Anekdoteles
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Anekdoteles

bild: watson

Anekdoteles

Wie Kafka ein Mädchen über den Verlust seiner Puppe hinwegtröstete



Was ist «Anekdoteles»?

Abgesehen davon, dass es sich hier um einen ungemein gelungenen Wortwitz handelt, ist Anekdoteles unser Format für schmissige historische Anekdoten. Bist du eher an seinem grüsligen Halbstiefbruder interessiert, dann bist du bei Erektoteles richtig.

Franz Kafka war gern allein. Im Grunde wählte er seine Vereinzelung nicht einmal, sie war vielmehr Zwang, eine fundamentale Notwendigkeit, damit er schreiben konnte. Und dieses Schreiben musste er dem Leben erst abringen, um es dann zwischen seinen «lächerlich leichten» Dienst für eine Unfallversicherungs-Anstalt und den ihm so verhassten Verpflichtungen in familiären Geschäften zu zwängen. Dort, in jenem engen dunklen Spalt, kämpfte Kafka seinen einsamen Kampf mit der Sprache.

«Ich muss viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins.»

Franz Kafka in seinem Tagebuch, 1913

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Der in Prag geborene Schriftsteller Franz Kafka (1883–1924).

Er rang mit den Dämonen, die ihm beständig krumme Wörter einsäuselten. Eisern widerstand er der Versuchung, sich leichtfertig eines solchen zu bedienen und grub stattdessen in dichterischer Tugendhaftigkeit weiter nach dem wahrhaftigsten Ausdruck. Seine Hand mochte zittern und seine Finger bluten, bis er die feinen Seelen schliesslich fand, die er seinen Sätzen einverleibte.

Seine Sprache war schlicht, niemals hübschte er sie unnötig auf, jeglicher Erzähl-Putz war Kafka zuwider. Sie war präzis wie ein frisch geschliffenes Messer, mit dem er tief ins Fleisch des Lesers zu schneiden gedachte.

«Wir brauchen Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in die Wälder verstossen würden, von allen Menschen weg, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.»

Franz Kafka in einem Brief an Oskar Pollak, 1904

Doch trotz aller mönchshafter Arbeitsmoral hielt Kafka sein Werk stets für unzulänglich, seine Sätze beim wiederholten Lesen für noch nicht wesenhaft genug. «Meine Zweifel stehen um jedes Wort im Kreis herum, ich sehe sie früher als das Wort.»

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Anfang des Manuskripts von «Der Process»: Der stets zweifelnde Kafka wies seinen Freund und Nachlassverwalter Max Brod an, die noch nicht veröffentlichten Werke nach seinem Tode dem Feuer zu übergeben. Brod brachte es nicht übers Herz – ihm verdanken wir Kafkas so berühmt gewordene Romanfragmente. bild: wikimedia

Immerzu nagten die Zweifel an ihm und liessen ihn seine Romane nicht vollenden. Nie fand er für sie ein Ende, das ihm würdig genug erschien, und so schrieb er es in immer wieder neuen Anfängen von sich. Nur eines konnte er nicht umgehen, eines musste er schreiben, bevor die Tuberkulose ihn gänzlich zerfrass.

Es war jenes für das kleine Mädchen, das seine Puppe verloren hatte. Getroffen hatte er es im Steglitzer Park in Berlin, es sass auf einer Bank und weinte ganz bitterlich über den Verlust seines Spielzeugs. Kafka aber, gerührt von den Tränen, sagte rasch zu dem Mädchen: «Deine Puppe macht nur gerade eine Reise, ich weiss es, sie hat mir einen Brief geschickt.»

Das kleine Mädchen wollte den Brief sehen, doch Kafka meinte, er habe ihn unglücklicherweise zu Hause liegen lassen, bringe ihn ihr aber am nächsten Tag mit.

Sofort kehrte er an seinen Schreibtisch zurück und begann mit demselben Ernst zu schreiben, als arbeite er an einem seiner Romane. Jener Puppenbrief war für ihn auch ebenso wesentlich wie seine anderen Texte. Er musste seine kleine Lüge durch die Magie der Fiktion wahr machen, er musste für das Mädchen eine bessere Wahrheit schaffen.

