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Nachhaltigkeit ist keine Erfindung der Moderne. Die Fischer am Bodensee entschieden im Mittelalter gemeinsam, wie sie die Fisch­bestände nach­haltig schützen.
Nachhaltigkeit ist keine Erfindung der Moderne. Die Fischer am Bodensee entschieden im Mittelalter gemeinsam, wie sie die Fisch­bestände nach­haltig schützen.
Bild: ETH-Bibliothek

Im Mittelalter lebten die Menschen nachhaltiger als heute – das musst du wissen

Sharing Economy, Crowdfunding und Secondhand-Märkte gab es schon im Mittelalter. Doch erst jetzt entdeckt die Forschung diese Wirtschaftsformen.
14.08.2021, 18:0514.08.2021, 20:12
Annika Bangerter / ch media

Am Mittelalter haftet ein miserables Image. Es gilt als eine Epoche, in der adlige Obrigkeiten mit eiserner Hand regierten, die Kirche dogmatisch herrschte und sowohl die Pest als auch die (Kreuz-)Ritter wüteten. Doch das Mittelalter hat mehr zu bieten. Zum Beispiel eine Fülle an Nachhaltigkeitswissen. Die deutsche Historikerin Annette Kehnel hat es aufgespürt und zusammengetragen im Buch «Wir konnten auch anders». Dazu gehört die Fischereiordnung am Bodensee.

Umweltbewusste Fischer

Fisch war in der Region ein Grundnahrungsmittel. Ihn fangen, konnten alle. Der See war, von einigen Uferabschnitten abgesehen, eine Allmende. Die Fischer verkauften ihre Ware auf den Märkten in Konstanz oder Lindau. Die Nachfrage sei gross gewesen, schreibt Kehnel, und habe dadurch den Anreiz geschaffen, den eigenen Gewinn zu maximieren.

Eigentlich wäre dies die typische Ausgangslage, um das Gewässer zu überfischen. Was funktionierte also an den Ufern des Bodensees anders? Annette Kehnel verweist auf die Untersuchungen des Historikers Michael ­Zeheter. Er kommt zum Schluss: Eine Zerstörung der Lebensgrundlage konnte abgewandt werden, weil rund um den Bodensee Kooperationen ent­standen. Fischer entschieden gemeinsam mit der Obrigkeit, wie sie Fisch­bestände und -arten schützen wollten. Und dies bereits seit dem 14. Jahr­hundert.

Die Fischer gaben sich selber Regeln, damit sie den See nicht überfischten

Entscheidend für den Erfolg der ergriffenen Massnahmen sei der Einbezug der Fischer gewesen. An regel­mässig stattfindenden Fischer­tagen konnten sie sich einbringen und die Fischerordnung den Umständen entsprechend anpassen. Sie entschieden: Wer fischen will, darf nur Netze oder Angeln aus bestimmten Mate­rialien verwenden und hat Schonzeiten sowie Fangbeschränkungen zu be­rücksichtigen.

Hielt sich jemand nicht daran, drohte die Beschlagnahmung des Materials, eine Geldstrafe oder gar Gefängnis. Die Massnahmen ­zahlten sich aus. Kehnel schreibt:

«Die Ressource Fisch wurde von den ­Fischern über Jahr­hunderte hinweg effi­zient genutzt, ohne dass es zum Nieder­gang der Bestände oder zu bedenklichen Versorgungskrisen in der Bevölkerung kam.»
Annette Kehnel, Professorin für mittelalterliche Geschichte.
Annette Kehnel, Professorin für mittelalterliche Geschichte.
bild: A. Kehnel / Universität Mannheim

Die Mittelalterforscherin betont: Nicht der Umweltschutz oder ein ökologisches Denken trieb die Menschen an, sondern die langfristigen Erträge. Oder schlicht das Überleben ihrer Branche. «Nachhaltigkeit war die Überlebensstrategie dieser Menschen», schreibt Annette Kehnel. Das liess sie kooperieren und die Bestände schützen.

Ist der Mensch doch nicht nur eigennützig und gierig?

Eine Überlebensstrategie, an der die Gegenwart zu scheitern droht. Kehnel sieht das Problem darin, dass unser Denken und Handeln im 19. Jahrhundert stecken geblieben sind. Fortschritt, Wachstum, Wohlstand: Das führte damals zu einem einzigartigen Modernisierungsschub. Und zu einem beispiellosen Raubbau an den Ressourcen.

Dass es so nicht mehr allzu lange weiter geht, ist bekannt. Doch ein Umdenken blieb bislang aus. Zu eigennützig sei der Mensch, zu gierig, zu stark auf den kurzfristigen Profit ausgerichtet, heisst es immer wieder. Mit ihrem Streifzug durch vergangenes Wirtschaften stellt Annette Kehnel solchen Aussagen allerdings Modelle entgegen, die das Gegenteil aufzeigen.

Die Reichsten organisierten Mikrokredite

Da waren beispielsweise die Pfandleihanstalten in Italien, die sogenannten Monti di Pietà. Reiche Städter gründeten sie und speisten das Kapital ein, damit ärmere Menschen Kleinkredite aufnehmen konnten. Etwa ein Bauer. Er hinterlegte im Frühling seinen Wintermantel, um mit dem geliehenen Geld Saatgut zu kaufen. Nachdem er seine Ernte verkauft hatte, löste er seinen Mantel wieder aus.

