Diese vier Trends gefährden laut IT-Fachleuten auch deine Sicherheit
Die IT-Sicherheitsfachleute des grössten Schweizer Telekomunternehmens liefern mit dem sogenannten «Bedrohungsradar» alljährlich ein digitales «Sorgenbarometer» für die Wirtschaft.
Der jüngste Swisscom-Bericht macht deutlich: Die Cybergefahren sind seit dem Vorjahr nicht nur grösser geworden bei uns, sie sind untrennbar mit der Weltpolitik verknüpft. Und künstliche Intelligenz (KI) wird zum ultimativen «Risiko-Multiplikator».
watson fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen, die auch für Nicht-IT-Menschen relevant sind.
Wie sieht der Bedrohungsradar aus?
Nicht erschrecken! 😉
Die Grafik zeigt, wie sich Bedrohungen nach Einschätzung der Swisscom-Fachleute entwickeln, also ob sie neu auf dem Radar auftauchen (hellblauer Bereich), ob sie eher zunehmen (Pfeil nach innen), gleich bleiben oder an Dringlichkeit verlieren (Pfeil nach aussen).
Ein Beispiel: Attacken durch Ransomware-Banden stehen im Zentrum. Sie gelten als Brennpunkt, weil solche erpresserischen Hackerangriffe seit Jahren grossen Schaden anrichten und gar ein existenzielles Risiko für Betroffene darstellen. Gemäss dem Bedrohungsradar nimmt die Gefahr tendenziell eher ab. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Cyberabwehr verstärkt wurde.
Und damit zu den unerfreulichen Trends.
Die Zeichen stehen auf Sturm.
Im Swisscom-Bericht werden vier Entwicklungen beleuchtet, die nicht nur die IT-Verantwortlichen in unterschiedlichsten Organisationen umtreiben, sondern das Potenzial haben, uns allen massiv zu schaden:
- Generative künstliche Intelligenz dringt immer stärker in alle Bereiche des modernen Lebens vor. Bezüglich Cybersicherheit ergeben sich durch immer leistungsfähigere KI-Modelle gewaltige Herausforderungen.
- Stichwort digitale Souveränität: Die Schweiz muss ihre technische und wirtschaftliche Abhängigkeit von marktbeherrschenden (ausländischen) Techkonzernen dringend verringern. Gelingt das?
- Angriffe auf Software-Lieferketten können verheerende Folgen weit über die gehackten Entwicklerfirmen hinaus haben, wenn es Angreifern gelingt, bösartigen Programmcode einzuschleusen. Der Swisscom-Bericht spricht von einem «Kartenhaus aus fremdem Code», das einstürzen könnte.
- Ob bei der Energieversorgung oder anderen Wirtschaftssektoren, die zur kritischen Infrastruktur der Schweiz gehören: Die Absicherung der industriellen Betriebstechnik, «OT Security» genannt, muss zwingend verstärkt werden, weil ein einzelner erfolgreicher Angriff verheerende Folgen hätte.
Der Swisscom-Sicherheitschef schreibt:
Wobei es nicht zwingend eine von Russland, China oder einem anderen Unrechtsstaat finanzierte Elitehackergruppe braucht, um den Karren an die Wand zu fahren.
Es gibt zwei Elefanten im Raum, die alles platt machen könnten
2025 warnten die Swisscom-Sicherheitsfachleute vor «Schatten-KI» – also dem Phänomen, dass Mitarbeitende heimlich ChatGPT und Co. mit sensiblen Daten füttern. Ein Jahr später sind die Risiken exponentiell am Wachsen. Und dies wegen der unkritischen Integration von generativer KI in alle möglichen Lebensbereiche und immer leistungsfähigeren KI-Modellen.
Im aktuellen Bericht heisst es mahnend:
Es soll hier nicht im Detail auf die konkreten Probleme rund um generative KI eingegangen werden. Darüber berichtet watson mittlerweile fast täglich. Der Swisscom-Bericht bezeichnet das Phänomen als «KI extrem» und spricht von einem «Risiko-Multiplikator».
Die rasante, nahezu ungebremste Entwicklung bei generativer KI hat nicht nur das Potenzial, Gesellschaft und Wirtschaft umzukrempeln. Cyberkriminelle und Demokratiefeinde bekommen dank unregulierter KI-Tools ein viel gefährlicheres Waffenarsenal zur Hand.
Und dann gibt es da noch Murphy's Law: Was schiefgehen kann, geht früher oder später schief.
Die nicht nur aus Firmen-Sicht alarmierende Feststellung der Swisscom-Sicherheitsfachleute:
Waren ChatGPT und Co. zunächst nur Tools, die man (falsch) bedienen konnte, treffen KI-Systeme nun autonome Entscheidungen. Die grosse Gefahr: Kompromittierte KI-Agenten können unvorhersehbare Verhaltensweisen entwickeln und unautorisierte Zugriffe auf sensible Daten durchführen. Das Risiko-Niveau hat sich hier gegenüber dem Vorjahr massiv verschärft.
Passend dazu erwähnt der Swisscom-Bericht auch die kaum durchschaubaren Software-Lieferketten. Moderne Software besteht aus hunderten externen Komponenten. Unternehmen verlassen sich in ihrer Geschäftstätigkeit auf Komponenten, deren Sicherheitsniveau sie nicht selbst überprüfen können. Ein einziger schwacher Baustein genügt, um das gesamte digitale Kartenhaus eines Unternehmens zum Einsturz zu bringen.
