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Marc Luethi, SCB CEO, spricht mit Journalisten beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den HC Fribourg Gotteron, in der Postfinance Arena in Bern. Die fuer Freitag und Samstag angesetzten Spiele in der Eishockey National League finden wegen der Ausbreitung des Coronavirus vor leeren Zuschauerrängen statt. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Marc Lüthi spricht während des Meisterschaftsspiels zwischen SCB und Gottéron mit Journalisten. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Der tiefere Grund für die SCB-Krise: Marc Lüthi ist zu mächtig geworden

SCB-Manager Marc Lüthi (59) sieht seit zwei Jahren tatenlos zu, wie sein Sportchef Alex Chatelain Sven Leuenbergers meisterliches Erbe ruiniert. Deshalb trägt er die Verantwortung für die missglückte Saison. Handelt er nicht, geht die sportliche Talfahrt ungebremst weiter.



Hier ist vom SC Bern die Rede. Einer der erfolgreichsten Hockey-Firmen ausserhalb der NHL. Jahresumsatz etwas mehr als 50 Millionen im Jahr. Die höchsten Zuschauerzahlen, Gastro- und Werbeeinahmen ausserhalb der NHL. Mit einer reichen Tradition und einer wunderbaren Leistungskultur. Das Bayern München des Hockeys. Die Ansprüche sind also hoch.

Nun hat der SCB die Playoffs verpasst. Ausreden gibt es keine. Die Schmach ist total: Lugano hat auf eigenem Eis gegen Ambri 1:4 verloren. Die Tessiner haben also kein «Päckli» gegen den SCB geschnürt. Es gibt keine Verschwörungstheorie als Entschuldigung. Der SCB hätte es im letzten Spiel in Lausanne aus eigener Kraft schaffen können – und verlor 2:3. Jetzt muss der Titelverteidiger um den Liga-Erhalt spielen. Wie konnte es nur so weit kommen? Es ist nun Zeit, Bilanz zu ziehen. Ungeschminkt.

Le defenseur bernois Ramon Untersander, gauche, et l'attaquant bernois Alain Berger, droite, montrent leur deception dans leur vestiaire lors du match du championnat suisse de hockey sur glace de National League entre le Lausanne HC et le SC Bern ce samedi 29 fevrier 2020 se deroulant a huis-clos suite a l'epidemie de Coronavirus (2019-nCoV) a la patinoire de la Vaudoise Arena a Lausanne. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Lange Gesichter in der Berner Umkleidekabine nach der Niederlage gegen Lausanne. Bild: KEYSTONE

Im Mai 2017 verlässt Sven Leuenberger den SC Bern und wird Sportchef bei den ZSC Lions. Zwölf Jahre lang war er als sportliches Gewissen neben Marc Lüthi der wichtigste Mann im Hockey-Konzern. Weil er es wagte, Marc Lüthi zu widersprechen.

Er baut dem SCB über die Jahre ein solides sportliches Fundament und erneuert es laufend. Ewigen Erfolg gibt es nicht. Aber er erkennt die Entwicklungen im Hockey und reagiert auf Rückschläge mit den richtigen Korrekturen. So wie jetzt bei den ZSC Lions. Im letzten Frühjahr die Playoffs verpasst, jetzt Qualifikationssieger. Er hinterlässt im Mai 2017 seinem Nachfolger Alex Chatelain, der von nun an ohne die Ratschläge seines Vorgängers auskommen muss, ein meisterliches Erbe.

In einer Jobrochade ist Alex Chatelain zwar bereits am 16. Dezember 2015 vom Sportchef-Assistenten und Zauberlehrling zum Sportchef befördert geworden. Aber Sven Leuenberger blieb als strategischer Sportchef und hatte weiterhin in allen sportlichen Dingen Gewicht und das Ohr von Marc Lüthi. Auch die Titel von 2016, 2017 und 2019 sind deshalb Sven Leuenbergers Titel. Er ist der Architekt dieser drei Meisterteams.

Eishockey ist ein unberechenbares Geschäft. Jeder Sportchef hat das Recht auf Irrtum. Aber ein Sportchef wird dafür bezahlt, sich jeden Tag um die Mannschaft zu kümmern. Da hat sein Arbeitgeber auch das Recht zu verlangen, dass er sportliche Entwicklungen erkennt, Spieler einzuschätzen vermag und mindestens bei der Hälfte der Transfers halbwegs richtig liegt.

SCB Sportchef Alex Chatelain praesentiert die Bilanz der SCB-Eishockey AG der vergangenen Saison am Mittwoch, 5. September 2018, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Wie viel Schuld trägt Sportchef Alex Chatelain? Bild: KEYSTONE

Triumphe und Krisen gehören zu jedem Sportunternehmen. Krisen haben verschiedene Gründe. Oft sind es Entwicklungen, die der Sportchef nicht beeinflussen kann. Unentschuldbar aber sind Krisen, die durch anhaltende Fehlentscheidungen herbeigeführt werden. Diesen Fall haben wir beim SC Bern.

