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Accused Boston Marathon bomber Dzhokhar Tsarnaev (L) is shown in a courtroom sketch next to Judge George O'Toole on the first day of jury selection at the federal courthouse in Boston, Massachusetts January 5, 2015. O'Toole on Monday began the process of selecting the jury that will hear the trial of Tsarnaev, telling the first of some 1,200 prospects to read no more news accounts about the deadly blasts. Tsarnaev could get the death penalty if convicted of killing three people and injuring more than 260 others by detonating a pair of homemade bombs placed amid a crowd of thousands of spectators at the race's finish line on April 15, 2013.     REUTERS/Jane Flavell Collins    (UNITED STATES - Tags: CRIME LAW)

Gerichtszeichnung von Dschochar Zarnajew (links) mit Bundesrichter George O’Toole am ersten Tag der Geschworenen-Auswahl in Boston (05.01.2015).  bild: REUTERS

Dschochar Zarnajew

Unparteiische Geschworene für den Boston-Bomber-Prozess. Gesucht: 12, gefunden: 0



Die Suche nach zwölf Geschworenen für den Boston-Bomber-Prozess gestaltet sich schwierig. «Fair» und «unvoreingenommen» muss die Gruppe sein, so schreibt es die US-Verfassung vor. Doch ist das überhaupt möglich? So ziemlich jeder in Massachusetts kennt jemanden, der in irgendeiner Weise von dem Terroranschlag betroffen ist. Kaum jemand zweifelt an der Schuld Dschochar Zarnajews.

Letztlich wird es in der Verhandlung um eine Frage gehen: Wandert der 21-Jährige für den Rest seines Lebens hinter Gitter oder wird er per Giftspritze hingerichtet? 

Die Forderung der Staatsanwaltschaft nach der Todesstrafe macht das ohnehin aufwändige Auswahlverfahren noch komplizierter: Um als Geschworener zugelassen zu werden, darf ein Kandidat die Todesstrafe weder leidenschaftlich befürworten, noch grundsätzlich ablehnen – keine sehr verbreitete Haltung, wie Umfragen zur Akzeptanz der Todesstrafe in den USA nahelegen: Die «Unentschiedenen» bewegen sich im niedrigen, einstelligen Prozentbereich.

Bild

Quelle: gallup

Szenen aus der «Jury Selection» in Boston, die Medienvertreter per Video in einem anderen Raum im Gerichtsgebäude verfolgen können, illustrieren die Problematik: «Ich würde ihn zum Tod verurteilen. Ich kann mir kein Beweismaterial vorstellen, das meine Meinung über die Geschehnisse ändern würde», antwortete ein Kandidat auf die Frage, ob er sich eine lebenslange Haftstrafe für Zarnajew vorstellen könnte. Ein anderer erwiderte auf dieselbe Frage: «Ich kann keinen Menschen in den Tod schicken.»

«Ich weiss nicht, ob man das Gehirn überlisten kann.»

Geschworenen-Kandidatin

Eine aussichtsreiche Kandidatin brachte das Problem auf den Punkt. Ob sie trotz ihrer Überzeugung, dass Zarnajew schuldig sei, unvoreingenommen der Beweisführung folgen könne, wurde sie gefragt: «Ich kann es versuchen, aber ich weiss nicht, ob man das Gehirn überlisten kann.» Die Frau hat einen Abschluss in Psychologie, schreibt das Magazin The New Yorker

Angenommen, Dschochar Zarnajew wird des Mordes schuldig gesprochen und Sie sind einer der Geschworenen. Für welche Strafe würden Sie votieren?

Doch auch bei scheinbar geeigneten Kandidaten ist Vorsicht geboten: Angesichts des enormen Interesses an dem Fall befürchten Anwälte auf beiden Seiten, dass einige ihre wahre Überzeugung verheimlichen, weil sie unbedingt in der Jury sitzen wollen. Sei es, um nachher ein Buch zu schreiben und damit Geld zu verdienen. Oder weil sie unabhängig von dem, was sie in dem Prozess sehen und hören werden, für oder gegen die Todesstrafe stimmen wollen. 

1373 potentielle Kandidaten haben Anfang Jahr einen Fragebogen ausgefüllt. Darin äusserten sie nicht nur ihre Meinung zu dem Terroranschlag auf den Boston-Marathon, sondern auch zu verwandten Themen, die ihre Entscheidung beeinflussen könnten: Islam, Krieg gegen den Terror, Einwanderer aus Russland und Zentralasien und eben die Todesstrafe. Jene, die aufgrund ihrer Antworten nicht disqualifiziert wurden, erscheinen vor Gericht, wo sie vom Richter sowie Anklage und Verteidigung befragt werden. Aus diesem Auswahlprozess sollen am Schluss 18 Geschworene hervorgehen, sechs davon als Reserve.

Der zuständige Bundesrichter George O’Toole hatte ursprünglich geplant, pro Tag 40 Kandidaten zu befragen. Durchschnittlich schaffte er weniger als die Hälfte in den ersten fünf Tagen. Es dürfte noch eine Weile dauern, bis die Geschworenen für den Boston-Bomber-Prozess feststehen.

«Die Zwölf Geschworenen» (1957)

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Filmklassiker über 12 Geschworene, die über einen vermeintlich klaren Mordfall und die Todesstrafe entscheiden sollen. video: youtube/FMU DIREITO

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