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Shell-Chef warnt vor Benzinknappheit – was das für die Schweiz bedeutet

Shell-Chef warnt vor Benzinknappheit binnen Tagen – was das für die Schweiz bedeutet

Friedensgespräche hin oder her, die Strasse von Hormus ist für Tanker bis auf Weiteres nicht befahrbar. Shell-Chef Wael Sawan warnt vor baldigen Versorgungslücken in Europa. Noch zeigt man sich in der Schweiz relativ entspannt.
26.03.2026, 22:2426.03.2026, 22:24
Daniel Zulauf
Daniel Zulauf

Der Erdölpreis sinkt wieder, die Börsen jubilieren und mindestens in der Welt der Finanzmärkte denken offenbar viele, dass der Krieg mit Iran bald vorüber sein könnte. Doch abgesehen vom Umstand, dass es für die von US-Präsident Donald Trump seit Montag zunehmend offensiv geäusserte Aussicht auf Friedensverhandlungen noch keine wirklich harten Belege gibt, spitzt sich die Versorgungslage auf den Energiemärkten weiter zu.

Shell and BOTAS sign LNG agreement ANKARA, TURKIYE - SEPTEMBER 02: Shell Senior Executive Wael Sawan gives a speech during the program for the signing of the LNG agreement between Shell and Petroleum  ...
Der in Beirut geborene Chemieingenieur Wael Sawan ist seit Januar 2023 CEO von Shell.Bild: www.imago-images.de

Wael Sawan, CEO des britisch-niederländischen Erdölmultis Shell, warnte diese Woche auf der wichtigsten Branchenkonferenz im amerikanischen Houston, dass die in vielen asiatischen Ländern bereits akut gewordenen Versorgungspässe binnen Tagen nach Westen auszudehnen. «Es ist eine Kettenreaktion. Wir sehen, wie sich die Lasten von Südasien, nach Südostasien und Nordostasien, nach Europa bewegen, wie wir dem April näher kommen.» Europäische Regierungen könnten sich gezwungen sehen, Sparmassnahmen zu ergreifen, die es seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 nicht mehr gegeben habe, sagte Sawan.

Zuerst Asien, bald Europa

Tatsächlich sind in den vergangenen zehn Tagen immer mehr Länder im wirtschaftlich pulsierenden Südostasien dazu übergegangen, die staatlichen Dienstleistungen, einschliesslich Schulen und Universitäten, auf den Viertagesbetrieb umzustellen, was insbesondere Einsparungen beim Autobenzin möglich macht.

«Wir versuchen, die Regierungen auf Hebel aufmerksam zu machen, die sie ziehen müssen», sagte Wael Swan. Der Manager meinte damit auch Massnahmen zur Dämpfung der Nachfrage, wie sie am vergangenen Freitag schon die Internationale Energieagentur in ihren zehn Energiesparempfehlungen an Regierungen, Unternehmen und Private formuliert hatte: Mehr Homeoffice, ÖV-Benutzung födern, Tempolimiten auf Autobahnen, Einschränkungen des Privatverkehrs in grossen Städten, weniger Fliegen etc.

Am Dienstag weilte IEA-Direktor Faith Birol in Australien, um sich mit Premierminister Anthony Albanese über die aktuelle Krise auszutauschen. Die Regierung des rohstoffreichen Kontinents erwägt derzeit die  Einführung einer Steuer von 25 Prozent auf Gasexporte. Es sei nötig, dass die Australierinnen und Australier einen fairen Anteil am Ertrag aus den Rohstoffen bekämen, die sie besässen, hiess es am Montag von Seiten der Regierung. Birol warnte derweil, eine solche Massnahme sei gefährlich, weil sie sehr schnell die Investoren verscheuchen und die Produktion längerfristig beeinträchtigen würde.

Tempolimiten in Deutschland?

