Interview

Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg in seiner klassischen Hoodie-Montur. Bild: 2oceansvibe

Interview mit Hannes Grassegger

«Wir steuern auf eine Diktatur der Nerds zu»

Google und Facebook werden Goldman Sachs und JP Morgan, Silicon Valley und die Wall Street als Machtzentrum der Welt ablösen. Diese These vertritt Hannes Grassegger in seinem Buch «Das Kapital bin ich».

23.08.14, 19:31 25.08.14, 11:24

Wir würden bald alle Sklaven von den neuen Mastern of the universe des digitalen Zeitalters sein, schreiben Sie. Ist das Hype, oder meinen Sie das ernst?
Grassegger: Ich verbringe mein halbes Leben online. Wir sind heute Wesen aus Bits und Atomen. Wenn diese Daten nicht mir gehören, habe ich keinen Zugriff auf grosse Teile meiner Selbst. Das ist eine ernste Situation. Das ist eine neue Leibeigenschaft.

Hannes Grassegger im Interview mit watson. Die Texte des 34-jährigen Reporters und Ökonomen erscheinen u.a. in der NZZ, dem Zeit-Magazin und in Reportagen. Bild: watson/ miguel Kratzer

Gerade im Konsumbereich sind jedoch die Menschen bereit, oft geradezu begierig darauf, ihre Daten herzugeben.
Wer sein Privatleben verschenkt, der hält sich für wertlos. 

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Warum sollen wir unsere Daten verschenken, wenn sich alle darum reissen?

Warum soll ich Geld dafür bekommen, dass Coop oder Migros weiss, dass ich lieber Vanille- als Schokojoghurt esse oder Zahnpasta mit Pfefferminzgeschmack mag?
Wir befinden uns in einer Marktwirtschaft, und einige der grössten Unternehmen der Welt – Facebook, Google und Apple etwa – machen mit diesem Wissen einen Haufen Geld. Warum sollen wir unsere Daten verschenken, wenn sich alle darum reissen?

Und diese Daten sollen bald so wertvoll sein wie heute Erdöl?
Eine bekannte Studie der Beratungsfirma Price, Waterhouse & Coopers zeigt, dass schon in einigen Jahren die Daten eines Durchschnittseuropäers rund 200 Franken pro Monat wert sein werden. Das wäre eine Art digitales Grundeinkommen.

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Weshalb?
Wer mein Privatleben kennt, weiss, was ich will. Im Idealfall sind diese Daten also genauso viel wert wie unser verfügbares Einkommen. 

«Mark Zuckerberg, Sergey Brin und Larry Page sind die Räuberbarone unserer Zeit.»

Im Zeitalter von Big Data werden die Ölscheiche von den Hoodie-Milliardären abgelöst, von Männern wie Mark Zuckerberg, Sergey Brin und Larry Page. Wie würden Sie diese beschreiben?
Sie sind die Räuberbarone unserer Zeit. Mittlerweile halten sie sich sogar für die Chefs von virtuellen Staaten. Facebook stellt sich bei Firmenpräsentationen oft als Land dar: Wenn wir eine Nation wären, dann hätten wir 1,3 Milliarden Einwohner.

Ist das nicht einfach ein Marketing-Gag?
Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von Facebook sind das globalste Gesetzbuch überhaupt. Wer sich nicht daran hält, wird ausgeschlossen, denn Facebook ist keine Demokratie, sondern ein autoritär geführtes Unternehmen. Zuckerberg könnte selbst Barack Obama aus der Plattform schmeissen. 

Wie äussert sich diese Macht?
GitHub, ein US-Unternehmen, das als Netzwerk der Programmierer funktioniert, hat sogar das Oval Office – das Büro des Präsidenten im Weissen Haus – bei sich nachbilden lassen, mit einem kleinen Unterschied: Das Firmen-Logo ersetzt das amerikanische Wappen. Wir steuern – und auch das ist sehr ernst gemeint – auf eine Diktatur der Nerds zu. 

Mit anderen Worten: Vergesst die Geheimdienste und den Staat. Facebook und Google zeigen, wie man es richtig macht?
Die staatlichen Geheimdienste sind beim Versuch, mit den IT-Unternehmen gleichzuziehen, kläglich gescheitert. Seit Assange und Snowden lacht sich die halbe Welt über sie schlapp. 

«Je mehr Benutzer Facebook hat, desto wertvoller wird es.»

Die IT-Unternehmen sind fragil. IBM ist vor 20 Jahren beinahe Pleite gegangen, Microsoft lebt von Windows und alten Zeiten. Vielleicht sehen auch Google und Facebook bald alt aus.
Obwohl Facebook die meisten seiner Benutzer nervt, sind bisher alle Versuche gescheitert, es abzulösen. Der Hauptgrund ist der Netzwerk-Effekt: Je mehr Benutzer Facebook hat, desto wertvoller wird es. Das zu ersetzen, ist sehr schwierig. Es ist wie bei der Schreibmaschinentastatur. Obwohl sie eigentlich längst überholt ist, lässt sie sich nicht mehr ersetzen, weil die Kosten der Umstellung zu hoch wären.

