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Der Braunkohletagebau Hambach.
Der Braunkohletagebau Hambach.
bild: shutterstock
Dennis in Deutschland

Ein Loch so gross wie die Innenstadt von Köln: So sieht es neben dem Hambacher Forst aus

Deutschland will bis im Jahr 2038 aus dem Braunkohlegeschäft aussteigen. Im Hambacher Forst, direkt bei einem der grössten Braunkohletagebaue der Welt, wehren sich Umweltaktivisten seit Jahren gegen die Kohleförderung.
23.09.2021, 13:4424.09.2021, 16:39

Die Busstation Morschenich-Kirche hat schon bessere Tage gesehen. Scherben liegen auf dem Boden. Die Schilder sind vergilbt. Fenster von gegenüberliegenden Häusern sind verbarrikadiert. Morschenich ist eine Geisterstadt. Oder ein Geisterdörfchen. 2015 musste der ganze Ort umgesiedelt werden, nach Morschenich-Neu. Grund: der Braunkohletagebau Hambach.

«Dennis, bist du das?», ertönt es hinter dem verlotterten Wartehäuschen. Ich dreh mich um und sehe einen kleinen Mann, graues Haar, grauer Bart, auf einem alten Mountainbike um die Ecke fahren. Todde Kemmerich steigt vom Fahrrad. «Der Wald ist gleich da hinten, ich habe gerade noch eine Gruppe holländischer Kunststudenten herumgeführt und muss sie noch verabschieden», sagt er.

Riesling und der «Jesus Point»

Todde (man duzt sich hier) gibt mir hastig Anweisungen, wo ich hin soll. Die asphaltierte Strasse geradeaus, dann rechts auf den Landweg. Beim Waldeingang soll ich das Auto stehen lassen und auf dem kleinen Weg immer geradeaus in den Forst hineinlaufen, «bis du zum ‹Jesus Point› kommst. Da wartet Riesling auf dich».

Mit Riesling meint Todde keinen Wein, sondern einen Aktivisten, der sich so nennt.

Der Hambacher Forst steht also noch. Oder zumindest zehn Prozent davon. Eigentlich hätte der 12'000 Jahre alte Wald schon längst dem Tagebau weichen sollen, doch seit fast 10 Jahren verschanzen sich Menschen in Baumhäusern darin. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und den Sicherheitsleuten von RWE, der Inhaberin des Braunkohletagebaus Hambach.

Eine Barrikade im Hambacher Forst.
Eine Barrikade im Hambacher Forst.
bild: watson/dfr

Ich laufe in den Wald, vorbei an Barrikaden aus Baumstämmen und Stahlgittern. Hin und wieder fahren Gestalten auf alten Fahrrädern in der Ferne vorbei. Überall findet man handbemalte Schilder und Banner, Infotafeln und Gedenkstätten. Und stets neben mir: ein riesengrosses Loch. 85 Quadratkilometer gross, bis zu 400 Meter tief. Nach ungefähr einem Kilometer erreiche ich den «Jesus Point», eine Kreuzung im Wald, von wo aus man in Richtung der verschiedenen Baumhaussiedlungen abzweigen kann.

Streifzug durch den «Hambi»

Ich bin hier, um mit den Aktivistinnen über Kohle zu sprechen. Und die Energiewende in Deutschland, eines der grossen Wahlthemen dieses Jahr. Bis ins Jahr 2038 wollen SPD und CDU aus dem Braunkohlegeschäft aussteigen. Die Grünen bis 2030.

Immer noch stammt ein Viertel des gesamten Stromes in Deutschland aus der Verbrennung von Kohle. Tausende Leute arbeiten in der Kohleindustrie, Milliardenumsätze werden gemacht.

Banner in der «Hambi Oase».
Banner in der «Hambi Oase».
bild: watson/dfr

Riesling wartet bereits auf mich. Er ist «über 40», Dreadlocks schauen aus dem Gesicht-verdeckenden Schal heraus. Auf der Nase sitzt etwas schief eine kleine Hornbrille. Er trägt eine Militärjacke der Bundeswehr und Kampfstiefel. Und er will mir den «Hambi» zeigen.