Italienische Handwerker konnten sich an eine Pfandleianstalt, eine Monti di Pietà, wenden, wenn sie einen Kredit brauchten.
Italienische Handwerker konnten sich an eine Pfandleianstalt, eine Monti di Pietà, wenden, wenn sie einen Kredit brauchten.
Bild: ETH-Bibliothek

Die Gründung dieser Kleinkreditinstitute fällt in die Zeit des späten Mittelalters, als in Oberitalien ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung stattfand. Einige wenige Händler, Kaufleute und Banker häuften riesige Vermögen an. Mitglieder dieser Elite führten für jeweils ein Jahr die Kleinkreditinstitute – unentgeltlich.

Denn die Institute arbeiteten explizit nicht gewinnorientiert, sondern kostendeckend. Eine nachhaltig soziale Idee, die Jahrhunderte später Muhammad Yunus mit den Mikrokrediten erneut lancierte und damit den Nobelpreis gewann.

Einst bekamen ärmere Menschen in der Monte di Pietà von Padua Kleinkredite. Heute ziert das Gebäude die Altstadt.
Einst bekamen ärmere Menschen in der Monte di Pietà von Padua Kleinkredite. Heute ziert das Gebäude die Altstadt.
Bild: wikimedia

Recycling und Upcycling

Es ist nicht das einzige Beispiel, das zeigt: Die Motivation und Ausgangslage aufgrund von Maschinen und Technologien sind zwar andere, aber die Ideen für nachhaltiges Wirtschaften sind uralt. Baustoffrecycling war im Mittelalter weit verbreitet, die Sharing Economy brachte den Klöstern ­grossen Reichtum ein, mittels Crowd­funding wurden Brücken gebaut, und Secondhand-Märkte florierten. Nur sprach damals niemand in Angli­zismen. Annette Kehnel schlägt damit Brücken. Sprachlich und mit eindrücklichen Beispielen. Etwa der Exkurs über Abfall.

Erst in den 1970er-Jahren taucht in den Wörterbüchern der Begriff «Abfall» im heute geläufigen Sinn auf: Als Überreste, die nicht zu gebrauchen sind. Zuvor stand deren weitere Verwertung im Zentrum. Kehnel zitiert aus einer Doktorarbeit von 1914. Darin steht:

«Es lässt sich sogar aus dem Mass und Umfang, in welchem ein Volk die Abfälle seiner Produktion sammelt und verwendet, ein gewisser Rückschluss auf die Höhe seiner Kultur ziehen.»

Je weniger Abfall, umso weiter entwickelt die Kultur also. Mehr als hundert Jahre später gehen Abfälle im Feuer auf, türmen sich zum Berg auf, schwimmen im Meer oder kreisen im Weltall.

Der Schweizer Historiker Christian Pfister prägte für die Vermüllung der Welt den Begriff des 1950er-Jahre-Syndroms. Billiges Öl überflutete damals den Weltmarkt. Die Förderung anderer Rohstoffe wurde dadurch ebenfalls billiger. Auch ihre Preise purzelten stark. So stark, dass es heute oft billiger ist, ein neues Sofa oder einen neuen Staubsauger zu kaufen als das kaputte Gerät zu reparieren.

Vor allem die Geschäfte der Reichen wurden untersucht

Für unsere Ahnen hingegen war Recycling und Upcycling die Norm. «Reparaturgewerbe und Secondhand-Märkte waren zentrale Bereiche vormoderner städtischer Wirtschaft und Geschäfte mit Secondhandprodukten keine Domäne der Armen», schreibt Kehnel.

Diese Kreislaufwirtschaft sei – wie auch kooperative Wirtschaftsformen abseits der gescheiterten Planwirtschaft und die Kreditgeschäfte der sogenannt kleinen Leute – von der historischen Forschung lange kaum beachtet worden. Im Zentrum der Forschung standen vielmehr die Geschäfte der Kaufleute und der Bankiers.

Neue Schuhe waren teuer. Günstiger war es, seine kaputten Stiefel reparieren zu lassen.
Neue Schuhe waren teuer. Günstiger war es, seine kaputten Stiefel reparieren zu lassen.
Bild: ETH-Bibliothek

Annette Kehnel fokussiert in ihrem Werk auf jenes nachhaltige Wirtschaften, das funktioniert hat. Darin liegt die Stärke des Buches. Und gleichzeitig seine Schwäche. Die massive Abholzung der Wälder im Mittelalter, die daraus resultierende Bodenerosion und die Überschwemmungen kommen praktisch nicht vor. Ebenso fehlen die verunreinigten Flüsse oder die stark verschmutzte Luft durch die Verarbeitung von Erzen oder Glas.

Zwar romantisiert die Historikerin die Vergangenheit nicht, aber sie thematisiert ihre massiven ökologischen Probleme auch nicht. Trotzdem: Ihre Beispiele überraschen, inspirieren und geben Hoffnung. Hoffnung, dass die langfristigen und ressourcenschonenden Denkweisen wiederkehren. Wie bei den Fischern am Bodensee.

Buch: Annette Kehnel «Wir konnten auch anders», Blessing Verlag, 488 Seiten, Fr. 37.90.

(aargauerzeitung.ch)

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