Nach und nach werden die Diskussionen um den richtigen Umgang mit den Ressourcen auch in Europa lauter. Am Mittwochmorgen forderte im Deutschen Bundestag die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katharina Dröge, die Einführung eines Tempolimits auf den deutschen Autobahnen. Die gleiche Forderung hatte dieselbe Partei schon im März 2022 gestellt, war damit aber erfolglos geblieben.

Gut möglich, dass das Anliegen der Grünen in Deutschland auch diesmal kein Gehör findet, obschon Sparmassnahmen gerade im Strassenverkehr besonders wirkungsvoll wären. Gemäss IEA werden dort Jahr für Jahr rund 45 Prozent des geförderten Erdöls verbrannt. Doch auch in Europa zeigen viele Regierungen eine Präferenz für unsolidarische Massnahmen zur kurzfristigen Symptombekämpfung. Statt zu sparen, haben Österreich und Italien die Mineralölsteuer gesenkt, was den Preis tief und die Nachfrage hochhält. Den gleichen Effekt hat die Deckelung der Preise, wie sie viele Länder in Europa und Übersee schon eingeführt haben.

Vor diesem Hintergrund wirken die Warnungen des Shell-Chefs durchaus plausibel, obschon ein aktueller Energieversorgungsengpass in Europa noch immer ein schlimmstmögliches Szenario darstellt. «Davon sind wir in der Schweiz bei den flüssigen Energieträgern noch relativ weit entfernt», sagt Ueli Bamert, Leiter Kommunikation und Politik vom Schweizer Verband der Erdölimporteure Avenergy auf Anfrage. «Eine Freigabe von Pflichtlagermengen ist derzeit nicht geplant. Das kann sich ändern, falls mit einer deutlichen Verknappung der in Europa verfügbaren Mengen gerechnet werden muss», sagt Bamert. Die Pflichtlager in der Schweiz für Benzin, Diesel und Heizöl reichen für viereinhalb Monate. Der Vorrat an Flugbenzin deckt den Verbrauch von drei Monaten ab.

Auch beim Verband der Schweizer Gasindustrie klingt die offizielle Sprachregelung zur Krise noch nicht unmittelbar alarmierend. «Sollte die Blockade der Strasse von Hormus weiter andauern, Energieinfrastrukturen nachhaltig geschädigt sein und liesse sich die Produktion nicht rasch wieder hochfahren, könnte dies im Sommer spürbare Auswirkungen haben, wenn die europäischen Gasspeicher gefüllt werden müssen».

Warum die Lage in der Schweiz vorerst noch einigermassen komfortabel erscheint, hat verschiedene Gründe. Einerseits hat die Schweiz ihre direkte Abhängigkeit von fossilen Energien in den vergangenen Jahrzehnten stärker verringert als andere Länder. Andererseits stammen über 50 Prozent des importierten Rohöls aus den USA und mehr als ein Drittel aus Nigeria. Das in der Schweiz verbrauchte Rohöl muss mit anderen Worten nicht zuerst die Strasse von Hormus passieren, um hier anzukommen. Aber selbstredend schwindet dieser Vorteil, je länger die globale Versorgungskrise anhält. (aargauerzeitung.ch)

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18 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Hal Unke
26.03.2026 22:30registriert September 2023
Erst ankündigen, damit man danach noch zusätzlich abzocken kann? Quo vadis Helvetia?
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Wolf Rabe
26.03.2026 22:34registriert Februar 2015
Der Shell-Chef nutzt offenbar jede sich bietende Gelegenheit, die Zahlungsbereitschaft für Sprit durch Panikmache noch weiter zu erhöhen, und sich weiter die Taschen prall zu füllen.

Es wird dringend Zeit für eine stärkere Kontrolle dieses Oligopols. Wo ist die SECO, wenn man sie mal braucht?
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Macca_the_Alpacca
26.03.2026 22:30registriert Oktober 2021
Wir haben unsere Speicher prall gefüllt.
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