Coronavirus
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Vera Lynn mit Soldaten in Neuguinea.

Vera Lynn besucht in Neuguinea stationierte Soldaten. Vermutlich Anfang der 60er-Jahre. Bild: wikicommons

Ob Krieg oder Coronavirus: Die 103-jährige Vera Lynn tröstet die Briten am besten

Dies ist die unglaubliche Geschichte einer Frau, eines Songs – und der Rede der Queen. Und ein Lehrstück in Sachen Hochhalten der Truppenmoral.



«Sonntag, der 5. April 2020. Liebes Tagebuch, Brexit-Einbrocker Boris J. ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Corona hat ihm den Atem verschlagen. Bin ich darüber amüsiert? Möglicherweise! Es ist beschlossene Sache, seine Einlieferung bis nach der Ausstrahlung meiner Rede an die Nation geheim zu halten. Mein Volk braucht jetzt Zuspruch. Ich hoffe, ich finde die richtigen Worte. Wünsch mir Glück. Bis morgen, Liz.»

Das ist natürlich dreist erfunden, aber so ungefähr könnte man sich den vergangenen Sonntag einer 93-jährigen Dame namens Queen Elizabeth vorstellen. Am Abend trat sie, von einem einzigen Kameramann begleitet, in ihrem royalen Home Office von Windsor Castle vor die gebeutelten Briten.

Und was für unsere Ohren wie das trockenste und zudem tiefgefrorene Guetzli einer Ertüchtigungsrede geklungen haben mochte, war für ihre Untertanen Labsal. Sie fanden die Rede allgemein «herzerwärmend». Und es herrschte Einigkeit darüber, dass die Queen genau die richtigen Worte gefunden hatte.

epa08344672 A handout photo made available on 05 April 2020 by the Buckingham Palace of Queen Elizabeth II during her address to the nation and the Commonwealth in relation to the coronavirus epidemic. The address was recorded at Windsor Castle. .**NOTE TO EDITORS: This handout photo may only be used in for editorial reporting purposes for the contemporaneous illustration of events, things or the people in the image or facts mentioned in the caption. Reuse of the picture may require further permission from the copyright holder.**  EPA/BUCKINGHAM PALACE  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Die Queen bei ihrer Rede am 5. April. Bild: EPA

Besonders das Ende ging den Britinnen und Briten zu Herzen. «We will be with our friends again», sagte die Queen, «we will be with our families again; we will meet again.» Alle, selbst wir, verstanden, dass in diesen letzten vier Worten «wir werden uns wiedersehen» etwas Besonderes lag. Ein «Easter egg», eine versteckte Botschaft, ein Code. Aber was?

Das Besondere daran ist eine andere Dame, die noch einmal zehn Jahre älter ist als die Queen, nämlich die 103-jährige Vera Lynn.

In ihrem langen Leben dürfte Vera Lynn die vier Worte tausende von Malen gesungen haben, ihr Song «We'll Meet Again» aus dem Jahr 1939 war der Song, der Grossbritannien durch den Zweiten Weltkrieg trug, sie sang ihn vor den britischen Truppen in Burma, Ägypten und Indien, sie sang ihn zuhause, in Munitionsfabriken und Spitälern. Sie sang ihn für die Soldaten, die ausgezogen waren und für deren Liebsten, die warteten und hofften.

Vera Lynn im Film «We'll Meet Again» von 1943, der nach ihrem Song gedreht wurde

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Video: YouTube/Music Video Vault

Am 20. März 2020, an ihrem 103. Geburtstag, sagte Vera Lynn angesichts der Corona-Pandemie: «Überall auf der Welt stehen die Menschen vor äusserst schwierigen Zeiten. Es ist wahrscheinlich, dass wir alle in den kommenden Monaten schwere Entscheidungen treffen müssen.» Und weiter: «Ich erinnere mich an den Zweiten Weltkrieg, als unser Land die dunkelste aller Zeiten durchlebte und trotz unserer Kämpfe für das gemeinsame Wohl an einem Strang zog und wir als Land und als Gemeinschaft von Ländern, die sich überall auf der Welt zu einer Einheit zusammenschlossen, der gemeinsamen Bedrohung gegenüberstanden.»

Vera Lynn war in einem Vorort von London aufgewachsen, die Mutter war Schneiderin, der Vater Gelegenheitsarbeiter. Sie hatte als Siebenjährige zum ersten Mal vor Publikum gesungen und mit 19 ihre erste Platte aufgenommen. Doch ihr Geld verdiente sie sich lange in einer Knopffabrik oder bei einem Schifffahrtsunternehmen.

1941, Vera Lynn singt in einer britischen Munitionsfabrik

Und hier 1941 in einer britischen Munitionsfabrik. Bild: wikipedia

Als sie 1944 nach Burma flog, war sie 27 Jahre alt, hatte noch nie in ihrem Leben ein Flugzeug bestiegen, wusste so gut wie nichts über Asien und sollte nun nach Burma zur sogenannten «vergessenen Armee» reisen, zu den «Boys» also, die gegen Japan im Einsatz waren.

