Macht Alkohol wirklich kreativ? Das sagt die Forschung
In einer Ecke des Café Slavia sitzt ein Mann vor einem Glas Absinth. Das Licht ist dunkel und neben ihm schwebt eine gespenstische Figur: die «grüne Fee» begegnet ihm im Rausch. Sie ist halb Halluzination, halb kulturelle Projektion. Das Gemälde von Viktor Oliva steht sinnbildlich für eine kulturelle Praxis um 1900, in der Alkoholexzesse kein Randphänomen sind, sondern etablierter Teil des künstlerischen Alltags. Alkohol, so der Glaube vieler Maler und Schriftsteller, ermöglicht kreative Höhenflüge.
Und deshalb ist die Kunstgeschichte der Menschheit auch eine des Rausches. Nach Belegen suchen muss man nicht weit. Schon beim antiken Dionysos, dem Gott des Weins und des Theaters, zeigt sich diese Parallele. Bis ins 21. Jahrhundert wurde der Mythos des benebelten Künstlers immer wieder aufgegriffen, verkörpert und überhöht.
Im 19. Jahrhundert torkeln etwa Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud, später Ernest Hemingway auf der Suche nach Inspiration von Bar zu Bar in Paris. Zu dieser Zeit setzten Künstler wie Manet, van Gogh oder Picasso ihren Lieblingsgetränken ein künstlerisches Denkmal.
Und William Faulkner soll für die künstlerische Inspiration die Formel wie folgt entwickelt haben: «99 Prozent Whisky und 1 Prozent Schweiss».
Musiker trinken weniger
Auch aus der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts ist der Alkohol nicht wegzudenken. Da nimmt sich der Konsum von Frank Sinatra im Vergleich zu seinen Zeitgenossen fast homöopathisch aus. Eine Flasche Whisky täglich soll er getrunken haben. Andere Jazzmusiker nahmen reihenweise Drogen, sogar «Speedballs» – eine Mischung aus Heroin und Kokain – zu sich. Und starben früh. Das gilt für Chet Baker, John Coltrane oder Billie Holiday.
Doch auch Rockikonen können locker mit ihnen mithalten. Jim Morrison und Janis Joplin, deren Karrieren früh im Exzess und schliesslich im Todesalter von 27 endeten, ebenso Johnny Cash, dessen Karriere vom Spannungsverhältnis zwischen Ruhm, Sucht und Kontrolle geprägt war. Cash trank auch, um dutzende Pillen runterzuspülen. Denn neben Alkohol benötigte der Sänger auch Amphetamin. In der Schweiz gehört Peter Bichsel zu den Literaturschaffenden, die auch für einen hohen Konsum bekannt sind.
Und natürlich geht diese Geschichte auch im 21. Jahrhundert weiter. Das zeigen tragische Beispiele wie Amy Winehouse oder Mac Miller. «Die Wirklichkeit ist für Leute, die mit Drogen nicht klarkommen», hat Tom Waits einmal in einem Interview gesagt. Heute käme ihm nichts dergleichen über die Lippen. Denn unterm Strich hat sich der Umgang mit Alkoholkonsum und Drogen grundsätzlich verändert.
Heute prahlen Künstler immer weniger mit ihrem Konsum und immer mehr mit ihrem Entzug. Elton John, Eminem und Macklemore, sie alle haben dem Konsum abgeschworen, ebenso Schriftsteller wie Stephen King. Und als abschreckendes Extrembeispiel ist der Rapper Haftbefehl bekannt geworden, der in einem Dokumentarfilm über seine Drogensucht spricht. Jüngere Stars wie der amerikanische Sänger Yungblud thematisieren Drogen kritisch, auch die Sängerin Billie Eilish verzichtet auf Alkohol.
Der Mann im Café Slavia ist im Gemälde also gut aufgehoben. Als Teil einer vergangenen Kulturgeschichte. Unter den jungen Künstlern sind ihre Mythen entkräftet. Dennoch hält sich die Vorstellung hartnäckig, dass kreative Höchstleistungen erst durch Drogen möglich werden. Legenden wie Jimi Hendrix, Bands wie Nirvana und viele weitere scheinen nicht von ihren Drogenexperimenten zu trennen. Was wären die Beatles, was die Rolling Stones ohne Rausch?
Das sagt die Forschung dazu
Im Gehirn wirkt das Nervengift Alkohol so, dass Neurotransmitter beeinflusst. Beispielsweise verringert er die Wirkung des erregenden Botenstoffs Glutamat und verstärkt die hemmende Wirkung des entgegengesetzten Stoffs.
Die Forschung hat sich mit dem Zusammenhang zwischen Alkohol und Kreativität immer wieder auseinandergesetzt. Eine Studie aus Grabs aus dem Jahr 2017 zeigte beispielsweise, dass geringe Alkoholmengen den Verstand sozusagen auflockern.
Ein anderes Bild zeigt eine Meta-Analyse unter der Leitung von Jennifer Haase von 2023, die 84 Studien auswertet. Haase ist Psychologin an der Humboldt Universität Berlin und sagt: «Es gibt Konsumierende, die sich lockerer, humorvoller oder kreativer fühlen, wenn sie Alkohol konsumieren. Objektiv messbar sind diese Effekte jedoch meist nicht.» In der Forschung untersucht man den Effekt von Alkohol mittels Befragung oder Aufgabenstellungen. Hier zeigt sich dann auch eine Diskrepanz zwischen eigener Wahrnehmung und objektiver Leistung.
Das trage vermutlich dazu bei, dass sich der Mythos vom «kreativen Rausch» bis heute hält. «Wenn man die Ergebnisse kritisch betrachtet, entstehen dabei häufig eher sogenannte Schnapsideen», sagt sie.
Besonders bei Alkohol würden sich aber grosse individuelle Unterschiede zeigen. «Einige werden müde und träge, andere geselliger oder enthemmter – abhängig von Persönlichkeit, Situation und Konsummenge. Denkbar ist, dass geringe Mengen Alkohol bei sehr selbstkritischen Menschen Hemmungen reduzieren und dadurch indirekt kreative Prozesse erleichtern können.» Allerdings liegen diese Mengen weit unter jenen von Sinatra und Co. Bereits ab dem zweiten oder dritten Gals sinkt die Kreativität wieder – und nimmt dann nur noch ab. (bzbasel.ch)
