Schweiz
Interview

Historikerin Pauline Milani: Wir müssen uns um Rechte von Frauen sorgen

Des femmes defilent dans les rues de la ville a l'occasion de la greve feministe, ce vendredi 14 juin 2024 a Geneve. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)
Am 14. Juni findet in den meisten Schweizer Städten der alljährliche feministische Streik statt.Image: KEYSTONE
Interview

«Wir haben allen Grund, uns um die Rechte der Frauen in der Schweiz zu sorgen»

Seit einiger Zeit sieht sich der Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter mit einer starken Gegenbewegung konfrontiert. Dieser Backlash zeigt sich sowohl auf politischer Ebene als auch in maskulinistischen Diskursen – und macht auch vor der Schweiz nicht halt, erklärt die Historikerin Pauline Milani.
14.06.2026, 12:1914.06.2026, 12:19
Alberto Silini

Wie jedes Jahr seit 2019 bereiten sich Tausende Menschen darauf vor, im Rahmen des feministischen Streiks auf die Strasse zu gehen. Zwar hat der Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter in den vergangenen Jahren an Sichtbarkeit gewonnen, doch die Fortschritte stossen auf wachsenden Widerstand: Politik, soziale Medien und antifeministische Strömungen prägen einen zunehmend lauteren Backlash. Die Historikerin Pauline Milani von der Universität Freiburg bezeichnet diese Entwicklung als besorgniserregend, betont jedoch, dass sie keineswegs neu ist. Ein Interview.

Der feministische Streik von 2019 markierte einen Wendepunkt im Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter in der Schweiz. Wie hat sich die Situation seither entwickelt?
Pauline Milani: Seit 2019 haben sich die feministischen Bewegungen in der Schweiz neu aufgestellt und deutlich an Sichtbarkeit gewonnen. Ihre Anliegen werden klarer kommuniziert und in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen – das ist durchaus ein Erfolg. Politisch und gesellschaftlich hat sich aber weniger bewegt, als man erwarten könnte. Dass die zentralen Forderungen des feministischen Streiks heute weitgehend dieselben sind wie vor sechs Jahren, zeigt, wie begrenzt die konkreten Fortschritte bislang geblieben sind.

Seit einiger Zeit ist oft von einem «Backlash» gegen die Gleichstellung die Rede. Erleben die feministischen Bewegungen tatsächlich eine Gegenreaktion?
Ja, wir befinden uns mitten in einem Backlash. Damit meine ich die Reaktion von Personen, die von bestehenden Machtverhältnissen profitieren und sich dafür einsetzen, dass sich an diesen Verhältnissen nichts ändert.

Wichtig ist jedoch die Einordnung: Von einem klassischen «Rückschlag» zu sprechen, greift zu kurz. Der Begriff suggeriert, dass nach feministischen Fortschritten wieder zurückgerudert wird – und legt die Verantwortung für die Gegenreaktion indirekt auf die Feministinnen selbst. So, als hätten sie «zu viel» gefordert oder Grenzen überschritten.

Pauline Milani est historienne à l'Université de Fribourg.
Pauline Milani ist Historikerin an der Universität Freiburg.Foto: Younès Klouche

Tritt dieser Widerstand nach einer relativ positiven Phase für die Rechte von Frauen und geschlechtlichen Minderheiten auf?
Gegner der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern hat es immer gegeben. Seit den späten 2010er-Jahren stand jedoch vor allem das Comeback feministischer Bewegungen im Fokus – in der Schweiz wie auch weltweit. Dabei geriet etwas aus dem Blick, dass diese Bewegungen auch auf Widerstand stossen und dass Gleichstellung kein selbstverständlicher oder geradliniger Prozess ist. Der Backlash ist real, es gibt eine klare Gegenbewegung zum Feminismus. Ich glaube aber nicht, dass er einfach in eine Phase fällt, in der wir uns ohnehin linear auf dem Weg zur Gleichstellung befanden.

«Diese reaktionären Kräfte waren bereits am Werk, waren aber vielleicht weniger sichtbar.»

