Wirtschaft
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A Microsoft factory is seen behind a gate in Salo, Finland July 9, 2015. Microsoft Corp said on Wednesday it would cut 7,800 jobs, or nearly 7 percent of its workforce, and write down about $7.6 billion (5 billion pounds) related to its Nokia phone business. REUTERS/Aleksi Tuomola/Lehtikuva 

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Eingang zur Microsoft-Fabrik im finnischen Salo (09.07.2015) Bild: LEHTIKUVA/REUTERS

Salo, Finnland: Einstige Nokia-Hochburg steht vor dem Ruin



Gerade einmal ein gutes Jahr ist es her, da keimte im südfinnischen Salo noch einmal Hoffnung auf. Der US-Softwaregigant Microsoft machte damals die Übernahme der angeschlagenen Handysparte des einstigen Weltmarktführers Nokia perfekt. Nicht wenige der 54'000 Einwohner dachten, dass es jetzt in ihrer Region wirtschaftlich wieder aufwärts gehen könnte. Doch inzwischen ist jeglicher Optimismus verpufft.

Microsoft hat zum Kahlschlag im Handygeschäft angesetzt. Und der macht auch vor der einstigen Nokia-Hochburg Salo nicht Halt. Dem Standort droht das Aus. «So schlimm hat es sich noch nie angefühlt, hier zu leben», sagt Maria Gustafsson.

Seit 20 Jahren wohnt sie in Salo. Hier wurde in den 1970er Jahren eines der ersten Nokia-Werke eröffnet. Die Kleinstadt blühte auf, tausende Jobs entstanden. Mit dem Aufstieg Nokias kam der Wohlstand. Doch dann hängten Apple und Samsung mit ihren Smartphones Nokia ab. Finnlands Elektronikindustrie geriet ins Hintertreffen.

Jahrelange Rezession

Parallel brach auch noch die weltweite Nachfrage nach Papierprodukten ein, was einen weiteren zentralen Wirtschaftszweig Finnlands traf. Und die Europäische Union verhängte im Zuge der Ukraine-Krise Sanktionen gegen Russland, einen der wichtigsten Handelspartner des skandinavischen Landes.

Seit drei Jahren steckt Finnland nun in der Rezession. Hohe Arbeitslosigkeit und die Angst, wie es weitergehen soll, machen die Runde. Davon profitieren Euroskeptiker und Rechtspopulisten, die jetzt mit in der Regierung sitzen. Zum Ministerpräsident wählten die Finnen im Frühjahr Juhä Sipilä von der Zentrumspartei aus der politischen Mitte.

Er hat versprochen, den Haushalt in den Griff zu bekommen, die Bürokratie abzubauen und die Steuern für kleinere Firmen zu senken. Sipilä setzt auf den Unternehmergeist der Finnen. Doch ob das reicht, um die Wirtschaft, die über Jahrzehnte von Nokia mitgetragen wurde, wieder richtig auf Vordermann zu bringen, wird gerade in Salo bezweifelt. «Nicht jeder kann ein Unternehmer sein», sagt Heidi Kirjavainen.

Hohe Arbeitslosigkeit in Salo

Mit 15 Prozent liegt die Arbeitslosenquote in Salo deutlich über dem Landesdurchschnitt von 9.7 Prozent. Vor zehn Jahren arbeiteten hier 5000 Menschen für Nokia, fast jeder zehnte Einwohner. Noch 2008 waren mehr als ein Fünftel aller Jobs im IT-Sektor angesiedelt. Doch vier Jahre später verlagerte Nokia seine Produktionsstätte von Salo nach Asien.

Die jetzt anvisierte Schliessung der Produktentwicklungssparte bedroht weitere 1100 Jobs. Die Arbeitslosigkeit in der Kleinstadt könnte auf 20 Prozent steigen. Auch Schulen, Kliniken und andere öffentliche Einrichtungen bleiben nicht verschont. Flossen 2010 noch 60 Millionen Euro an Unternehmenssteuern in die Kassen der Stadt, waren es vergangenes Jahr nur noch zehn Millionen Euro.

Microsoft teilte auf Reuters-Anfrage mit, die neue Strategie sehe vor, die Smartphone-Palette einzudampfen. Daher benötige man nicht mehr drei Entwicklungsstandorte in Finnland. Espoo und Tampere sollen zwar offen bleiben. Doch auch hier könnte am Ende die Zahl der Mitarbeiter von 3200 auf 900 fallen.

«Schlechtes Timing»

Gegenzusteuern wird schwierig. Regierungschef Sipilä sagt, er wolle sich um Unterstützung aus dem Globalisierungsfonds der EU bemühen, der Menschen helfen soll, die wegen grosser Strukturveränderungen arbeitslos geworden sind. Salos Bürgermeister Antti Rantakokko sagt, er führe mit ein paar Technologiefirmen Gespräche. Dabei soll es um Investitionen gehen. Mehr sagt er nicht.

Andere setzen auf Eigeninitiative. Kirjavainen etwa eröffnete gerade mit Marjo-Riitta Maattanen ein Modegeschäft in Salo. Ironischerweise sei das genau in der Woche gewesen, in der Microsoft seine Schliessungspläne bekanntgab, sagt Maattanen und fügt hinzu: «Schlechtes Timing.» (sda/reu)

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