Bild: evenbrite

Was bedeutet das?
Im Silicon Valley ist ein neues Wirtschaftssystem entstanden, und Google & Co. werden sich nicht so leicht verdrängen lassen. Die wirtschaftlichen Machtstrukturen verfestigen sich in einer unglaublichen Geschwindigkeit, der Staat hinkt hinterher. 

Die Hoodie-Milliardäre wollen das All erobern, alle Probleme der Welt lösen und ewig leben. Sind das nicht pubertäre Allmachtsphantasien, angereichert mit Science Fiction?
Ich mag Science Fiction und finde es inspirierend, dass diese Leute wahnwitzige Ideen haben. Es ist das einzig Spannende an Google. Nur halten die Google-Leute ihre Forschung geheim, während sie von uns absolute Transparenz verlangen. 

«Pinky and the Brain» wollen auch die Welt erobern. gif: giphy

Als Männer werden die Nerds oft belächelt. Sie interessieren sich nur für Software und Games, stopfen sich mit Pizza und Coke voll und haben Probleme mit Frauen. Und das sollen die neuen Herren der Welt sein?
Was das Frauenproblem betrifft: Das haben die Nerds tatsächlich. Bei Google und Facebook arbeiten 90 Prozent Männer. Und Schwarze mögen sie auch nicht. Die meisten sind entweder weiss oder von asiatischer Abstammung. Es stimmt auch nachdenklich: Menschen mit grossen Problemen im sozialen Verhalten bestimmen immer mehr, wie unsere Gesellschaft funktionieren soll. Und sie haben genug Geld, um sich beliebig Knowhow dazu zu kaufen. Page und Brin beispielsweise haben sich die Dienste von Eric Schmidt gesichert, einem unglaublich smarten Senior-Manager. 

« Menschen mit grossen Problemen im sozialen Verhalten bestimmen immer mehr, wie unsere Gesellschaft funktionieren soll.»

Wie bestimmen die Hoodies unser soziales Leben?
Die Hälfte meines Tages verbringe ich im Netz, und die Nerds bestimmen die Spielregeln der digitalen Welt. Und sie verfolgen dabei ein Ziel. Während sich die Wall Street völlig amoralisch nur um Geld kümmert, verändert das Silicon Valley auch die Welt und pfeift auf das Gesetz. Die Nerds wollen definieren, was richtig und gut ist.

«Schon Adam Smith hat erkannt: Ich habe noch nie viel Gutes gesehen von denen, die vorgaben, Gutes zu tun.»

«Don’t be evil», wie das legendäre Google-Leitmotiv lautet, oder die Sharing Economy. Das tönt nach Techno-Hippies. Stimmt der Eindruck?
Schon Adam Smith hat erkannt: Ich habe noch nie viel Gutes gesehen von denen, die vorgaben, Gutes zu tun. Google hat sich kürzlich Boston Robotics gekauft, ein Militärunternehmen. 

Über Privatarmeen verfügen jedoch weder Zuckerberg noch Page und Brin.
In der digitalen Welt verfügen sie bereits über eine Armee. Sie können uns jederzeit aus ihren Diensten löschen. Sie können virtuelle Realitäten vorgaukeln. Und jetzt werden sie auch noch physisch.

Die Facebook-Armee. Bild: tamo7

Wird es bald eine Google-Armee geben?
Nein, natürlich nicht. Aber es entsteht so etwas wie ein neuer digitaler militärischer Komplex. 

«Gegenstand des Verteilkampfes des 21. Jahrhunderts ist unser Privatleben, unsere Daten.»

Wie können wir uns gegen diesen neuen militärischen Komplex wehren? Indem wir das Smartphone wegschmeissen und wieder zu Bleistift und Papier zurückkehren?
Nein, indem wir uns holen, was uns gehört. Gegenstand des Verteilkampfes des 21. Jahrhunderts ist unser Privatleben, unsere Daten.

Haben sie nicht bereits verloren?
Ich habe noch Hoffnung. Monopolisten haben meist eine offene Flanke, wo sie verwundbar sind.

Und die wäre?
Sie neigen zu Eitelkeit und Selbstgefälligkeit. Wir müssen sie überlisten und dafür sorgen, dass wir unsere Daten selbst verwerten können.

gif: giphy

Und wie soll das gehen?
Es sind derzeit digitale Handelshäuser für diese Daten am Entstehen, Plattformen wie CitizenMe, beispielsweise, oder PrivacyFix. Dort kann man den aktuellen Marktwert der eigenen Daten ablesen und auch, was für ein Profil man hat.

«Wir brauchen keine Alternativen zu Facebook und Google, wir brauchen eine neue Ebene darüber.»

Können die zu Alternativen zu den bestehenden Monopolisten werden?
Wir brauchen keine Alternativen zu Facebook und Google, wir brauchen eine neue Ebene darüber, ein automatisierter Schutzschild und Handelsmechanismus. Man muss sich eine Art Box vorstellen, in die meine Daten zuerst hinein fliessen, und aus der heraus sie verkauft werden. 

