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In der Kotzhütte auf Ayahuasca – mit Urwalddroge und Schweizer Mittelland-Hippies auf dem Weg zum inneren Ich

Bild: ayahuascaguatemala

Ayahuasca heisst der Trend aus den Regenwäldern des Amazonas. Popstars und Schauspieler schwören auf den Trank, der ihr Leben verändert und dem Dasein wieder einen Sinn einhaucht. Angeblich. In der Schweiz bieten spirituelle Kreise den Tee im Rahmen von schamanischen Zeremonien an. Unser Reporter hat die Reise in die Geisterwelt mitgemacht. 



Harald hat erkannt, woran die Welt und die Menschen kranken. «Alle leben ihr Leben, verdienen Geld, haben einen Job, Frau, Kinder, und dann zack! Taucht da plötzlich diese Frage auf: Wozu das alles?» Der sympathische Süddeutsche sitzt im Schneidersitz in der Jurte, in der wir ungefähr vier Stunden später in einer aufwendigen Zeremonie Ayahuasca konsumieren werden und schaut mich eindringlich an. «Die Menschen sind im Hamsterrad des Lebens gefangen und die meisten kommen ohne Hilfe nicht heraus.»

Auch Harald hätte es alleine wohl nicht geschafft. Für ihn war Ayahuasca die Hilfe. Nachdem er zum ersten Mal davon getrunken hatte, war nichts mehr wie zuvor. Harald gab sein gut laufendes Ingenieurbüro nahe Stuttgart auf und konzentriert sich seitdem auf die Frage, was er im Leben wirklich will.

Ayahuasca (Retro-Filter)

Ein Indianer vom Stamm der Huni Kui bereitet das Ayahuasca-Gebräu vor: Im Nordwesten Brasiliens ist der zeremonielle Gebrauch von Ayahuasca weit verbreitet.
Bild: bild: © lunae parracho / reuters/reuters

13 Personen sind hier, im Haus eines spiritualistisch veranlagten Mitt-50er-Pärchens zusammengekommen – er schlohweisse lange Haare, von Beruf Handwerker, berufen zum Musiker; sie spindeldürr, mit einem Haarnetz und einem zusammengefalteten Lächeln. Sie alle werden sich in den nächsten zwei Tagen nur von salz- und zuckerlosen Speisen ernähren. Sie werden meditieren, Körperübungen machen und in der Schwitzhütte schwitzen. Sie werden sich vor Übelkeit erbrechen, sie werden von Bauchkrämpfen geplagt sein und die Sekunden zählen, bis das Plumpsklo hinter der Holzbeige endlich frei ist. Sie werden in der Fötusstellung am Boden liegen, wie verletzte Tiere jaulen und in der Nacht auf den Boden stampfen. Sie werden tagsüber ausgedehnte Spaziergänge ins Nachbardorf unternehmen, wenn sie nicht gerade auf dem Sofa ihren Rausch ausschlafen. Auf die Frage, ob es ihnen gut gehe, werden sie mit: «Es geht mir wunderbar», antworten und dabei so aussehen, als ob ihre Grossmutter gerade gestorben und ihr Ehemann mit den Ersparnissen abgehauen sei, während sie seit drei Tagen nicht mehr geschlafen haben. Sie werden eine gute Zeit haben und mit einem guten Gefühl von hier abreisen. Sie werden ausgeglichen sein und viel Lust auf Gemüse und Früchte haben.

Eine Woche vorher: Telefon mit Anna, sie organisiert die «Schamanische Zeremonie», so der offizielle Ausdruck für das Wochenende im Berner Mittelland. Die weiche, leicht nasale Stimme einer nicht mehr ganz jungen Frau begrüsst mich. Ich dürfe gerne einmal kommen. Sie rate mir, in den Tagen vor der Zeremonie leicht zu essen und mir Gedanken darüber zu machen, was ich in meinem Leben verändern möchte. «El Proposito», die Absicht, wird das genannt: Ohne gibt es keine Teilnahme, gibt es kein Ayahuasca. Wer sich nur zudröhnen will mit der geheimnisumrankten Droge aus dem Amazonas-Urwald, der ist hier fehl am Platz. Cindy, die 35-jährige Kanadierin, wird das am ersten Abend des Schamanen-Wochenendes noch unsanft feststellen.

