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Ein Bild von vor Corona? Nein, vom letzten Samstag in Kopenhagen.
Ein Bild von vor Corona? Nein, vom letzten Samstag in Kopenhagen.
Bild: keystone
Analyse

Warum wir nicht Dänemark sind und Freiheit ihre Grenzen hat

Während Dänemark alle Corona-Massnahmen aufgehoben hat, wird in der Schweiz die Zertifikatspflicht eingeführt. Es ist die Folge eines verqueren Verständnisses von Freiheit.
13.09.2021, 19:16

So fühlt sich Normalität an. 50’000 euphorische Fans verfolgten am Samstagabend im Parken-Stadion in Kopenhagen das Konzert der dänischen Rockband The Minds of 99. Es war nach Angaben der Veranstalter das erste Stadionkonzert mit voller Auslastung in Europa seit Beginn der Corona-Pandemie. Und das ohne Maske oder Zertifikat.

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Am Freitag hatte die dänische Regierung die letzten Corona-Einschränkungen aufgehoben, auch für Konzerte oder das Nachtleben. Die Schweiz hingegen bewegt sich in die andere Richtung. Bei uns muss man seit Montag belegen, dass man geimpft, genesen oder getestet ist, wenn man ein Restaurant, ein Fitnesscenter oder ein Kino besuchen will.

Video: watson

Die vom Bundesrat am letzten Mittwoch beschlossene Ausweitung der Zertifikatspflicht lässt denn auch keine Partystimmung aufkommen. Zahlreiche Betriebe wollen sich darum foutieren. Gleichzeitig nimmt die Bereitschaft mancher Massnahmen- und Impfgegner, die Grenzen nicht nur des guten Geschmacks zu überschreiten, ein bedenkliches Ausmass an.

Reigen der Entgleisungen

Das von einem Kollegen auf Instagram gepostete Foto einer Sitzbank im Zürcher Säuliamt, auf deren Rücklehne «Fuck Berset» gesprayt wurde, gehört zu den harmlosen Beispielen. Weitaus übler waren die Attacken auf den Präsidenten von Gastro Thurgau oder einen Reporter von «20 Minuten» am Rande der unbewilligten Corona-Demo in Luzern.

Für den Tiefpunkt sorgte ein Wirt aus Nidwalden, der in einem Video über einen Amoklauf gegen Gesundheitsminister Alain Berset fantasierte. Die Solidaritätsbekundung von Bundesratskollege Ueli Maurer mit den so genannten «Freiheitstrychlern» rundete den Reigen der Geschmacklosigkeiten und Entgleisungen am Wochenende ab.

Feierlaune in Dänemark, zunehmende Radikalisierung in der Schweiz. Der Grund für diese Diskrepanz liegt auf der Hand: Die Dänen impfen wie die Weltmeister. 74 Prozent der gesamten Bevölkerung sind vollständig geimpft. In der Schweiz sind es nur 52 Prozent, worauf auch Alain Berset an der Medienkonferenz letzte Woche hinwies.

Mit einer Quote wie bei den Wikingern wäre das Zertifikat kein Thema, könnten wir wohl auch die Masken entsorgen. Die Zertifikatspflicht hat immerhin dazu geführt, dass der Run auf die Impfzentren zugenommen hat. Viele haben zugewartet, aus welchen Gründen auch immer, und halten angesichts der neuen Einschränkungen widerwillig den Arm hin.

Wo die Freiheit endet

Ein ansehnlicher Teil der Bevölkerung aber will sich partout nicht impfen lassen. In der Corona-Umfrage der SRG liegt ihr Anteil beständig bei rund 25 Prozent. Einige werden jetzt einlenken, aber viele halten verbissen an einem verqueren Freiheitsbegriff fest. Für sie schränkt nicht das Virus unsere Freiheit ein, sondern die Massnahmen der Politik.

Der schottische Historiker Niall Ferguson, alles andere als ein Linker, kommentierte diese «Skeptiker»-Mentalität im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» mit klaren Worten:

«Die Menschen, die denken, sie seien freiheitsliebend, haben die Geschichte des Liberalismus vergessen. Für die führenden Denker der Aufklärer oder später für John Stuart Mill war es völlig klar, dass in einer nationalen oder internationalen Notsituation wie der Pandemie individuelle Freiheitsrechte für das Allgemeinwohl eingeschränkt werden müssen.»

Der Philosoph John Stuart Mill zählt zu den wichtigsten Vordenkern des Liberalismus, gerade weil er sinngemäss betonte, dass die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo Mitmenschen geschädigt werden. Das sollten sich vor allem jene Massnahmen-Gegner vor Augen halten, die nun eine Aufstockung der Betten auf den Intensivstationen fordern.

Volle Spitäler statt rettende Impfung?

Selbst wenn dies gelingen sollte und das nötige Personal rekrutiert werden könnte, verbirgt sich hinter solchen Forderungen eine verheerende Denkweise. Statt sich für die Impfung als lebensrettende Massnahme einzusetzen, nehmen diese Leute in Kauf, dass die Spitäler mit Corona-Patienten gefüllt werden, von denen ein Viertel nicht überlebt.

Das ist kein verantwortungsethischer Freiheitsbegriff, das ist vulgärer Libertarismus.

Der Weg in die Freiheit führt über die Impfung, man kann das nicht genug betonen. Wenn die Quote steige und die Fallzahlen sänken, werde die Zertifikatspflicht aufgehoben, sagte Anne Lévy, die Direktorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG), am Samstag auf Radio SRF. In Dänemark hat dies sogar die rechtspopulistische, fremdenfeindliche Volkspartei kapiert.

Noch ist Corona nicht besiegt. Der dänische Gesundheitsminister sagte, man beobachte die Epidemie genau und sei bereit, bei ernsthaften Entwicklungen schnell zu handeln. So haben die Skandinavier gute Chancen, den Winter ohne grössere Schäden zu überstehen. Wir aber müssen wohl froh sein, wenn wir dank Zertifikat neue Lockdowns verhindern können.

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