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Der Stadtpark Steglitz in Berlin. bild: shutterstock

Und so ging er am nächsten Morgen wieder in den Park, wo er der Kleinen den Brief laut vorlas. Die Puppe schrieb darin, dass sie nach neuen Erfahrungen hungere, dass sie das Mädchen zwar sehr gern habe, aber sich für einige Zeit von ihr trennen wolle, um andere Länder zu bereisen und andere Menschen kennenzulernen. Sie würde dem Mädchen aber jeden Tag schreiben.

Drei Wochen lang ging Kafka allmorgendlich in den Park und erzählte dem Kind von den lustigen und aufregenden Abenteuern seiner Puppe. Bald schon spazierte es neugierig durch die neue Welt, die Kafka ihm eröffnet hatte. Darin nämlich wurde seine Puppe grösser, ging zur Schule und fand neue Freunde. Doch immer dachte sie an das Mädchen, nie vergass sie die schöne Zeit mit ihm – die vielen Kilometer, die zwischen ihnen lagen, vermochte ihre Liebe nicht zu schmälern.

Nur, wie sollte Kafka die Geschichte abschliessen? Die Puppe würde nicht mehr zurückkehren können. Sie war für immer verloren. Der Schriftsteller zerbrach sich den Kopf und wand sich lange aus seiner ihm so getreuen Furcht vor einem falschen Unausweichlichen, vor einem unvollkommenen Ende. Denn dieses Ende musste Kraft genug haben, den Riss, der sich durch das Leben des Mädchens gezogen hatte, zu flicken. Die Wunde durfte keinesfalls wieder aufgehen, sie wäre entsetzlicher und schmerzvoller als zuvor.

Schliesslich liess Kafka die Puppe heiraten. Er, der sich selbst nie zu einem Ja entschliessen konnte, beschrieb nun dem Mädchen den jungen, schönen Mann der Puppe, die feierliche Hochzeit und später das Haus des jungen Ehepaares, in dem sie gemeinsam ihrer Zukunft entgegenwohnen würden – eine glückliche Zukunft, in der das Mädchen und sie aber gezwungen waren, auf ein Wiedersehen zu verzichten.

Kafka hatte die Not eines Kindes durch die Kunst gelindert. Es war die eine heilende Arznei, über die er verfügte, um wieder etwas Ordnung in die Welt zu bringen.

Wahrheitsbox

Die Geschichte von Kafkas Puppenbriefen findet sich im von Hans-Gerd Koch herausgegebenen Sammelband Als Kafka mir entgegenkam ... Erinnerungen an Franz Kafka. Genauer im Kapitel Mein Leben mit Franz Kafka, das von der Schauspielerin Dora Diamant geschrieben wurde, der letzten Lebensgefährtin Franz Kafkas.
Hier findest du das Original.
Die Puppenbriefe und mit ihnen das besagte Mädchen konnten bis heute nicht ausfindig gemacht werden. Existiert alles nur in Dora Diamants Anekdote? Bei ihr hatte erstaunlicherweise niemand näher nachgefragt, das literaturwissenschaftliche Interesse an Frau Diamant beschränkte sich auf zwei Interviews, bis sie 1952 in London verstarb.
Wurden die Briefe nach Kafkas Tod von der Gestapo beschlagnahmt, so wie der Rest seiner Werke? Oder verstauben sie noch immer irgendwo auf einem Berliner Dachstock? Das von Kafka getröstete Mädchen ist mittlerweile wohl gestorben oder dann über hundert 100 Jahre alt. 1959 wurde über ein Steglitzer Stadtteilblatt ein Suchaufruf abgedruckt, in der Hoffnung, es zu finden, doch niemand meldete sich.
2001 folgte der amerikanische Kafka-Übersetzer Mark Harman neun Monate lang den Spuren Kafkas in Berlin. Alles, was er ausfindig machen konnte, war die Tochter der ehemaligen Vermieterin Kafkas. «Ganz lieb und nett» sei er gewesen, wusste sie zu erzählen, von den Briefen und dem Mädchen aber wusste auch sie nichts. Für die Strecke von Kafkas Wohnort bis zum Steglitzer Park brauchte Harman ausserdem eine ganze Stunde – kaum vorstellbar, dass ein unheilbar an Tuberkulose erkrankter Mann drei Wochen lang jeden Tag diesen Weg gelaufen war. Vielleicht hat er das Mädchen, anders als von Dora Diamant beschrieben, im näher gelegenen Botanischen Garten getroffen?

