DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Wieso starben die Bergsteiger barfuss? ETH-Forschende knacken das Rätsel vom Djatlow-Pass



Die von Mythen umwobene Tragödie am Djatlow-Pass ist noch nach über sechzig Jahren ungeklärt. Zwei Forscher untermauern nun im Fachmagazin «Communications Earth & Environment» anhand von Modellen die Theorie, dass ein Schneebrett zum Tod von neun Alpinisten führte.

Am 2. Februar 1959 starben am Djatlow-Pass im nördlichen Ural neun erfahrene Ski-Wanderer. Laut der damaligen russischen Untersuchung führte eine «massive Naturgewalt» zum Tod der Bergsteiger. Sie starben an Unterkühlung.

Aber warum sie in klirrender Kälte barfuss und leicht bekleidet aus dem Zelt stürmten und warum vier von ihnen Schädelbrüche, gebrochene Rippen und innere Verletzungen erlitten, blieb unklar.

A view of the tent as the rescuers found it on Feb. 26, 1959. The tent had been cut open from inside, and most of the skiers had fled in socks or barefoot. Photo taken by soviet authorities at the camp of the Dyatlov Pass incident and anexed to the legal inquest that investigated the deaths.

So fanden die Retter ein Zelt der Gruppe am 26. Februar 1959 vor. Es war von innen aufgeschnitten worden. Bild: wikicommons/Anonymous / Soviet investigators

Da alle Augenzeugen gestorben sind, ranken sich seither Mythen und Verschwörungstheorien um das Unglück am Djatlow-Pass (die Unglücksstelle trägt den Namen des damaligen Gruppenanführers Igor Djatlow).

Dazu zählen der böse Zauber eines Schamanen, ein mörderischer Yeti und militärische Geheimexperimente. Aber tatsächlich überraschte wohl eine Lawine die im Zelt schlafenden Russen, wie auch die russische Generalstaatsanwaltschaft heute vermutet.

Verhängnisvolle Grube

Der gebürtige Russe Alexander Puzrin von der ETH Zürich und der Franzose Johan Gaume von der ETH Lausanne (EPFL) und Gastwissenschaftler am WSL-Lawinenforschungsinstitut SLF gingen dem Mysterium nun wissenschaftlich auf den Grund: Sie durchkämmten Dokumente, die vom mysteriösen Vorfall erzählen und entwickelten ein analytisches Modell, mit dem sie die todbringende Lawine rekonstruierten.

Der Djatlow-Pass im nördlichen Ural:

Demnach schätzen sie, dass eine Lawine zwischen 9,5 und 13,5 Stunden, nachdem die Alpinisten eine Grube in den Schneehang geschaufelt hatten, um ihr Zelt vor dem Wind zu schützen, mitten in der Nacht ausgelöst worden sein könnte.

Katabatische Winde

Aber wie lässt sich ein Lawinenabgang erklären, der sich in vergleichsweise flachem Gelände (weniger als dreissig Grad) ereignete und ohne dass es am Abend davor schneite? Auch dafür haben die Forschenden eine Erklärung: Katabatische Winde. Das ist kalte Luft, die hangabwärts weht und Schnee verfrachtet.

Diese katabatischen Winde zusammengenommen mit der Schaufelaktion der Alpinisten führten wohl dazu, dass sich irgendwann ein Riss in der Schneedecke bildete und sich ausbreitete. «Und am Ende ging ein Schneebrett ab», sagte Puzrin gemäss einer gemeinsamen Mitteilung der Hochschulen und des SLF.

Autopsieberichte stimmen mit Modell überein

Gemäss dem Modell ist es auch plausibel, dass eine solche Schneebrettlawine keine grosse Spuren im Hang hinterlässt. So lässt sich erklären, warum der Suchtrupp damals weder eindeutige Beweise für eine Lawine noch deren Ablagerung fand.

DEVIL S PASS, aka THE DYATLOV PASS INCIDENT, British poster art, 2013. IFC Films/courtesy Everett Collection IFC Films/Courtesy Everett Collection ACHTUNG AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xIFCxFilms/CourtesyxEverettxCollectionx MCDDEPA EC176

2013 wurde rund um die Ereignisse am Pass ein Horrorfilm konstruiert. Bild: www.imago-images.de

Ebenfalls entwickelten die Forschenden dreidimensionale numerische Simulationen der Verletzungen, die eine solche Schneebrettlawine verursachen kann. Sie stellten fest, dass diese mit den Autopsieberichten der Opfer übereinstimmen.

Journalistin brachte Forschung ins Rollen

Übrigens brachte ein Telefonanruf einer Journalistin der «New York Times», die zur Lawinentheorie des Unglücks recherchierte, Johan Gaume auf die Idee, der ihm bis dahin unbekannten Tragödie auf den Grund zu gehen.

The Mikhajlov Cemetry in Yekaterinburg. The tomb of the group who had died in mysterious circumstances in the northern Ural Mountains.

Ein Gedenkstein für die neun verstorbenen Alpinisten in Jekaterinburg. Bild: wikicommons/public domain/Dmitry Nikishin

Er holte seinen Kollegen Puzrin ins Boot, der sich umgehend in das Projekt verbiss: «Das Rätsel vom Djatlow-Pass gehört heute zur russischen Folklore. Als ich meiner Frau erzählte, woran ich arbeite, war sie zutiefst beeindruckt», sagte der Professor für Geotechnik.

Trotz den neuen Erkenntnissen bleiben die Forschenden vorsichtig. Sie betonen, dass das Unglück in weiten Teilen ein Rätsel bleibe. (sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Keine moderne Technologie kann den Lawinenhund ersetzen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

«Voller Fehler»: Klimaforscher Reto Knutti zerpflückt «Propaganda»-Magazin der Erdöl-Lobby

Der Ton in der Klima-Debatte verschärft sich sechs Wochen vor der Abstimmung. ETH-Forscher Reto Knutti bezichtigt die Erdöllobby der «pseudowissenschaftlichen Propaganda». Das steckt dahinter.

Fast die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer sind kritisch gegenüber dem Klima-Anliegen des Bundes: Nur 54 Prozent sprechen sich laut der ersten Tamedia-Umfrage für das neue CO2-Gesetz aus. Noch braucht es also viel Überzeugungsarbeit von Umweltministerin Simonetta Sommaruga & Co., damit die Schweiz die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen kann.

Nun wird der Ton im Abstimmungskampf schärfer. «Irreführend, pseudowissenschaftliche Propaganda, ungenügend, voller Fehler»: …

Artikel lesen
Link zum Artikel