Sind diese Bewegungen tatsächlich stärker geworden – oder nehmen wir sie heute einfach stärker wahr?
Beides trifft zu. Antifeministische Haltungen haben heute deutlich mehr politische Reichweite und finden in gewissen Regierungen starken Rückhalt – das ist eine relativ neue Entwicklung. Man muss nur auf die USA schauen, die aktuell von einem klar antifeministisch geprägten Kurs bestimmt werden. Gleichzeitig berichten Medien seit einiger Zeit intensiv darüber, was dazu führt, dass das Thema im öffentlichen Bewusstsein viel präsenter ist.

Zeigen sich solche Tendenzen auch in der Schweizer Politik?
Die Schweiz ist politisch glücklicherweise nicht mit den USA vergleichbar. Trotzdem werden gewisse dortige Diskurse auch hier von politischen Akteuren aufgegriffen. Dazu gehören etwa transfeindliche Positionen oder Angriffe auf Sexualaufklärung und das Recht auf Abtreibung. Solche Positionen tragen dazu bei, gleichstellungspolitische Massnahmen zu delegitimieren. Diese Denkweisen sind also auch in der Schweiz klar vorhanden.

In den letzten Jahren sind auch Begriffe wie Maskulinismus oder das Incel-Phänomen stärker in den öffentlichen Fokus gerückt. Sind diese Bewegungen wirklich neu oder gab es sie schon vorher?
Diese Bewegungen sind Teil einer viel längeren Entwicklung. In der Schweiz gibt es seit Mitte der 1970er-Jahre kleine maskulinistische Gruppierungen, die sich unter anderem hinter der Frage der Männerrechte verbergen. Dieses Denken, das davon ausgeht, dass Männer keine Rechte mehr haben und von Frauen dominiert werden, existiert also schon seit Langem.

Hingegen ist es richtig, dass mit der Entwicklung der sozialen Netzwerke und der Algorithmen die Sichtbarkeit dieses Diskurses stark zugenommen hat. Man kann sich schnell von maskulinistischen Erzählungen umgeben wiederfinden, die teilweise sehr radikal sind, etwa jene der Incel-Bewegung. Auch dieses Phänomen ist nicht ganz neu, aber man schenkt ihm erst seit einigen Jahren Aufmerksamkeit.

Sie haben Regierungen und politische Parteien sowie Tendenzen wie den Maskulinismus erwähnt. Kann man all diese Phänomene in denselben Topf werfen?
Das sind unterschiedliche Ausprägungen desselben globalen Widerstands. Deshalb lassen sie sich kaum sauber voneinander trennen. Maskulinismus und der Aufstieg der extremen Rechten stehen nicht isoliert nebeneinander – sie überschneiden sich, verstärken sich gegenseitig und basieren letztlich auf derselben Grundidee: der Vorstellung von Ungleichheit als etwas Legitimes.

Ist der aktuelle Backlash im Vergleich zu ähnlichen Phasen in der Vergangenheit virulenter?
Es ist schwierig, Dinge zu vergleichen, die nicht unbedingt vergleichbar sind, aber man kann sagen, dass die aktuelle Situation besorgniserregend ist. Es gibt allen Grund, wachsam zu sein und sich um die Rechte von Frauen und geschlechtlichen Minderheiten zu sorgen. Dennoch gibt es auch Anlass zur Freude. In der Schweiz waren feministische Bewegungen noch nie so sichtbar und organisiert wie heute.

Wir befinden uns noch nicht in einer von Maskulinismus oder Antifeminismus dominierten Gesellschaft. Aber es ist nicht der Moment, die Augen zu verschliessen und zu sagen, dass alles gut ist.