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    Alle Leser-Kommentare
  • MarGo 24.02.2020 13:00
    Highlight Highlight schön gelöst von Herrn Kafka... besser so, als dass sich die Puppe in eine geifernde Käferkreatur verwandelt hätte ;)
  • DocShi 24.02.2020 06:30
    Highlight Highlight Diese Geschichte ist wie mit dem Aufdruck auf gewissen Lebensmitteln:
    Möglicherweise nicht wahr aber besser gelogen als der meiste Mist der dem analphabetisierten Pöpel als Literatur untergejubelt wird. 😎
  • Andreas Weiss (1) 23.02.2020 17:19
    Highlight Highlight Eine wunderschöne, anrührende Geschichte!
  • John Henry Eden 23.02.2020 13:51
    Highlight Highlight Heutzutage würde ein Social Media-Post der Mutter Kafka für immer brandmarken:

    «Hilfe, ein Erwachsener trifft sich täglich mit meiner kleinen Tochter im Park, erzählt ihr wirre Geschichten übers Heiraten und will ihr Vertrauen gewinnen.»

    Schöne neue Welt....
  • Jazzdaughter 23.02.2020 12:03
    Highlight Highlight So wie ich die Geschichte kenne, hat Kafka die Puppe nicht verheiratet, sondern dem Mädchen eine neue Puppe geschenkt und ihr anderes Aussehen damit erklärt, dass die Reise sie verändert hat.
    So ist das nun mal mit Legenden, sie haben viele Versionen ☺️ persönlich mag ich meine lieber :)
    • Anna Rothenfluh 23.02.2020 19:39
      Highlight Highlight Das ist die Version, die aktuell auf Facebook herumgeistert, genau, die hier erzählte stammt von Kafkas letzter Lebensgefährin Dora Diamant, die sie so in ihren Erinnerungen festgehalten hat.
  • fools garden 23.02.2020 09:02
    Highlight Highlight Danke Anna, schöne Geschichte.
  • Verkappter Schwede 23.02.2020 08:07
    Highlight Highlight Danke dafür! Vielleicht hat diese kleine Anekdote ein wenig mein Kindheitstrauma von „Die Verwandlung“ gelindert... 🤭
  • der nörgler 22.02.2020 23:04
    Highlight Highlight "ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns"

    Thema meines Maturaufsatzes. Ein Hammersatz.
    • ceciestunepipe 23.02.2020 12:52
      Highlight Highlight @der Nörgler
      Bei mir auch! Lustig:)
    • JonSerious 23.02.2020 16:18
      Highlight Highlight Ich verstehe den nicht. Was ist genau die Aussage?
      Das Meer ist die Langeweile/Depression und die Axt die Unterhaltung durch das Buch?
    • der nörgler 23.02.2020 18:34
      Highlight Highlight @ceciestunepipe: vl der gleiche deutschlehrer?
    Weitere Antworten anzeigen
  • Spooky 22.02.2020 21:22
    Highlight Highlight Schöne Geschichte, grosser Dichter!

    Trotzdem, ich hoffe er hat ihr eine neue Puppe geschenkt.
  • who cares? 22.02.2020 20:14
    Highlight Highlight Nachdem ich den Titel las, war ich erleichtert zu sehen, dass diese Story in der Rubik Anekdoteles ist und nicht in Erektoteles.
  • Bambusbjörn aka Planet Escoria 22.02.2020 19:44
    Highlight Highlight Mal wieder ein großartiger Anekdoteles.
    Ich habe es sehr genossen ihn zu lesen.
    Freue mich schon sehr auf den nächsten.
    Oder auch den nächsten Erekdoteles. 😉

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