Gesellschaft & Politik

Wir wollen immer länger leben und die bestmögliche Behandlung bekommen. Bild: KEYSTONE

Kommentar

Das Nein zur Einheitskasse ist kein Beinbruch – sie hätte steigende Prämien nicht verhindert

Das Volk will keine Experimente im Gesundheitswesen. Deshalb ist die Einheitskasse gescheitert. Die Linke muss sich fragen, ob sie in der Gesundheitspolitik noch glaubwürdig ist.

28.09.14, 16:34 28.09.14, 16:52

Wenigstens war es kein Debakel. Aber von einem Achtungserfolg kann man bei 38 Prozent Ja auch nicht sprechen. Zum dritten Mal in elf Jahren hat die Linke unter Führung der SP mit einer Volksinitiative zur Gesundheitspolitik Schiffbruch erlitten. 2003 scheiterten die einkommensabhängigen Prämien, 2007 wurde das gleiche Anliegen, kombiniert mit einer Einheitskasse, abgelehnt.

In beiden Fällen gab es weniger als 30 Prozent Ja-Stimmen. Dieses Mal lief es etwas besser, dank der Westschweiz, wo der Glaube an staatliche Eingriffe grösser und der Leidensdruck bei den Krankenkassenprämien höher ist als diesseits der Saane. 

Doch Nein bleibt Nein. Dabei hätte es gute Gründe für eine öffentliche Krankenkasse gegeben, vor allem die Auswüchse im Wettbewerb unter den privaten Kassen. Doch die Initianten behaupteten auch, eine Einheitskasse werde «die Prämienexplosion stoppen».

In kaum einem Bereich herrscht eine so hohe Anspruchsmentalität wie bei der Gesundheit.

In dieser Hinsicht war die Initiative nicht einmal ein Placebo, sondern eine Mogelpackung. Die Einheitskasse hätte bestenfalls einen minimalen Einfluss auf die Prämienentwicklung gehabt. Die Kostentreiber im Gesundheitswesen sind in erster Linie die steigende Lebenserwartung und der medizinische Fortschritt. Beides ist im Sinne des Volkes: Wir wollen immer länger leben. Und wir verlangen im Notfall die bestmögliche Behandlung.

In kaum einem Bereich herrscht eine so hohe Anspruchsmentalität wie bei der Gesundheit. In der Schweiz wird man in dieser Hinsicht gut bedient. Unser Gesundheitswesen ist zwar sehr teuer, aber man kann sich – noch – darauf verlassen. Insofern ist es entlarvend, wenn die grüne St.Galler Nationalrätin Yvonne Gilli auf SRF erklärte, nur gesunde Menschen seien mit dem heutigen System der Krankenkassen zufrieden. Warum ein System ändern, das vordergründig funktioniert?

Schon heute stellen sich Krankenkassen, Ärzte und Spitäler die Frage, ob ein schwer kranker Patient wirklich jede noch so teure Behandlung erhalten soll, die sein Leben vielleicht ein wenig verlängert.

Radikale Reformen sind auf absehbare Zeit nicht mehrheitsfähig. Korrekturen sind nur in kleinen Schritten möglich, etwa mit dem verbesserten Risikoausgleich unter den Krankenkassen, der die Jagd auf junge, gesunde Prämienzahler unattraktiv macht. 

Die Aufgabe bleibt schwierig genug, denn im System gibt es viele Player, die profitieren wollen. Wenn Bundesrat Alain Berset tiefere Medikamentenpreise verordnen will, steigt die hierzulande sehr einflussreiche Pharmabranche auf die Barrikaden.

Machen wir uns nichts vor: Die Prämien werden weiter ansteigen. Eine umstrittene Massnahme könnte deshalb an Akzeptanz gewinnen: Die Rationierung von Leistungen. Schon heute stellen sich Krankenkassen, Ärzte und Spitäler die Frage, ob ein schwer kranker Patient wirklich jede noch so teure Behandlung erhalten soll, die sein Leben vielleicht ein wenig verlängert.

Eine Debatte zu diesem Thema ist unbequem, vor allem für die Linke. Vermutlich wird sie weiter auf Symptombekämpfung setzen. Bislang haben ihre Initiativen durchaus eine gewisse Wirkung entfaltet. Ohne die anstehende Abstimmung über die Einheitskasse hätte das Parlament letzte Woche kaum einem Aufsichtsgesetz für die Krankenversicherer zugestimmt. Doch mit jeder klaren Niederlage sinkt auch die Glaubwürdigkeit der rot-grünen Gesundheitspolitik.

Hol dir die App!

User-Review:
Galghamon, 3.12.2016
Ein guter Mix von News und Unterhaltung, sowie der Mut zur kritischen Analyse.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
2 Kommentare anzeigen
2
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • Too Scoop 28.09.2014 18:17
    Highlight Sie "hätte". Weder Befürworter noch Gegenspieler "hätten" es richtig vorhergesagt. Die ganze Sache ist zu relativieren. So haben wirs weder besser noch schlechter. Die Chance zur Veränderung wurde vergeben. Es "hätte" besser oder schlechter kommen können.
    9 3 Melden
    • Michel@sith 30.09.2014 00:48
      Highlight Jepp jetzt làufts halt mit dem alten Laster weiter
      0 0 Melden
    600

Dank Jus-Student: Schon in einem Jahr könnte der Besitz von Cannabis legal sein

Till Eigenheer, Student im sechsten Semester, hat es schon einmal versucht. Doch das Stadtrichteramt versäumte eine Frist. Nun tritt der 23-Jährige erneut an, beim Besitz von geringen Mengen Cannabis Rechtsklarheit zu schaffen. Notfalls zieht sein Mandant bis vor das Bundesgericht.

Im Herbst vor zwei Jahren hatte Till Eigenheer einen Freund vor dem Bezirksgericht Zürich vor einer Ordnungsbusse bewahrt. Der Fall ereignete sich im Januar 2015. Sein Mandant wurde mit acht Gramm Cannabis von der Stadtpolizei erwischt. Die Ordnungsbusse von 100 Franken wollte er nicht bezahlen, deshalb zog er vor Gericht.

Eigenheer, der damals im ersten Semester Jura studierte, konnte den Bezirksrichter überzeugen, dass sein Freund nichts Illegales getan hatte. Gestützt hat er sich dabei auf …

Artikel lesen