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Wenn man über Frauenrechte spricht, ist es unmöglich, den Fall von Gisèle Pelicot nicht zu erwähnen. Lässt sich dessen Einfluss messen?
Es ist noch zu früh, um die konkreten Auswirkungen des Prozesses auf den Umgang mit sexualisierter Gewalt oder die Justiz zu beurteilen. Klar ist aber: Der Fall hat eine enorme Schockwelle ausgelöst, besonders in feministischen Kreisen. Er hat deutlich gemacht, wie stark patriarchale Vorstellungen in Paarbeziehungen weiterhin verankert sind – und dass es keineswegs «extremistisch» ist, das zu benennen. Lange dachte man, solche Debatten gehörten der Vergangenheit an oder beträfen vor allem frühere Generationen. Doch das stimmt nicht. Die Idee, dass der Körper einer verheirateten Frau nicht vollständig ihr selbst gehört, ist bis heute tief in der Gesellschaft verankert.

Dennoch hört man regelmässig, dass die Gleichstellung erreicht sei oder kurz davor stehe, erreicht zu werden. Was entgegnen Sie darauf?
Das ist eine sehr alte antifeministische Argumentationslinie. Schon im 19. Jahrhundert wurde behauptet, der Kampf für die Emanzipation von Frauen sei überflüssig, weil sie im Vergleich zu kolonisierten Frauen ohnehin privilegiert seien. Heute heisst es oft, es gebe nichts mehr zu tun: Die Grossmütter und Mütter hätten den Kampf bereits geführt, Gleichstellung sei erreicht oder stehe unmittelbar bevor. Ein Blick auf Lohnungleichheit, Femizide oder sexualisierte Gewalt zeigt jedoch schnell, dass davon keine Rede sein kann.

Welche Ansätze empfehlen Sie, um diesem Backlash entgegenzuwirken?
Wichtig ist, das Schadenspotenzial reaktionärer Kräfte nicht zu unterschätzen. Die Vereinigten Staaten sind erneut ein gutes Beispiel dafür. Niemand glaubte, dass man das Recht auf Abtreibung zurücknehmen könne, und doch ist genau das geschehen.

Gleichzeitig sollten feministische Bewegungen ihre eigenen Ziele – Gleichstellung und Emanzipation – nicht aus dem Blick verlieren. Sonst besteht die Gefahr, sich in der Reaktion auf teils sehr aggressive Angriffe maskulinistischer Gruppen zu erschöpfen. Genau darauf zielen diese nämlich ab: die Debatte zu verschieben und eine andere Agenda zu diktieren.

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Keine Gleichstellung von Frauen
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El_Chorche
14.06.2026 12:35registriert März 2021
Den Backlash einzig bei reaktionären Kräften zu verorten zeugt von einer Abwesenheit von Selbstreflektion.

Aber klar, wäre Gleichstellung erreicht, hätte sie ja auch keinen Job mehr.
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Sandlerkönig Eberhard
14.06.2026 12:58registriert Juli 2020
Naja, also wenn einige den feministischen Kampf führen ist es irgendwie logisch, dass einige andere halt den maskulinistischen Kampf führen. Wäre ja ziemlich schräg, wenn das eine erlaubt sein soll und das andere nicht.

Warum wir uns aber ausgerechnet in der Schweiz Sorgen um die Rechte der Frauen machen sollten, ist und bleibt mir ein Rätsel.

Aber vielleicht ist mein wundervoller, absolut selbstständiger, unabhängiger und ebenso wie ich berufstätiger Schatz auch ein schlechtes Beispiel dafür, wer weiss das schon…
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Fight4urRight2beHighasaKite (420)
14.06.2026 13:40registriert April 2026
"Wir befinden uns in einem Backlash. Damit meine ich Reaktion von Personen, die von bestehenden Machtverhältnissen profitieren"

Den Backlash bezieht sie auf Maskulinismus/Manosphere und Incels. Nur gehören diesen Gruppen oft Männer an, die so gar nicht vom System und Machtverhältnissen profitieren, der feministischen Bewegung hingegen gehören viele privilegierte Akademiker an, also Personen die von bestehenden Strukturen profitieren.

Der Feminismus guckt auf die Top 5% der Männer und tut so, als ob alle Männer diese Privilegien hätten, ignoriert dabei Kanalreiniger, Müllmänner, Obdachlose.
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