Hallo Riesling, was macht ihr hier?
Wir passen auf, dass der Wald nicht für die Braunkohle gerodet wird. Mittlerweile gibt es zwar eine Zusage, dass dies nicht passieren wird. Aber es gibt immer noch Interesse daran, dass der Wald verschwindet. Er wird nun einfach trockengelegt. Die Tagebaukante kommt so nah an den Wald, dass dieser sterben wird, wenn es in Zukunft so wenig regnet wie die letzten Jahre. Er müsste eigentlich bewässert werden.

Die Reaktion von RWE Power AG
Für ein Gespräch stand RWE nicht zur Verfügung. Ein Besuch des Tagebaus sei wegen Corona nicht möglich. Man akzeptiere den gesetzlich festgesetzten Kohleausstieg und setze diesen auch um. «RWE legt ihre drei Braunkohlentagebaue vorzeitig still – zwei bis 2030, einen spätestens 2038.», so ein Sprecher schriftlich.

Wie kämpft ihr dagegen an?
Wir haben uns hier im Wald in mehreren Baumhausdörfern eingerichtet und probieren das Ganze in der öffentlichen Wahrnehmung zu halten. Die drei Tagebauen in der Gegend sind gemeinsam der grösste CO2-Emittent in ganz Europa. Solange diese nicht geschlossen sind, bleiben die Baumhäuser stehen.

bild: watson/dfr

Denkst du, ihr bewirkt was?
Ja. Im Jahr 2018 wurde unseretwegen der grösste Polizeieinsatz Nordrheinwestfalens seit dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt. Das hat ein riesiges Medienecho ausgelöst. Mittlerweile ist der Hambacher Forst der zweitbekannteste Wald der Welt. Gleich hinter dem Schwarzwald. Das Ganze hat auch dazu geführt, dass sich die Politik davor hütet, eine erneute Räumung zu starten. Das gibt nur schlechte Presse. Zudem: Die Leute sind auf unserer Seite. Nach dem Polizeieinsatz kamen 50'000 Menschen zur Unterstützung in den Wald.

Warst du bei der Räumung 2018 auch mit dabei?
Vielleicht.

Lebst du hier im Wald?
Vielleicht. Das kann ich dir nicht genau sagen. Es ist ja nach wie vor illegal, ein Baumhaus in einem Wald zu bauen. Theoretisch darf ich hier nur spazieren gehen.

Verstehe. Deswegen auch die Masken und dein Spitzname?
Ja. Sobald wir enttarnt sind, kann RWE uns anzeigen. Das würde teuer werden.

Dann kann ich dich wahrscheinlich auch nicht fragen, wie viele Leute ihr hier im Wald seid.
Das weiss ich selbst nicht. Wir haben hier ungefähr zehn Baumhausdörfer, die sich autark organisieren. Es gibt keine Vorstände, keine Hierarchien. Vor dem Räumungsversuch 2018 waren es ungefähr 300 Menschen, würde ich schätzen.

Das Baumhaus «Avalanche».
Das Baumhaus «Avalanche».
bild: watson/dfr

Ein Leben für den Aktivismus

Riesling hat sich nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 dazu entschieden, sein Leben dem Aktivismus zu widmen. Es habe ihn «angekotzt», dass die Leute ein paar Jahre lang politisch aktiv waren, es ihnen dann doch zu anstrengend wurde und sie das bürgerliche Leben mit Häuschen und Garten bevorzugten.

Während wir sprechen, bemalen weitere Aktivistinnen ein riesiges Banner mit einem regenbogenfarbigen Schriftzug. «Bienvenidos compas al bosque de Hambach». Willkommen im Hambacher Forst. Die Baumhausdörfer werden auch gerne «Barrios» genannt, die Aktivisten bezeichnen sich manchmal als «Zapatistas». Wie die indigenen Revolutionäre im Süden Mexikos.

Das Baumhausdorf beim Jesus Point.
Das Baumhausdorf beim Jesus Point.
bild: watson/dfr

Ihr Leben finanzieren sich die Aktivistinnen mit Strassenkunst oder Spenden. Viele Bauern in der Gegend unterstützen die Waldbesetzerinnen, bringen ihnen Obst und Gemüse vorbei, die die Lebensmittelhändler aufgrund von Schönheitsfehlern nicht wollen. So können die Grundbedürfnisse gedeckt werden, ohne dafür einen Cent auszugeben.

