gab es schon Überlegungen, dass auch Privatkunden Ihre Resten auf der App anbieten könnten?
Darüber haben wir auch schon nachgedacht, aber da liegt derzeit nicht unser Fokus.
Was ist denn mit der Benutzerfreundlichkeit? Heute muss man das Food-Paket zu einer bestimmten Zeit abholen, innerhalb eines 15- oder 30-Minuten-Zeitfensters. Das ist nicht ideal.
Wir führen ständig Gespräche mit den Partnern, um zu sehen, ob sie das Abhol-Zeitfenster verlängern können. Aber viele Geschäfte haben nun mal wenig Personal und sie müssen so viel wie möglich an Marge generieren mit regulären Verkäufen. Am Schluss muss die Rechnung für sie aufgehen.
Und was ist mit einem Lieferdienst?
Ein Lieferservice kostet sehr viel, deshalb verzichten wir derzeit darauf.
Ausgeschlossen sind zudem Leute, die kein Smartphone haben. Bleibt es dabei?
Ja. Wir hatten eine Zeit lang eine Website, die aber nicht gut lief. Die App ist die Basis unseres Geschäftsmodells.
Und wann wird dieses Geschäftsmodell einen Gewinn liefern?
Ich kann so viel sagen: Unser Umsatz ist im vergangenen Jahr um 42 Prozent gewachsen. Und bald wird das Geschäft keine Verluste mehr schreiben.
Ergebnis war sehr ernüchternd.
Bei fast allen Läden, die wir in der Region hatten, wurden die Pakete bereits am Morgen zusammengestellt und es ging eben genau nicht darum, kurz vor Ladenschluss Food waste zu vermeiden. Die haben das mehr als zusätzliches Marketing Instrument verwendet.
Mag in der Stadt besser funktionieren, bei uns leider nicht.
Wir kaufen eher kurz vor Ladenschluss ein und nehmen sehr häufig verbilligte Esswaren mit, die noch einwandfrei sind, aber aufgrund des Datums weggeschmissen werden müssten.