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Taliban-Kämpfer patrouillieren nach der Machtübernahme in Kabul, Afghanistan.
Taliban-Kämpfer patrouillieren nach der Machtübernahme in Kabul, Afghanistan. Bild: KEYSTONE
Interview

«Wenn wir mit den Taliban verhandeln, normalisieren wir den Terrorismus»

Zu Frieden seien die Taliban nicht fähig, sagt der frühere Korrespondent im Mittleren Osten Hasnain Kazim. Im Interview erzählt der Journalist von seinen Begegnungen mit den Gotteskriegern.
20.08.2021, 20:4421.08.2021, 17:36
«Es gibt nur mörderische, mittelalterlich bis steinzeitlich denkende, primitive Taliban. Man kann sie nur bekämpfen.»
Hasnain Kazim in seinem Essay bei der «Zeit» (2021).

Herr Kazim, Sie beschreiben die Taliban als «Mörderbande». Was hat zu dieser Ansicht geführt?
Hasnain Kazim:
In den vergangenen zwölf Jahren habe ich mindestens drei Dutzend Freunde und Kollegen durch die Hand der Taliban verloren. Sie wurden ermordet oder Opfer von Anschlägen. Insgesamt haben die Taliban Tausende Menschen auf dem Gewissen. Das führte bei mir zur Erkenntnis, dass sie zu Frieden nicht fähig sind. Sie sind nur aufs Töten aus.

Hatten Sie je Kontakt mit den Taliban?
Ja, 2009, als ich frisch Korrespondent in Pakistan war, rief mich eines Tages ein Taliban-Sprecher an. Keine Ahnung, woher er meine Nummer hatte. Er erklärte mir freundlich, er habe erfahren, dass ich neu für ein deutsches Medium in Pakistan sei, und fragte, ob ich mich mit ihm treffen wolle. So kam ich mit den Taliban in Kontakt und habe sie dann auch immer wieder begleitet. Ich wollte sie kennenlernen und erfahren, wie sie ticken.

«Die Taliban-Führung ist sehr professionell. Man darf sie sich nicht als eine Horde wilder Typen vorstellen.»

Und, wie ticken sie?
Die Taliban sind sehr professionell organisiert, sie haben klare Hierarchien und Zuständigkeiten, man darf sie sich nicht als eine Horde wilder Typen vorstellen. Sie suchen den Kontakt mit den Medien, weil sie ihre Botschaften streuen wollen. Sie sind teils religiös, nutzen aber andererseits die Religion, um an Macht zu kommen. Ihre Aktionen, das blinde Morden, die Verbreitung von Angst, sind überhaupt nicht mit dem Islam vereinbar. Es geht einzig um Macht und um Einfluss. Das gilt für die Führung der Taliban. Die einfachen Kämpfer sind oft ungebildete Leute, die schlicht und ergreifend mitmachen, weil sie dafür Geld bekommen. Die Taliban bezahlen ihre Kämpfer – und das nicht schlecht für dortige Verhältnisse. Der Sold ist etwa gleich hoch wie der von afghanischen Soldaten, zum Teil höher. Deshalb wechselten viele afghanische Soldaten auch die Front.

Hasnain Kazim ist freier Autor bei der deutschen Wochenzeitung «die Zeit» und reiste während seinem vierjährigen Aufenthalt als Korrespondent oft nach Afghanistan.
Hasnain Kazim ist freier Autor bei der deutschen Wochenzeitung «die Zeit» und reiste während seinem vierjährigen Aufenthalt als Korrespondent oft nach Afghanistan. Bild: Baschi Bender/SWR

Wie erleben Ihre Kontaktpersonen in Afghanistan diese Tage?
Es ist eine Mischung aus vielen Emotionen, aber am grössten ist die Angst um das eigene Leben. Sie wissen nicht, was ihnen blüht und ob sie die kommenden Tage überleben werden. Mehrere Quellen haben mir bestätigt, dass die Taliban Häuser nach Leuten durchsuchen, die für westliche Institutionen gearbeitet haben, egal ob staatlich, privat, Hilfswerk oder Medienhaus. Diesen Leuten und ihren Verwandten drohen Racheaktionen. Neben der Angst macht sich auch Enttäuschung breit. Sie fühlen sich vom Westen im Stich gelassen. Sätze wie «man wird die Ortsleute rechtzeitig herausholen» oder «euch droht keine Gefahr» waren Versprechungen im Gegenzug dafür, dass diese Leute für westliche Organisationen arbeiteten und damit ein grosses Risiko eingegangen sind.