Klandestiner Raum

Ayahuasca (Retro-Filter)

Die Jurte: Hier findet die Zeremonie statt.
Bild: watson

Diäten, Meditationen, spirituelle Treffen und alternative Atemtechniken haben in der Schweiz Hochkonjunktur. Dort, wo die Schulmedizin nichts mehr ausrichten kann, weil keine körperliche Krankheit vorhanden ist, treten alternative Heilmediziner auf den Plan. Vieles wird bereits von den Krankenkassen übernommen, anderes bewegt sich in einem zwielichtigen Dunstkreis, nicht zuletzt, weil die Heilpraktiken illegale Substanzen umfassen. Die Kirschblütengemeinschaft beispielsweise, eine Sekte in Solothurn, gut 300 Leute, die unter der Leitung des Arztes und Psychotherapeuten Samuel Widmer LSD, MDMA und Meskalin konsumieren, hat es zu zweifelhafter Bekanntheit gebracht. Dabei ist die Effektivität von Therapien mit Halluzinogenen unbestritten. Sei es zur Suchtbekämpfung, zur Therapie posttraumatischer Belastungsstörungen oder zur Linderung von Schmerzen in der Palliatrie: Studien beweisen, dass psychedelische Substanzen das Potential haben, schwerwiegende psychische und physische Krankheiten zu bekämpfen. Dazu gehört auch Ayahuasca, die Liane der Geister, wie ihr Name aus der Indio-Sprache Quechua übersetzt bedeutet.

Ayahuasca (Retro-Filter)

Zubereitung des Ayahuasca-Pflanzensuds: Die Liane Banisteriopsis caapi und Blätter des Kaffeestrauchgewächses Psychotria viridis sind die Hauptbestandteile des Tees.
Bild: Wikimediacommons

Die Wegbeschreibung zum Treffen wird einem per Mail zugestellt. Von Bern aus fährt man 45 Minuten mit der S-Bahn, steigt dann um aufs Postauto und fährt noch einmal eine Viertelstunde bis man eine gut 1500 Seelen zählende Gemeinde im Berner Mittelland erreicht. Die letzten Sonnenstrahlen des Altweibersommers tauchen die hügeligen Grünflächen in ein warmes Licht. An Scheunenwände gekleisterte Werbungen von Limousinenservices versprechen Abwechslung vom eintönigen Landleben und einen Hauch grossstädischen Flairs. Von Wind und Regen gezeichnete Papiermaché-Köche schwenken ihre Kelle und laden ein zu einem Besuch im Pöstli, Hirschen oder Schloss. Und von Plakatwänden grinsen SVP-Nationalratskandidaten ins Innere des Postautos und versprechen, dass sie «mit Bildung am Puls der Zeit» seien. Sie haben gut Lachen: Eine Woche später wird ihre Partei hier bei den Wahlen weit über 50 Prozent der Stimmen holen.

Ticket zum Trip

Ayahuasca (Retro-Filter)

Unterwegs zum Heiltreffen: In der Weite des Berner Mittellands. 
Bild: watson

Schamanentum in der Schweiz 

Über schamanische Kreise in der Schweiz, die Ayahuasca anbieten, ist wenig bekannt. Entweder man gehört dazu, oder man bleibt draussen. Rein kommt man nur, wenn man jemanden kennt, der für einem bürgt, und wenn es für die Organisatoren «stimmt». Auf der Mailing-Liste von Anna (siehe Artikel) befinden sich 200 Personen, mutmasslich existieren eine Handvoll dieser schamanischen Kreise. Hugo Stamm, Journalist und Experte für neureligiöse Bewegungen und Sekten sagt, es sei schwer, einen Überblick über die Szene zu erhalten: «Die Zirkel sind sehr heterogen organisiert und führen im klandestinen Raum ihre Sessions durch.» Tatsächlich sind die einzelnen Zirkel nicht mehr als lose miteinander vernetzt, einige pflegen aber auch Kontakte über die Landesgrenzen hinaus. (wst)

