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Russischer «Friedensplan» kursiert hinter Putins Rücken – was das bedeutet

epa12971422 Russian President Vladimir Putin chairs a meeting with members of the Security Council, via videoconference in Moscow, Russia, 18 May 2026. EPA/MIKHAIL METZEL/SPUTNIK/KREMLIN POOL MANDATOR ...
Wladimir Putin ist im eigenen Land zumindest mit leichtem Widerspruch bezüglich seines Vorgehens in der Ukraine konfrontiert.Bild: keystone
Analyse

Russischer «Friedensplan» kursiert hinter Putins Rücken – was das bedeutet

Das Dokument, das sich mit dem russischen Ausweg aus dem Ukraine-Krieg befasst, sorgt weiter für Rummel. Eine Einordnung, was der «Friedensplan» und die Umstände seiner Verbreitung bedeuten.
20.05.2026, 05:5020.05.2026, 05:50
Ivan Ruslyannikov / ch media

Widerstand im Parlament

Russlands Elite sorgt sich um die Wirtschaft. Diese werde einen langen Fortgang des Krieges in der Ukraine nicht verkraften, weshalb ein «möglichst rasches Ende der Kampfhandlungen notwendig» sei, erklärte der Duma-Abgeordnete der Kommunistischen Partei, Renat Suleimanow. Üblicherweise weichen russische Parlamentarier in Fragen des Krieges in der Ukraine nicht von der Linie des Kremls ab. Eine derartige Aussage aus dem Mund eines Abgeordneten war bislang beispiellos.

«Offiziell entfallen 40 Prozent des föderalen Haushalts auf Verteidigung und Sicherheit. Von welcher Entwicklung, welchen Investitionen oder Kapitalanlagen kann da noch die Rede sein?», fragt Suleimanow. Weder Panzer noch Granaten besässen einen Konsumwert. «Ja, sie sichern Beschäftigung und Löhne in der Rüstungsindustrie und wirken als eine Art Wachstumsmotor. Gleichzeitig führen sie jedoch zu Inflation und zu Kürzungen anderer Ausgaben», klagt der Abgeordnete.

Suleimanow weiss indes, dass die Probleme Russlands nach einem Kriegsende keineswegs verschwinden würden: «Was wird aus den Menschen, die in der Rüstungsindustrie beschäftigt sind? Mit jenen, die derzeit an der Front stehen?»

Aus den Aussagen des Abgeordneten wird deutlich, dass sich das russische Parlament Gedanken über die Zukunft nach dem Krieg macht. Unter den Putin-treuen Kreisen waren bereits zuvor Stimmen zu hören, wonach sich der russische Präsident schon lange nicht mehr um die Innenpolitik und die Verbesserung der Lebensbedingungen im Land kümmere.

Mehr zum geleakten Dokument:

Das Volk wird unzufriedener

Neueste Umfragen zeigen: Ukrainische Angriffe bewegen die Russen erstmals seit Beginn des Krieges stärker als die Lage an der Front. 18 Prozent der Russen sorgen sich um ukrainische Drohnenangriffe auf russisches Territorium, während sich nur 16 Prozent überhaupt für das Kriegsgeschehen als solches interessieren. Diese Entwicklung zeigt einen deutlichen Anstieg — 2023 beunruhigten Drohnenangriffe aus der Ukraine lediglich acht Prozent der Bevölkerung.

In diesem Zusammenhang scheinen jene Recht zu behalten, die davon ausgingen, dass die Russen ihre Haltung zum Krieg gegen die Ukraine erst dann ändern würden, wenn der Krieg zu ihnen nach Hause kommt. Ein aus dem Frontgebiet in eine Kleinstadt überführter Sarg mit dem Leichnam eines gefallenen Soldaten konnte bei patriotisch gesinnten Russen noch Rachegefühle oder sogar Stolz hervorrufen. Die zunehmenden Angriffe auf Regionen weit entfernt von der ukrainischen Grenze nehmen den Russen jedoch das, was ihnen Wladimir Putin vor allem versprochen hatte: ein Gefühl der Sicherheit. 20 Prozent der Russen halten Proteste gegen den sinkenden Lebensstandard für möglich.

