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Ungarische Flüchtlinge in Buchs, 1956.
Ungarische Flüchtlinge in Buchs, 1956.Bild: ETH Bibliothek Zürich

Flucht in die Schweiz

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine treibt die Menschen westwärts. Doch Flüchtlinge aus Osteuropa sind für die Schweiz kein Novum, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt.
10.04.2022, 15:18
Nada Boškovska / Schweizerisches Nationalmuseum

Der von Wladimir Putin angeordnete Angriffskrieg gegen die Ukraine hat eine innereuropäische Flüchtlingswelle zur Folge, wie sie der Kontinent seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat. Der weitaus grösste Teil der Geflohenen findet in Polen Zuflucht. Viele werden nach Möglichkeit dort bleiben und auf eine baldige Rückkehr hoffen. Ein kleiner Teil der Menschen, die alles zurücklassen mussten, wird in der Schweiz ankommen.

Ukrainische Flüchtlinge kommen in Polen an.
Ukrainische Flüchtlinge kommen in Polen an.Bild: keystone
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Die Aufnahme von Flüchtlingen und Exilanten aus Osteuropa hat in der Schweiz eine lange Tradition. Im 19. Jahrhundert waren es politische Emigranten aus dem Zarenreich, die hier eine Bleibe fanden und ihren revolutionären Kampf in der Regel verbal weiterführten, in Einzelfällen auch das Zünden von Bomben übten. Lenin und der Anarchist Michail Bakunin sind nur die bekanntesten Namen in einer langen Reihe.

Lenin auf der Titelseite der «Schweizer Illustrierten», Dezember 1917.
Lenin auf der Titelseite der «Schweizer Illustrierten», Dezember 1917.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Nach der Oktoberrevolution 1917 verliessen 5000 bis 6000 Russlandschweizer das untergegangene Zarenreich. Sie verloren alles, was sie nicht mit sich trugen; nicht wenige hatten grosse Mühe, in der Schweiz Fuss zu fassen, und waren auf Unterstützung angewiesen. Das Schicksal der Rückkehrer schürte in der Schweizer Gesellschaft nachhaltige Ressentiments gegen Russland wie auch gegen den Kommunismus, während viele von ihnen ihrer guten Zeit im Zarenreich nachtrauerten. Sie hatten sich unter anderem als Käser, Zuckerbäcker, Winzer, Gouvernanten und Unternehmer eine oft erfolgreiche Existenz aufgebaut.

Mit Ansteckern sammelte die Russlandschweizervereinigung Geld für die verarmten Heimkehrenden, um 1920.
Mit Ansteckern sammelte die Russlandschweizervereinigung Geld für die verarmten Heimkehrenden, um 1920.Bild: Universität Zürich

Mit der Ausdehnung der sowjetischen Hegemonie nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen Antikommunismus und Russlandfeindlichkeit in der Schweiz weiter an, und zwar in einem Ausmass, dass der Schweizer Botschafter in Washington sich 1962 Sorgen um die Neutralität des Landes machte: «Eine Bedrohung [der Neutralität] scheint mir von der Schweiz her auszugehen. Es gibt in den US nicht sehr viele Personen, die schweizerische Zeitungen lesen. Diejenigen, die es tun, fragen sich, ob die ausgeprägte anti-russische Haltung der schweizerischen Öffentlichkeit die Rolle der Schweiz als Vermittler nicht untergraben könne. […] Nachdem seit Jahren der McCarthysmus in Amerika abgeflaut ist, bedauern die Amerikaner sein Wiederaufleben in der Schweiz.»

Zu dieser ausgeprägten Haltung hatte zweifellos die Niederschlagung des ungarischen Aufstandes durch die Rote Armee im Herbst 1956 beigetragen. Über 200‘000 Ungarinnen und Ungarn flohen damals ins Ausland, etwa 13‘000 wurden in der Schweiz mit offenen Armen als «Kontingent», das heisst ohne einzelne Asylverfahren, aufgenommen. Die Integration dieser kleinen, zumeist gut ausgebildeten Gruppe ohne Rückkehrperspektive gelang aus Schweizer Sicht problemlos.

TV-Doku über den Aufstand in Ungarn 1956.Video: YouTube/harzgraf

Im August 1968 erlebte die Welt ein Déjà-vu: Truppen – diesmal des Warschauer Paktes – walzten den Prager Frühling nieder. Als Folge verliessen Zehntausende das Land, andere, die sich gerade im Ausland aufhielten, etwa als Touristen in Jugoslawien, kehrten nicht nach Hause zurück. Etwa 12‘000 Tschechen und Slowakinnen gelangten in die Schweiz und wurden ähnlich unbürokratisch und hilfsbereit aufgenommen wie die Ungarinnen und Ungarn zuvor.