«Ich bitte jeden, sich kurz vorzustellen, und seine oder ihre Beweggründe für die Teilnahme auszuführen.» Colos Worte dringen durch einen Nebel aus Weihrauch, Lavendel und Salbei zu uns. Wir sitzen Schulter an Schulter in einer Jurte, eingepackt in dicke Felldecken oder Schlafsäcke, auf Isomatten, die die Härte des Holzbodens ein wenig abdämmen. Der Schamane hat die Zeremonie offiziell eröffnet. Links neben ihm sitzt Anna, rechts Annas Tochter, Lydia. Simone beginnt. Die ca. 25-Jährige ist vor gut sieben Jahren, nach der Matur, das erste Mal in Berührung mit Ayahuasca gekommen. Während ihres Zwischenjahrs hat sie unentgeltlich auf einer Farm in Südamerika gearbeitet und von Schamanen gehört, die im Urwald mit einer jahrhundertealten Heilpflanze Riten zelebrieren. Vor einem halben Jahr war sie noch einmal dort und seitdem ist sie vom Weg abgekommen. Sie schiebt sich die roten Haare aus dem Gesicht während sie ihr Leben als geprägt von Identitätskrisen, Ziellosigkeit und dem Wunsch nach Veränderungen beschreibt.

Dieser Wunsch umtreibt alle der Anwesenden: Sie wollen ihr Leben verändern, eins werden mit sich selber, ihr Potenzial endlich zur Entfaltung bringen oder einfach nur aufhören, mit sich selber immer so hart ins Gericht zu gehen. Angenehm abwechselnd nimmt sich da das «Propósito» von Rahel aus, die seit Monaten an fürchterlichem Liebeskummer leidet.

Körperliche Gebrechen, die in der Jurte mit Ayahuasca, oder der «Medizin», wie das Pflanzengebräu hier leicht euphemistisch genannt wird, geheilt werden sollen, lassen sich dagegen an einer Hand abzählen: Rahel hat leichtes Rheuma, Lukas klagt über Rückenschmerzen und Colo, der Schamane, spürt ein unangenehmes Ziehen in den Lymphknoten. Die meisten aber sind unzufrieden mit sich selbst, und diejenigen die zufrieden sind, glauben wohl nicht so recht daran, dass die Zufriedenheit auch ohne Ayahuasca anhalte.

Bevor «Mutter Ayahuasca» zu uns spricht, muss «Vater Tabak» ein ernsthaftes Wörtchen mit uns reden. Das Schnupfen der Tabakflüssigkeit gehört zum Ritual dazu und bereitet vor allem den Nicht-Rauchern unter uns erheblich Mühe. Fünf Tropfen in die Handfläche, das eine Nasenloch zupressen und mit dem anderen hochziehen. «Das Nikotin steigt hoch in den Cortex und bereitet den Boden für Ayahuasca», erläutert der Schamane, während er sich an die Stirn tippt. Jetzt erschliessen sich einem auch die Plastiktüten und die Rollen von Toilettenpapier, die fein säuberlich vor jedem Sitzplatz liegen. Es wird gespuckt, geniesst, geschnäuzt, gehustet, gerotzt und die ersten Teilnehmer der Ayahuasca-Kur entleeren ihren flüssigen Mageninhalt in die Plastiktüten.

Anschliessend wird ein Beutel mit Tabak herumgereicht, von dem sich jeder einen Fingerbreit nimmt. Der Tabak wird später in die Feuerschale geworfen, die den Raum in ein flackerndes Licht taucht und wild tanzende Schatten an den weissen Leinenstoff der Zeltwand wirft. Es ist die Gabe an die Götter für den Empfang von Ayahuasca und die Bitte, die Reise so angenehm wie möglich zu gestalten.

