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Syrien-Skandal von Holcim-Einheit Lafarge: Was damals geschehen ist

In this courtroom sketch, Magali Anderson, Chief Sustainability and Innovation Officer of Holcim, center, reads a statement of guilt in open court flanked by her attorneys, David Sarratt, left, and Do ...
In dieser Skizze des Gerichtssaals verliest Magali Anderson, Chief Sustainability and Innovation Officer von Holcim (Mitte), am 18. Oktober ein Schuldbekenntnis.Bild: keystone

Syrien-Skandal von Holcim-Einheit Lafarge: Was damals geschehen ist

Interne Emails geben einen Einblick, wie es den syrischen Mitarbeitenden von Lafarge erging, die vor dem Islamischen Staat flüchten mussten.
18.10.2022, 21:34
Niklaus Vontobel / ch media
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Lafarge – eine Einheit des Schweizer Konzerns Holcim – muss eine Busse von fast 800 Millionen Dollar zahlen. Vor einem amerikanischen Gericht hat sie sich schuldig bekannt, und zwar der «Verschwörung zur materiellen Unterstützung einer terroristischen Organisation.» Dabei handelte es sich um den für seine Brutalität bekannten Islamischen Staat, dem Lafarge während des syrischen Bürgerkrieges eigentliche Schutzzahlungen entrichtete. Damit wollten Lafarge den Betrieb einer Fabrik aufrechterhalten, die es erst vier Jahre zuvor eröffnet hatte.

Einst war Holcim stolz auf den Zusammenschluss mit Lafarge, mittlerweile ist der französische Name wieder aus dem Logo verschwunden.
Einst war Holcim stolz auf den Zusammenschluss mit Lafarge, mittlerweile ist der französische Name wieder aus dem Logo verschwunden.Bild: Severin Bigler / WIR

Was geschah damals genau? Wie chaotisch die Zustände damals in Syrien wirklich waren für die lokalen Mitarbeiter – dazu geben Dokumente einen Einblick, welche die Enthüllungsplattform Cryptome vor einigen Jahren online gestellt hat, hauptsächlich sind es interne E-Mails. Im folgenden nun eine Auswahl von Vorkommnissen, die in solchen E-Mails diskutiert werden.

Das Leben riskiert

Am 9. September erhält eine Beschaffungsmanagerin der syrischen Lafarge-Tochter ein E-Mail. Ein prominentes Mitglied von ISIS schreibt: «In den letzten zwei Monaten haben Sie uns unser Geld nicht mehr bezahlt.» Sie solle doch bitte zu verstehen versuchen, dass dieses Geld einem Zulieferer zustehe, der zusammenarbeite mit der stärksten islamistischen Armee auf Erden. «Mit ihr sollte sich Lafarge nicht anlegen.»

Einen Tag später schreibt die Beschaffungsmanagerin dringlich an ihren Vorgesetzten, die französischen Nummer 1 in Syrien. Sie habe ein E-Mail erhalten von einer Firma, die die Fabrik mit Treibstoff beliefere. «Zuvor bin ich das Risiko eingegangen, mit dieser Person zu kommunizieren, und ich riskierte damit mein Leben im Interesse der Firma.» Sie müsse nun stoppen, jemand anderes solle mit diesem Zulieferer verhandeln. «Ich kann nicht weiterhin mein Leben riskieren.»

Am 19. September greift ISIS die Fabrik an. Am Tag zuvor erhält der syrische Betriebsleiter der Zementfabrik noch Instruktionen vom französischen Vorgesetzten. «Falls die Kämpfe bis zur Fabrik kommen, sollen die Mitarbeiter in die Tunnels gehen und dort warten.» Mit den Autos solle nur geflohen werden, wenn die Sicherheit der Strassen voll geprüft worden sei.

Am 20. September wird ein E-Mail an alle syrischen Mitarbeiter versandt; einen Absender gibt es nicht, bloss eine anonyme E-Mail-Adresse. Am Freitag, dem 19. September, habe man die gesamte Fabrik evakuiert. «Diese schwierige Entscheidung wurde getroffen, um die Sicherheit aller Mitarbeiter und Zulieferer zu garantieren.» Nun wolle man die Situation jedes einzelnen Mitarbeiters prüfen.

Einen Tag darauf kommt eine böse Replik eines syrischen Mitarbeiters, voll beissendem Spott. «Ich weiss nicht, wer uns dieses lustige E-Mail geschickt hat, voller Lügen.» Da hätte man sich besser beim lieben Gott für die Rettung der Mitarbeiter bedanken sollen. «Aller Verdienst gehört Dir und nur Dir, lieber Gott. Bitte erinnere Dich an uns und rette uns, wenn wir künftig wieder gambeln. Danke nochmals!»

Nur durch Zufall entkommen

Im Namen des Fabrik-Teams verlangt der Mitarbeiter eine Untersuchung der Fabrik-Stürmung. Mehr als 30 «unserer Braveheart-Mitarbeiter» seien in der Fabrik zurückgelassen worden, bis eine Stunde vor dem ISIS-Angriff. Die Sicherheitsleute hätten die direkte Anweisung erhalten, die Tore zur Fabrik zu verschliessen, und hätten so die Flucht von Mitarbeitern am Tag des ISIS-Angriffs verhindert. Der Evakuierungs-Bus sei storniert worden, zwei Wochen vor dem Angriff, eine Alternative sei nicht organisiert worden. Nur durch einen Zufall seien noch Fahrzeuge da gewesen, mit denen die Mitarbeiter hätten flüchten können.

Am 29. September berichtet der Betriebsleiter über seine Flucht. «Als Allererstes tut es mir leid für das lange E-Mail», fängt er an. Seinem Bericht zufolge hielten die meisten Mitarbeiter bis zuletzt aus, einem offiziellen Evakuierungsplan folgten sie später bei der Flucht nicht. Er, seine Familie und sein Fahrer mussten mit dem Privatauto durch Kriegsgebiet. «Kein Mensch, keine Tiere, keine Autos, nur Geräusche von Kämpfen und Erschütterungen.» In dem Moment habe er gemerkt, wie sehr er sich geirrt habe. «Stoppt das Auto nun aus irgendeinem Grund, werde ich mein Leben verlieren und meine Familie.»

Das E-Mail endet mit einem Appell. «Ich bitte Sie alle, mir zu helfen ? und einen Weg zu finden, mir 10000 Dollar zu senden.» Er müsse täglich 500 Dollar ausgeben für eine illegale Behausung, nur ein Zimmer und Toilette für seine Grossfamilie. Er suche schon seit drei Tagen ein Heim für seine Familie. «Ich verlange von meiner Firma nur, dass sie auf mich dieselbe Politik anwendet, die ich auf mich anwandte in den letzten zwei Jahren, um die Fabrik und das Geschäft weiterführen zu können.»

Nach dem Sturm auf die Fabrik versucht ISIS, daraus Geld zu machen. In einem Lafarge-E-Mail vom 8. November steht: «Einige Leute, mit dem Segen von ISIS, wollen von unserem Lager profitieren.» Am 30. Dezember wird wiederum berichtet, Zement werde aus den Silos gestohlen und in der Umgebung verkauft. Die französischen Lafarge-Vorgesetzten probieren Schätzungen. Lafarge-Zement taucht auf dem Schwarzmarkt auf. Am 22. Dezember bekommt Lafarge die Nachricht, ISIS wolle 150000 Tonnen Zement zu Geld machen, und zwar in Syrien und Irak. (bzbasel.ch)

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