«Wenn wir mit den Taliban verhandeln, normalisieren wir Terrorismus.»

Dass der Westen mit den Taliban verhandelt, kommt Ihrem Tweet zufolge für Sie allerdings nicht infrage.
Wenn wir mit den Taliban verhandeln und sie als Regierung anerkennen, normalisieren wir Terrorismus und zeigen der Welt, dass man sich damit durchsetzen kann. Der Sieg der Taliban ist schon jetzt ein fatales Signal für extreme Islamisten in aller Welt. Man sollte aber dahingehend mit den Taliban reden, dass man Menschen evakuieren und Hilfsgüter importieren kann. Aber ich bin dagegen, dass man ihre Führer einlädt, sich mit ihnen fotografieren lässt und sie hofiert, wie das zum Beispiel China tut.

Wird das nicht dazu führen, dass Afghanistan näher zu China rückt?
Doch, wird es. China ist an Afghanistans Rohstoffen sehr interessiert, ideologisch können sie mit den Taliban allerdings nicht viel anfangen. Mit dem Islam haben sie ein Problem, wie ihr Umgang mit den Uiguren zeigt. Die chinesische Regierung ist freundlich gesagt pragmatisch, unfreundlich gesagt gewissenlos.

Beim letzten Einmarsch 1996 erhängten die Taliban öffentlich Politiker. Warum halten sie sich dieses Mal mit Gräueltaten zurück?
Sie halten sich nur in Kabul zurück, wo die Weltöffentlichkeit hinschaut. Überall sonst im Land geschehen Gräueltaten. In Kandahar wurden am Mittwoch vier Männer öffentlich hingerichtet, in Herat wurde eine Frau gesteinigt, Leute werden aus den Häusern geholt und ausgepeitscht. Das findet statt, wird aber kaschiert von Szenen in Kabul, wo sich ein Talibansprecher von einer Journalistin, einer Frau, interviewen lässt. In ein paar Tagen, wenn keiner mehr hinschaut, wird das vergessen sein.

«Auf dem Land gibt es eine Menge ultrakonservativer, radikaler und – seien wir ehrlich – völlig ungebildeter, primitiver Leute.»

Tatenlos sind die Afghaninnen und Afghanen nicht: Der Vizepräsident Amrullah Saleh organisiert in einem abgelegenen Tal Widerstand, Frauen und Journalisten demonstrieren auf den Strassen. Haben sie eine Chance?
Das wird sich zeigen. Es gibt mehrere Kämpfer, die sich jetzt zum Widerstand reorganisieren. Die Frage ist, ob sich die Gruppierungen zusammentun, denn dann haben sie vielleicht eine Chance. Allerdings sind unter diesen Gruppen auch viele korrupte, verbrecherische Organisationen. Es ist nicht pauschal gut, wer sich gegen die Taliban stellt.

Sprechen Sie von den Warlords?
Genau. Bisher haben die Kriegsfürsten in Afghanistan das Land ausgebeutet. Ihnen geht es nicht um Frieden, sondern darum, wieder an Macht zu kommen. Die möchte ich nicht als Partner haben. Für das Volk, das sich gegen die Taliban stellen will, ist es eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

Es gebe keine guten Taliban, schreiben Sie in Ihrem Essay. Gilt das auch für die Landbevölkerung, wo die Organisation ihren Rückhalt hat?
Dass die Taliban wieder mächtig wurden, ist zum Teil Schuld des Westens, aber ein Grossteil der Verantwortung liegt bei den Afghanen und Afghaninnen selber. Auf dem Land gibt es eine Menge ultrakonservativer, radikaler und – seien wir ehrlich – völlig ungebildeter, primitiver Leute. Sie finden gut, was die Taliban tun. Gleichzeitig muss man auch ihre Sicht der Dinge beachten: «Der Westen brachte keine Besserung, davor haben die Russen nichts gebracht, vielleicht sind ja die Taliban doch nicht so schlecht. Immerhin sind das unsere Leute, unsere Brüder, die muslimisch sind.» Sie suchen nach der am wenigsten schlimmen Lösung.

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