Bereit für die Reise

Ayahuasca (Retro-Filter)

Hügelige Landschaft, saftige Weideflächen: Hier, im Berner Mittelland, werden regelmässig Ayahuasca-Trips angeboten. 
Bild:

Ayahuasca in der Schweiz

Die Fallzahlen der Urwalddroge in der Schweiz sind tief. 12 bis 20 Mal pro Jahr werde jemand mit Ayahuasca aufgegriffen, sagt Alex Rechsteiner, Sprecher beim Bundesamt für Polizei. Die beliebtesten Halluzinogenen sind LSD und Psilocybin: 2014 ist es bei LSD zu 325 Verzeigungen gekommen, bei Psilocybin zu 176. Die Eidgenössische Zollverwaltung EZV hat im vergangenen Jahr rund 18 Kilogramm Ayahuasca sichergestellt. Im Vorjahr waren es 17.8 Kilogramm. Der Tee wird vornehmlich in Fracht- oder Postsendungen ins Land gebracht. «Ein eigentlicher ‹offener Markt›», so das EZV, existiere nicht. «Vielfach erfolgt die Weitergabe im Freundeskreis oder im Rahmen von spirituellen Sitzungen.» (wst)

Das Reiseticket wird in einem normalen Trinkglas dargeboten. 2.5 Deziliter einer braunen Flüssigkeit, die gar nicht so übelriechend ist, wie man im Vorfeld gehört hat. Über 40 Namen existieren für Ayahuasca: Aya, Jagé, Jahé, Natem, Cipo, Daime, Hoasca, Mii, Lyaona, Caapi, Dapa, Nixi pae oder einfach: Medizin. Die Erfahrenen schaffen es, das Gebräu in einem Zug zu leeren, die Neulinge brauchen mehrere Anläufe. Ingwertee und eine Löffelspitze Blütenhonig sollen die klebrige Hinterlassenschaft von Ayahuasca im Mund übertönen. Wir legen uns hin, verkriechen uns in unsere Schlafstätten, die Aussenwelt ist fern, keine unangenehme Empfindung wie Kälte oder Lärm sollen die Reise stören. Auf dem Trip lauern ohnehin genügend Gefahren. Nur Harald, der erfahrene Ayahuasca-Trinker, sitzt aufrecht auf seiner Iso-Matte, den Rücken durchgestreckt, die Hände im Schoss ruhend, seine runde Stirn bietet volle Angriffsfläche für den peitschenden Einschlag der Geisterliane.

Den peitschenden Einschlag kennen auch andere. William S. Burrougs, Drogen-Doyen der Beat-Generation schrieb 1953 über einen Ayahuasca-Trip in Peru: «Yagé ist eine Raum-Zeit-Reise. Der Raum scheint zu schütteln und zu vibrieren mit Bewegung. [...] Stillstand und Tod in abgeschlossenen Bergtälern, wo Pflanzen aus deinem Schwanz heraus spriessen und gewaltige Krustentiere darin schlüpfen und die Schale des Körpers zerbrechen.»

Die geläuterte Pop-Göre Lindsay Lohan sagte nach ihrer Erfahrung mit Ayahuasca: «Nun fühle ich meine Seele wieder.»

Cindy sagt nichts mehr und windet sich in ihrem Schlafsack. Später wird sie erzählen, dass sie eigentlich lieber Marihuana geraucht hätte.

Schranke im Kopf

Ayahuasca (Retro-Filter)

Kurz vor der «Reise» in die Geisterwelt: Schamanen-Jurte im Berner Mittelland.
Bild: watson

