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Tigray refugees who fled a conflict in the Ethiopia's Tigray region, wait their turn for treatment at a clinic run by MSF (Doctors Without Borders) in Village 8, the transit center near the Lugdi border crossing, eastern Sudan, Tuesday, Dec. 8, 2020. (AP Photo/Nariman El-Mofty)

Äthiopische Flüchtlinge in einem Lager im Sudan. Bild: keystone

Krieg in Tigray: «Der einzige Unterschied zum Völkermord in Ruanda ist die Zahl der Toten»

Im Norden Äthiopiens tobt ein neuer, brutaler Konflikt. Die Regierung leugnet ihn. Doch das Morden und Vergewaltigen geht einfach weiter.

Samuel Schumacher / ch media



Am Dienstag starb Freweini Mebrahtus Hoffnung. In ihrer Heimat, der Region Tigray im Norden Äthiopiens, hatte sie jahrelang für die Rechte der Frauen eingesetzt und gegen sexuelle Unterdrückung gekämpft. 2019 wurde sie von CNN dafür zur «Hero of the Year» ausgezeichnet. Eine starke Frau, für viele eine Heldin. Doch vorgestern gab sie auf. «Mein Herz ist gebrochen. Zivilisten werden in Tigray getötet, Frauen und Mädchen vergewaltigt, Millionen Menschen brauchen dringend humanitäre Hilfe», verkündete Freweini Mebrahtu auf Twitter. «Ich musste meine Heimat verlassen, weil ich gesehen habe, was in Tigray passiert.»

Anders als Freweini Mebrahtus weiss die Welt bislang kaum, was in der bitterarmen Gegend an der Grenze zu Eritrea überhaupt geschieht. Die äthiopische Regierung hat Tigray hermetisch abgeriegelt. Informationen über die mutmasslichen Massenmorde und das Leid der fast sechs Millionen Bewohner gelangen nur tröpfchenweise nach draussen.

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Was es gibt, sind Augenzeugenberichte von einem Massaker im Dorf Mai Kadra, wo rund 700 Menschen mit Macheten und Beilen zu Tode gehackt worden sind. Es gibt die Geschichte von dem jungen Mädchen, das dem Sender BBC erzählt hat, wie Soldaten ihren Grossvater gezwungen hätten, sie zu vergewaltigen. Es gibt Berichte über Soldaten, die Felder anzünden und die Ernte zerstören. Es gibt unterschiedliche Zahlen über die bisherigen Kriegstoten: 20'000, 40'000, manche Quellen sagen 50'000.

FILE - In this Tuesday, Dec. 15, 2020 file photo, ethnic Tigrayan survivor Abrahaley Minasbo, 22, from Mai-Kadra, Ethiopia, shows his wounds from machetes, inside a shelter, in Hamdeyat Transition Center near the Sudan-Ethiopia border, in eastern Sudan. Life for civilians in Ethiopia's embattled Tigray region has become

Der 22-jährige Abrahaley Minasbo hat das Massaker von Mai Kadra knapp überlebt. Wer für die bis zu 700 Morde in dem Dorf genau verantwortlich ist, bleibt unklar. Bild: keystone

Vor allem aber gibt es die Warnung der UNO: Wenn der Horror nicht sofort beendet wird, droht 4.5 Millionen Menschen der Hungertod. Auf einer Hungersnot-Skala von eins bis fünf, schätzt das Hilfswerk USAID, sei Tigray inzwischen bei einer vier angelangt. Viel schlimmer könne es nicht werden.

Konflikt? Krieg? Wo denn?

Bis vor kurzem machte Äthiopien mit ganz anderen Geschichten Schlagzeilen. Regierungschef Abiy Ahmed wurde für seine Annäherung gegenüber dem Nachbarland Eritrea 2019 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Äthiopien war drauf und dran, dank dem Grand-Renaissance-Staudamm zu einem der grössten Stromproduzenten Afrikas zu werden. Und das Land am Blauen Nil hatte sich das Ziel gesetzt, zu einer der Top-Fünf-Tourismusdestinationen Afrikas zu werden. Jetzt aber steht Äthiopien wieder da, wo es nie mehr sein wollte: Irgendwo zwischen Hungersnot und Geschichten über grausame Massaker.