Wir laufen an den Waldrand. Keine 50 Meter weiter ist die Kante zum Tagebau. Ein kleiner Schutzwall aus aufgeschütteter Erde trennt den Wald vom offiziellen Abbaugebiet. Es ist eine Art Trennlinie zwischen RWE und den Aktivisten, auch die «Umfriedung des Tagebaues» genannt. Wer den Schutzwall überquert, muss damit rechnen, dass wenige Minuten später Sicherheitskräfte von RWE auftauchen. Das ganze Gebiet steht unter Videoüberwachung.

Blick von der «Umfriedung des Tagebaues».
Blick von der «Umfriedung des Tagebaues».
bild: watson/dfr

Riesling, an welchem Punkt würdet ihr sagen: Gut, wir haben unser Ziel erreicht, wir bauen die Baumhäuser wieder ab?
Wenn die Bagger aufhören zu baggern. Wenn die drei Löcher stillgelegt werden. Kohleabbau ist nicht mehr zeitgemäss. Ein Ausstieg im Jahr 2038 kommt viel zu spät. Dafür wollen sie bei Garzweiler noch ganze Dörfer umsiedeln. Das kann nicht sein. Wir bleiben so lange, bis das aufhört. Bis man hier mit der Renaturierung beginnt und erkennbar wird, dass die Regierung sich klare Konzepte für die Zukunft dieses Ortes überlegt.

Wie könnte ein solches Konzept aussehen?
Man muss sich überlegen, wie die Braunkohlegebiete renaturiert werden, wie die Altlasten entsorgt werden und wie verhindert werden kann, dass noch mehr Grundwasser abgepumpt wird. Die Grube hier ist 400 Meter tief. Damit die nicht vollläuft, muss mit tausenden Pumpen Wasser abgepumpt werden. Das führt dazu, dass Naturschutzgebiete in der Umgebung künstlich bewässert werden müssen. Auch der Boden sinkt vielerorts ab, das gefährdet historische Gebäude in der Gegend. Die drei Löcher gefährden die gesamte Region, bis nach Frankreich.

Was soll deiner Meinung nach mit den riesigen Löchern passieren?
In den 70er-Jahren hat man gesagt, dass sie mit Wasser aus dem Rhein aufgefüllt werden sollen. Dank dem Klimawandel führt der Rhein aber gar nicht mehr genug Wasser, um das hinzukriegen. Ich habe auch keinen Masterplan. Da müssten sich Wissenschaftlerinnen und Experten darum kümmern. Aber die einzigen Experten, die das bis jetzt interessiert hat, waren von RWE selbst. Um zum Beispiel die Standsicherheit zu gewährleisten, oder die Hänge rutschsicher zu machen. Es gibt auch nur wenige Menschen, die sich mit solchen Sachen auskennen, da es Tagebauen von diesem Ausmass nur sehr wenige gibt auf dieser Welt. Das Loch hier in Hambach ist so gross wie die Innenstadt von Köln.

bild: watson/dfr

Von RWE und der Politik wird ja oft damit argumentiert, dass 16'000 Arbeitsplätze verloren gehen, würden die Tagebaue jetzt gleich schliessen. Was entgegnest du dem?
Das ist Quatsch. Damit macht man den Leuten hier in der Umgebung Angst. Um zu renaturieren brauchst du Förster, Jägerinnen, Biologen, es braucht Zufahrtsstrassen, man kann Campingplätze und andere Dinge bauen.

Was ist mit dem verlorenen Strom? Wie soll der ersetzt werden?
Der meiste hier produzierte Strom geht an die Industrie, nicht an die Haushalte. Es wird geschätzt, dass der Tagebau selbst 60 Prozent des produzierten Stroms verbraucht. Für die Bagger und die Förderbänder. Ein Bagger verbraucht pro Jahr so viel Strom wie 36'000 Haushalte. Und allein in diesem Loch gibt es acht davon. Dann kommen die Flutlichter dazu. Tausende, der Tagebau ist in der Nacht so hell wie ein Fussballstadion. Der Strombedarf könnte fast immer vollständig gedeckt werden, auch ohne die Kohle. Einzig im tiefsten Winter, wenn mal gar keine Sonne oder Wind vorhanden ist, müsste man vielleicht was aus dem Ausland kaufen. Aber wir sind ja momentan diejenigen, die Strom exportieren.