Die Transferbilanz der letzten zwei Jahre ist geradezu schauderhaft. Allein mit einer besseren Besetzung der vier Ausländerpositionen hätte der SCB den Sturz aus den Playoffrängen verhindern können.

Die Leistungskultur beim SC Bern ist nach wie vor intakt. Zusammenhalt, Wille und Leidenschaft der Spieler waren in dieser Saison zu jedem Zeitpunkt ohne Fehl und Tadel. Die noch während der Ära Sven Leuenberger rekrutierten Leitwölfe (wie Simon Moser, Eric Blum, Mark Arcobello, Andrew Ebbett, Ramon Untersander, Thomas Rüfenacht) haben die Mannschaft in dieser Saison noch einmal zusammengehalten. Deshalb hat der völlig unnötige Trainerwechsel von Kari Jalonen zu Hans Kossmann rein gar nichts bewirkt.

Sven Leuenbergers meisterliches Erbe zu erhalten, war nicht schwierig. Das Eishockey wird jünger, schneller und intensiver. Eigentlich ist es ziemlich einfach, eine Mannschaft mit einer so starken Kerngruppe wie der SC Bern durch kluge Transfers zu erneuern und jünger und schneller zu machen. Unter Alex Chatelain ist der SCB noch älter und noch langsamer geworden und inzwischen eine der ältesten und langsamsten Mannschaften der Liga.

Seit der Ära von Sven Leuenberger ist dem SCB kein einziger grosser Transfer eines Schweizer Spielers gelungen. Aber eine ganze Reihe von Titanen sind aus verschiedenen Gründen gegangen (Gaëtan Haas, Simon Bodenmann, Leonardo Genoni) für die der Sportchef nicht oder nur bedingt verantwortlich ist. Das ist nicht das Problem. Aber er war und ist nicht in der Lage, Ersatz zu finden. Das ist das Problem.

Berns Goalie Leonardo Genoni jubelt mit dem Meisterpokal, nach dem fuenften Playoff-Finalspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem EV Zug, am Samstag, 20. April 2019, in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE /Marcel Bieri)

Chatelain war und ist nicht in der Lage, Ersatz für Titanen wie Genoni zu finden. Bild: KEYSTONE

Alle Sportchefs ausser Alex Chatelain wissen, dass Vincent Praplan ein talentierter Schönwetter-Schillerfalter ist. Er wird warm, wenn die Sonne scheint und nass, wenn es regnet. Dass er nullkommanull Leaderqualitäten hat, zeigte sich bereits bei Klotens Abstieg. In den letzten 16 Partien dieser Saison – als es ums «Eingemachte» ging – hat er zwei Tore beigesteuert. Er ist ein guter Ergänzungsspieler. Ihn aber hat Alex Chatelain als offensiven Leader zu einem überhöhten Preis verpflichtet.

Über den Transfers von Matthias Bieber (der hochgradig verletzungsanfällige Stürmer hat beim SCB 42 von 100 Qualifikationsspielen verpasst) legen wir den Mantel des Schweigens. Sonst kommt noch der Verdacht auf, es gehe hier um eine Polemik.

Sven Leuenberger hatte sein Geld in grosse Transfers investiert (wie Martin Plüss, Eric Blum, Ryan Gardner, Leonardo Genoni, Simon Moser) und darum herum das Team aufgebaut. Seit er nach Zürich gezogen ist, wird in Bern das Transfergeld mit Spielern verpulvert, die halt noch zu haben sind und keine tragende Rolle zu spielen vermögen. Der SCB ist der schlimmste Lohntreiber für Durchschnittsspieler geworden. Deshalb fehlen die Mittel, um mit den Grossen ins Gespräch zu kommen. Noch schlimmer: Auch das Potenzial der im eigenen Haus ausgebildeten Spieler wird seit dem Abgang von Sven Leuenberger nicht mehr erkannt. Sie verlassen inzwischen den SCB und haben bei der Konkurrenz wichtige oder gute Rollen übernommen.

Der absolute Tiefpunkt, ja eine sportliche Bankrotterklärung: obwohl der SCB eine der besten Nachwuchsorganisationen im Lande führt, musste Sportchef Alex Chatelain diese Saison Andri Spiller von den Lakers verpflichten, um überhaupt noch genügend Spieler aufs Matchblatt zu bringen. Andri Spiller ist nach der Rückkehr zu den Lakers wegen Unbrauchbarkeit subito in die Swiss League abgeschoben worden. Er hat beim SCB in 19 Spielen weder ein Tor noch ein Assist beigesteuert.