Und wer baut diese neue Ebene?
Das werden Unternehmer sein. Der Staat kann in der rasanten technischen Entwicklung gar nicht mithalten.

Gestaltung: Anna Rothenfluh

Big Bang oder neue Balance?

Dieses Thema diskutiert Philipp Löpfe zusammen mit dem Investor Michael Sidler, dem CEO des WWF Thomas Vellacott und dem Präsidenten des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes Valentin Vogt. Die Veranstaltung findet am Montag, den 1. September um 19 Uhr im Hotel Glockenhof an der Sihlstrasse 33 in Zürich statt. Moderiert wird die Diskussion von Olivia Bosshart.

Userinput

Zufall oder Zeitgeist? Am selben Tag, an dem dieses Interview online ging, erschien auf YouTube ein Clip des Zürcher Rappers Dä Strolch. Er setzt sich darin kritisch mit Facebook, Google & Co. auseinander. Der Link zu diesem Video wurde uns unabhängig von diesem Artikel via Nachricht auf der Facebook-Page zugespielt.

DÄ STROLCH - 'Gatinüta'

quelle: youtube/dästrolch

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • Zeit_Genosse 09.09.2014 17:22
    Highlight Diese Tech-Firmen sind Systemrelevant. To big to.....
    Hier liesse sich politisch eingreifen, wenn es den Jungs zu wohl wird. Man könnte die Verbreitung und Netze enschränken und regulieren. Das gäbe ein haufen Geschrei und Juristenfutter, doch kann Google oder Facebook seine Server nicht einfach abschalten, weil dann die Volkswirtschaften in Mitleidenschaft gezogen werden. Wir werden in der Zukunft einige Fragen aufwerfen und Antworten suchen müssen. Wem gehört das Internet und wo ist es. Die Netze und Server haben eine derartige Sytsemrelevanz, dass der Staat mitredet oder per Notrecht eingreift. Auch die Besteuerung von Robotern, die Arbeitskraft leisten und Menschen bei der Arbeit verdrängen, wird eines Tages Lärm und Juristerei bringen. Neue Technologie und Grösse bringt neue Probleme und Lösungen. Die Welt darf nicht alles was sie erfindet, sie muss wie die Menschen selbst gezämt werden.
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  • casaout 01.09.2014 16:14
    Highlight Spannender Artikel. Aber: "Microsoft lebt von Windows und alten Zeiten" stimmt hinten und vorne nicht. Microsoft hat in den letzten paar Jahren ein immenses Wachstum hingelegt (siehe Aktienkurs). Ihre Aufstellung (mobile first strategy) hat Zukunft und dies zeigen auch Microsoft's neuen und extrem erfolgreichen Produkte: Office 365/Online, Azure und Outlook.com. Gar nichts mit 'lebt von alten Zeiten'. Microsoft hat zwar nicht mehr den Ruf des 'Innovators', doch darf sich auch Apple nicht mehr damit rühmen, wenn man die letzten 3-4 Jahre anschaut...
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  • papparazzi 24.08.2014 18:26
    Highlight Da wird sich Sheldon aber freuen:-)
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  • Gelöschter Benutzer 23.08.2014 23:34
    Highlight hahaha das ist wohl zu geil.. die wohl hohlste Verschwörungstheorie seit es Theorien gibt... was hat er genau für Drogen genommen? Die Wirkung scheint mir noch interessant...
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    • Gelöschter Benutzer 24.08.2014 13:17
      Highlight Du bist schon zu sehr im Sumpf der Abgestumpftheit stecken geblieben, um dich noch daraus befreien zu können. Dein Kommentar spricht Bände!
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  • tux_ping 23.08.2014 19:41
    Highlight Die Webseite heisst GitHub, nicht GitHup. ;)

    Und wieso diese in diesem Artikel genannt wird, ist mir auch nicht ganz schlüssig, da das Hauptziel der Seite das Gegenseitige Teilen von Wissen (Source-Code) ist. Sollen sie doch ruhig das Büro des Weissen Hauses nachbauen.
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    • Gelöschter Benutzer 23.08.2014 22:30
      Highlight Genau: Herr Grassegger hat offenbar nicht verstanden, was Github macht. Aber auch der Seitenhieb, dass Programmierer rassisten seien, lässt vermuten, dass er die IT (und insbesondere die Opensourceszene) nur von Hörensagem kennt und einfach gerne redet.
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Hipster-Espresso für 5 Stutz, der erst noch gruusig ist? Du kannst mich mal!

Ich sag's immer wieder: Vieles an der Hipster-Kultur stellt eine Bereicherung für unseren Alltag dar. Schönere Velos. Pulled Pork. Und so weiter. Aber ab und an findet man sich in einer Situation wieder, in der man sich fragt, ob alle Beteiligten nun komplett spinnen oder was? Letzthin, etwa, in Zürich:

Da war ich also mit meinem geschätzten Redaktionskollegen Quizz-Huber beim Tamilen an der Ecke Mittag essen. Auf dem Weg zurück zur watson-Kommandozentrale kam ich an jenem neuen Coffeeshop …

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