Warum in langen Beziehungen die Lust vergeht – und wie sie wiederkommt
watson bat Sonja Ruess um Antworten. Sie ist Sexologin, Gründerin von love to listen und hat ein Buch zum Thema verfasst, nämlich «Der Elefant in deinem Bett» (Next Level Verlag). Eingeschlafenes Sexleben sei typisch in unglücklichen Beziehungen, berichtet sie:
Dabei braucht es Einsatz, um Beziehungen über den hormonellen Rausch hinweg aufrechtzuerhalten. Nur wissen viele Paare nicht, welchen: «Wir nehmen uns ein Beispiel an unseren Eltern. Und wenn die schon im Mitbewohner-Modus nebeneinander lebten, machen wir das genauso.»
Es fehlt an Vorbild und Know-How. Und je länger die Unlust besteht, umso verfahrener wird es: Eine Person drängelt, die andere weist ab. Beide fühlen sich dabei schlecht. Vielleicht kommt es vereinzelt zu lustlosen Pflichtnummern. Oder man geht sich aus dem Weg, damit bloss kein Versuch mehr aufkommt.
Sonja Ruess kennt das aus eigener Erfahrung. Sie fasst zusammen, wie man die typischen fünf Probleme angehen kann und zurück in die Lust findet.
Nach den Kindern ist unser Sex eingeschlafen
Sobald Liebespaare Eltern werden, schwindet oft die Lust. Kein Wunder, schliesslich sind Schlaf, Zeit und Privatsphäre nun Mangelware, erotische Momente rar.
«Ist auch in Ordnung, wenn es solche Phasen gibt», entwarnt Ruess. «Wenn du ein Stillkind hast, das bei 30 Grad im Sommer, den ganzen Tag an deinen Brustwarzen klebt, hast du abends keinen Bock mehr auf Zweisamkeit. Das ist normal.» Weder Männer noch Frauen müssten immer sexuell verfügbar sein, Lust verlaufe nicht linear. «Daher: Nehmt den Druck raus. Wir sind alle keine Maschinen.»
Doch irgendwann sollte man auch wieder den erwachsenen Bedürfnissen Platz geben. Warum, erklärt die Expertin anhand eines Bildes:
Wie weit elterliche Selbstaufgabe ginge, sei oft im Schlafzimmer zu erkennen, berichtet Ruess: «Es ist schön, wenn Kinder bei Albträumen ins Bett kommen dürfen. Aber wenn das Eltern-Schlafzimmer wie selbstverständlich in Beschlag genommen wird, Wäscheberge und Spielzeug rumliegen und das Paar keinen Raum für ihre eigene Sexualität mehr hat, wird's schwierig.»
Dasselbe gilt für grelle Lichtspots und Omas Bettwäsche, die «ja noch gut ist». «Schafft euch einen Raum, der einlädt, Lust zu bekommen. Einen erwachsenen Raum, der euch gehört», rät Ruess.
Ich habe keine Lust und weiss nicht, wo sie hin ist
Eigentlich ist Sexmangel ein gemeinsames Thema, doch Ruess weiss: Oft scheut jemand den Gang zur Therapie, ist nicht willens, sich mit der Flaute zu befassen. Daher hat sie auch Tipps für Menschen, die solo daran arbeiten wollen:
Das kann Tanzen am Morgen sein oder bunte Dessous. Es muss nichts mit Sex zu tun haben und auch nichts mit der anderen Person. «Sich wieder sinnlich zu fühlen, kommt aber nicht von selbst», gibt die Expertin zu Bedenken. Man müsse dieses Gefühl «aktiv erschaffen und dafür Platz im Alltag einräumen.»
Ein Beispiel sei die tägliche Dusche. «Nehme ich den alten Frottee-Waschlappen zum Säubern? Oder schäume ich mich langsam ein und fühle das Wasser prickeln?», fragt Ruess. Es sei eine effektive Übung, sich jeden Tag fünf Minuten zu nehmen, um dem Körper mit bewusster Zuneigung zu begegnen.
Wir leben nur noch nebeneinander her
Ein Klassiker, den Ruess aus eigener Erfahrung kennt: «Ich bin morgens aus dem Haus gegangen und konnte eine Stunde später nicht mehr sagen, was mein Mann beim Frühstück anhatte.»
Dabei sei es keine Selbstverständlichkeit, dass dieser andere Mensch abends noch da ist. Das Leben miteinander verbringen zu wollen und zu können, sei ein grosses Geschenk. Gelegentlich dürfe man sich «daran erinnern».
«Stelle dir vor, du würdest diesen Menschen heute zum letzten Mal sehen», sagt die Expertin. «Was würdest du anders machen?» Bewusste Umarmungen, Blicke und Komplimente sind wichtig, um in Kontakt zu bleiben. «Dazu muss man sich immer mal wieder aufraffen, wenn man in den Funktionsmodus rutscht», mahnt Ruess.
Ich weiche Berührungen und Sex inzwischen aus
Manche Menschen möchten gar keine Nähe mehr zulassen, aus Sorge, damit das Thema Sex auf den Tisch zu bringen. Paare, die schon lange nicht mehr intim waren, empfinden es manchmal geradewegs als abwegig, sich erotisch zu begegnen. Wie überwindet man das?
«Der erste – und oft der schwerste – Schritt, ist es, genau das auszusprechen. Und zwar aus der Ich-Perspektive», sagt die Sexologin. Zum Beispiel: Ich habe Angst, dich zu enttäuschen, wenn ich nur eine Umarmung will. Oder: Mir ist es peinlich, mit dir Sex zu haben, weil es so lange her ist.
Leider herrsche oft Riesenangst vor der Reaktion des oder der anderen, wenn man die Wahrheit ausspräche. Besonders Frauen würden eher Orgasmen faken und «eine Mitleidsnummer über sich ergehen lasse», als zu sagen, dass sie noch nie bei Penetration gekommen sind. «Die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen, um den anderen bloss nicht zu beleidigen, das haben viele schon als Mädchen verinnerlicht», sagt Ruess.
Dabei sei es wichtig, deutlich und klar zu werden. Ich-Botschaften sind dabei am besten, weil sie Mitgefühl aktivieren, «ohne ein Angriff zu sein», sagt die Expertin:
«Die Schuld wird immer auf der anderen Bettseite gesucht», kürzt die Beziehungs-Mentorin es ab.
Jeder Annährungs-Versuch endet im Streit
«In der Praxis sage ich gerne: Reset-Knopf drücken, wir starten hier neu», berichtet Sonja Ruess. Gärt ein Konflikt lange, haben sich Automatismen eingeschlichen. Ein Wort ergibt das andere, Gespräche drehen sich im Kreis. Es gilt, hier auszusteigen.
«Der Trick ist, genau hinzuschauen», sagt Ruess. Was sind Anzeichen, dass ich gerade wütend werde? Wann reagiere ich zu krass, was triggert mich da?
«Im Coaching fahre ich sofort dazwischen und sage: ‹Stopp! Was passiert gerade?›», erklärt Ruess:
Als Tipp für mehr Freude und Wohlwollen in der Beziehung rät Ruess zur «Trauerrede». Dabei solle man sich vorstellen, auf der eigenen Beerdigung zu sitzen. Deine Partnerin oder dein Partner hält eine Rede über dich. Was möchtest du am liebsten hören? Was würde aktuell gesagt werden?
«So erkennst du, ob du gerade überhaupt eine Version deiner selbst bist, die du magst», erklärt Ruess. Wenn nicht, fang an, sie zu werden, denn: «Liebe ist nichts, was von allein passiert. Liebe tust du jeden Tag.»
