Afghanistan
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epa08445523 A Taliban prisoner looks on during his release from Bagram prison in Parwan province, Afghanistan, 26 May 2020. The Afghan government released hundreds of Taliban prisoners after the Afghani president announced that his government would free some 900 more Taliban prisoners, report state. A total of 5,000 Taliban prisoners will be released by the Afghan government in exchange for 1,000 Afghan security force members freed by the Taliban as part of a US-Taliban agreement, signed in Doha in February 2020, before intra-Afghan talks between Kabul and the Taliban are set to take place. So far the Afghan government has released 1,000 of the 5,000 Taliban inmates, and the Taliban released a few hundred of the 1,000 Afghan security forces personnel in the prisoner swap process.  EPA/STR

Ein Talib vor seiner Entlassung aus dem Bagram-Gefängnis in der Parwan-Provinz, aufgenommen am 26. Mai 2020. Bild: EPA

Die Schattenherrschaft der Taliban: Friedensverhandlungen als Druckmittel für 400 Kämpfer

Arne Bänsch, Hesam Hesamuddin und Qiam Noori / dpa



Rund zwei Jahrzehnte nach ihrer Vertreibung aus Kabul durch eine US-geführte Militärkoalition beherrschen die militant-islamistischen Taliban wieder grosse Gebiete Afghanistans. Als Vorbedingung für Friedensverhandlungen verlangen die Taliban nun selbstbewusst die Freilassung von 400 ihrer als besonders gefährlich eingeschätzten Kämpfer.

Eine Grosse Ratsversammlung afghanischer Würdenträger, die Loja Dschirga, kommt heute in Kabul zusammen, um über diesen heiklen Punkt zu beraten.

Delegates wearing a protective face masks to help curb the spread of the coronavirus attend an Afghan Loya Jirga meeting in Kabul, Afghanistan, Friday, Aug. 7, 2020. The traditional council opened Friday in the Afghan capital to decide the release of a final 400 Taliban - the last hurdle to the start of negotiations between Kabul’s political leadership and the Taliban in keeping with a peace deal the United States signed with the insurgent movement in February. (AP Photo/Rahmat Gul)

Die Loja Dschirga heute Freitag in Kabul. Bild: keystone

Mehr als die Hälfte der Bezirke des Landes sind umkämpft, wie aus einer dpa-Recherche in den 34 Provinzen hervorgeht. Unter voller Regierungskontrolle stehen knapp 40 Prozent der Bezirke.

Vor drei Jahren hatte die Regierung laut Daten des US-Generalinspekteurs für den Wiederaufbau in Afghanistan mit insgesamt 60 Prozent noch mehr Einfluss in den Bezirken. Vielerorts haben die Taliban Schattenherrschaften etabliert. Die Provinzhauptstädte sind in Regierungshand, doch hier agieren die Islamisten oft aus dem Untergrund.

Während die täglichen Gefechte und Anschläge zeigen, wie zerbrochen Afghanistan ist, liegt das wahre Ausmass des Konflikts offiziell im Verborgenen. Ende 2018 erklärte die Regierung wichtige Daten zur Geheimsache.

Aus der Statistik gestrichen

In welchen Gegenden die militant-islamistischen Taliban besonders stark sind, steht seitdem unter Verschluss. Auch die täglich Dutzenden Todesopfer der Streitkräfte tauchen in keiner offiziellen Statistik mehr auf.

Der Einfluss der Taliban sei im Land unterschiedlich hoch, sagt der Afghanistanexperte Andrew Watkins von der International Crisis Group. Ihre landesweiten Militäroperationen verfolgen daher auch die Strategie, internationale Aufmerksamkeit zu erlangen.