Auch diese gut qualifizierten Flüchtlinge wurden rasch vom Arbeitsmarkt absorbiert und gelten als Beispiel einer guten Integration. Für die allermeisten Schweizerinnen und Schweizer waren die Flüchtlinge aus Ungarn und der Tschechoslowakei die ersten Menschen aus dem sozialistischen Osten Europas, mit denen sie in Kontakt kamen. Beide Flüchtlingsgruppen zeigten sich für ihre gute Aufnahme dankbar. Der Schweiz festigte im Gegenzug ihr Selbstverständnis als Staat und Gesellschaft mit einer humanitären Tradition.

Ankunft ungarischer Flüchtlinge im Morges und Bière, 1956.
Ankunft ungarischer Flüchtlinge im Morges und Bière, 1956.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Demonstration in Bern gegen den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei, 1968.
Demonstration in Bern gegen den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei, 1968.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Einen weit grösseren Zustrom erlebte die Schweiz in den 1990er-Jahren als Folge der jugoslawischen Zerfallskriege. Obwohl die Asylgesuche damals in ungekannte Höhen schnellten, kamen die meisten Menschen nicht als Flüchtlinge, sondern im Rahmen des Familiennachzugs, lebten doch 1990 rund 173‘000 Jugoslawinnen und Jugoslawen in der Schweiz. Wer als «Gastarbeiter» seine Familie in Jugoslawien gelassen hatte, brachte sie nun in die Schweiz, sodass sich die ständige Wohnbevölkerung aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens bis zum Jahr 2000 auf 362'000 mehr als verdoppelte.

Die grossen Flucht- und Vertreibungswellen, insbesondere in Bosnien-Herzegowina (1992-1995) und Kosovo (1999), führten aber auch dazu, dass – nebst individuellem Asyl – rund 25‘000 Flüchtlinge aus Bosnien und 1999 20‘000 aus dem Kosovo eine «kollektive vorläufige Aufnahme» fanden. Sie mussten, ausser in Härtefällen, nach Beendigung der Kriegshandlungen wieder zurückkehren.

Flucht aus dem Kosovo, 1999.
Flucht aus dem Kosovo, 1999.Bild: KEYSTONE/AP

Angesichts der Flüchtlingsströme aus der Ukraine fühlen sich heute viele an 1956 und 1968 erinnert. Allerdings handelte es sich damals in beiden Fällen um Aufstände, die in kurzer Zeit niedergeschlagen wurden, die Armeen Ungarns und der Tschechoslowakei waren nicht involviert. Die Ukrainerinnen und Ukrainer flüchten vor einem Krieg, dessen Ende im Moment nicht abzusehen ist. Die wehrfähigen Männer dürfen das Land nicht verlassen, sodass in erster Linie Frauen, Kinder und ältere Männer flüchten.

Das wichtigste Zielland ist das Nachbarland Polen, wo bereits viele Ukrainerinnen und Ukrainer als Arbeitsmigranten leben. Sollte eine Rückkehr nach Beendigung des Krieges nicht möglich oder für die Geflüchteten angesichts der politischen Lage nicht wünschenswert sein, wäre Polen auch wegen der sprachlichen und kulturellen Nähe für viele eine Option für einen längeren Verbleib, zumal das Land Arbeitskräfte gebrauchen kann.

Wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer in die Schweiz kommen werden, ist zurzeit schwer zu sagen. Sicher ist die Schweiz kein primäres Zielland, 2020 lebten lediglich 7000 Personen mit ukrainischer Staatsbürgerschaft in der Schweiz. Wer kommt, kann auf die Empathie und Hilfsbereitschaft der hiesigen Bevölkerung zählen und ebenso auf vergleichsweise unkomplizierte Verfahren bei den Behörden.

Zum ersten Mal wird der bereits bestehende Schutzstatus S aktiviert; die ukrainischen Flüchtlinge bekommen damit ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz, sie können ihre Familienangehörigen nachziehen, einer Erwerbsarbeit nachgehen und haben auch Anspruch auf Sozialhilfe und medizinische Versorgung. Die Schweiz schliesst sich hierin der EU an, die bereits eine entsprechende Richtlinie zum temporären Schutz in Kraft gesetzt hat.

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Flucht in die Schweiz» erschien am 21. März.
blog.nationalmuseum.ch/2022/03/fluechtlinge-aus-osteuropa

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3 Kommentare
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Skuld
10.04.2022 16:26registriert Mai 2016
Meine Ma ist aus einer Ecke, die mal A, mal H, mal D war. Mit 5 sammelte sie Leichenteile ein. Dafür gabs beim Friedhof Geld. Seuchenbekämpfung nannten sie es. Geld war Brot. Während der Sowjet-Besatzung gab's nicht mehr genug Essen. Sie kam mit 15 allein in die Schweiz. Zuerst Kindermädchen, dann Krankenschwester, dann Mutter, dann erfolgreiche Künstlerin. Sie verdiente mehr als mein Pa mit seiner eigenen Firma. Seit sie 26 war bis heute mit 84 besucht sie jedes WE Leute im Altersheim, die sonst keinen haben. Ich könnte noch viel mehr Schönes über sie sagen, aber der Platz reicht hier nicht.
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