Die Bilder der Unglücksnacht kann Marge Rull nicht vergessen. 20 Jahre, nachdem die Estin mit der «Estonia» auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm vor der Südküste Finnlands verunglückt ist, ist die Erinnerung an den 28. September 1994 allgegenwärtig.
Als 25-Jährige konnte sie sich beim Untergang der unter schwedischer und estnischer Flagge fahrenden Fähre retten. Für 852 Passagiere aber kam jede Hilfe zu spät. Sie starben beim grössten Schiffsunglück in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.
«Ich fühlte und hörte, wie die Wellen gegen das Schiff schlagen», schildert Rull in einem neu erschienenen Buch zum 20. Jahrestag der Katastrophe. «Als sich das Schiff innerhalb weniger Augenblicke nach rechts neigte, sprang ich sofort aus dem Bett. Und als sich das Schiff bei etwa 20 Grad Neigung stabilisierte, war das wie ein Startschuss für mich. Ich dachte, ich muss hier raus.»
Als sie es aus ihrer Kabine geschafft hatte, flüchtete Rull auf das Aussendeck. Wegen der Schieflage des Schiffes verlor sie mehrfach den Boden unter den Füssen und stürzte tief. Dennoch schaffte es die damals als Tänzerin auf dem Schiff angestellte Frau nach oben zu gelangen und sich später auf eine der Rettungsinseln zu retten.
Bei stürmischem Wind und stark aufgewühlter See kentert und sinkt die mehrere Tonnen schwere Fähre innerhalb von nur einer Stunde in den Fluten der Ostsee. Als die Rettungsaktion von Finnland aus anläuft, ist es für die meisten Passagiere und Besatzungsmitglieder zu spät – sie ertrinken im untergehenden Schiff oder erfrieren im kalten Wasser. Nur 137 Personen überleben das Unglück.
Im ihrem Bericht machte die viel kritisierte Untersuchungskommission ein falsch konstruiertes Bugvisier und seemännische Fehler der vor allem estnischen Besatzung als wichtigste Ursachen dafür aus, dass die 1980 vom Stapel der Papenburger Meyer-Werft gelaufene Fähre so schnell sinken konnte. Doch die Spekulationen um den Untergang, über den ein Kinofilm produziert wurde, haben bis heute nicht aufgehört.
Unstrittig ist, dass die Bugklappe des 157 Meter langen Schiffes sich auf offener See öffnete und abriss, wodurch Unmengen Wasser schnell und ungehindert ins Autodeck strömen konnten. Warum das aber passierte, ist nicht mit letzter Sicherheit festgestellt – trotz eines schier endlosen Hickhacks in diversen Kommissionen.
Bei der Ursachensuche wiesen offizielle Stellen stets die Vermutung zurück, dass Sabotage oder eine Bombendetonation an Bord im Zusammenhang mit Militärtransporten der Auslöser gewesen sein könnten.
Endgültige Klarheit mit juristischen Folgen für die Verantwortlichen gibt es auch nach zwei Jahrzehnten nicht. Die Überlebenden und Hinterbliebenen treibt dies heute noch um. «Wir wollen herausfinden, was geschehen ist», sagt der Vorsitzende der Stiftung Estonia-Opfer und Angehörige in Schweden, Lennart Berglund. «Die Eltern meiner Frau waren damals an Bord.» 501 der Opfer kamen aus Schweden und 232 aus Estland.
Trotz einer Estonia-Gruppe, die sich im schwedischen Parlament mit dem Fall beschäftigt, bekämen die Betroffenen im Reichstag bis heute keine Antwort. Auch bei der Schifffahrtsbehörde und der Behörde für Unfalluntersuchungen laufen derzeit keine Nachforschungen mehr. Auch in die ersten Ermittlungen seien die Überlebenden nicht einbezogen worden, erzählt Berglund. «Darüber sind sie sehr verärgert.»
Die abgerissene Bugklappe war das Einzige, das nach dem Untergang von der «Estonia» geborgen wurde. Die schwedische Regierung löste trotz wiederholter Forderungen der Hinterbliebenen weder ihr Versprechen zur Hebung des Schiffes noch zur Bergung der Leichen aus dem Wrack ein.
Stattdessen wurde die «Estonia» per Gesetz zur Grabstätte für die dort wahrscheinlich etwa 700 eingeschlossenen Opfer erklärt. Neue Pläne, das Schiff zu heben, gibt es nach Angaben des schwedischen Verteidigungsministeriums nicht. Die Behörden weigerten sich, «irgendetwas aus dem Wrack hochzuholen», meint Berglund. (sda/dpa)