Jeder Beschreibung spottet die Rekrutierung der Ausländer. Kein anderer wichtiger Hockeyclub der neueren Geschichte hat sich je in so kurzer Zeit so viele Fehltransfers auf den Ausländerpositionen geleistet. Unbrauchbar waren Mika Pyörälä, Adam Almquist, Miika Koivisto und – als absolute Krönung – Andrew MacDonald: Die Bilanz des Kanadiers, des schwächsten Ausländers, der in diesem Jahrhundert von einem NL-Klub engagiert worden ist: 15 Spiele, 1 Assist. Ihm gebührt ein Platz in der Liste der erstaunlichsten Spieler dieser Saison. Weil es ihm gelungen ist, einen Vertrag zu ergattern. Dabei hätte der SCB auf der Ausländerposition dringend einen spielstarken Offensiv-Verteidiger benötigt. Und nicht den langsamsten Defensiv-Verteidiger der gesamten Klubgeschichte (seit 1931).

Dem gefeuerten Trainer Kari Jalonen gehört ewiger Dank, dass er diese Saison durchgesetzt hat, dass das Experiment mit Torhüter Niklas Schlegel beendet und dafür aus Finnland Tomi Karhunen verpflichtet worden ist. Ohne den finnischen Torhüter müsste der SCB jetzt um den Liga-Erhalt bangen.

Wird es nächste Saison besser? Nein. Alex Chatelain hat die Erneuerung der Mannschaft durch Vertragsverlängerungen der «Graubärte» Thomas Rüfenacht (35) bis 2022, Beat Gerber (37) bis 2021 und des Mitläufers Alain Berger (29) bis 2022 bereits blockiert. Und verpflichtet hat er mit Miro Zryd, Thomas Thiry (Zug), Jan Neuenschwander (Biel) und Thierry Bader (Davos) durchwegs Spieler, die bei ihren Teams keine tragende Rolle spielten und kaum mehr weiterbeschäftigt worden wären. Eigentlich müssten die Lakers, Langnau oder Ambri solche Spieler transferieren. Aber nicht das Bayern München des Hockeys. Wenigstens sind die beiden neuen ausländischen Stürmer Dustin Jeffrey und Ted Brithén so gut, dass sie den SCB-Ansprächen eigentlich genügen müssten. Aber Mark Arcobello geht und Andrew Ebbett ist schon 37.

Berns Tristan Scherwey, Thomas Ruefenacht, und Andrew Ebbett, von links, jubeln beim 2:1, waehrend des Meisterschaftsspiels der National League zwischen dem SC Bern und dem Geneve-Servette HC, am Samstag, 25. Januar 2020, in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Unter Alex Chatelain ist der SCB noch älter und noch langsamer geworden und inzwischen eine der ältesten und langsamsten Mannschaften der Liga. Bild: KEYSTONE

Inzwischen ist unter Alex Chatelain beim SCB auch die Scouting-Abteilung verlottert. Was zu einem Teil die miserable Transferbilanz erklärt. So dampfte die Hockey-Titanic SC Bern diese Saison blind dem sportlichen Scheitern entgegen.

Marc Lüthi ist der Schöpfer des neuen SC Bern, der in diesem Jahrhundert jedes Jahr schwarze Zahlen geschrieben und sechs Titel geholt hat, davon drei in den letzten vier Jahren. Er ist ohne «wenn» und «aber» der erfolgreichste Sportmanager der Schweiz. Er ist inzwischen bei «seinem» SC Bern Verwaltungsrat, Mitbesitzer und General Manager. Beat Brechbühl ist bloss sein Operetten-Präsident. Und genau das ist das Problem: Marc Lüthi ist zu mächtig geworden. Längst wagt es niemand mehr, ihm in sportlichen Dingen zu widersprechen und ihm die Augen zu öffnen. Schon gar nicht der überforderte Sportchef. Es ehrt Marc Lüthi, dass er in Nibelungentreue zu seinen Angestellten hält. Aber die wissen inzwischen, dass bedingungslose Loyalität und Kopfnicken den Job sichern. Und schlau nicken sie und sagen «Ja, Marc»» statt «Nein, Marc» oder wenigstens «Ja, aber».

Der SC Bern ist ein erfolgreicher Gastronomie-Konzern geworden, der seine Sportabteilung durch eine Fehlbesetzung auf der Position des Sportchefs verkommen lässt. Die Spieler sind Löwen, geführt von den Eseln der Sportabteilung. Dafür – und damit für den sportlichen Niedergang – trägt Marc Lüthi die Verantwortung. Nicht der fleissige und freundliche Alex Chatelain.

Habe fertig.

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