Warum homosexuelles Verhalten bei Affen häufiger vorkommt, als wir dachten
Lange Zeit glaubte man, dass Sex zwischen Tieren gleichen Geschlechts selten vorkommt und eine Ausnahme von der Regel darstellt. Inzwischen wissen Forscher es besser: Dieses Verhalten wurde bei etwa 1500 verschiedenen Tierarten beobachtet; es kommt bei Schwänen vor oder Elefanten, sogar bei einigen Spinnen und Insekten. Und natürlich beim Menschen. Aber nicht jede Art tut es, und schon gar nicht gleich oft. Warum manche Arten es viel häufiger tun als andere, blieb bisher ein Rätsel.
Ein Forschungsteam unter der Leitung von Chloë Coxshall vom Imperial College London hat daher wissenschaftliche Literatur von mehreren Jahrzehnten durchforstet und Daten von insgesamt 491 Primatenarten (zu denen Affen, Menschenaffen, Lemuren und auch Menschen gehören) ausgewertet. Die Ergebnisse dieser Metastudie sind im Fachblatt Nature Ecology and Evolution erschienen.
Gleichgeschlechtliches sexuelles Verhalten bei 59 Primatenarten
Bei allen fünf grossen Primatenfamilien und mindestens 59 dieser Arten wurde sexuelles Verhalten zwischen Individuen desselben Geschlechts dokumentiert. Dabei geht es nicht nur um Sex – einige Tiere springen beispielsweise aufeinander oder reiben ihre Genitalien aneinander. Das Forschungsteam untersuchte auch den Kontext und versuchte, Muster in allen Bereichen zu finden, vom Wetter über Raubtiere bis hin zu sozialen Strukturen oder Lebensdauer.
«Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten ist unter nichtmenschlichen Primaten weit verbreitet, aber wir beobachten unterschiedliche Muster des Sozialverhaltens und der Interaktion zwischen den verschiedenen Arten. Unsere Studie zeigt, wie diese Muster durch Umweltfaktoren sowie durch die sozialen Systeme, in denen die Primaten leben, beeinflusst werden», erklärte Coxshall in einer Mitteilung des Imperial College London.
Es zeigte sich ein klares Muster: Arten, die in grossen, komplexen Gruppen mit klaren Rangordnungen leben, zeigen viel häufiger gleichgeschlechtliches sexuelles Verhalten. Das Gleiche gilt für Arten, die mit schwierigen Bedingungen zu kämpfen haben. Die Wissenschaftler nennen Dürre, Nahrungsmangel oder viele Raubtiere als mögliche Faktoren.
Soziales Schmiermittel
Wie lässt sich das erklären? Wissenschaftler glauben, dass Sex mit Artgenossen desselben Geschlechts eine Art soziales Schmiermittel sein kann. In einer Gruppe, in der aufgrund von Konkurrenz um Nahrung oder Status grosse Spannungen herrschen, kann dieses Verhalten dazu beitragen, Bindungen zu knüpfen und Konflikte zu entschärfen.
Das vielleicht bekannteste Beispiel sind Bonobos. Bei diesen Menschenaffen wurde bereits beobachtet, dass genitaler Kontakt zwischen Weibchen nach einem Streit dazu beiträgt, den Frieden zu wahren und die Beziehungen wiederherzustellen. Auch bei den chinesischen Goldstumpfnasenaffen, die in rauen Bergregionen leben, in denen Nahrung knapp ist, scheint dieses Verhalten dazu beizutragen, die Gruppe zusammenzuhalten.
Von allen untersuchten Arten sind jedoch japanische Makaken die absoluten Spitzenreiter. Diese Tiere sind bekannt für ihre komplexen sozialen Strukturen mit strengen Rangordnungen. Bei japanischen Makaken wurde dieses Verhalten fast dreimal pro Stunde beobachtet. Bei anderen Arten war dies viel seltener der Fall. Makaken tun dies sogar viel häufiger als Bonobos.
Häufiger bei langlebigen Arten
Die Untersuchung zeigt auch, dass es nicht nur um die unmittelbare Umgebung geht. Arten, bei denen Männchen und Weibchen sich in ihrer Grösse stark unterscheiden (was oft mit heftigem Wettbewerb zwischen den Männchen einhergeht), und langlebige Arten zeigen dieses Verhalten ebenfalls häufiger. Langlebige Tiere haben nun einmal mehr Zeit, komplexe soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen.
Das Verhalten scheint hingegen nur zu einem kleinen Teil erblich zu sein. Frühere Untersuchungen an Rhesusaffen haben gezeigt, dass nur etwa 6 Prozent der Variation in diesem Verhalten durch genetische Faktoren erklärt werden können. Der Rest hängt von der Umgebung, der sozialen Situation und dem gegenseitigen Lernen der Tiere ab.
Abschliessend werfen die Wissenschaftler einen Blick in die Zukunft. Wenn der Klimawandel zu extremeren Bedingungen und Verknappung führt, könnte dieses Verhalten bei einigen Tierarten zunehmen. Nach dem Hurrikan Maria auf der Insel Cayo Santiago, einem Forschungsstandort mit einer Makaken-Kolonie, beobachteten die Wissenschaftler beispielsweise eine Zunahme der sexuellen Kontakte zwischen Affen gleichen Geschlechts.