Der Machtzirkel plant für die Zeit nach dem Krieg

Die negative Entwicklung wird offenbar auch in der Präsidialverwaltung wahrgenommen. Kürzlich veröffentlichte das russische Oppositionsmedium «Zentrum Dossier» eine Kopie eines «nur für den internen Gebrauch» bestimmten Dokuments aus der Präsidialverwaltung, das einen «Plan für das friedliche Leben» nach dem Krieg enthält. Dort geht man offenbar nicht ohne Grund davon aus, dass ein Krieg, der Hunderttausende russische Bürger das Leben gekostet hat, ohne sichtbare Erfolge von der russischen Gesellschaft negativ aufgenommen werden könnte.

Als problematischste Zielgruppe gilt dabei die sogenannte Z-Community. Die Kriegsblogger mit teilweise Millionen Followern sollen entmachtet und deren Präsenz reduziert werden. In der Präsidialverwaltung plant man ausserdem Vorträge über die positive Zukunft Russlands nach dem «Sieg» zu organisieren und den Medienraum mit Erfolgsgeschichten russischer Unternehmen zu füllen, die dank der Sanktionen neue Märkte erschliessen konnten. Darüber hinaus gibt es Pläne, die Zensur in Film und Literatur teilweise zu lockern.

Natürlich ist dies nicht jene «Wunderschöne Zukunft Russlands», wie sie einst Alexej Nawalny vorgeschwebt hatte, denn im Kreml hält man weiterhin an den militärischen Zielen fest: Die Regionen Donezk und Luhansk sollen vollständig in den russischen Staatsverband eingegliedert werden, zudem sollen die besetzten Teile der Regionen Cherson und Saporischschja entlang der aktuellen Frontlinie festgeschrieben werden.

Die Beamten müssen diesen Plan zur Rückkehr in ein friedliches Leben letztlich auch Wladimir Putin vorlegen. Angesichts dessen, dass der russische Präsident bislang keinerlei Schritte zur Beendigung des Konflikts unternommen hat, dürfte er diesem Plan eher mit Verachtung begegnen. Deshalb liegt die Hoffnung auf Veränderungen letztlich in den Händen der Russen selbst, deren Unzufriedenheit sich langsam, aber stetig aufstaut. (aargauerzeitung.ch)

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21 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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rodolofo
20.05.2026 06:27registriert Februar 2016
Die Russen suchen nach einem Ausweg aus der Kriegs-Falle, in die sie sich selbst gebracht haben, und alle Lügen und Selbstüberlistungen können nicht verhindern, dass die reale Misère und der reale Niedergang der "Russischen Welt" immer mehr durchdrückt ins Bewusstsein der Leute.
Besonders kurios ist die Aussage Russischer Propagandisten, dass eine Niederlage gegen die Ukraine keine Schmach und Schande wäre, da diese Ukrainer ja schliesslich Russen seien! Und Russen seien halt einfach nicht zu besiegen.
Ja, das hat was, wenn es um den Sieg der Vernunft geht...
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Poly Tick
20.05.2026 06:10registriert Oktober 2023
Naja... Einsicht ist der Beginn von Veränderung, aber das alles glaube ich erst nach Umsetzung... es kann bereits Heute das Bombardement eingestellt und Truppen abgezogen werden, etc...
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The Real Tonald Dump
20.05.2026 07:39registriert März 2025
Was das bedeutet? Gar nichts. Wir sprechen hier von Russland, dass nur noch lügt, betrügt und täuscht und dessen Wort, ob gesprochen, geschrieben oder impliziert keinen Pfifferling wert ist.
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