Und der zweite Elefant?
KI-Modelle könnten vermehrt bei Angriffen auf Industrie-Systeme eine zentrale Rolle spielen. Auch hier überlassen wir den Swisscom-Fachleuten das Wort:
Viele dieser für den Betrieb der Unternehmen wichtigen Systeme wurden aus Cybersecurity-Sicht in den letzten Jahren stark vernachlässigt – und sind nun vermehrt Bedrohungen ausgesetzt.»
Die in diversen wirtschaftlichen Bereichen sträflich vernachlässigte industrielle Betriebssicherheit war schon im Bedrohungsradar 2024 ein wichtiges Thema.
Viele Systeme sind Jahrzehnte alt und basieren auf veralteten Betriebssystemen ohne Sicherheits-Updates. Der Bericht fordert hier unmissverständlich, das Problem gehöre auf die Agenda der Geschäftsleitung.
Das Worst-Case-Szenario dazu wird als Schwarzer Schwan bezeichnet, also ein extrem seltenes, unvorhersehbares Ereignis mit massiven Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft.
An dieser Stelle ist anzumerken, dass nicht nur die Verteidiger mit den Tücken der Technik zu kämpfen haben. Gemäss öffentlich bekanntem Kenntnisstand ist generative KI bislang nicht in der Lage, Cyberwaffen (also bösartige Software) zu entwickeln, die kritische Infrastrukturen lahmlegen kann. Es gilt also zwischen medialem Hype und echter Gefahr zu unterscheiden.
Digitale Souveränität vs. Kontrollverlust
In der Schweiz und Europa haben sich Privatwirtschaft und staatliche Institutionen in den vergangenen Jahren, ja Jahrzehnten, in eine gefährliche technische Abhängigkeit begeben. Und das völlig freiwillig.
Hier gibt es nichts zu beschönigen: Techkonzerne aus dem Silicon Valley dominieren unseren IT-Alltag und die Hardware dazu kommt vom autokratischen China.
Outsourcing, also das Auslagern von IT-Diensten an Drittfirmen und die Verwendung grosser Cloud-Plattformen, hat sich dank vermeintlich tieferer Kosten durchgesetzt. Wie die Sicherheitsfachleute von Swisscom im Bericht warnen, unterschätzen nach wie vor viele Organisationen die Risiken, die damit einhergehen.
Die Gretchenfrage dazu lautet:
Ein abschreckendes Beispiel ist Microsoft 365, wie europäische Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag herausfinden mussten. Bei Donald Trump gilt das Recht des Stärkeren und amerikanische Techkonzerne wie Microsoft müssen sich beugen, wenn der US-Präsident politische Feinde abstrafen will.
Im Swisscom-Bericht steht dazu passend:
Angesichts dieser Entwicklung mutet es für neutrale Beobachter fast schon unglaublich an, wenn Verantwortliche in Politik und Wirtschaft trotz Trumps «America First» und weiteren demokratiefeindlichen Tendenzen immer noch ihr IT-Glück im Ausland suchen.
Logisch, dass die Swisscom in ihrem Bericht auch Eigenwerbung betreibt und sich explizit als Partnerin für vertrauenswürdige digitale Infrastrukturen positioniert. Tatsächlich führt wohl an Cloud-Lösungen mit «Datenhaltung» in der Schweiz kein sicherer Weg vorbei.
Staatliche Eingriffe
Kritisch zu erwähnen ist, dass der Bericht zwar vor «staatlich motivierten Cyberangriffen» warnt, aber den Datenhunger westlicher Geheimdienste und die Problematik von legaler digitaler Massenüberwachung in der Schweiz ausklammert. Ein nationaler Telekommunikationsanbieter wie die Swisscom steckt hier in einem Interessenkonflikt zwischen dem Schutz der «normalen» User und den gesetzlichen Kooperationspflichten.
Das Fazit
Keine Angst, es gibt kein langes Schlusswort. Vielmehr zitieren wir einen an den Philosophen Konfuzius erinnernden Satz aus dem Swisscom-Bericht:
Hinter der harten Schale aus Firewalls, Verschlüsselung und anderen technischen Abwehrmöglichkeiten steckt im Kern die Erkenntnis, dass Cybersicherheit vor allem eine Frage der Haltung ist. Während sich die Technik rasend schnell weiterentwickelt, dosieren verantwortungsbewusste Akteure das Tempo. Der Swisscom-Manager Marcus Beyer, Security Awareness Officer des Unternehmens, bringt die Prioritäten auf den Punkt:
Der alljährlich erscheinende Bericht bietet eine detaillierte Analyse aktueller Trends und Herausforderungen im Bereich der Cybersicherheit und erläutert effektive Gegenmassnahmen, damit Angriffe frühzeitig erkannt und abgewehrt werden können.
Der Bericht kann gratis angefordert werden über die Swisscom-Website (siehe Quellen).
Quellen
- swisscom.ch: Cybersecurity Threat Radar 2026: Geopolitik und disruptive Technologien als Bedrohungstreiber (Medienmitteilung zum Bericht)
- cyberscoop.com: Despite AI use, new malware targeting water plants is ‘hype’ (23. April)
- cyberscoop.com: Security leaders say the next two years are going to be ‘insane’ (März 2026)