Was Ayahuasca genau mit dem Körper anstellt, ist immer noch nicht vollständig geklärt. Die Schamanen sagen: Es sind die Seelen der Pflanzen, die sich den Menschen offenbaren. Die Wissenschaft sagt: Es ist das Tryptamin-Alkaloid N,N-Dimethyltryptamin, kurz DMT, das dem Ayahuasca-Tee üblicherweise beigemischt wird. DMT wirkt als Neurotransmitter, der an Serotonin-Rezeptoren andockt und so auf die visuelle Wahrnehmung einwirkt. Das führt zu den pseudohalluzinogenen Effekten, die Teil des Ayahuasca-Trips sind. DMT alleine ist aber so wirkungsvoll wie ein fertig gedrehter Joint ohne Feuerzeug. Mitochondriale Enzyme arbeiten nämlich als kleine Feuerwehrleute im Gehirn, und sorgen dafür, dass giftige Substanzen schnell abgebaut werden. Wie etwa DMT. DMT ist also auf einen kongenialen Partner angewiesen, auf den selbstlosen Vorbereiter, der den entscheidenden Pass spielt, auf Bebeto, der Romario im Glanzlicht erstrahlen lässt. Hier kommen die Harman-Alkaloide ins Spiel. Harmin und Harmalin wirken als Mao (Monoaminooxidase) -Hemmer und setzen so die körpereigene Abwehr ausser Kraft. Der Weg für das Gift ist frei.

So tönt der Schamane

quelle: watson

Während das DMT nach und nach an die Serotonin-Rezeptoren andockt, stimmt Colo in der Jurte ein Lied an. Irgendjemand hat das Licht ausgeschaltet, vielleicht ist es auch Nacht geworden. Unter der kratzigen Militär-Wolldecke ist inzwischen alles einerlei. Der Schamane singt von einem Schmetterling, der im Wind fliegt. «Mariposa en el viento». Es sind schmerzhafte Töne, die er von sich gibt. Er singt von sich, erzählt von seinem Leben, das ein immerwährendes Auf und Ab ist. Dem Schicksal ausgesetzt, den Kräften der Natur nichts als seine Schönheit entgegengesetzt. Der melodiöse Singsang wiegt einen in den Schlaf. Von irgendwoher stimmt eine Rassel ein, es klingt wie die mechanische Bewegung eines Goldschürfers, der sein Sieb nach dem kostbaren Metall durchforstet. Und dabei unzählige Kieselsteine durch das feinmaschige Netz verliert. Ich sage mir: Man muss auch loslassen können. Und ich merke: die Gedanken sind noch bei mir, aber sie schiessen wie Pfeile in alle möglichen Richtungen davon. Sollen sie. Viel geht dabei nicht verloren. Rechts neben mir würgt eine Frau schon seit gut zehn Minuten, ihr Magen gibt nichts mehr her. Wenn sie die Anweisungen im Begleitschreiben befolgt hat, hat sie seit gut 12 Stunden nichts mehr gegessen. Stattdessen trockenes Husten.

Hexenkunst

Ayahuasca (Retro-Filter)

Sauna für Fortgeschrittene: Temazcal, unsere Schwitzhütte.
Bild:

Untersuchung im Labor

Eine Untersuchung der konsumierten Ayahuasca-Probe beim Drogeninformationszentrum Zürich ergibt folgendes Resultat: Enthalten sind Harmin, Harmalin, Tetrohydroharmin und Dutzende andere, nicht genauer zu bestimmende Substanzen. Ob N,N-Dimethyltryptamin, Alkaloid, das für die Halluzinationen verantwortlich ist, ebenfalls Bestandteil der übelriechenden Suppe war, ist nicht genau festzustellen. «Es spricht zwar viel dafür, aber mit unseren Messmethoden ist es nicht einwandfrei abzuklären», erklärt der Leiter des DIZ. Überhaupt ist es das erste Mal, dass in dem zuständigen Labor Ayahuasca getestet worden war. Ayahuasca wird, so scheint es, praktisch ausschliesslich im Rahmen von spirituellen Zeremonien konsumiert, wo das Vertrauen in den Schamanen, der sich um die Mixtur kümmert, grenzenlos ist. (wst)