Todde ist mittlerweile zu uns gestossen. Im Gegensatz zu allen anderen verhüllt er sich nicht, tritt mit Klarnamen auf. Der Künstler und Filmemacher ist sowas wie das Sprachrohr der Waldgemeinschaft, auch wenn er das selbst nicht so sieht. Er spricht sich öffentlich für den Erhalt des Waldes aus, organisiert Spaziergänge durch den Forst und ist im steten Konflikt mit RWE und der Polizei. Unzählige Platzverweise habe er bereits gekriegt. Vor zwei Wochen hat ein Gericht geurteilt, dass die Polizei ungerechtfertigte Gewalt gegen ihn ausgeübt hat.

Todde Kemmerich.
Todde Kemmerich.
bild: watson/dfr

Wir passieren das «gallische Dorf», sehen immer wieder einzelne Häuser in den Baumkronen. Es ist schwer, nicht beeindruckt zu sein von der Ingenieurskunst, die die Aktivistinnen hier an den Tag legen. Manche Häuser haben Wendeltreppen und Hängebrücken zwischen den Bäumen, andere sind in 25 Meter Höhe gebaut.

bild: watson/dfr

Nach einigen Minuten erreichen wir die Gedenkstätte von Steffen Meyn. 2018 ist der Journalist beim grossen Räumungsversuch von einem Baum gefallen, als er gerade seine Speicherkarte austauschen wollte. Warum er nicht gesichert war, ist nicht klar.

Die Gedenkstätte von Steffen Meyn.
Die Gedenkstätte von Steffen Meyn.
bild: watson/dfr

Todde erklärt, dass die Polizei über Tage Flutlichter aufgestellt und laute Kettensägenmusik über Lautsprecher abgespielt habe. «Da passieren den besten Fehler.» Die Verbitterung über jene Tage ist gross. Man ist wütend auf die Politik, auf Armin Laschet, den Ministerpräsidenten von Nordrheinwestfalen. Dieser sagte nach dem Vorfall, dass es nun Zeit sei für einen Dialog. Auf einem offenen Brief, der gegen den Baum gelehnt ist, von dem Meyn fiel, steht:

«Herr Laschet, die Zeit für Gespräche wäre vor der Räumung gewesen.»

Vor wenigen Wochen hat ein Gericht entschieden, dass die Räumungsaktion rechtswidrig war. Dass der offizielle Grund, die Baumhäuser wegen Brandschutzbedenken zu räumen, nur ein Vorwand gewesen sei.

Riesling, ihr seid nicht sehr gut auf die Politik zu sprechen. Trotzdem: Wieso denkst du, will man erst 2038 aus dem Kohlegeschäft aussteigen?
Ja wegen Geld, wieso auch sonst. Dortmund zum Beispiel besitzt knapp 24 Millionen RWE-Aktien. Die Stadt Essen ist Hauptstandort von RWE. Ich will nicht wissen, wie viel Steuergelder da verloren gehen würden. Politisch ist der Ausstieg also gar nicht gewollt.

Hast du gewählt?
Nein. Weil ich nicht da bin, wo ich gemeldet bin. Und wenn ich mal da bin, dann lege ich meistens einen ungültigen Stimmzettel ein.

Wieso?
Weil ich mit keiner Partei zufrieden bin. Die Verstrickung von Wirtschaft, Politik und Industrie in Deutschland ist so Hardcore, dass keine Partei, die an der Macht ist, in der Lage sein wird, dagegen anzukommen. Wie viel Politikerinnen sitzen nicht in irgendeinem Aufsichtsrat? Letztes Jahr wurde eine Autobahn durch den Dannenröder Forst geprügelt, mit unzähligen Verletzten. Der Verkehrsminister in Hessen ist ein Grüner. Selbst der ehemalige Vizekanzler Joschka Fischer von den Grünen ist jetzt Berater bei BMW.

Todde nickt immerzu, wenn Riesling spricht. Gewählt hat er trotzdem. Die Grünen. «Weil sie das kleinste Übel sind und es vielleicht wenigstens einen Schritt in die richtige Richtung geht.» Viel Hoffnung scheint aber auch er nicht zu haben.

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