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So viele Arbeitskräfte entzieht 10-Millionen-Initiative der Wirtschaft

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Die Alterung der Gesellschaft wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Auch in Büros.Bild: imago
Analyse

So viele Arbeitskräfte entzieht die 10-Millionen-Initiative der Wirtschaft

Während der Anteil der Pensionierten steigt, lässt ein Ja zur SVP-Initiative die Zahl der Erwerbstätigen laut einer neuen Studie schrumpfen. Mit massiven Folgen für Wirtschaft und Altersvorsorge.
09.05.2026, 17:3509.05.2026, 19:35
Stefan Bühler / ch media

Die Zahl der über 65-Jährigen war in der Schweiz letztes Jahr erstmals grösser als jene der unter 20-Jährigen. Die Geburtenzahl war das vierte Jahr in Folge rückläufig; die Geburtenrate erreichte mit 1,28 Kindern pro Frau einen historischen Tiefstwert. «In mehr als der Hälfte der Kantone übersteigen die Todesfälle mittlerweile die Geburten.» So steht es in der teils von der SP finanzierten, wissenschaftlichen Studie «Weniger Zuwanderung, weniger Arbeitskräfte?» des Kompetenzzentrums für Demografie «Demografik». Es schliesst daraus:

«Das Bevölkerungswachstum hängt zunehmend von der internationalen Zuwanderung ab.»

Und die Alterung der Gesellschaft wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Schon heute kommen auf 100 erwerbstätige Personen 33 Rentnerinnen und Rentner. Gemäss dem sogenannten Referenzszenario des Bundes steigt diese Quote bis 2055 auf 45 Pensionierte pro hundert Erwerbstätige – mit ungesteuerter Zuwanderung.

Sagt das Volk am 14. Juni Ja zur Initiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz und der Bund reduziert darauf die Einwanderung, werden folglich weniger Menschen im Erwerbsalter einwandern. Das führt zu noch grösseren Lücken bei der Versorgung der Rentnerinnen und Rentner – sowohl finanziell in der AHV als auch bei der Betreuung. Je nach Art der Umsetzung der Initiative steigt das Verhältnis in der ganzen Schweiz auf 48 Rentner gegenüber 100 arbeitstätigen Personen bis 2055. Das scheint ein geringer Unterschied zum Referenzszenario, ist aber eine weitere Verschärfung in einer bereits schwierigen Situation.

SVP-Express schlägt vor 2030 ein

Die Veränderung in der Altersstruktur ist nur eine der Fragen, die das Team um Studienleiter Manuel Buchmann untersucht hat. Die andere: Wie verändert sich der Arbeitsmarkt nach Annahme der 10-Millionen-Initiative in der Schweiz und in den Kantonen?

Dabei gingen die Demografen von drei hypothetischen Szenarien aus.

Variante 1: Die Initiative greift bei einer Bevölkerungszahl von 9,5 Millionen, voraussichtlich ab 2032.Variante 2: Der Bund greift ein, wenn die Bevölkerung 10 Millionen erreicht, voraussichtlich 2042.Variante 3: Nach einem Ja des Volks wird die Zuwanderung schon ab 2027 auf netto 40'000 begrenzt – so wie es SVP-Vertreter derzeit propagieren, darunter SVP-Nationalrat Franz Grüter im Interview.Im Bericht werden die Varianten mit dem Referenzszenario des Bundes verglichen, das von ungesteuerter Zuwanderung ausgeht. Es rechnet mit dem Erreichen der 10-Millionenmarke 2041 und einem weiteren Anstieg bis 2055 auf rund 10,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner.

Für das wirtschaftliche Gedeihen des Landes ist dabei die Gruppe der Erwerbstätigen im Alter von 20- bis 64-Jahren von besonderem Interesse. In der Studie werden sie in Vollzeitäquivalenten ausgewiesen: Die Arbeitspensen aller Erwerbstätigen werden also in Vollzeitstellen umgerechnet.

Das Ergebnis ist klar: Die 10-Millionen-Initiative verknappt das Angebot an Arbeitskräften massiv, je nach Variante früher oder später. Und das zusätzlich zum ohnehin zu erwartenden Rückgang infolge tiefer Geburtenzahlen und vieler Pensionierungen.

In Variante 1, mit dem Schwellenwert 9,5 Millionen, liegt die Zahl der Erwerbstätigen schon 2035 um 87'000 Vollzeitstellen tiefer als im Referenzszenario; 2040 liegt der Verlust bei minus 178'000 und 2050 bei minus 329'000 Vollzeitäquivalenten.

Variante 2, die erst bei 10 Millionen greift, schlägt auf dem Arbeitsmarkt entsprechend später ein. Hier ist erst 2050 ein Verlust von 240'000 Vollzeitäquivalenten gegenüber dem Szenario des Bundes ohne Zuwanderungsdeckel zu erwarten.Variante 3, der SVP-Express ab 2027, wirkt sich schon 2030 aus. Das Angebot an Erwerbstätigen sinkt dann um 59'000 Vollzeitäquivalente. 2035 beträgt die Differenz zum Bundesszenario minus 117'000, 2040 liegt sie bei minus 146'000 und 2050 bei minus 245'000. «In dieser Variante hätten 16 Kantone bereits vor 2030 einen absoluten Rückgang ihrer Erwerbsbevölkerung zu verzeichnen», sagt Studienautor Buchmann.

Nun ist es zwar ausdrücklich das Ziel der Initiative, die Bevölkerungszahl zu begrenzen. Die Zahlen zeigen jetzt aber erstmals, dass das kaum geht, ohne der Wirtschaft Arbeitskräfte in grosser Zahl zu entziehen. Und das nicht zuletzt in den wichtigen Finanz- und Wirtschaftszentren. «Insbesondere Genf, Basel-Stadt, Zürich, Waadt und Zug, sind in allen Umsetzungsvarianten überproportional betroffen», heisst es in der Studie. Genf und Basel-Stadt mit relativen Einbussen an Arbeitskräften von bis zu 9 Prozent. Doch auch kein anderer Kanton käme ungeschoren davon.

Pflege und Handwerk besonders betroffen

Was heisst das konkret für den Gewerbler, die Spitaldirektorin oder die Managerin? «Der Mangel würde vor allem dort verschärft, wo die Arbeit nicht ohne weiteres durch Maschinen oder digitale Lösungen ersetzt werden kann», sagt Studienautor Buchmann. Etwa in der Pflege, der Gastronomie, im Handwerk oder auf dem Bau.

Nicht enthalten seien die Grenzgänger, sagt Buchmann, der als Lehrbeauftragter auch an der Uni Basel tätig ist. Einerseits sei möglich, dass Arbeitgeber vermehrt auf Grenzgänger ausweichen würden. Andererseits sei unklar, mit welchen zusätzlichen administrativen Hürden dies nach einem allfälligen Wegfall der Personenfreizügigkeit verbunden wäre. (bzbasel.ch)

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128 Kommentare
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Macca_the_Alpacca
09.05.2026 19:54registriert Oktober 2021
Die Schweiz muss nicht immer wachsen. Ewiges Wachstum ist ohnehin eine Illusion in den Köpfen von Wirtschaftsheinis.
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Nelson Muntz
09.05.2026 19:49registriert Juli 2017
Die überbezahlten Expats würd ich gar an den Flughafen oder Bahnhof fahren, wenn sie gehen 🤭
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Overton Window
09.05.2026 20:03registriert August 2022
Das Demographieproblem muss gelöst werden. Aber ganz sicher nicht mittels Schneeballsystem.
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