FILE - In this Tuesday, Dec. 10, 2019, file photo, Ethiopia's Prime Minister Abiy Ahmed poses for the media after receiving the Nobel Peace Prize during the award ceremony in Oslo City Hall, Norway. Ahmed left Ethiopians breathless when he became the prime minister in 2018, introducing a wave of political reforms in the long-repressive country and announcing a shocking peace with enemy Eritrea. Now, Abiy is waging war in the defiant Tigray region. (Håkon Mosvold Larsen/NTB Scanpix via AP, File)

Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed wurde für seine Annäherungsbemühungen gegenüber Eritrea 2019 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Bild: keystone

Wie es so weit kam, ist schnell erzählt. Regierungschef Abiy Ahmed verkündete im Sommer, man müsse die anstehenden Neuwahlen wegen Corona verschieben. Das Volk der Tigrinya, das vor Ahmeds Amtsantritt fast 30 Jahre lang das politische Sagen hatte in Äthiopien, fühlte sich hintergangen. Tigray führte trotz des Verbots lokale Neuwahlen durch. Ahmed reagierte prompt und liess Anfang November die Armee einmarschieren. Die Truppen der «Tigray People’s Liberation Front» aber leisteten Widerstand gegen die Soldaten der Regierung. Seither wird erbittert gekämpft.

William Davison, der die Situation für die Organisation International Crisis Group beobachtet, erzählt am Telefon von Truppen aus dem benachbarten Eritrea, die zusätzlich zu den äthiopischen Regierungssoldaten in Tigray einmarschiert seien. Der lokale Konflikt könnte jederzeit zu einem Krieg eskalieren, der die ganze Grossregion am Horn von Afrika mitreisst. «Die äthiopische Regierung behauptet aber steif und fest, dass es gar keinen Konflikt gäbe», erzählt Davison. «Wenn sie diese Darstellung nicht sofort korrigieren, wird das Leid der Menschen in Tigray noch viel grösser.»

ARCHIV - Flüchtlinge, die vor dem Konflikt in der äthiopischen Region Tigray geflohen sind, kommen am Ufer des Tekeze-Flusses an der sudanesisch-äthiopischen Grenze im Osten des Sudan an. Foto: Nariman El-Mofty/AP/dpa

Die Grenze zwischen Äthiopien und Sudan. Bild: sda

Rund 60'000 Menschen sind bereits über die Grenze nach Sudan geflohen. Auch Henock Yebyos Familie hat ihre Heimatstadt Wukro im Norden Tigrays fluchtartig verlassen und sich in den umliegenden Hügeln vor den mordenden Truppen versteckt. Der 35-jährige Epidemiologe arbeitet derzeit an der Universität Zürich. Monatelang hat er vergeblich versucht, seine Familie zuhause zu erreichen. Erst vor zwei Wochen gelang es ihm, mit seinem Bruder und seiner Mutter zu sprechen.

Gefordert: Intervention wie im Kosovokrieg

«Einige meiner Verwandten wurden erschossen. Die Soldaten morden und vergewaltigen und zerstören alle Fabriken», erzählt Yebyo über Skype. Klöster würden geschändet, Felder angezündet, Vieh über die Grenze nach Eritrea abtransportiert. «Die beiden Diktatoren Abiy Ahmed in Äthiopien und Isayas Afewerki in Eritrea haben in den Tigrinya einen gemeinsamen Feind gefunden. Wenn die internationale Gemeinschaft nicht einschreitet, kommt es zum Genozid», sagt Yebyo.

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Henock Yebyo arbeitet an der Uni Zürich als Epidemiologe. Seine Familie in Tigray hat er monatelang nicht erreichen können. bild: zvg

«Der einzige Unterschied zum Völkermord in Ruanda ist die Zahl der Toten. 1994 in Ruanda waren es 800000, 2021 in Tigray sind es noch nicht so viele.» Im ganzen Land aber würde sein Volk verfolgt. «Wenn ich je nach Äthiopien zurückflöge, würden sie mich am Flughafen gleich verhaften», sagt Yebyo.

Um ein zweites Ruanda zu verhindern, brauche es sofort eine militärische Intervention – wie damals im Kosovokrieg, als die Nato die serbischen Truppen mit Luftangriffen stoppte, sagt Henock Yebyo. Dass die EU 90 Millionen Euro an Hilfsgeldern für die äthiopische Regierung eingefroren habe, sei richtig. Dass die Schweiz zwei Millionen für die Hilfe direkt in Tigray gesprochen habe, ebenfalls. «Wegschauen darf jetzt niemand», sagt Henock Yebyo. «Das kann sich die Welt nicht leisten.» (aargauerzeitung.ch)

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