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In Grossbritannien trat nach wochenlangem Dauerregen die Themse über die Ufer.Bild: EPA/EPA
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Das Wetter spielt verrückt – und wir russisches Roulette mit dem Klima

Der CO2-Ausstoss muss reduziert werden. Darin sind sich (fast) alle einig. Mit billigem Erdgas liessen sich die Emissionen halbieren. Doch Umweltschützer stellen sich gegen das Fracking. Wer hat Recht?
19.02.2014, 07:2523.06.2014, 14:59

In Mitteleuropa ist der Winter rekordverdächtig mild, in Nordamerika schlottern die Menschen. Kalifornien leidet unter einer Rekorddürre, England versinkt im Regenwasser. Das Wetter spielt verrückt, und die Klimaforscher wissen auch warum: Nicht Petrus ist schuld an den Kapriolen, sondern die Klimaerwärmung. 

Die zunehmende CO2-Konzentration in der Atmosphäre wird erstens von Menschen gemacht und hat zweitens Auswirkungen auf das Klima. Das wird heute höchstens noch von ein paar Ewiggestrigen bestritten. Der Mechanismus dahinter ist inzwischen gut erforscht. CO2 umhüllt die Erde wie eine Decke. Sie lässt die kurzwellige Wärmestrahlung der Sonne durch, die langwelligere Wärmeabstrahlung der Erde hingegen hält sie teilweise zurück. Dadurch steigen die durchschnittlichen Temperaturen kontinuierlich an. 

Dies bedeutet nicht, dass es überall auf dem Planeten gleichmässig wärmer wird. Er bedeutet jedoch, dass das Wetter unberechenbarer wird. Das bekannteste Beispiel für dieses Phänomen ist der Golfstrom. In seiner aktuellen Form ist er eine riesige Pumpe, die warmes Wasser von der Karibik in den Atlantik schaufelt und dafür sorgt, dass in Mitteleuropa im Winter deutlich höhere Temperaturen herrschen als in anderen Ländern auf anderen Kontinenten in vergleichbaren Breitengraden. 

Eine bekannte Befürchtung der Klimaforscher besagt denn auch, dass die Klimaerwärmung den Mechanismus des Golfstromes ausser Kraft setzt und so dafür sorgen würde, dass es in Mitteleuropa deutlich kälter werden wird. 

Vom Finanz- ins Klima-Kasino

Das ist jedoch Spekulation. Über die Auswirkungen der Klimaerwärmung gibt es noch keine gesicherten Befunde, aber jede Menge Hypothesen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass gerade diese Unsicherheit potenziell sehr gefährlich ist. William Nordhaus, Professor an der Yale University und der wohl renommierteste Experte über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Klimaerwärmung, spricht in seinem soeben erschienen Buch von einem «Klima-Kasino».

Deutschland setzt auf Wind- und Sonnenenergie – und den Klimakiller Kohle.Bild: EPA/DPA

Nordhaus ist kein grüner Umweltalarmist, er gilt als gemässigter, ja konservativer Wissenschaftler, der stets vor Hysterie gewarnt hat. In seinem jüngsten Buch spricht er jedoch Klartext: «Das aktuelle Jahrhundert ist eine kritische Periode in der wir das ungebremste Wachstum der Treibhausgase in den Griff bekommen müssen, speziell das von denjenigen, die von fossilen Brennstoffen stammen», stellt der Yale-Ökonom fest. «Wenn es uns nicht gelingt, bis zum Ende dieses Jahrhunderts die Wirkung dieser Gase zu drosseln, dann sieht die ökologische Zukunft der Erde bitter aus.» 

Dass die CO2-Emissionen reduziert werden müssen, ist unbestritten. Aber wie? Bisher sind die Fronten wie folgt verlaufen: Die Europäer sind die Guten. Sie haben sich für das gescheiterte Kyoto-Protokoll stark gemacht und unternehmen ernsthafte Bemühungen, die Produktion von nachhaltiger Energie mit CO2-Zertifikaten zu unterstützen. Vorbildlich sind vor allem die Deutschen, die in ihrer Energiewende auf Wind und Sonne setzen, dafür viel Subventionsgeld in die Hand nehmen und die gefährlichen Atomkraftwerke abschalten. 

Die Amis werden von Schurken zu Helden

Die Amerikaner waren bisher die Schurken in diesem Spiel. Sie haben den mit Abstand grössten Energieverbrauch pro Kopf und verweigerten sich sowohl dem Kyoto-Protokoll als auch Abgaben auf CO2. Doch Fracking ist im Begriff, die Dinge auf den Kopf zu stellen. Die neue Fördertechnologie führt dazu, dass die Amerikaner über sehr viel und billiges Erdgas verfügen, das sie vermehrt zur Stromerzeugung einsetzen. Dieses Umsteigen hat segensreiche Folgen. «Die kostenwirksamste Art, CO2-Emissionen zu reduzieren, besteht darin, den Verbrauch von Kohle drastisch einzuschränken», stellt Nordhaus unmissverständlich klar. 

Europäische Umweltschützer bekämpfen das Fracking, während die USA damit den CO2-Ausstoss senken.Bild: AP/AP

Dank dem Umsteigen auf Erdgas sinkt in den USA bereits heute der CO2-Ausstoss schneller als in Europa. Würden die Amerikaner alle Kohlekraftwerke abschalten und sie mit Erdgas betreiben, dann würde sich mit einem Schlag die Schadstoffemission um die Hälfte reduzieren. Auch die Chinesen verfügen – zumindest theoretisch – über diese Option. Ihre Erdgasvorräte gelten als die umfangreichsten überhaupt. 

Bisher beherrschen die Chinesen jedoch die Fracking-Technik nicht. Zudem wird gemunkelt, es fehle ihnen nicht nur an Knowhow, sondern auch an genügend Wasser. Doch die Zeit drängt. China ist zum schlimmsten CO2-Sünder geworden. In Peking sind die Feinstaubwerte bis 40 Mal höher als die gesetzlich festgelegte Obergrenze. Die Bevölkerung droht buchstäblich zu ersticken.

Europa setzt auf dreckige Kohle

Europa hat einen anderen Kurs eingeschlagen. Fracking ist verpönt und wird von den Umweltschützern bekämpft. Um bei der Umstellung auf Wind- und Solarstrom die zwangsläufig entstehenden Lücken zu füllen, wird jedoch weiterhin Kohle verbrannt. Gerade in wirtschaftlich harten Zeiten steigt der Kohleanteil, weil dies auch finanziell verlockend ist. Kohle ist zwar die dreckigste, aber nach wie vor die billigste Energie.

Wer im Klima-Kasino nur auf die Kosten schaut, der macht die Rechnung ohne den Wirt. Billige Lösungen gibt es nicht. Wir müssen uns auf einen teuren Krieg gegen die Umweltverschmutzung einrichten. «Die Klimaerwärmung ist ein Billionen-Dollar-Problem, das nach einer Billionen-Dollar-Lösung verlangt», stellt William Nordhaus fest. «Die Schlachten um die Herzen, Köpfe und Stimmen der Menschen werden heftig werden.»  

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