«Sie wollen als die einzige politische Einheit in Afghanistan angesehen werden, die das ganze Land erreicht hat», so Watkins. Dies sei spätestens seit ihrer kurzzeitigen Eroberung der nördlichen Stadt Kundus im Jahr 2015 Realität. In dieser Provinz, wo auch die deutsche Bundeswehr stationiert ist, steht kein Bezirk unter voller Kontrolle der Regierung.

epa08259575 US Special Representative for Afghanistan Reconciliation Zalmay Khalilzad (2-L) and Taliban co-founder Mullah Abdul Ghani Baradar (2-R) sign the US-Taliban peace agreement during a ceremony in Doha, Qatar, 29 February 2020. The United States and the Taliban on 29 February penned a historic Agreement to Bringing Peace to Afghanistan which paves the way for the withdrawal of US troops and intra-Afghan negotiations.  EPA/STRINGER

Die USA und die Taliban schlossen am 29. Februar ein Abkommen in Doha. Bild: EPA

Ein Abkommen mit den USA versprach den Taliban Ende Februar einen Abzug der internationalen Truppen, ein langes Ziel der Gruppe. Im Gegenzug versicherten die Islamisten, ihre Beziehungen zu anderen Terrorgruppen zu beenden. Gleichzeitig zeigten sie sich bereit zu innerafghanischen Friedensgesprächen, um den Konflikt zu beenden.

Nicht allen Afghanen gefällt der Deal, weil die Regierung nicht daran beteiligt worden war. Das Abkommen schenke den Taliban zu viel internationale Anerkennung, bemängeln Kritiker im Land.

Die Loja Dschirga als politische Tarnung

Doch die Friedensverhandlungen der Islamisten mit der Regierung haben nicht begonnen, auch weil die Taliban und Kabul über Details eines Gefangenentausches streiten, der als Vorbedingung der Gespräche vereinbart worden war. Die Loja Dschirga soll nun drei Tage lang über die Lage beraten und der Regierung einen Weg aufzeigen.

Es geht dabei auch um das Schicksal der 400 Gefangenen, deren Freilassung die Taliban fordern. Dies ist umstritten, weil unter ihnen Drahtzieher von Anschlägen sind. «Ob das seine Absicht war oder nicht, die Veranstaltung einer Loja Dschirga gibt Präsident Ghani eine politische Tarnung für eine schwierige Entscheidung», so Watkins.

epa08260798 Taliban co-founder Mullah Abdul Ghani Baradar (R) leaves after signing an agreement with the United States during a ceremony in Doha-Qatar on 29 February 2020 The United States and the Taliban on 29 February penned a historic Agreement to Bringing Peace to Afghanistan which paves the way for the withdrawal of US troops and intra-Afghan negotiations.  EPA/STRINGER

Taliban-Führungskräfte nach der Unterzeichnung des Deals mit den USA. Bild: EPA

Obwohl die Taliban stets zahlenmässig unterlegen waren und gegen einen überlegenen Gegner heftige Verluste erlitten, finden sie auch heute noch Zulauf. Bis zu 70'000 Kämpfer stehen schätzungsweise im Dienst der militanten Gruppe. Ihren Kampf finanzieren die Taliban vor allem durch den Drogenhandel und Opiumanbau.

Aber auch Steuern erheben die Islamisten in Gebieten unter ihrer Kontrolle. Fahrer, die Waren durch umkämpfte Gebiete bewegen, müssen an Strassensperren teils hohe Zölle zahlen. «Die Bauern können ihre Ernte nicht ohne einen Vertreter der Taliban abholen», erzählt etwa ein Mann aus der Provinz Kundus.

Frieden?

Doch was bedeutet ein möglicher Frieden mit den Taliban? Zwar fordert die afghanische Regierung stets den Beginn der Friedensgespräche, doch auch Kabul verzögert den Prozess. «Es ist unbestreitbar, dass es kein Gefühl der Dringlichkeit bei der Aufnahme der Gespräche gegeben hat», sagt Watkins.