«We'll Meet Again» wurde da schon seit fünf Jahren gespielt, und seit 1941 hatte Vera Lynn eine eigene Radiosendung, in der sie Grüsse zwischen Heimat und Front vermittelte, sie trug den Titel «the Forces' Sweetheart», der Schatz der Streitkräfte, doch diese Reise war eine gänzlich andere Geschichte.

Sie flog über Gibraltar nach Ägypten, wo sie ihren ersten Auftritt während eines Sandsturms vor 3500 in der Wüste stationierten Männern hatte.

Über den Irak reiste sie nach Indien, dann nach Burma, wo sie unzählige Konzerte im Dschungel und in Spitälern gab, oft mehrmals pro Tag, nicht selten vor 5000 Soldaten, und wenn sie nicht sang, schrieb sie Autogramme, sass an Krankenbetten oder unterhielt sich beim Essen mit den Boys.

Vera Lynn

Zusammen mit ihrer Tochter verfasste sie zu ihrem Hundertsten ihre äusserst lesenswerten Burma-Memoiren (die unter anderem diesem Artikel zu Grunde liegen). Bild: via amazon

Am 23. März war sie losgereist, am 6. Juni, am D-Day, landete sie wieder in London, sie war während all der Zeit kaum eine Sekunde lang allein gewesen, sie hatte dennoch das Gefühl, im Vergleich zu den stationierten Männern so gut wie nichts ausgerichtet zu haben. Dabei verglichen diese sie längst mit Jeanne d'Arc, nannten sie den Engel im Dschungel und schrieben begeisterte Briefe nach Hause.

«Noch nie habe ich so viel geschrien, gebrüllt oder geklatscht», schrieb einer seiner Schwester: «Ich habe mich immer danach gesehnt, Vera zu sehen, hatte immer diesen Ehrgeiz – und hier war sie!»

Vera Lynn hatte weit mehr getan, als sie sich zutraute, hatte eine Brücke nach Hause geschlagen, Trost und Freude gebracht und eine Ahnung davon, wie vergnügt das Leben dereinst wieder sein würde, wenn die Männer diese schwere Zeit nur durchhielten.

Vera Lynn 1962 mit Ellen Craamer und Cornelia Froboess.

Drei Stimmgrazien im Jahr 1962: Vera Lynn mit Ellen Craamer und Conny Froboess. Bild: wikicommons

«We'll Meet Again» sang sie später für Veteranen und an Jubiläumsveranstaltungen, alle sangen mit und weinten, 1995, als sich das Kriegsende zum 50. Mal jährte und Vera Lynn bereits 78 Jahre alt war, wurde sie mit den Worten angekündigt: «Eine Stimme vor allen andern veranschaulicht den Mut, die Entschlossenheit und die Weigerung, sich unterkriegen zu lassen.» Sie wurde mit Auszeichnungen überhäuft, und wenn alle zehn Jahre wieder ein Greatest-Hits-Album erschien, war sie damit zuverlässig die Nummer eins.

«We'll Meet Again» gehört zum Soundtrack von «Dr. Strangelove», «Stranger Things», «American Horror Story», «Hellboy», «Futurama», den «Simpsons» und vielen anderen Serien und Filmen.

Zu ihrem Hundertsten gönnte sich Vera Lynn eine neue Autobiografie und die damals 90-jährige Queen schrieb ihr: «Sie haben uns allen im Krieg und nach dem Krieg Mut gemacht und uns aufgebaut, und ich bin mir sicher, dass heute Abend die Schwalben von Dover herüberfliegen werden, um Ihnen ein glückliches Jubiläum zu wünschen.»

Vera Lynn singt «White Cliffs of Dover»

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Video: YouTube/1090VIE

Nun ist «Schwalbe» bloss eine, zudem altmodische Übersetzungsmöglichkeit für die «Bluebirds», die sich in Vera Lynns anderem Kriegslied «White Cliffs of Dover» über die weissen Klippen von Dover erhoben und den Frieden ankündigten. Die andere von der Queen in ihrer Geburtstagsadresse unterschlagene Möglichkeit sagt nämlich, dass es sich bei den Bluebirds um die Air Force der Amerikaner handelt. Zumal Dover nie wirklich für eine auffallende Schwalbenpopulation bekannt war.

Aber das war wohl ein Scherz zwischen zwei sehr alten Damen. Die in ihrem Leben schon so manche Krise gesehen und mit ihrer staatstragenden Zuversicht die Moral der andern gelegentlich vom Boden aufzukratzen und ein ganz klein wenig in die Höhe zu heben vermochten. Möge es ihnen beiden noch lange gut gehen.

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