Der im Westen verbreitete Glaube, bei Ayahuasca gehe es in erster Linie um eine körperliche Reinigung, ist wohl nicht ganz richtig. Ayahuasca wird von den über 70 Amazonas-Stämmen zwar als Heilmittel verwendet, allerdings werden gezielt psychische und psychosomatische Erkrankungen behandelt. Die Anthropologin Marlene Dobkins de Rios hat den Zweck des rituellen Gebrauchs des Tees in drei Punkten zusammengefasst: 1. Ein Instrument zur Weissagung oder Hexenkunst, 2. Ein Instrument zur Diagnose von Erkrankungen und ein Medikament, um diese zu heilen, 3. Ein Mittel, um Vergnügen zu bereiten, soziale Interaktionen zu erleichtern oder Sex aufregender zu machen. Nach Sex sieht in der Jurte niemand aus. Würgen und Spucken sind die Konstanten in dieser Nacht. Und die Kuhglocken, die daran erinnern, dass wir uns im Berner Mittelland und nicht mitten im Amazonas befinden. Irgendwann stolpert jemand die Treppenstufen hinunter und stösst einen abgehackten Schmerzensschrei aus. Die motorischen Körperfunktionen werden unter dem Einfluss von DMT eingeschränkt, der Gleichgewichtssinn gestört.

Auch das Zeitgefühl ist weg. Es wird wohl gegen zwei Uhr Morgen sein, als Colo uns weckt. Wir stolpern aus dem Zelt heraus unter den gleissenden Sternenhimmel. Die Schwitzhütte, Temazcal genannt, ist der rituelle Abschluss der Zeremonie. Nackt oder im Badeanzug zwängen wir uns in die enge und niedrige Behausung. Rolf, der leicht trottelige Gehilfe des Schamanen, bringt, auf einer Mistgabel balancierend, glühend heisse Steine herein und schiebt sie in die Kule in der Mitte des Raums. Anna krümelt Gewürze auf die Steine, Colo singt.

Die eisige Kälte weicht langsam einem wohligen Schauer. Im Widerschein der Glut sehe ich die spitzigen Brüste von Nadja, mein Knie reibt an ein anderes Knie, eine Hand berührt aus Versehen meinen Arm, eine flüsternde Stimme bittet um Entschuldigung. Im nächsten Moment erfüllt ein gewaltiges Zischen den Raum: Rolf hat einen Eimer Wasser über die Steine gegossen. In der Hütte ist es stockdunkel und die Hitze bald unerträglich. Acht weitere Runden folgen, dann habe ich das Gefühl, mein Herz zerspringt. Colo hat uns zuvor eingeschärft, dass unsere Körper stärker sind als unser Geist: «Wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann wirst du merken: Es geht.» Meine Mutter sagte immer: «Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.» Der Schamane hatte Recht, bei meiner Mutter bin ich mir noch nicht ganz sicher. 

Ayahuasca (Retro-Filter)

Ayahuasca-Zeremonie in Lima, Peru.
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«Forever bright» steht auf der Verpackung der Öko-Zahnpasta im Badezimmer des Hippie-Pärchens, auf dessen Grundstück die Zeremonie stattgefunden hat. Es ist der nächste Morgen und die Folgeerscheinungen des Ayahuasca-Trips machen sich bei den meisten Teilnehmern bemerkbar. Rolf liegt reglos auf dem Sofa, Daniel, der Landschaftsgärtner mit den Pausbacken und den Sommersprossen im Gesicht, dreht sich mit zittrigen Fingern eine Zigarette. Simone, zerzauste Haare und erschöpfter Gesichtsausdruck, klammert sich an die Lehne des Baststuhls und Colo, der Schamane, hat die Augenlider auf Halbmast und scheint noch immer in Trance. Im Lauf des Tages wird wieder Leben in ihre müden Glieder fahren, bevor das Ayahuasca sie am Abend abermals auf eine beschwerliche Reise in die Geisterwelt lotst. Ich hingegen nehme Abschied von Ingwerteee, Sogyal-Rinpoche-Bücher und Diskussionen über die effizienteste Fasten-Methode und steige hinab: Zurück in die Wirklichkeit. 

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Bild: gify

Namen der Beteiligten geändert

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