A man walks with colored balloons for sale during the first day of Eid al-Fitr during a lockdown aimed at curbing the spread of the coronavirus in Kabul, Afghanistan, Sunday, May 24, 2020. The Taliban and Afghanistan's president announced late Saturday a three-day cease-fire ahead of a major Islamic holiday that begins Sunday to mark the end of the Islamic fasting month of Ramadan. (AP Photo/Rahmat Gul)

Ein bisschen Normalität: ein Ballonverkäufer in Kabul. Bild: AP

Insbesondere auch, weil Gespräche mit den Taliban in der Zivilgesellschaft und bei den afghanischen Streitkräften nicht besonders beliebt sind. Aktivistinnen etwa fürchten sich vor einer Machtteilung mit den islamistischen Taliban, die Erinnerungen an die brutale Herrschaft der Gruppe in den 1990er Jahren wecken.

Und auch innerhalb der Taliban ist ein möglicher Friedensschluss nicht unumstritten. Experten schätzen, dass radikale Taliban aus ideologischen Gründen zu anderen Terrororganisation überlaufen könnten, weil sie eine zivile Gesellschaftsordnung ablehnen, mit Krieg und Waffen aufgewachsen sind.

Auch Watkins sieht dieses Szenario: «Niemand kann wirklich sagen, wie viel Arbeit die eigene Führung der Taliban leisten wird oder kann, um ihre Mitglieder von der Idee einer friedlichen Lösung zu überzeugen.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • Schläfer 07.08.2020 21:23
    Highlight Highlight Und in 20 Jahren schliesst irgendwer ein Friedensabkommen mit dem IS... Das ganze ist eine Schande und ein Hohn für alle Opfer der Taliban. Und ja, somit haben sie effektiv gewonnen.
    • Kruk 07.08.2020 22:14
      Highlight Highlight Die einzige möglichkeit für Frieden in Afghanistan ist alle Parteien einzubeziehen.
      Ohne Rückhalt in der Bevölkerung wären die Taliban auch nicht so mächtig.

      Im übrigen war die Nordallianz keinen deut besser. Diese zu unterstützen wäre dann auch Hohn für die Opfer.

      Selbst mit den USA in frieden zu sein wäre Hohn für ihre Millionen von Opfer.

      Israel als Staat anzuerkennen wäre dann Hohn für die Opfer von deir Yasin und allen anderen.

      Wenn es Frieden in Aussicht stellt sollte man die Opfer vielleicht auch in Frieden ruhen lassen.
      Leider gibt meistens keine guten Kriegsparteien.
  • Who knows 07.08.2020 21:20
    Highlight Highlight Nur 40% des Landes unter der Kontrolle der Regierung und auch da regelmässige Anschläge durch Islamisten und trotzdem behauptet das Staatssekretariat für Migration SEM noch immer, Afghanistan sei ein sicheres Land für Ausschaffungen von Asylsuchenden. Auch für solche, welche religiösen und ethnischen Minderheiten angehören...
  • De-Saint-Ex 07.08.2020 19:37
    Highlight Highlight Das nenne ich mal Totalversagen in erster Linie der USA... das ist also das Resultat dessen, was mal vor bald 20 Jahren als eine „Strafexpedition“ begann. Das verheerende ist ja nicht „nur“, dass Afghanistan wieder durch die Taliban beherrscht wird, sondern die Message, die sie an ihre muslimischen „Brüder und Schwestern“ damit senden: „wir haben den Westen besiegt“.
    • Kruk 07.08.2020 19:46
      Highlight Highlight Passend dazu: bin Laden würde in seinem Grab lachen.

      https://www.tagesschau.de/ausland/usa-afghanistan-krieg-101.html


    • Samurai Gra 07.08.2020 20:16
      Highlight Highlight Einer der Nachfolger von Theodor von und zu Gutenberg sagte in einem Interview mal das es nie darum ging Afghanistan zu Demokratisieren sondern nur darum ging zu verhindern das Al-Quida von Afghanistan aus Operieren kann und die Taliban selbst zu keinem Krieg ausserhalb Afghanistans mehr fähig sind

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